Halböffentlich?

31. August 2010 von Klaus Jarchow

Die ersten Sätze entscheiden, ob ein journalistischer Text für mich überhaupt lesbar ist. Denn hier breitet der Autor seine Prämissen vor mir aus. Ein Tisch aber, der auf wackeligen Füßen steht, bricht zusammen, wenn man sich an ihn setzt. Da mag er noch so lecker gedeckt sein. Und vom Fußboden mag ich nicht essen …

Im aktuellen Spiegel (35/2010) findet sich ein Artikel von Reiner Klingholz, immerhin Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, in dem er sich mit dem leidigen Thema unseres selbsternannten Genetik-Deterministen Thilo Sarrazin befasst. Unter dem Titel “Ausländer her” macht der Autor, wiewohl in guter Absicht, schon beim Aufbau so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Da der Text (noch) nicht online steht, zitiere ich hier nach der guten alten Dampflok-Methode aus den Seiten 129 – 131 des gedruckten Spiegel.

Nach dem einleitenden und zutreffenden Vorwurf, Thilo Sarrazin habe mit seinem Buch eine rationale Diskussion über Zuwanderung “abgewürgt”, breitet Klingholz seine krude Einschätzung der entstandenen öffentlichen Lage vor uns aus:

“Denn die Diskutanten hat [Sarrazin] in zwei Lager gespalten: in eine fraktionsübergreifende Entrüstungsfraktion, der sich Personen im öffentlichen Raum nur schwer entziehen können; und in den halböffentlichen Foren-und-Blogger-Stammtisch, der Sarrazin mehrheitlich Beifall zollt.”

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Die Welt hat 24 Seiten

28. August 2010 von Klaus Jarchow

Jeder Heidjer in unserem schönen Aller-Leine-Tal liest die ‘Walsroder Zeitung’, ein höchst informatives Presseprodukt, randvoll mit Meldungen über Schützenkönige, Fahrraddiebstähle oder Bürgersprechstunden in der Region. Vornedrauf pappt dann immer die große Politik.

Was mich erstaunt: Dieses außerordentlich gediegene Presseprodukt hat an jedem Tag der Woche 24 Seiten, die bis in den letzten Winkel gefüllt sind. Außer sonntags, sonntags ist bei uns nichts los. Sommerlöcher aber und nachrichtenarme Zeiten kommen einfach nicht vor.

Mit anderen Worten: Die Ereignishaftigkeit der Welt verhält sich stets so präzise und ökonomisch, dass alles Geschehen genau auf 24 Zeitungsseiten passt. Ich finde das erstaunlich, ganz egal, ob wir die hintergründige Gewalt, die uns diese gewisslich nicht zufällige Quantität alles Geschehens zumisst, nun Gott oder Kairos nennen …

Red Adair 2.0

14. August 2010 von Klaus Jarchow

Unser roter Hahn des ambulanten Bloggewerbes, Sascha Lobo, scharrt unverdrossen und unentwegt im bezahlten Marketing-Mist, ob nicht auch ein Körnchen für ihn zu finden sein möge. Grenzphilosophisch verwöhnt er jetzt die Intellektualfunzeln der Werber-Zunft mit ausgewählten Modernitüden:

“[Events und Social Media] haben zwei zentrale Elemente gemeinsam. Erstens: Sowohl Events als auch in zunehmendem Maße die Kommunikation in sozialen Medien finden in Echtzeit statt. Zweitens: Beides beruht auch auf sozialer Interaktion.

Jaja – was beruht denn bitte nicht auf ’sozialer Interaktion’? Selbst eine vergleichsweise stille Tätigkeit wie das Briefmarkensammeln kommt ohne sie nicht aus. Und bei diesem ewigen ‘in Echtzeit’ möchte man doch allmählich mal wissen, was ‘in Falschzeit’ wäre. Schmieren wir uns also selbst mal ein Schnittchen aus diesem Stoff: Erstens sind sowohl der große Nachthimmel wie auch mein kleiner Hühnerstall in Dunkel gehüllt. Zweitens kreisen die Planeten wie auch mein Reden beide ‘in Echtzeit’ durch ihre jeweiligen Kanäle. Also sind der große, stille Nachthimmel und mein kleiner, gackernder Hühnerstall “Zwillingspärchen”. Wow! Die Koinzidenz als logische Gesetzmäßigkeit – oder Syllogismenstricken für Anfänger: Hähnchen haben einen roten Schopf, ich habe einen roten Schopf – also sind wir beide Geflügel. Weiter geht’s mit Bimbambum wortbesoffen durchs Brimborium:

