Mein voller Ernst

30. Mai 2016 von Klaus Jarchow

[Der folgende Text ist Teil einer Sammlung von ‚Monitorgeschichten‘, an denen ich gerade herumdoktere:]

Im ‚Korken‘ traf sich alles, was dem Zeitgeist auf die Rücklichter blickte. Am Tresen lebte hier noch der Parka fort – samstags eine ausgebleichte grüne Wand, von ein wenig abgeschabtem Leder durchbrochen. Das immer dann, wenn Ernst oder Otto ihre gewohnten Runde durchs Quartier machten. Bei einigen wuchsen die Haare noch frei, wie zu Jerry Garcias Zeiten. Nur eben in sanften Grautönen. In der Music-Box gab‘s Free, Cream und sogar Rare Earth zur Auswahl. Am Tresen, wo Uschi wirkte, flossen Jever und auch Flens zischend aus den Hähnen.

In dieser Nacht hatte meinen Freund Ernst und mich ein mäandernder Gesprächsfaden zum Thema Porno-Seiten geführt:

„Ja, wer denn nicht?“, sagte Ernst und tippte mir mit dem Finger aufs T-Shirt: „Auf Purporn bin ich regelmäßig zu finden. Da bin ich wenigstens nicht allein. Die meisten Deutschen klicken regelmäßig auf Fickfilmchen, das ist der Treibstoff im Internet. Nichts wird so oft aufgerufen, wie Pornoseiten.“

„Ach wat?“ Ich tat verwundert, obwohl auch ich davon schon gelesen hatte. Uschi brachte derweil zwei neue Biere an unseren wackeligen Tisch, mit steifer Krone, wie es sich gehörte: „Für euch, ihr beiden Sex-Solisten!“

Ernst wischte sich den Schaum aus dem Bart: „Jetzt willst du wissen, was ich denn dort treibe? Das ist bei allen die Killerfrage, dabei ist es doch sonnenklar: Dort gibt es das, was alle anderen gleichfalls anzieht. Da geht‘s um Stimulation und Masturbation. Das Rubbeln ist der Sinn und Zweck solcher Veranstaltungen. Purporn bietet also Wichsvorlagen – für Männlein wie für Weiblein“.

„Eigentlich trostlos, oder?“

„Ach wat! Ich unterscheide mich von der Masse bloß, weil ich drüber rede. Die meisten bekommen einen roten Kopf und behaupten, sie wüssten gar nicht, dass es – igittegitt! – solchen ‚Schweinkram‘ überhaupt gibt. Wer’s glaubt … die Klickzahlen sprechen jedenfalls eine andere Sprache. Halb Deutschland rubbelt regelmäßig.“

Ernst klopfte sich eine Roth-Händle aus der Schachtel: „Ich weiß, ich weiß ja, ihr altlinken Studierten habt immer was am Freizeitverhalten der Masse zu kritteln! Schon bohrt sich euer erigierter Kritikerfinger ins Bordellrote: Das sei übelste Entfremdung, ihrer Sexualität müssten sich die Menschen im wahren Leben stellen, dort – in der Realität – müssten sie um einen Partner buhlen und ihn ins Bettchen locken. Was meinst du eigentlich, was Uschi mir bei einem solchen Versuch erzählen würde?“

Ich schaute zum Tresen hinüber: „Vermutlich bekämst du Hausverbot“.

„Süsswoll!“ Ernst grinste: „Was also, wenn’s gerade nicht so läuft, wenn die Hormone trotzdem ihr Recht verlangen? Ich pfeife auf solche Kritiker, deren gesammeltes Wissen doch meist nur ihrer persönlichen Klickspur auf Purporn entstammt. Nach dem eigenen Erguss brezeln sie dann ihr Erlebnis standesgemäß und absolut aufgeklärt  auf, mit einer Prise Freud oder Adorno. Denn sie alle waren natürlich rein aus Forschungsinteresse dort unterwegs. Der wissenschaftlich geschulte Verstand widersteht nämlich dem Anblick einer feuchten Vagina und hinterlässt auch keinerlei Spermaspuren. Und wenn der Lümmel sich regt, gibt‘s was auf die Eichel.“

Ich musste über seinen Bekenntniseifer lachen und hob zwei Finger, was Uschi mit einem Nicken zur Kenntnis nahm.

