Archiv für die Kategorie ‘Grundsätze’

Die Ölprinzen

Samstag, 13. Februar 2010

Zum Thema der Intelligenzwerdung gibt es neuerdings besonders ‘einsichtige Einsichten’, die dazu noch den Vorteil haben, dass sie auf (natur)wissenschaftlicher Grundlage stehen. Ich will bei meinen Quellen nicht ins Detail gehen, wen es interessiert, der möge unter Suchbegriffen wie Gerhard Roth, Humberto Maturana, Kognitionswissenschaft, Konstruktivismus oder Metaphernforschung näheres nachschlagen.

Das Bild, das sich inzwischen zeigt, bietet eine Erklärung dafür, weshalb so viele junge Menschen bei formal hoher Qualifikation trotzdem dumm und unflexibel bleiben. In meinem privaten Sprachgebrauch spreche ich bei diesem Typus von ‘den Ölprinzen’, was nicht heißen soll, dass nicht die eine oder andere Prinzessin darunter ist.

Zur Sache - und in gebotener Verkürzung: Der Mensch wird erst durch Reduktion seiner anfänglichen Gehirnkomplexität ‘intelligent’, weniger wird hier gewissermaßen mehr. Zum Zeitpunkt seiner Geburt ist er ein komplett vernetztes System: Jede Gehirnzelle steht mit nahezu jeder anderen in Kontakt. Die große Lehrmeisterin, die Erfahrung, räumt dann ab den ersten Lebensmonaten in diesem Überfluss gewaltig auf: Erhalten bei der nun einsetzenden großen Reduktion bleiben jene ‘Cluster’, die auch gebraucht wurden. Je mehr und je unterschiedlichere Erfahrungen ein Mensch schon früh macht, desto feiner strukturiert bleibt folglich auch sein Gehirn. Die restlichen Verbindungen sterben ab oder treten in den Hintergrund. Daher kommt es darauf an, schon dem Säugling und Kleinkind möglichst viele Anregungen und Kontakte mit der Erfahrungswelt zu bieten, damit es überhaupt die Chance hat, intelligent zu werden. Intelligenz ist also nicht angeboren.

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Mythen des Qualitätsjournalismus

Montag, 18. Januar 2010

Objektive Berichterstattung - das ist das große Ideal aller Journalistenschulen nicht nur in Deutschland. Um diesem Ideal näherzukommen, müssen die Journalisten - wiederum idealerweise - die Regeln des altehrwürdigen Qualitätsjournalismus bimsen. Als da wären:

1. Information und Meinung müssen scharf getrennt sein - jede Meinung des Verfassers wird klar gekennzeichnet und möglichst in einen separaten Text (Leitartikel, Kolumne, Glosse) abgedrängt.

2. Informierende Textsorten sind hingegen wertungsneutral verfasst, sie berichten strikt nur von Fakten und Äußerungen anderer.

3. Es gibt eine neutrale Sprache für die Berichterstattung.

4. Ein Faktum gilt nur dann als bestätigt, wenn es von mindestens zwei Quellen bestätigt wird. Usw.

Mit nahezu allen Erkenntnissen der Hirnforschung (Kognitionswissenschaft) stehen diese bemoosten Ansichten im Widerspruch. Der Reihe nach:

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Medienhass

Sonntag, 10. Januar 2010

Klar, das ‘Anzeigenvolumen breche weg‘, das ‘Nutzungsverhalten habe sich dramatisch verändert‘ und die ‘Zielgruppen seien volatiler geworden‘. So oder ähnlich tönt es uns aus allen Studien und Gazetten entgegen, dort, wo sie ihre eigene mediale Situation gut strukturalistisch zu reflektieren versuchen. ‘Mehr Qualitätsjournalismus‘ lauten die empfohlenen Gegenmaßnahmen, ‘mehr Syndication‘, also mehr vom Selben in immer mehr Blättern, um so die Kosten zu senken. ‘Paid-Content-Wälle‘ müssten her … wir alle kennen längst die tief ausgefahrenen Spuren in der großen Mediendebatte. Intelligente Ausnahmen sind dabei selten. Ein entscheidender Faktor kommt überall zu kurz: Der werte Leser.