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Kartoffeldruck

11. August 2010 von Klaus Jarchow

Wer keine eigene Meinung zur Hochstrecke bringt, der kauft sich eben eine. Zum Beispiel am Kiosk das neue Heft von GQ. Im schönsten kurzatmigen Klempner-Deutsch verrät der Verlag darin seiner wissbegierigen Angestelltenkundschaft – auch ‘High Potentials’ genannt -, „was Mann sein [sic] heute ausmacht: in der Mode. In der Liebe. Im Lebensstil – in alldem also, was man modernes Leben nennt.” Jaja, wieder mal sieht sich der Mann reduziert auf Styling und Poppen … das füllt das bienenfleißige Leben der geschniegelten Anzugständer neben vielen Überstunden dann restlos aus.

Die fixe Idee der Heftchenmacher bei ihrem raffinierten Meinungsbildungsplan ist es wohl, dass der Käufer, diese angestellte Service-Kartoffel, ihrem redaktionellen Stichwortgeber alles nachmachen und nachkaufen möge, bloß um hip und lockstoffreich aufs künftige Eigenheim-Weibchen zu wirken: Im Kern geht es um geistige Konfektionsware und mentales Copy & Paste – oder um Kartoffeldruck. Das ist jedenfalls meine Meinung … der ich mir noch eine eigene leisten kann, weil ich mir das Geld für GQ spare.

Womit aber wollen sie ihre Zielgruppe meinungsdefizitärer Testikelträger ködern? Auch das plaudert der Verlag freimütig aus: nicht mehr mit “große(n) Optiken, dafür viel Text, Lifestyle und Meinungsstücke”. Nun mag meine Logik nicht mehr fabrikneu und frisch von der Meinungspresse zur Uniform aufgebügelt sein, aber zwischen dem Verzicht auf ‘große Optiken’, also auf die nichtssagenden Vierfarb-Doppelseiten, und ‘viel Text’ scheint mir doch dann ein logisch-handwerklicher Widerspruch zu existieren, wenn es anstelle dessen plötzlich “unzählige Anzeigen-Doppelseiten” gibt, deren reich bebilderte Buchstabensuppe der gebildete Mensch zumeist doch gar nicht mehr Text nennen mag.

Zu den ‘archetypischen’ Stories des Heftleins, die ‘das Neue’ vorbildlich illustrieren sollen, zählt die Redaktion die Titelgeschichte „100 Ideen, die das Leben spannender machen“. Für mich müffelt gerade das Beispiel doch streng nach dem Opa Markwort vom dahindarbenden ‘Focus’ und seinen “hundert besten Badeseen”. Aber das ist schließlich nur meine Meinung – und ich neige mich natürlich vor der überlegenen Kompetenz der Blattmacher und stelle meine Bedenken hiermit ausdrücklich bis zum nächsten Re-Design zurück. Denn das, worüber der moderne Mann sich künftig eine Meinung bilden soll, das trifft sich bei GQ doch in nahezu idealer Weise mit den Interessen der werten Werbekunden: “Die „GQ“ ist nun unterteilt in die Rubriken „Gentlemen“, „Business“, „Home“, „Mobil“, „Coach“, „Style“, „Care“ und „Agenda“. Und darum geht’s ja schließlich im modernen Qualitätsjournalismus … oder etwa nicht?

Doofe sterben wohl nicht aus

05. August 2010 von Klaus Jarchow

Und auch die automatischen Übersetzungsprogramme machen auf mich bis auf weiteres nicht den Eindruck einer erwünschten ‘Muttersprachlichkeit’ – wobei ich generell Zweifel hege, ob das überhaupt jemals der Fall sein kann. Schließlich sind Sprachen Individuen, die sich in Wortschatz und Grammatik erheblich voneinander unterscheiden:

“Wir sind erfreut ihnen mitteilen zu konnen, das die gewinnliste INTERNATIONALE LOTTO/BONO LOTTO PROGRAMM am 13TH JULY 2010 erschienen ist, vorbei Co-organisiert World Tourism Organization/Spanish Ministerio de Tourismo. Dir offizielle liste der gewinner erschien am 16TH JULY.2010 Ihr e-mail wurde auf dem los mit dir nummer: … und mit der seriennummer: … registried. Die glucksnummer: … haben in der zweitens kategorie gewonnen. … Dir gewinn ist bei einer sicherheitsfirma hinterlegt und in ihren namen versichert. um keine komplikationen bei der abwicklung der zahlung zu verursachen bitten wir sie diese offizielle mitteilung, diskret zu behandelnes ist ein teil unseres sicherheitsprotokolls und garantiet ihnen einen reibunglosen Ablauf.”