Ernst fuhr in seiner Suada fort: „Jaja, alle treiben’s, keiner tut es. Ich frage mich oft, weshalb das Thema unter einem solchen Berg von Tabus begraben wird. Gut, keiner will ein ‚Wichser‘ sein, obwohl andererseits der abendliche Weg ins Folterstübchen seit ‚50 Shades of Grey‘ fast schon zum guten Ton gehört.“

Ich kramte gewichtige Einwände hervor: „Aber die Handlung ist doch scheiße, die Schauspieler und ihre Gespielinnen meist auch.“

„Nix gegen die Darsteller!“ Ernst leerte das neue Glas in einem Zug: „Hast du dir mal überlegt, ob du noch einen hochkriegst, wenn um dich ein Kameramann herumturnt und ein vollgekokster Regisseur dazwischen schreit: „Mehr Leidenschaft!“, „Jetzt lecken!“ und „Nochmal von hinten!“?  Schon klar – das Wort ‚Qualität‘ ließe sich nur unter großen Verrenkungen auf die Handlung anwenden. Meistens laufen Männlein und Weiblein zu Beginn schon nackt und erregt durch die Gegend. Auch die Dramaturgie bleibt ewig gleich: erst Oralsex bei ihm und ihr, dann Vaginalsex – in Missionarsstellung wie auch a tergo – zum Schluss und neuerdings immer öfter auch Analsex, zur Krönung folgt die Ejaculatio. Entweder als ‚Cumshot‘ oder in einen erwartungsfroh geöffneten Mund.“

„Als was? Als Cumshot?“ Offen stellte ich meine Ahnungslosigkeit zur Schau.

„Mann, Mann, Mann!“ Ernst schüttelte das ergraute Haupt: „Cumshot ist, wenn der kalte Bauer aus der Spalte rinnt. Sprachbildend jedenfalls – wie im Falle ‚Cumshot‘ – sind diese Seiten allemal. ‚Threesome‘, ‚Foursome‘, ‚Squirting‘, ‚Bukakke‘, ‚Milf‘, ‚Goo-Girls‘ oder ‚Barely Legal‘ – all dies sind Wörter, die zwar niemand in der Schule lernt, die aber längst jedes Schulkind kennt, auch wenn sie mit Mami und Papi darüber nicht sprechen mögen.“

Ich provozierte jetzt ein wenig: „Wenn alles gleich abläuft, müsste doch ein Filmchen für alle genügen?“

„Ach wat!“ Ernst wiegte den Kopf: „Der notgeile brave Bürger verlangt nun mal sein Frischfleisch, neue Gesichter, neue Strapse. Auch eine Rahmenhandlung wird immer öfter zusammengefummelt: Erregte Fürsten im Hermelinfummel machen sich über das Schlossfräulein her, Priester befingern Nonnen, der Hauswirt sieht dank sexueller Dienstleistungen von Mietzahlungen ab, der Lehrer korrigiert die Note, sobald die Deern den Schlüpper fallenlässt, biedere Klempner leisten der ausgehungerten Hausfrau Callboy-Dienste, der Stiefvater entdeckt das Stieftöchterlein, die Mom den Freund ihres Sohnes – auch enthemmtes Urlaubstreiben ist beliebt, ebenso das Party-Rammeln. Letztlich läuft aber alles immer nur auf das Eine hinaus.“

„Na also!“ Ich orderte bei Uschi die ersten Tequilas des Abends.

