Charakterliche Defizite

Mein Opa, der bekanntlich ein weiser und gesetzter Mann war, der nannte das Ergebnis einer solchen Diagnose schlicht ‘Nachweis eines charakterlichen Defizits’. Gerd Monsees, der vorlaute Nachbarsjunge von nebenan, der drückte sich noch schlichter aus und sagte, dass die “inzwischen doch alle einen an der Waffel” hätten. Und Don Alphonso, der Verfasser hier, spricht gar von “Pudelgewinsel”. Auch das ist natürlich nicht nett …

Worum es geht? Ach so - mal wieder um unseren lohnschreibenden Berufsstand, der in satter Selbstzufriedenheit versumpft ist. Es war ja auch unausweichlich: Denn lange konnte diesen Leuten niemand an den Karren fahren, weil der deutsche Journalismus höchstselbst das Monopol auf jene Produktionsmittel besaß, mit deren Hilfe sich jede Kritik hätte artikulieren müssen. Das Gatekeeper-Monopol ist nämlich ein echtes Zwei-Wege-System - es wählt einerseits aus, welche Außeninformationen für ein gelenktes Publikum relevant sind, und es lässt andererseits unerwünschte Binneninformationen auch nicht heraus. Was dazu führte, dass selbst die berechtigte Kritik ‘unerhört’ blieb und sich nur in einer nichtöffentlichen Gummizelle oder im engsten Familienkreis austoben durfte. Anders ausgedrückt: Wer wollte schon Kritisches über sich selbst drucken, wenn das gar nicht nötig tut? Und das, was nicht gedruckt wurde, das war schließlich auch gar nicht passiert. Allenfalls lästerte mal ein ‘Nestbeschmutzer’ wie Fritz J. Raddatz öffentlich los, hier über die damalige ZEIT-Feuilletonredaktion:

“Was immer diesen Kreis über die Jahre zusammenhielt - eine Ideologie war es nicht. Ein vager Antifaschismus, ein aufmuckender Widerwille gegen das verschmockte Adenauer-Deutschland, … eine kleine Libertinage und ein großes Aufbegehren: ja, gegen was? Gegen das Bürgertum, dem sie fast ausnahmslos entstammten und von dem die meisten - Monatsscheck von Papa, Auto zur Hochzeit - auch lebten? Die Revolte fand in den Texten statt; und manchmal in kühnen Frisuren, mittels der obligaten schwarzen Lederjacke oder per Gauloise. Eine Revolution war es nicht, nie und nirgendwo.” [FJR: Unruhestifter, 368]

Solche Einblicke in einen abgeschotteten Berufsstand aber blieben selten, sie fanden - wenn - dann nur auf dem Buchmarkt statt, nicht auf dem Forum der Zeitungsöffentlichkeit. Jetzt aber stehen plötzlich - dank des weitherzigen Internets - die Türen der Gummizellen weit offen, und die erstaunte Umwelt wie auch der ehrwürdige Alphajournalist, die vernehmen gänzlich ungewohnte, ja fast schon majestätsbeleidigende Töne, die wiederum mitursächlich sind für die nicht enden wollenden Klagen eines erodierenden Berufstandes über das ‘fuuuurchbaare’ Zwischennetz und das rüpelhafte Bloggertum, das sich dort austobt:

“Journalisten sind generell zu wenig meinungsfreudig, innovativ und beweglich. Sie hassen Risiken und gehen nicht gerne raus, sie sind ziemlich faul und fett und lieben eingefahrene Denkstrukturen, die sie mit ihren Wortbausteinen füllen”.

Man kann so etwas natürlich auch netter ausdrücken - beispielsweise so wie der angesehene Medienforscher Ottfried Jarren, die Aussage über das journalistische Schoßhündchen der Madame Mainstream bleibt sich gleich:

“Verlage und ihr Journalismus sind ganz offensichtlich in eine gesellschaftliche Akzeptanzkrise geraten, welche die Wirtschaftskrise nun lediglich verstärkt: Die Tageszeitungsverlage bekommen zu spüren, dass sie in den letzten Jahrzehnten auf organisatorische Homogenität und Einfalt gesetzt haben, statt auf Vielfalt und auf die Erfüllung ihres gesellschaftlichen Vermittlungsauftrags. Der Presse sind, überspitzt gesagt, ihre Leitideen und ihre gesellschaftliche Legitimation abhandengekommen. Die Branche hat sich um ihre Begründung gebracht.

Nachtrag: Dieser wundersame Text, der dort heute im Netz auftauchte, der illustriert der Länge und der Breite nach nach und auch en détail, woran es unserem selbstgewissen Qualitätsjournalismus zunehmend mangelt - an Qualität nämlich:

“Es sind die schlichtesten Gegensatzpaare, die da aufgestellt werden: Etablierte Medien recherchieren, informieren, prüfen und sind unbestechlich, Blogger plappern nach, krakeelen und fallen auf jede PR-Finte herein. Auch durch viele Texte der Sonderausgabe des „SZ-Magazins” zur Krise der Tageszeitung, die sich selbstkritisch und nachdenklich geben, wabert das Gefühl eigener Überlegenheit oder, schlimmer: Das Gefühl, dass diese Überlegenheit selbstverständlich ist.”

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