Archiv für 01. März 2012

Eine Million Meinungen

Donnerstag, 01. März 2012

Sind wir Deutschen wirklich ein einig Volk von Masochisten? Auf den Gedanken könnte kommen, wer Tartarenmeldungen wie die folgende liest:

Christoph Keese, ehemals Journalist und nun Cheflobbyist des Axel-Springer-Verlags, schreibt: “Gewerbliche Kopisten (stehlen) oft tausende Artikel auf einmal.”

Demnach gäbe es also Leute, die es zu ihrem ‘Gewerbe’ gemacht hätten, tausendfach banalste Zeitungsartikel zu rippen? Wobei zwischen ‘Kopieren’, ‘Lesen’ und ‘Klauen’ auch noch schlicht Gleichheitszeichen gesetzt werden? Bekloppter geht’s wohl nimmer! Das Problem der Zeitungen, die auch ich ein halbes Stündchen täglich vor dem Monitor konsumiere, besteht darin, dass es längst absolut genügt, einen einzigen Artikel zu lesen, um sie alle zu kennen. Die deutsche Publizistik befolgt das gute alte Alleeprinzip: Rechts ‘ne Pappel, links ‘ne Pappel, in der Mitte druckfrisch der Appel! Und der riecht auch noch komisch …

Nach der Lektüre einer Ausgabe der ‘Süddeutschen’ müsste ich schon zu hartem Stoff wie dem ‘Bayernkurier’ oder dem ‘Neuen Deutschland’ wechseln, um wirklich eine neue und andere Sicht auf die ewiggleichen Tagesmeldungen zu erhalten. Einige Zeitungen – wie die ‘Berliner’ und die ‘FR’ – sind dank ‘Zündikäjschen’ längst wortidentisch geworden. Wer also ‘tausendfach’ und freiwillig solche Artikel konsumiert, der verfügt über einen verdammt starken Magen, und dazu über Nerven wie Drahtseile. Anders ausgedrückt – das, was der Plakatmann unserer Verlegerzunft dort verkündet, ist analytisch schlicht Keese …

In Wahrheit ist es wohl so, dass sich die Individuen von Tageszeitungen und anderen Massenmedien zunehmend emanzipieren. Denn wegen der Anzeigen – einstmals ein echtes Kaufmotiv! – müssen sie keine Tageszeitung mehr erwerben, diese Anzeigen sind (bis auf die Todesanzeigen) längst ins Netz oder in Gratismedien abgewandert. Wozu also Pumpernickel abonnieren?

Wir dürfen ja nicht vergessen, dass die ‘Meinungsmache’ gleichgeschalteter und massenmedialer Zeiten oft auch einer ‘Blendung’ gleichkam. Immer galt es, aus Menschen ein ‘Volk’ oder eine ‘Herde’ zu formen. Die Zeitungen blökten uns vor, was die Besitzer gern hörten. Seit Hugenberg war ein manipulatives Verständnis von Publizistik vorherrschend – es hieß später nur netter, zum Beispiel ‘organisierte’ oder ‘formierte Öffentlichkeit’. Jetzt versagt plötzlich diese Dressur.

Ich kann an der neuen Freiheit des Publikums nichts Schlimmes finden, aber ich bin ja auch kein Verleger. Und wohin es uns führen wird, wenn sich jeder Mensch eine Privatmeinung zulegt, ist bisher weitgehend unerforscht. Das eigentliche Problem der Verleger aber sind die Verleger, vor allem diejenigen mit den kostenlosen Gratisblättchen, in denen außer Beilagen gar nichts Lesenswertes mehr zu finden ist:

„Die Edekas, Aldis und Lidls gehen mehr und mehr mit ihren Anzeigen aus den Tageszeitungen raus und machen lieber Beilagen in Anzeigenblättern“, sagt Tölcke.