Archiv für die Kategorie ‘Gedankenkrätze’

Die Grammatik der Schizophrenie

Donnerstag, 25. Februar 2010

Das Hexeneinmaleins ist längst die Grundrechenart der feinen Gesellschaft geworden: Die oben liegen in ethischer Hinsicht in der untersten Schublade, und die einstmals so geschätzte Geschäftsmoral hat sich in selbstgefällig geblähte Spekulationsblasen verwandelt, wo nur der richtige Zeitpunkt beim Ein- oder Ausstieg über Gut und Böse entscheidet, nicht länger das gute Betriebsergebnis oder die Zukunftsperspektive eines Unternehmens - alles natürlich streng im rechtlichen Rahmen.

So wirr und misanthrop jedenfalls fühlte ich mich, als ich gestern in der ARD - ziemlich fassungslos - das große Feature über den Untergang des Karstadt-Quelle-Konzerns verfolgte. Ein Konzern, den sich offenbar einige Finanzmanager systematisch ‘zu eigen’ gemacht hatten, um der fetten Beute überall ihre Blutegel zu setzen - dies jedenfalls war die argumentativ bestens unterfütterte Tendenz des Reports (Leider ist die Sendung bisher in der ARD-Mediathek nicht online verfügbar, vielleicht bin ich aber auch nur zu blöd, sie zu finden. Eine Besprechung der Sendung findet sich hier.).

Bemerkenswert war die Chuzpe, mit der ein zweifellos Hauptverantwortlicher wie Thomas Middelhoff sich als ein ‘Marschall Vorwärts’ versuchte. Überlegen lächelnd stellte er sich auch den unangenehmen Fragen der Reporter, wobei er sprachlich in schönstem Ökonomurks seinen Crash-Kurs nachträglich rechtfertigte, obwohl er in meinen Ohren nur große Wolken von Sprachstaub und Marketing-Sprech aufwirbelte. Eine kleine, unauffällige Redefigur, die der Herr Middelhoff einleitend nicht nur einmal gebrauchte, stieß mir auf:

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Schwundstufe

Montag, 22. Februar 2010

Über den Journalismus in den Zeiten seines fortschreitenden Verfalls:

Ich habe viel über Journalismus gelernt in dieser Woche – und wenig, was ich wissen wollte.

Apropos - bei meinem Eingangssatz handelt es sich um ein leicht verfremdetes ‘Plagiat’. Wer die Quelle herausfindet, darf sie behalten …

via: Bildblog - man beachte beim Wortvogel auch die Kommentare zur zeitlichen Koinzidenz von journalistischen Vorwürfen und verlegerischen Veröffentlichungsterminen …

Verleger vs. Verkäufer

Donnerstag, 04. Februar 2010

Das eine funktioniert nicht ohne das andere - deshalb gab es in Zeitungen früher die Redaktion und die Anzeigenabteilung. Die Verkäufer waren für die Garnitur mehr oder minder interessanter Artikel mit bunten Anzeigen zuständig und für die Abonnentenwerbung, die Redaktion hatte den Auftrag, eine möglichst große Öffentlichkeit durch ihre Geschichten zu erzeugen.

Heute stecken die Zeitungen in einem echten Dilemma: Versuchen sie eine möglichst große Reichweite - auch online - zu erzielen, dann müssen sie die Schotten zur Öffentlichkeit weit öffnen. Sonst bleiben sie allein zu Haus. Versuchen sie aber, ihre (angeblich) kostbaren Inhalte vor unverantwortlichen, weil unbezahlten Zugriffen zu schützen, dann panzern sie ihren Dampfer mit hohen ‘Paid-Content-Verhauen’, so wie die Reeder es derzeit vor Somalias Küsten tun. Mit dem Effekt, dass kaum jemand - weder ‘Piraten’ noch zahlende Fahrgäste - zu ihnen an Bord klettert, weil die meiste informationelle Ladung nahezu unverändert ja auch anderswo zu finden ist. Prompt bleibt auch die Werbung aus, die ja auf ‘Masse’ setzt. Die bestehende Wahl lautet also: Pest oder Cholera, kein Geld durch freie Verfügbarkeit, oder kein Geld durch mangelnden Zulauf.