Ja, und ich garantiet diesens, des ich selbstens in Endstuphe altzheimend auf solke glucksnummer antwortens sein niemalens wolle wegen zuville lachglucksend müssent …

Vorrevolutionäre Situationen

04. August 2010 von Klaus Jarchow

Zu den drei hellsichtigen Denkern, die wesentliche Entwicklungstendenzen der Moderne prophetisch erkannten, gehört neben Karl Marx und Max Weber auch Alexis de Tocqueville. In seinem Buch ‘Der alte Staat und die Revolution’ findet sich die folgende Passage:

“Die Menschen sind nicht mehr durch Kasten, Klassen, Korporationen und Geschlechter miteinander verbunden und sind daher nur zu geneigt, sich bloß mit ihren besonderen Interessen zu beschäftigen, immer nur an sich selbst zu denken und sich in einen Indidualismus zurückzuziehen, in dem jede öffentliche Tugend erstickt wird. …

Da in einer derartigen Gesellschaft nichts feststeht, fühlt sich jeder, teils durch die Furcht herunterzukommen, teils durch den Drang, sich emporzubringen, in beständiger Aufregung, und weil das Geld, welches zugleich das Hauptmerkmal geworden ist, das die Menschen klassifiziert und in ihrem Rangunterschied bedingt, hier eine außerordentliche Beweglichkeit erlangt hat, indem es unaufhörlich aus einer Hand in die andere geht, die Lage der Individuen verändert, die Familien erhebt oder erniedrigt, so gibt es hier fast niemanden, der nicht genötigt wäre, verzweifelte und fortwährende Anstrengungen zu machen, um es sich zu sichern oder zu erwerben. Die Begierde, um jeden Preis reich zu werden,  die Neigung, Geschäfte zu machen, die Gewinnsucht, das Streben nach Wohlleben und sinnlichen Genüssen sind daher hier die üblichsten Leidenschaften. … Diese schwächenden Leidenschaften kommen [dem Bestehenden] zu Hilfe, sie lenken die Leidenschaft der Menschen von den öffentlichen Angelegenheiten ab, beschäftigen sie fern von denselben und lassen sie bei dem bloßen Gedanken an Revolutionen erzittern.”

Was uns hier so ‘heutig’ in den Ohren klingt, das ist keinesfalls die Beschreibung einer modernen Gesellschaft, wie sie aus der französischen Revolution erst erwachsen sollte. Alexis de Tocqueville beschreibt hier das ‘Ancien Régime’, eine ‘alte Gesellschaft’ also, die ihrem Untergang entgegentaumelt. Es ist ein Bericht über ‘vorrevolutionäre Zustände’, aus denen heraus die Revolution folgerichtig entspringen wird. Die Guillotine begann erst dann zu klappern, als die Menschen dieser allgemeinen Geldsucht überdrüssig wurden und gründlich mit der Selbstsucht eines grassierenden Individualismus und Egoismus aufräumten.

Bei allen Mustern, die demnach das Scharnier zwischen damaligen und die heutigen Gesellschaften zu bilden scheinen, bleibt für mich die Frage, worin denn der heutige ‘Despotismus’ besteht, der unsere Öffentlichkeit knechtet, die Gewinnsucht antreibt und die Gesellschaft zusehends zersetzt? Und ob wir am Ende erneut in ‘vorrevolutionären Zeiten’ leben, wo die Eliten zunehmend von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nichts mehr wissen wollen? Liest man gewisse Pamphlete der Jungen Liberalen, dann liegt der Gedanke nicht allzu fern …

Nichts gegen ‘die Medien’ …

31. Juli 2010 von Klaus Jarchow

Fakt aber bleibt, mit Hilfe dienstfertiger Medien wurde getrickst und gelogen, bis sich publizistisch die Balken bogen:

“So sollen auf der Loveparade 2007 in Essen 1,2 Millionen Menschen gewesen sein, in Dortmund sogar 1,6 Millionen. Aber nach einem “streng vertraulichen” Dokument … hätten die wirklichen Zahlen “keinen Bezug zur offiziellen Besucherzahl für mediale Zwecke”. Für die “öffentliche Besucherzahl” habe man einfach die Zahl der erwarteten Besucher verdreifacht, während man die wirklichen Zahlen geheim hielt.”

