Nanu?

23. April 2014 von Klaus Jarchow

Was treiben denn ‘russische Bürger’ da auf ukrainischem Territorium? Als putin- und russlandgläubiger Mensch dachte ich bisher, da gäbe es gar keine:

“Wenn russische Bürger angegriffen werden, ist das ein Angriff auf die Russische Föderation”, sagte Lawrow am Mittwoch dem englischsprachigen Sender Russia Today.

Dass man seinen Landhunger stets ‘Verteidigung’ nennt, ist übrigens der älteste PR-Stunt der Welt … jetzt fordert Lawrow auch noch den Abzug der Bundeswehr aus der Bundesrepublik. Ach nee, da habe ich mich vedaddelt: Er fordert den Abzug ukrainischer Truppen aus der Ukraine.

Farbenblinde Reporter

23. April 2014 von Klaus Jarchow

Bei manchen PR-Gefälligkeiten in der lokalen Berichterstattung fragt man sich ja, ob diese Journalisten überhaupt durchdenken, was sie da schreiben:

“Mit viel Herzblut haben wir uns engagiert”, versicherte Vera Milus. Weiß-Blau war dementsprechend die dominierende Farbe.

Tschaja – ‘dementsprechend’ auch der weitere Text. Als ganz abgelutschtes Schmankerl glänzt in einer Nebenrolle natürlich auch wieder “viel Liebe zum Detail“, ein Aspekt, den jener Artikel dann eher vermissen lässt. Eine besonders dienstfertige Reportermumie, die sich dort ächzend und erwartungsgemäß auf die klapprige Kleinkunstbühne des Blättchens zu quälen hat …

Medienohnmacht

23. April 2014 von Klaus Jarchow

Da mahnt man, da barmt man, da wirft man die ganz großen PR-Windmühlen an – und was nutzt es? Seit Anno Adenauer war keine Regierung mehr so beliebt wie ausgerechnet die große Koalition. Diesen Überschwang kann man – wie ich – ein wenig übertrieben finden, faktisch ist das wohl so. Da können unsere ‘Leitmedien’ auffahren, wen sie wollen:

“Wie die große Sozialromantik-Koalition unsere Zukunft ruiniert.”

“Die Rentenreform trifft die Falschen.”

“Wir brauchen die Älteren in den Betrieben.”

“Rentenpapst Rürup klagt an.”

“Schwarz-Rot wohnt kein Zauber inne.”

“Mindestlohn und Rentenpaket machen uns das Leben schwer.”

Tscha, liebe Butzemänner und Versicherungsvertreter – auf eure Rürup-Expertise und INSM-Apokalyptik beißen die Fischlein wohl nicht mehr so recht an? Äußerungen über die Grenzen der Wirksamkeit von Public Relations verkneife ich mir hier mal. Und der Untergang der FDP war eben kein Betriebsunfall, sondern ein Winterschlussverkauf. Wer war noch mal Dorothea Siems …?

“Come writers and critics
Who prophesize with your pen
And keep your eyes wide
The chance won’t come again
And don’t speak too soon
For the wheel’s still in spin
And there’s no tellin’ who
That it’s namin’
For the loser now
Will be later to win
For the times they are a-changin’.

Come senators, congressmen
Throughout the land
And don’t criticize
What you can’t understand
Your sons and your daughters
Are beyond your command
Your old road is
Rapidly agin’
Please get out of the new one
If you can’t lend your hand
For the times they are a-changin’.”

Wie werde ich Putin-Groupie?