Zeitungen und andere Altmedien werden längst nicht mehr primär für den Leser geschrieben: Die Interessen der Wirtschaft und die geforderten werblichen Punktlandungen aus den Marketing-Abteilungen, die PR-Absichten einer zuliefernden quasi-journalistischen Materialbeschaffungsindustrie … dies alles zählt sehr viel mehr als ausgerechnet das Interesse jener dummen Ferkel am Trog, die das resultierende mediale Mastfutter tagtäglich dann ausschlabbern sollen, damit die Anzeigenabteilung wiederum behaupten kann, das frische und freche Medium würde von den relevanten Zielgruppen auch gelesen.

Das Resultat eines allzu lange betriebenen Kollektiv-Verfahrens war absehbar, aber kaum jemand redet darüber: Es existiert inzwischen eine großer Medienhass in der Gesellschaft, der demjenigen auf ‘die Parteien’ gleichkommt. Vice versa ist dies verbunden mit jener Verachtung der Leserschaft in allzu vielen Redaktionen, die sich auch stilistisch zunehmend schluderhaft äußert - oder eben gar nicht mehr auszudrücken vermag. Das Publikum würde die herabgefallenen Brocken disparater Weltbilder vom Tisch der Verleger schon fressen.

Genau das eben tut es nicht (mehr).

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Nagelprobe

Freitag, 25. Dezember 2009

Gerade die ‘eingerosteten Metaphern’ sind tückisch. So hat die bei Politikern beliebte Nagelprobe ihren Ursprung in altdeutschen Saufsitten: Ein Trinkgefäß galt nur dann als befriedigend gelehrt, wenn das ausgetrunkene Glas beim Umdrehen nicht mehr Restflüssigkeit herausrinnen ließ, als auf einem daruntergehaltenen Daumennagel Platz fand.

Wenn unser oberster Gewerkschaftsführer jetzt verkündet: “2010 wird zur Nagelprobe für den Sozialstaat”, dann geht er also davon aus, dass der Becher mit den Sozialmilliarden bereits nahezu restlos ausgesoffen sei - von wem auch immer - und dass die anstehenden Verteilungskämpfe sich allenfalls noch um ein paar tröpfelnde Restmilliönchen drehen könnten.

Da ich kaum glaube, dass der Herr Sommer diese illustrativ zwingende Bildwirkung beabsichtigt hat, können wir zu seiner Rechtfertigung einzig und allein den folgenden Schluss ziehen: Das Wortbild von der Nagelprobe ist im allgemeinen Sprachgebrauch bereits derart ausgeschlürft und von jeder Anschaulichkeit entleert, dass eine Nagelprobe ‘aufs Leben im Wort’ auf jedem Babydaumennagel Platz fände. Dafür spricht auch die weitere Auslassung des Herrn, die mit der Sache in keiner anschaulich gearteten Bildwirkung mehr steht: “[2010] wird die Nagelprobe, ob dieser Sozialstaat trägt”. Um im Bild zu bleiben: Ein blauer Daumennagel wäre wohl die mindeste Folge, vor allem dann, wenn dieser schlimme Finger den gesamten Sozialstaat tragen soll.

Kurzum: Das Reden politischer Funktionäre ist abschaulich - und nicht anschaulich. Vielleicht liegt hier das Geheimnis ihrer mangelnden Wirkung …

Wo ist der Leser?

Freitag, 13. November 2009

Die große Printkrise, für deren unschwere Vorhersage ich vor einem Jahr in der Schweizer medienlese noch Prügel ohne Ende bezog, sie ist längst in aller Munde. Man kann kein Medienportal mehr aufschlagen, ohne dass lauthals gebarmt oder wild mit Konzepten zur Überwindung der Misere gewedelt wird. Vor einem Jahr, als die medienlese die Tore schloss, da hingegen klang es aus den Reihen der Printjournalisten noch so:

“Es ist nicht schade. Das Geschäftsmodell hat nicht funktioniert. Dass jetzt die gleichen Leute jetzt allen Ernstes mit Bettelei versuchen, ihren Blog zu erhalten, die gleichen Leute, die voller Hohn über die angeblich anachronistischen Geschäftsmodelle der Zeitungen geschrieben haben, und gar den ganzen Journalismus runterschrieben (Festangestellte!) ist ein netter Witz. Es ist nicht das Internet, es sind die Journalisten, schrieb der Herr Jarchow, die selbst Schuld sind an ihrer Misere. Ressentiments der Zukurzgekommenen.” (Kommentar No. 67)