Ernst schüttelte sich und wischte einen Rest Zitrone aus den Stoppeln:  „Die Frage ist bloß – was ist deren Geschäftsmodell. Ich meine, das ist ja alles umsonst und draußen. Wenn du hinterher in dein Brieffach guckst, weißt du Bescheid. …

[das Besäufnis geht natürlich noch weiter]

An die EU-Grenzschützer:

23. April 2016 von Klaus Jarchow

Die Wanderratten
Heinrich Heine

Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Sie wandern viel tausend Meilen,
Ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.

Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl durch die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,
Die lebenden lassen die toten zurück.

Es haben diese Käuze
Gar fürchterliche Schnäuze;
Sie tragen die Köpfe geschoren egal,
Ganz radikal, ganz rattenkahl.

Die radikale Rotte
Weiß nichts von einem Gotte.
Sie lassen nicht taufen ihre Brut,
Die Weiber sind Gemeindegut.

Der sinnliche Rattenhaufen,
Er will nur fressen und saufen,
Er denkt nicht, während er säuft und frißt,
Daß unsre Seele unsterblich ist.

So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.

Die Wanderratten, o wehe!
Sie sind schon in der Nähe.
Sie rücken heran, ich höre schon
Ihr Pfeifen – die Zahl ist Legion.

O wehe! wir sind verloren,
Sie sind schon vor den Toren!
Der Bürgermeister und Senat,
Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat.

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum.

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,
Nicht hochwohlweise Senatsdekrete,
Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,
Sie helfen euch heute, ihr lieben Kinder!

Heut helfen euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurstzitaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.

Mein Wahl-Resumée

14. März 2016 von Klaus Jarchow

Dem Pleitier Poggenburg hätte ich in Sachsen-Anhalt zum Schluss sogar gewünscht, mit seiner AfD stärkste Partei zu werden, damit dieser Desperado das Geschäft der Regierungsbildung gleich mal übernehmen muss. So zynisch und popcornmäßig war ich gestimmt. Das größte Problem der AfD ist und bleibt nun mal ihr Personal.

Viel wichtiger aber ist es, dass jetzt ein großer Bevölkerungsblock als Akteur auf die politische Bühne zurückgekehrt ist: jene Masse bisher nichtwählender und unerhörter Kleinbürger, Rentner, Arbeiter und Arbeitsloser. Das Gerede von der ‚Professorenpartei AfD‘ war ja doch immer nur Schaumschlägerei.

Kurzum: Das ebenso mitleidstriefende wie folgenlose Gerede von der ‚wachsenden Ungleichheit in der Gesellschaft‘ wird nicht länger tatenarm bleiben, es kann auch nicht mehr mit billigen Lippenbekenntnissen abgegolten werden. Die Republik der großen Lobbygruppen – vom Bauernverband über die diversen Industrievereine bis hin zum DGB – versinkt hinter dem Horizont. Wir kehren zurück in eine ‚Kümmerer-Republik‘.

Die Flüchtlingskrise, die eher eine Verwaltungskrise ist, hat hier als Katalysator gewirkt. Mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen: brennende Flüchtlingsheime, gröhlende Fascho-Horden, schnappatmende Pegida-Kriminelle usw. Zuspruch aber fanden diese giddeligen Nutznießer nur, weil sie einen Bodensatz aus Abgehängten aufguseln konnten, den Neoliberalismus und Ego-Philosophie seit dreißig Jahren hinterließen. Dass ein solches Völkchen dann schön ist, das glauben eh nur Sozialromantiker. Diese Leute werden aber auch bald schon feststellen, dass die AfD sozialpolitisch bestenfalls den Stand von Anno Hayek vertritt. Auch diese Partei ist nur ein Katalysator.

Mit einem Wort: Wir werden eine veränderte Republik erleben – ganz anders auch, als die AfD sich das denkt. Zu viele Köche verderben ihnen den Brei …

Augen rechts!

02. März 2016 von Klaus Jarchow

Wer wissen will, welche gesellschaftliche Umwälzung sich im globalisierungsbedrohten Bürgertum auf breiter Front aktuell vollzieht, der möge diesen Artikel von Andreas Püttmann lesen:

„Die Nashörner kommen – Menetekel einer rechtskonservativen Radikalisierung in vier Szenen“.