Wir lagen vor Madagaskar, und hatten die Pest an bord ...

Wir lagen vor Madagaskar, und hatten die Pest an Bord ...

Vorangetrieben wird die Entwicklung noch dadurch, dass auf allen Vorstandsbrücken die Verkäufer mit den Gelfrisuren die Verleger mit den Denkertollen längst verdrängt haben. Dabei verspricht - mittelfristig, und soweit ich das sehe - nur der Weg des Verlegers auf dem Meer der Nachrichten noch Erfolg. Der Weg desjenigen also, der mit einem bestimmten politischen oder sozialen Ziel vor Augen eine Nachrichtenquelle seriös betreibt, um gesellschaftlich bestimmte Ziele zu erreichen, indem er einen klaren Kurs fährt.

Die Wahl stellt sich also so dar: Gleich die Ventile öffnen, um das lecke Schiff mittels Paid Content und aus Angst vor den Piraten sofort auf Grund zu setzen, wie es die Verkäufer wollen. Oder doch zu versuchen, die rettende Küste noch zu erreichen, in der Hoffnung, dass bis dahin ein tragfähiger Schlepper namens ‘Bezahlmodell’ aus dem Küstennebel auftauchen könnte.

Zur Zeit regieren allerdings weithin die Selbstversenker … ich würde, vor die Wahl gestellt, mich für die ‘Cholera’ entscheiden, und sei es nur, um Zeit zu gewinnen. Die Mortalität ist bei dieser Krankheit einfach geringer, die Cholera ist besser als die Pest an Bord …

Jenseits des dpa-Stils

Donnerstag, 28. Januar 2010

Mal angenommen, eine große deutsche Zeitung gäbe einem berühmten südamerikanischen Schriftsteller den Auftrag, ihr einen Text über die deutsche Politik zu verfassen. Der Gast, in dessen Heimat die Unterhaltung des Lesers im Vordergrund steht, beginnt sein Elaborat ungefähr so:

“An der Spitze der deutschen Politik steht eine Frau in eng geknöpften Kostümjäckchen von gewagter Farbe, die sich beim Laufen ständig bemühen muss, nicht auf ihre Mundwinkel zu treten. Ihrem Stellvertreter fehlen eigentlich nur Kreissäge und Bambusstöckchen, um als Fred-Astaire-Parodie durchzugehen …”

Als die deutsche Redaktion daraufhin Redigierbedarf anmeldet, reist der Gast empört zurück in sein Heimatland, dorthin, wo man offene und unterhaltsame Worte noch zu schätzen weiß …

Schreiben und Drogen

Dienstag, 26. Januar 2010

Zunächst einmal muss niemand saufen oder kiffen, um gut schreiben zu können. Es ist schlicht ein Pop-Mythos, dass Drogen ‘kreativ’ machen: Niemand ist durch den Suff zu einem guten Schreiber geworden. Erstaunlich viele Alkoholiker aber flüchten sich irgendwann in die Schriftstellerei. Die Kehrseite ist also richtig.

Verantwortlich für das Märchen vom Zusammenhang guter Texte mit dem exzessiven Boozen sind vor allem eine Reihe amerikanischer Großschriftsteller wie Ernest Hemingway, Sinclair Lewis, Dylan Thomas, John Cheever, F. Scott Fitzgerald, William Faulkner usw. Sie alle soffen wie schwarze Löcher, sie tranken sich aber nicht um Sinn und Verstand. In ihrem Fall entstanden großartige Texte trotz eines massiven Drogenproblems.

Was aber regelhaft folgt, sind bestimmte fiktionale Landschaften, die der Wirkung der Droge entsprechen: Erscheint mir eine Romanwelt als entfremdet, als ausbeuterisch selbst auf der Freundschaftsebene, voller Einsamkeit und bevölkert mit ausschließlich gescheiterten Ehen und verkrachten Biographien, dann vermute ich mit Recht, dass hier wohl ein Alkoholiker am Werk gewesen sein muss. Die eigenen Erfahrungen als Drogenabhängiger werden mir als ‘Weltzustand’ aufgetischt.