22. April 2014 von Klaus Jarchow

Hier ein leichtverständlicher Rhetorik-Leitfaden, um sich erfolgreich unter Gleichgesinnten in deutschsprachigen Foren tummeln zu dürfen (alle Beispiele aus dem ‘Standard’ – im ‘Spiegel’ oder in der ‘Zeit’ geht’s nicht anders zu):

1. Dislozierung: Wenn Ihnen die ‘US-Imperialisten’ mit kaum bezweifelbaren Quellen zu sehr zusetzen, verkrümeln Sie sich umstandslos in andere Regionen und andere Zeiten – ‘Kosovo’ oder ‘Guantanamo’ gröhlen genügt meist schon, und die Vergangenheit darf gern auch einen noch längeren Bart tragen: USA haben “Beweise” Haben sie? Sind die “Beweise” von gleicher Qualität wie jene die “bewiesen”, dass nordvietnamesische Streitkräfte amerikanische Schiffe angriffen? Sehen Sie, das alles mag zwar jetzt fünfzig Jahre her sein, aber der Beweis kann nun aus ukrainischen Quellen stammen, so lange er will. Sie haben sich stattdessen wunschgemäß in die USA verbissen und einen unwiderleglichen Instant-Gegenbeweis aus Ihrer historischen Mottenkiste gekramt, der zwar mit dem Thema nicht das Geringste zu tun hat, trotzdem müssen Sie sich in Ihrer Lego-Welt um Beweise nie wieder Gedanken machen. Die Lüge liegt nun mal im amerikanischen Nationalcharakter, also – das schließen Sie messerscharf – muss alles andere wahr sein …

2. Unilateralität: Oligarchen, Faschisten und Knutenlecker hat es hinfort natürlich nur noch auf ukrainischer Seite zu geben. Verkünden Sie das stets mit dem selbstgewissen Brustton eines völlig Verblendeten, und nehmen Sie auf die Stimmigkeit Ihrer Metaphern keinerlei Rücksicht: Die militärpolitischen Beweise der US – Infiltrationspolitik werden immer langweiliger. Ihre jetzt hochgezüchtete Oligarchenbande in Kiew wird sich noch als böser Bumerang erweisen. Und die Beteiligung der ostukrainischen und russischen Oligarchie am Tohuwabohu dort verschweigen Sie damit ganz nonchalant. Es kommt eben immer darauf an, wessen Oligarch jemand ist …

3. Präjudizien: Stellen Sie Ihre Vorurteile über ganze Völker offen zur Schau, nenne Sie diese ruhig ‘Vernunft’, und verknüpfen Sie Ihr mangelndes historisches Wissen damit möglichst überzeugungstreu: Kein vernünftiger Mensch würde den US-Amerikanern auch nur die Uhrzeit glauben. Was mich an eine Frage erinnert, wegen der Nixon einmal als Präsident verhindert werden konnte: “Würden Sie diesem Mann einen Gebrauchtwagen abkaufen? Tscha, wer erinnert sich schon noch daran, dass Nixon eben nicht durch eine solche Frage ‘verhindert’ wurde, sondern durch ganz andere Dinge – Sie aber haben es erfolgreich geschafft, dass in einem Ostukraine-Thread bloß nicht über die Ostukraine geredet werden darf …

4. Blindstellen: Erwähnen Sie den russischen Präsidenten nie, auch nicht konkrete Ereignisse in der Ukraine, benutzen Sie immer den großen Highway nach Washington: Lügen und Täuschungen ziehen durch die Politik der USA wie ein roter Faden. Der jetzige, der kultivierte “nice guy”, der Sozialarbeiter ist auch eine Täuschung und eine Enttäuschung. Warum bitte sollten die jetzt mit dem Lügen aufhören? Sehen Sie, eigentlich ging es ja um das Geschehen in der Ostukraine und um Putins Rolle dabei. Sie aber haben – als dienstbereites Cleverle, das Sie sind – wie ein Frettchen immer nur die Amis zu fassen. Schon winkt Ihnen am Horizont der Putin-Orden am Bande …

5. Fixierung: So wenige es auch sein mögen, das ‘Volk’ sind immer nur die, die Ihnen in den Kram passen. Merken Sie sich das: Bilder sagen mehr als ganze Kommentare: – Stop USA Terrorism – The USA and the EU hands off from Ukraine!!! Das steht auf den Transparenten der Demonstranten. Was hingegen auf jenen Bildern zu sehen war, die jetzt eine Beteiligung russischer Soldaten belegen, das sei Ihnen dagegen ‘pffft!’ Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, auch wenn es Ihrer Eingangsthese fundamental widerspricht. Das fällt den Mitgliedern Ihres Rudels nie im Leben auf – und alle anderen sind eh nur Faschistenknechte …

Ich hoffe mit meiner kleinen Hilfestellung zu einer noch lebhafteren und fundierteren Diskussion in den einschlägigen Foren beigetragen zu haben. Also ‘Beine breit!’ – und denkt an Russland.