Das sind keine psychiatrischen Auffälligkeiten mehr, das entwickelt sich zur handfesten Gefahr für die Demokratie.

Industrialierte Landwirtschaft

28. Februar 2016 von Klaus Jarchow

Mein heutiger Leserbrief an die ‚Walsroder Zeitung‘, als Reaktion auf den Eiertanz des Landvolk-Vorsitzenden:

: 2016 Schicksalsjahr für die Landwirtschaft / WZ v. 27. 2. 2016

Es mag ja sein, dass es mit der deutschen Landwirtschaft noch schneller bergab gehen wird, als viele dachten. Dass aber der Kreislandvolkvorsitzende seinem Verband dabei einen schlanken Fuß machen möchte, wirkt doch ein wenig surreal. Die Milchquote wurde schließlich auch auf unermüdliches Drängen des Bauernverbandes und des Landvolks abgeschafft. Die Folge ist eine massive Überproduktion, die bei Milchpreisen von 25 Cent und darunter nur hochindustrialisierte Erzeuger noch überleben lässt.

Durchhalteparolen gibt der Landvolk-Vorsitzende deshalb jetzt aus: Man dürfe nicht ein dreiviertel Jahr nach einer denkbar krassen Fehlentscheidung diese schon wieder in Frage stellen; „der Markt müsse es jetzt richten“. Das allerdings wird dieser Markt tatsächlich richten, bzw. wird er ‚hinrichten‘: Eine ‚Marktbereinigung‘ wird nun die unausweichliche Folge sein – mit einem etwas altertümlichen Wort: ein ‚Bauernsterben‘. Was dann wiederum durch Zukauf oder Hinzupacht größere Produktionsflächen für die verbleibenden Großen schafft.

Bauernverband und Landvolk zählen damit zu den seltsamen Vereinen, die auf eine Verringerung ihrer Mitgliedszahlen setzen, und zugleich unbeirrt auf ihre unverzichtbare gesellschaftliche Bedeutung pochen möchten.

Das Problem ist – wie bei allen Religionen – die ‚Marktgläubigkeit‘. Menschen also, die den ‚Weltmarkt‘ als versprochenes Paradies betrachten, und sich gar keine anderen oder neuen Märkte mehr vorzustellen vermögen.

Klaus Jarchow,
Frankenfeld-Hedern

Das ewige Problem der Bauernschaft: Sie denken, wenn sie den größten Bauern zum Häuptling machen, dann würden ihre Interessen am gewichtigsten vertreten. Sie wervexeln da was …

Schlangeneichen

23. Februar 2016 von Klaus Jarchow

Korkeiche 1

So nennt man diese seltsamen Gewächse bei uns – die ideale Kulisse für einen Hexentanzplatz. Die seltsame Form entstand vermutlich durch Verbiss, weil solch struppiges Gelände mal ‚Gemeinland‘ (Allmende) war, wo man Schafe und Ziegen kostenfrei weiden lassen durfte.

Korkeiche

Die Welt trifft in Clausnitz ein

21. Februar 2016 von Klaus Jarchow

Da lebt man in seinem kleinen Erzgebirgstal, mümmelt an seiner Rente, schaut abends im Fernsehen mehr oder minder erstaunt, was in Syrien oder in Griechenland so vor sich geht – und dann rollt ein Bus voll mit Welt im klitzekleinen Clausnitz ein. So viel Realitätskontakt lässt prompt die Milch auf dem Bliemchenkaffee der bräunlichen Hinterwäldler gerinnen.

Der Bürgermeister – wie auch der Heimleiter Hetze von der AfD – geben erwartungsfroh den Zeitpunkt des Eintreffens der Flüchtlinge vorab öffentlich bekannt, ratzfatz versammeln sich alle, um lauthals für Mief und Muff und Inzucht in Sachsen zu demonstrieren. Ein paar Kameraden nahegelegener Kameradschaften mögen auch dabei gewesen sein, um der Stimmung den erwünschten Pfiff zu geben. Der Bus wird gestoppt, kleine Kinder werden angegröhlt, bis sie heulen, und das Agieren der Polizei erinnert an Komplizenschaft weit mehr als an das Walten ihres Amtes.