Etwas anderes ist es mit den ‘Märchenwelten’. Hier sind zumeist die ‘bewusstseinserweiternden Drogen’ am Werk. Die Affinität der deutschen Romantiker zum Schlafmohn ist ein offenes Geheimnis. Die Folge war eine mittelalterliche Welt voller Zauber, Elfen, Posthörner und edler Ritter. Kurzum: Kiff und Mohn - ick hör’ euch trappsen! Immer wenn mir ein wild im Vergangenen schwelgender Fantasy-Roman in die Hand fällt, dann denke ich mir über den Autor oder die Autorin mein Teil.

Schließlich gibt es noch die Pop-Literatur: Jeder Pups wird von diesen Schreibern als Stilrevolution und als literaturfähig ausgeschrieen: Ihre oft gnadenlos banale Musik, die sie anpreisen; die ach so wichtigen Leute, die sie trafen; das witzig-sarkastische Bonmot, das jemandem entschlüpft sein soll. Allem ‘Fiktionalen’ gehen diese Schreiber aus dem Weg, das große Thema lautet Ich-Ich-Ich, als Sensation verbacken wird alles, was diesen Ego-Pumpen zufällig irgendwo über den Weg lief. Schon sehe ich unverbesserlicher Pessimist diese Olympischen Ringe unter den Nasenlöchern des Schreibers …

Schöner schwätzen

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Zum Jahreswechsel, wenn der festliche Lärm und der Geist des Alkohols auch im Denkstübchen mental ansonsten unauffälliger Zeitgenossen die eingeschlafene Muse vom Lotterbett lockt, möchte jeder gern ein wenig ‘Esprit’ zeigen - wo er’s sonst schon nicht darf oder kann. Eine gekonnte Bösartigkeit, natürlich messerscharf und blank geschliffen, sorgt mit Sicherheit für die gebührende Bewunderung bei jeder Alt- oder Neuerkorenen, und sie rettet auch den Ruf, ein überaus heller Kopf zu sein. Hier einige Beispiele zur gefälligen Auswahl oder selbstgefälligen Variation fürs mitternächtliche Parlando:

Das Weib ist noch nicht einmal flach (Friedrich Nietzsche).
Nur für separate Herrenrunden in der Rauchpause zu empfehlen

Individualität ist eine Einbildung. Die tägliche Erfahrung zeigt, daß unser Herrgott die Menschen dutzendweise erschaffen hat (Johann Nestroy).
Womit man sich selbst prompt als Ausnahme zu jener Regel positioniert hat

Meinungsforschung ist der hartnäckige Versuch, andere Menschen glauben zu machen, was man selbst nicht glaubt (Thaddäus Troll).
Wenn’s mal wieder um die Zukunftsaussichten der Tigerenten oder der Sozis geht

Er war ein Pantoffel und stank am Ofen, / sie nannten ihn einen Philosophen (Christian Morgenstern).
Falls jemand mit Foucault oder Derrida herumzunerven beginnt

Es ist nichts so absurd, daß Gläubige es nicht glaubten. Oder Beamte täten (Arno Schmidt).
Vielzweckwaffe, einsetzbar von Al Qaida über Bürokratieabbau bis Zen-Buddhismus

Je kleiner die Leute, desto größer der Klamauk (Kurt Tucholsky).
Wenn Sarkozy, Lafontaine oder Berlusconi zum Thema werden

Die Menschen taugen nichts, bis auf ein paar (Hermann Löns).
Dabei freundschaftlich dem jeweiligen Gesprächspartner den Arm um die Schulter legen, schon hat man einen Freund fürs Leben

Schriftsteller, die ihrem Weltbild sprachlich nicht gewachsen sind, nennt man in Deutschland Seher (Gottfried Benn).
Wenn Sloterdijk oder Schirrmacher aufs Tapet kommen

Die Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält (Karl Kraus).
Wenn sich eine pädagogisch engagierte Gesprächspartnerin analytisch an der Person vergreifen sollte. Debatte garantiert …

Themenverlegenheit?