Da also war die Welt in Holzhausen noch in Ordnung - die Printjournalisten, das waren die Profis, und die Online-Fuzzies waren die Bönhasen, die an jenen Qualitäten doch gar nicht zu klingeln vermochten. Inzwischen ist längst die Stunde der Unternehmensberater gekommen. Im Branchenblatt ‘Horizont’ haben fünf von ihnen Ansätze zur Rettung der Verlage verfasst, im Vorfeld einer Tagung der Zeitungsverleger zum Thema ‘Medienwandel’. Was mir dabei auffällt - die Worte ‘Leser’ oder ‘Schreiber’ oder auch ‘Journalist’ kommen in diesen Texten so gut wie nicht mehr vor. Der Sound klingt vielmehr so:

“Technologiekompetenz ist unerlässlich - man könnte ketzerisch formulieren, dass der Blattmacher des 21. Jahrhunderts ein Software Engineer ist, der es versteht, Content (semi-) automatisch aufzubereiten und diesen sowohl nutzergerecht zu bündeln als auch den User zu inspirieren. Dazu muss man keine Infrastruktur erwerben, sondern sich tendenziell von der vorhandenen Infrastruktur (Druck, Distribution) trennen. (Martin Fabel, Vice President, A.T.Kearney Berlin)

Kurzum, der Leser ist zum ‘User’ oder ‘Benutzer’ mutiert und der Schreiber wird künftig wohl durch ’semi-automatische Content-Produzenten’ ersetzt, wie immer man sich das vorstellen soll. Deutlicher kann wohl niemand zu verstehen geben, dass er von der Geschichte und Funktion des Journalismus nichts versteht. Der Journalismus hat unverändert die Aufgabe, ‘Öffentlichkeit’ für gesellschaftlich relevante Themen herzustellen, und zwar so, dass der Leser das tut, was wiederum dessen Aufgabe ist: dass er den Text also auch liest oder ‘rezipiert’. Es fehlt aber gerade an “Blattmachern”, die solches auch tun. Werden die Waren, also die Texte, nicht so verfasst, wie eben geschildert, dann fallen sie in den verdienten Orkus - und die Werbung hat folglich ebenfalls nichts davon. Bei diesen Herren aber gewinnt ein Leser den Eindruck, es ginge beim Journalismus darum, ein möglichst optimales Anzeigenumfeld möglichst billig und auf Recycling-Basis zu generieren:

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Diese Arbeit ist nicht jene Arbeit

Dienstag, 06. Oktober 2009

Ein Wort bedeutet keineswegs das, was im aktuellen Lexikon steht. Sondern immer nur genau das, was ein Hirn zu einem gegebenen Zeitpunkt mit diesem Wort verbindet. So verläuft eben Information - sie haust nicht in den Wörtern, sie steckt in den Köpfen.

Nehmen wir als Beispiel das Wörtchen ‘Arbeit’. In meiner Jugend definierte sich kaum ein Mensch über die Arbeit, zumindest nicht unter uns Lehrlingen, Schülern und Studenten. Die Arbeit war ein notwendiges Übel, das uns lebenslang begleiten würde, sie nervte, aber es war nichts, was den Wert eines Menschen unter uns festlegte. Ob jemand Heizungsmonteur, Bauer, Historiker oder Bankkaufmann war, das spielte keine Rolle. Wichtig war, ob jemand ein Freund und guter Kumpel war, oder ein A…loch. So verlief die soziale Skala. Das eigentliche Leben fand nach 18.00 Uhr und am Wochenende statt. Da zeigte sich, aus welchem Holz jemand geschnitzt war. Das Karrieregefasel überließen wir den Eltern …

Heute hingegen umtanzen nicht nur die Parteien das goldene Kalb der regelmäßigen Arbeit, so, als sei sie der eigentliche Lebensinhalt. Auch die Selbstdefinition der arbeitenden Menschen verläuft heute entlang dieser Schiene - alle sind im Sinne unserer Eltern ‘erwachsen’ geworden. Dabei existiert nicht nur die Grenze oder Fundamentaldifferenz, Arbeit zu haben oder arbeitslos zu sein. Es geht längst viel tranchierter zu: Die Art der Arbeit und der Name des Berufes verleihen den Status, die Bezahlung der Arbeit bestimmt den zwischenmenschlichen Rang. Da darf heute ruhig jemand Makler sein, Schönheitschirurg oder GEZ-Eintreiber, Berufe, bei deren Wortklang es uns früher geschüttelt hätte. Die soziale Regel im Neoliberalismus heißt: Hauptsache Cash - egal womit …!