Am nächsten Morgen, nachdem man bundesweit zur Schande dieses Landes geworden ist, tut man bass erstaunt – und versucht sich an dem, was man längst von AfD und Pegida gelernt hat: am konsequenten Verdrehen der Wahrheit. Die Amerikaner hätten schuld, dass man in Sachsen nicht mehr seine Ruhe habe (Heimleiter Hetze), die Geste des Kopfabschneidens sei gar nicht vor dem Bus aus der johlenden Menge heraus erfolgt, die Geste hätten die Flüchtlinge im Bus gezeigt, obwohl die doch faktisch vor den Kopfabschneidern flohen. Und letztlich seien sowieso immer die Opfer die Täter – allein schon wegen ihrer Religion:

Nie würde er mit den Flüchtlingen einen Tee trinken, sagt ein Rentner an seiner Haustür unweit des Heims. Die müssten erst ihre Religion ablegen, dann könne man über ein Willkommen reden. Muslime sind für ihn Mörder, die darf es in seinem Sachsen nicht geben.“

Tscha, ‚in seinem Sachsen‘, vermutlich hat er’s in Erbpacht erworben. Vielleicht kann ein Jurist diesen Hanseln mal erklären, dass sich aus dem Zufall der Geburt noch keine Besitzrechte ableiten. Wer verstehen will, was dort in sächsischen Redneck-Vierteln abläuft, der schaue den Film ‚Mississippi Burning‘.

Vor allem aber: Reist nie nach Sachsen!

Lügenpresse?

16. Februar 2016 von Klaus Jarchow

Das „Pack“ ((c)S. Gabriel) wird auf den Demonstrationen nicht müde, „Lügenpresse, Lügenpresse!“ zu plärren. Seine tumben Vorstellungen laufen darauf hinaus, dass Journalisten und Zeitungen von der CIA, der NATO, den Bilderbergern etc. bezahlt seien, die dem toitschen Volk das Manna wahrer Information vorenthielten, das doch heutzutage nur noch bei ‚RT deutsch‘, bei ‚Compact‘ oder den ‚Nachdenkseiten‘ zu finden sei. Das Bedürfnis aller Idioten nach einfachen Lösungen spiegelt sich in der Simplizität ihrer impliziten Annahmen wider.

Differenzierter betrachtet, gibt es natürlich Gründe, die dafür sprechen, dass ein ‚objektiver Journalismus‘ gar nicht möglich ist. Ein Journalismus, der schlicht „sagt, was ist“. Die Gründe dafür sind allerdings nicht in einer großen Weltverschwörung, sondern schlicht im ‚System Zeitung‘ angelegt.

Jede Zeitung ist zunächst einmal ein Verlagsprojekt. Das heißt, dass ein Verleger mit Hilfe eines Druck-, Funk- oder TV-Erzeugnisses Geld verdienen will, möglichst von Jahr zu Jahr mehr. Eine andere ‚Mission‘ treibt ihn dabei nur selten an, die ‚Weltwoche‘ oder Putins publizistischer Lügenzirkus sind nur Abweichungen und Sonderfälle.

Das einkommende Geld fließt aber kaum von den Zeitungskäufern aufs Konto des Besitzers, es kommt vor allem durch Anzeigen herein. Jedes publizistische Produkt ist gewissermaßen ein Marketing-Instrument für Anzeigenschalter, die hier Neukunden bzw. Fischlein fangen möchten, indem sie auf den jeweiligen Wurm an der Angel vertrauen. Dieser zappelnde Wurm wäre dann der Journalismus – und es nutzt nichts, diesen Wurm des ‚Qualitätsjournalismus‘ zu preisen, ohne die Angel zu sehen, die ihn lenkt. Der Journalismus ist systemisch dazu da, möglichst viele ‚Views‘ auf Anzeigenseiten zu generieren. Natürlich gibt es Ausnahmen – Parteiblätter, Autorenmagazine oder Kirchenzeitungen – in der Regel aber ist das so.