Sonntag, 06. Dezember 2009

Die gibt’s gar nicht - überall ist Wunderland, überall ist Leben. Vorausgesetzt, dort im Oberstübchen sind genügend geistige Reserven vorhanden, um ein Thema auch von allen Seiten zu beleuchten. Hier ein einfaches Rezept für den Selbstversuch, es stammt von Georg Christoph Lichtenberg:

“Man kann sicher bei verschlossnen Augen in das erste beste Buch den Finger auf die Zeile legen, und sagen, hierüber ließe sich ein Buch schreiben. Wenn man die Augen auftut, so wird man sich selten betrogen finden.”

Umkehrschluss:

Freitag, 04. Dezember 2009

Da die Anzeigen den Qualitätsjournalismus querfinanzieren müssen, bieten Anzeigenblätter auch den meisten Qualitätsjournalismus.

Verwandlung durch Wandel

Freitag, 27. November 2009

Mein Freund Udo kam Anfang der 80er Jahre aus Poona zurück, braun gebrannt und mit einem seligen Grinsen auf dem Gesicht. Am auffälligsten war die rote Kleidung, die er trug, die plötzlich allen in der WG rosafarbene Unterwäsche einbrockte, dann, wenn eine seiner Unaussprechlichen in die gemeinsame Wäsche geriet. Stellten wir ihn deswegen zur Rede, mussten wir ihn auf seinen Wunsch hin Swami Bodi Prenh nennen (oder so ähnlich). Er sei nämlich ‚erweckt‘ worden, sagte er, und hätte sich in einen neuen Menschen verwandelt. Tatsächlich - der Junge lachte viel mehr als früher, er war anscheinend immer gut drauf, das ewige Grübeln war verflogen, und auch ich in meiner Neugier begleitete ihn gelegentlich in das Center in der Roonstraße, wo er seine zweite Heimat gefunden hatte, um herauszufinden, was mit seinem Gehirn wieso geschehen sei.

Dort im Center gab es dann Tee und vegetarisches Essen, es wurde heftig meditiert, im Fernsehen liefen ständig irgendwelche ‚Lectures‘ des bärtigen Wunderrabbis, alle lachten wie die Honigkuchenpferde und abends jobbten viele in der Bhagwan-Disco. Probleme gab es einfach nicht, ‚Das ist doch dein Ding!‘ lautete die rituelle Antwort auf alles Negative, begleitet von einem ‚Finde es selbst heraus!‘. Wer Fragen stellte, geriet unweigerlich in eine gefährliche selbstreflexive Zone: „Hast du dir schon mal überlegt, warum du mich das jetzt fragst?“. Auf alle Fragen gab es Fragen …

Für mich unverbesserlichen Heiden bestand die angenehmste Erfahrung in dem Frauenüberschuss unter diesen Mala-Behängten. Verbunden mit einem strikten Verbot, irgendwelche festen Beziehungen einzugehen, außer spirituell zum großen Bhagwan natürlich. Lauter ehemalige Psychologinnen, Lehrerinnen und Sozialwesen suchten dort regelmäßig nach Triebabfuhr, ohne mir auch nur einmal ‚Ich liebe dich‘ ins Ohr zu säuseln. Für einige Monate verwirklichte sich für mich der alte Sponti-Spruch: „Wer zweimal mit derselben pennt …“ - oft genug in einer einzigen Nacht, schließlich hatten alle Schlafräume sechs Betten. Was war ich damals noch fit!

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Die missverstandene Typographie

Dienstag, 24. November 2009

Die Schrift ist nicht der Text, sondern nur die Verpackung. Tara also. Erst der enthaltene Gedanke bringt den Nettogewinn, fehlt er, fehlt die ‘Ware’, wie in einer leeren Verpackung. Manche Stylisten im Dienste der Corporate Design vergessen das gern …