Für den Zettelkasten (23)

21. April 2014 von Klaus Jarchow

Die Fascisten kämpfen für Ordnung im Lande – aber mit den Mitteln der Anarchie. Mit Gummiknüppeln, Revolvern und Bomben. Sie arbeiten mit einer Brutalität, die die Ausschreitungen der Sozialisten und Syndikalisten weit hinter sich läßt. (…) Man macht selbst Revolution, um andere daran zu verhindern.”
Carl v. Ossietzky, Schriften 2, 119

Man macht selbst Revolution, um die begonnene Revolution zu stoppen. Schon fügen sich die Ereignisse in der Ostukraine wie von selbst …

Für den Zettelkasten (22)

20. April 2014 von Klaus Jarchow

Das Volk soll um die Katastrophe betrogen werden.”
Ernst Graf zu Reventlow

In einen anständig geführten Zettelkasten gehören natürlich auch derart unanständige Zitate. Dieser Sprößling des deutschen Uradels, bekanntlich eine Bevölkerungsgruppe, die nie mit sonderlicher Intelligenz gesegnet war, weil sie’s ja gar nicht nötig hatte, der zählt zu den frühen ‘Querfrontlern’. Auch das eine Gruppe, die damals wie heute wieder von der großen Apokalypse träumt. Es kehrt so vieles wieder – all diese Zombie-Ideologien, die man schon glücklich im Sarg der Geschichte begraben glaubte …

Gefunden habe ich das Zitat im ‘Tagebuch der Wirtschaft’, das der Leopold Schwarzschild beim Stefan Grossmann verantwortete (Tagebuch 1926, 188). Das war ein Wirtschaftsjournalist, der uns noch heute zeigt, was Wirtschaftsjournalismus sein könnte, wenn er’s denn könnte.

Volksrepublik?

20. April 2014 von Klaus Jarchow

Die Arbeiter haben sie – scheint’s – schon mal nicht an Bord:

“Nikolaj Wolynko, einst Bergmann und jetzt Führer einer Bergleute-Gewerkschaft, kommentiert: „Aus irgendeinem Grunde werden jetzt alle Anhänger der Ukraine als „Banderowzy“ beschimpft. Wenn das gleichgesetzt wird, dann werde ich mich eben auch als Banderowjez bezeichnen. Darauf bin ich stolz. Auch darauf, dass auf dem Maidan in Kiew das Volk Gestalt angenommen hat. Nicht die Bevölkerung, sondern das denkende Volk. Jetzt müssen auch wir uns hier als Volk formieren und aufhören, einfach nur ein Territorium zu bevölkern.“

Bezeichnend, dass die größten Oligarchen – wie dieser Bizzinissman aus dem schönen Dnjeprpetrowsk – schon zu Drohungen greifen müssen, um ihre Mit-Kleptokraten daran zu hindern, von Bord zu gehen. Auch diese Front scheint zu wanken:

“If you want to keep your business and have influence, within the framework of law and a democratic process, on the life of our people, you have to make agreements with people and its representatives, but not with representatives of the unlawful Kyiv authorities,” Tsariov wrote.

Tscha, dumm nur, dass seine Provinzschauspieler auf den Barrikaden dort auch gar nicht ‘repräsentativ’ sind … und die Frage, wo die ‘Faschisten’ zu suchen sind, wird auch immer dubioser:

“Der Vorfall hatte sich am Dienstag vor einer Synagoge in der ostukrainischen Stadt Donezk ereignet. Laut israelischen und amerikanischen Medienberichten hatten drei maskierte Männer vor der Synagoge Flugblätter verteilt, auf denen die Juden aufgerufen wurden, sich bei den Behörden der selbsternannten Republik registrieren zu lassen. Andernfalls würden sie deportiert und ihr Besitz konfisziert. Die Flugblätter waren mit dem Symbol der selbsterklärten separatistischen Republik Donezk und der russischen Flagge gekennzeichnet.”