Seit Rudolf Mosse im Kaiserreich beim ‚Berliner Tageblatt‘ diese Aufgabenteilung zwischen lukrativer Anzeigenabteilung und journalistischem Rankenwerk einführte, hat sich das System perfektioniert. Der Journalismus wäre also insofern eine ‚Lügenpresse‘, als dass er sich selbst über seine Stellung im System ständig belügt. Könnte ein Verleger ganz ohne Journalisten die gleichen oder sogar mehr Einnahmen erzielen, dann würde im gleichem Moment der Kehraus in den Redaktionen beginnen.

In den Worten des großen Publizistien Siegfried Jacobsohn (GS III, 133f):

„Das, was früher der Polizeistaat mit einfacher Gewalt und gradeaus an der Presse verrichtet hat, genau dasselbe, nur schlimmer, weil versteckter, wirkt heute der stumme Befehl des Kapitals, das eifersüchtiger als ein Tyrann über seinen Rechten, Machtbefugnissen und Anmaßungen wacht und niemals duldet, daß seinen Interessen durch seine eigenen Geschöpfe Abbruch geschieht.

So gut und rein die Absichten der Schriftleitung, so stark und klar der Wille und das Ziel der einzelnen Mitarbeiter sein mögen: Die Rücksichten auf die Inserenten beherrschen die Zeitung, müssen sie beherrschen, da der Zeitungsbesitzer keinen Augenblick daran denkt, für immaterielle Güter zu arbeiten, sondern immer nur für reale Greifbarkeiten da ist. Die Aufgabe Derer, die der Zeitungsverleger anstellt und bezahlt, ist: das Geschäft zu fördern.“

Und hier findet dann das Wort von der ‚Lügenpresse‘ vielleicht seine Berechtigung, obwohl es im Kern nichts als eine Tautologie ist, ein schwarzer Rappe …

„Revolte gegen die Eliten“

10. Februar 2016 von Klaus Jarchow

Etwas Ähnliches wird später mal auf den Buchdeckeln stehen (so es noch Buchdeckel gibt), die sich mit diesen Jahren befassen. Ob Corbyn oder Farage in England, ob Sanders oder Trump in den USA, ob Tsipras oder Orban, ob AfD, ob PiS, ob Podemos, ob rechts oder links – ihnen allen ist dieses Kennzeichen gemeinsam: Im Zentrum der Kritik steht der festgefügte, satte und sklerotische Macht- und Besitzapparat, entstanden in den vergangenen Jahrzehnten, völlig unfähig, sich selbst noch zu reformieren oder zu erneuern. ja noch nicht einmal imstande, sich zu verteidigen.

Dass auch jede Menge Clowns, Desperados und Scharlatane dadurch nach oben gelangen, das ist die große Gefahr aller Reformationen.

Die wahre Lügenpresse

02. Februar 2016 von Klaus Jarchow

Eine gute Übersicht all jener Medien, die man bestenfalls aus Gründen des Amüsemängs lesen sollte, hat FPÖ-Watch zusammengestellt, mit Kommentaren und weiterführenden Links zu all dem blakenden Info-Qualm – von ‚Alles Schall und Rauch‘ über ‚Compact‘ und ‚Epoch Times‘ bis hin zu ‚Metropolico‘ und der ‚Sachsen-Depesche‘. Ein lohnenswertes Kompendium der Desinformation im deutschsprachigen Raum:

„Die Meldungen verbreiten sich in den Netzwerken wie ein Lauffeuer, denn die vorgestellten Seiten verwenden sich meistens untereinander selbst als Quelle. Dadurch wird die Hetze noch verstärkt. Gegenteilige Meldungen von anderen Medien werden in dieser “Echokammer” ignoriert. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen eine Liste mit solchen Seiten zusammenstellen.“