Der sogenannte Qualitätsjournalismus entwickelt eben genau jene Qualitäten, die er dafür hält. Und beim Kopfsprung des Lokaljournalisten in die gerühmte ‘Recherchetiefe’ ist hinterher noch nicht einmal der Mors bedeckt …

Die Provinz des Menschen

28. Juli 2010 von Klaus Jarchow

Bekanntlich hat die Entdeckung, dass die Sonne nicht um die Erde kreist, zu einer ‘Provinzialisierung des Menschen’ geführt. Seither sind wir faktisch nur noch ein kleiner Pups am Rande der Galaxis, ein Dorfbahnhof, der sicherlich nicht unter einer besonderen Vorsehung stehen dürfte. Auch nicht unter der eines persönlichen Gottes, der mit Argusaugen Tag und Nacht über unser Treiben wacht, um alles in sein ‘großes Buch’ zu kritzeln. Die Musik spielt seither gewissermaßen woanders, dem Schicksal sind wir egal: Wir sind also für uns selbst verantwortlich … und auch alle Konzepte eines durch Gott ‘auserwählten Volkes’ sind seither obsolet. Ganz egal, ob solch ein Quatsch nun in der Bibel steht, in ‘Mein Kampf’ oder im Koran.

Bei einigen Zeitgenossen hat sich die Entdeckung des Herrn Kopernikus immer noch nicht herumgesprochen. Sie leben weiterhin fröhlich in ‘vorkopernikanischen Zeiten’ und sind über das 16. Jahrhundert geistig nie hinausgekommen. Ein Beispiel für diesen Sachverhalt ist jene Häme, die sich aus fundamentalistischer Ecke nach dem Unglück von Duisburg über eine angeblich allzu laszive und sexgeile Techno-Szene ergoß:

Dort nämlich faselt eine Bande religiöser Neandertaler, fern jeder Humanität, von einem „vernichtende(n) Schlag gegen eine satanische Alkohol- und Sexorgie“, „eine triebgesteuerte, notgeile und zugedröhnte Horde Asozialer h(ätte) den Zorn des Herrn heraufbeschworen.“

Da fragt sich der gebildete Leser doch, weshalb dieses radikalisierte Christentum immer noch mit Menschlichkeit und Humanität in Verbindung gebracht wird, wo doch die Anhänger dieses jesusamputierten Glaubens so rachegeil, sündenbesoffen und denkbefreit daherschwatzen. Theopathen habe ich diese Figuren in der ‘Sargnagelschmiede’ getauft.

Also noch einmal – und nur für euch: Gott, so es ihn gibt, hat sicherlich anderes zu tun, als sich um eine randständige irdische Provinz am Abstellgleis der Milchstraße zu kümmern – oder schlimmer noch: um eine graue Stadt wie Duisburg. Über euch wacht also keineswegs persönlich das Auge Gottes. Der beste Beweis: Wäre es nämlich so, dann hätte euch Figuren längst der Blitz beim Sch…n getroffen …

Jeder Popel dichtet

25. Juli 2010 von Klaus Jarchow

Literatur ist nicht immer ‘Hochliteratur’, und sie existiert auch nicht zwangsläufig nur in Büchern. Selbst noch die grenzdebilen Hackfressen rechtsextremistischer Organisationen erdichten sich eine Welt, die nach Gesetzen von Marvel-Helden-Comics in kackbraunem Gewand funktioniert. Mit einem Conan, also einem rachedürstenden, allmächtigen Wundertäter (oder Führer) immer vorneweg, der die Welt mit seiner treuen Gefolgschaft zu retten hat. Im Kern aller rechten Mythen ersetzt eine revolutionäre Philosophie der Tat das Denken – bloßes Losschlagen, und alles wird gut: ‘Aufräumen’ wird man mit dem verhassten System, ‘Rausschmeißen’, was einem nicht passt, öffentlichen Widersprüchen endlich ‘das Maul stopfen’, ‘Niederreißen’ all das, was dem Machtrausch des braunen Gesocks im Wege steht. Das allein wären dann schon jene ‘nationalen Taten’, deren poetische Kraft wiederum geeignet ist, einem entfesselten Germanentum im Bierqualm obskurer Gasthäuser die braungestreiften Höschen zu feuchten.