Derweil ‘gleiwitzt’ es schon aller Orten – und die Zahlen tanzen Ringelreihen:

“Der staatliche russische Sender Rossija 24 sprach von fünf Toten. … Ein Reporter sah an der Kontrollstelle zwei Leichen, eine mit Schusswunden im Kopf. Einer der Toten trug demnach Kampfmontur, der andere Zivilkleidung. Die Polizei untersuche den Fall vor Ort. Das ukrainische Innenministerium berichtete von einem Toten.”

Ich nehme mal an, der Sender Rossija 24 war als einziger wirklich vor Ort, dieser Reporter war bestimmt ein CIA-Agent, und die Regierung in Kiew hat sowieso keine Ahnung … eigentlich fehlt bei dieser ‘Beweissicherung’ nur noch der Blackwater-Mitgliedsausweis und die Dinner-Karte von Barack Obama:

“Russia’s RIA Novosti and Life News blamed the far-right nationalist group Right Sector for instigating the gun battle. In a video report, Life News showed what it said was the body of one man killed during the shootout next to weapons, ammunition and gear left behind by Right Sector members at the scene. It also showed crisp U.S. $100 bills, uncreased printed satellite images of Slovyansk from Google Maps and a business card of Right Sector leader and presidential candidate Dmitro Yarosh that it said had been left by the “attackers.”

Mein Gott, was muss der Rechte Sektor doof sein, dass er solche ‘Fundstücke’ mit sich rumschleppt … hoffentlich entpuppt sich einer der Leichname nicht auch noch als derjenige Leo Trotzkis. Dicke Stapel von Visitenkarten will ‘Life News’ jetzt dort im Handschuhfach eines völlig ausgebrannten Autos gefunden haben – nur schade, dass sie uns die Namen, die darauf stehen, nicht auch mitteilen. Nun ja, vermutlich vom Feuer exakt an den entscheidenden Stellen beschädigt. Gut ist dieser besonnene Kommentar zum üblich nachfolgenden Forumssturm der Russovielen dort in der FAZ:

“Es ist vielleicht ein Wettbewerb? Wer 10000 mal „Maidan Faschisten Putschisten“ im Forum schreibt, bekommt eine goldene Balalaika?”

Derweil verdichten sich die Hinweise, dass tatsächlich eine russische Vorhut längst in der Ostukraine agiert – da wird es wohl nicht mehr lange bis zum Einmarsch dauern:

“Some of the men photographed in Ukraine have been identified in other photos clearly taken among Russian troops in other settings.”

Leben im Lügengebäude

19. April 2014 von Klaus Jarchow

Russland gibt Truppenverstärkung an Ukraine-Grenze zu.”

Nee, und wat hat er sich zuvor noch empört … und alle einschlägigen Foristen gleich mit: Aus dem Jahr 2013 seien diese Aufklärungsfotos doch gewesen, nur billige NATO-Propaganda. Und auf der Krim wäre auch nie nüch niemals russisches Militär aktiv gewesen. Mich kotzt das alles nur noch an …

Als Wiederauferstandener also …

18. April 2014 von Klaus Jarchow

Russische Medien berichteten vor ein paar Tagen, Janukowitsch werde am Ostersonntag womöglich aus Rostow-am-Don nach Donezk zurückkehren.”

Vielleicht will er aber auch nur der neue Präsident der autonomen Republik Donbass werden. Da muss man sich dann schon der Gemeinde zeigen. Das Problem mit den Milliardären ist, dass man sie nicht wieder los wird.

Ein Beispiel ist kein Beweis

18. April 2014 von Klaus Jarchow

Ein schräger Vogel gilt noch nicht als Empirie – aber der größte Drogenfreak unter Deutschlands Literaten, der Ernst Jünger, erreichte ein wahrhaft biblisches Alter – und erzkonservativ war er noch dazu. Sachen gibt’s:

“Die Fabelwelt der Drogenpolitik zerbricht.”