Wir haben hier also die literarisch verpackte Philosophie des Wirtshausschlägers vor uns, blanke Destruktion, die sich an Blut und Trümmern ergötzt. Die Frauen hätten – nebenbei bemerkt – in dieser Welt eher die Aufgabe, dem erschöpften Krieger nach der Schlacht die Beulen und die erhitzte Visage zu kühlen. Ein Endzeit-Szenario, wie wir es aus trivialen SF-Romanen oder auch aus Computerspielen kennen, eine schlicht erdichtete oder hormonell zusammenphantasierte Welt für den muskulösen Kämpfer mit der Knarre in der Hand … eine Welt, die an utopischer Kraft gewinnt, je häufiger man sich an ihr delektiert und sich als ‘Kameradschaft’ in seinem Wollen kollektiv zutrinkt. Die reale Machtlosigkeit des Pöbels erträumt sich eine ‘verkehrte Welt’. Letzteres wiederum ein uraltes Motiv der Weltliteratur …

Vor der Wirklichkeit versagt der national-fiktionale Plot natürlich: Allein die Frage, wie man dieses ‘Ausländer raus!’ denn durchführen wolle, dann, wenn diese Ausländer längst in der dritten Generation mit deutschem Pass als gute Deutsche in diesem Toitschland leben – die fordert all diese Haudegen intellektuell dermaßen, dass wir die Synapsen britzeln hören. In der Tat läuft die einzig mögliche Antwort solch strunzblinder Aktionisten – die allerdings dann nicht öffentlich werden darf – natürlich logisch zwangsläufig wieder auf Armageddon, auf KZ und Vergasen hinaus. Es sind Tat-Besoffene und Barbaren der Jetztzeit, die sich um Kopf und Kragen delirieren.

Trotzdem ist auch deren Welt natürlich eine ‘Dichtung’, die solange kohärent erscheint, wie man in ihr gefangen ist: Wir haben es beim Rechtsextremismus mit der kollektiven Rezeption einer völkischen Literaturgattung zu tun, mit einem Mythos, geboren u.a. aus Landserheftchen und Heldenromantik. Wissenschaftlich, also beim ‘proof of the cake’,  haben all diese erdichteten Rachephantasien bisher keine Kapazität jenseits der Maulwurfperspektive hervorgebracht, nichts, was in irgendeiner Form intellektuell satiskationsfähig wäre. Und ästhetisch kommt auch nur ein Frank Rennicke dabei heraus, der zwar den Ton des Bierzelts zu treffen weiß, aber keine Töne. In Hinsicht auf Wissenschaft und Ästhetik war der Rechtsextremismus schon immer impotent.

Die geforderte ’sozialromantische Tat’ muss sich, weil wirklichkeitsflüchtig, dann ersatzweise fiktional in poetischen Szenen und Drehbüchern ausleben, die aber visionär niemals weiter reichen als bis zum ‘Endkampf’ und vielleicht einer erträumten Siegesfeier danach, mit Wein, Weib und Gesang. In praktischer Vorwegnahme dieses Paradieses erfreut man sich gelegentlich schon mal an einem höchstselbst zusammengeprügelten Ausländer, einem Punker oder sonstigem Penner …

Kurzum – Rechtsextremismus ist vor allem eins: schlechte Literatur!

Max Weber hat doch recht

22. Juli 2010 von Klaus Jarchow

Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet (…) nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: daß man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, daß es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, daß man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet die Entzauberung der Welt. (…) Dann allerdings könnte für die ‘letzten Menschen’ dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz, dieses Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.” (Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus)

Tscha – weit haben wir’s gebracht! Wenn diese typischen Figuren unserer durch und durch rationalisierten Moderne dann – dumpfschmerzlich ihren existenziellen Mangel empfindend – sich an einer erneuten ‘Verzauberung der Welt’ versuchen, dann reicht ihre kulturelle Potenz, historisch gesehen, entweder nur zu einem mythosbesoffenen Nationalsozialismus im wagalaweienden Wagnerkostüm oder zu einem schlechterdings tierisch-egoistischen Mammonismus, der sich aus Mangel an Geist über seine erbärmliche Existenzweise gleich gar keine Gedanken mehr zu machen pflegt …