Nach einem goldenen Schlüssel richtet sich im Kindesalter schon die ‘Karriereplanung’ - auch so ein Wort, dass es damals nicht gab: Wir lernten etwas, gingen in die Ausbildung oder auf die Uni, lavierten uns durch, und wo wir später mal landen würden - ja, Herrgott, das Leben ist doch bunt! Vielleicht lande ich später mal als Schmuckverkäufer in Goa. Hauptsache, etwas erleben!

Nun aber meldet ein junger Mensch sich als Teenager bei Karriereportalen an, kein unvorteilhaftes Bild darf in die Community gelangen, die Assessment-Center der Unternehmen kommen zu den Proseminaren mit Arbeitsverträgen in den Hörsaal gestürmt, am Ende der Ausbildung verlassen charakterliche Klonschafe, personifizierte Wirtschaftserwartungen die Prägeanstalt. Und wenn jemand glücklich - sagen wir mal - Banker wurde, dann verbringt er anschließend auch die ‘Blue Hour’ (früher FREIzeit genannt) immer nur unter seinesgleichen. Inzucht, soziales Unwissen und Snobismus prägen folgerichtig eine Generation, deren Lerneffekt in Sachen Lebenstauglichkeit gleich Null ist.

Später dann wundern sie sich, weshalb sie auch auf teuersten Fernreisen nichts wirklich erleben, weshalb jede Lebenserfahrung ihnen zeitlebens fremd bleibt und wieso sie immer öfter in Depression verfallen. Kein Wunder, sie haben das Erleben nie gelernt, sondern immer nur Robotten und Bizziniss. Tscha - und im Alter heißt es dann: “Und das soll jetzt alles gewesen sein?”. Sie können vor Gevatter Hein noch nicht einmal eine Lebensbilanz ziehen, weil sie kein Leben führten, sondern immer nur an Arbeit, Arbeit, Arbeit dachten …

So viel Wandel und auch Macht über uns steckt in dem kleinen Wort ‘Arbeit’ drin - man sieht es ihm gar nicht an.

An der Oder-Grenze

Donnerstag, 01. Oktober 2009

Die stille, ausschließende Gewalt des Wörtchens ‘oder’ wird oft unterschätzt. Oettingers Expertenrunde aus Pädagogen, Püschologen und noch so allerlei kam nach dem Amoklauf von Winnenden jetzt zu folgendem Schluss:

Außerdem verfügten Amoktäter “zum Teil über enorme Treffsicherheit durch Einübung mit scharfen Waffen ODER bestimmten Computerspielen”.

Es gibt dort also eine ‘Einübung mit scharfen Waffen’, die sich gar nicht auf der Festplatte abspielt, sondern ganz konkret mit Smith & Wesson und Luger hantiert. Hierdurch - durch das intensive Training an realen Waffen also - würden die Opferzahlen bei der Tat enorm in die Höhe schnellen. Gemeint sind natürlich die Sportschützen- und Schützenvereine, wo nahezu alle Amokläufer ein Combat-Training absolvieren durften. Die Experten setzen diesen Faktor zu recht an die erste Stelle relevanter Tatfaktoren - und sie stellten durch das ‘oder’ auch klar, dass die beiden Faktoren nicht unbedingt ‘arm in arms‘ auftreten, denn dieses ‘oder’ weist grammatisch glasklar auf eine Alternative hin, es ist keine Summierung, wie sie durch ein ‘und’ signalisiert worden wäre: Das eine allein ist möglich, das andere allein ist möglich, aber auch beides zusammen ist möglich.

Was aber macht die Politik aus der grammatisch ziemlich eindeutigen Empfehlung ihrer selbsteingesetzten Experten: Sie lässt die Hauptverantwortlichen in den Honoratioren-Ballervereinen mal wieder ungeschoren davon kommen: Sie fordert inkonsequenterweise NUR das Verbot von ‘Killerspielen’, obwohl doch - wenn schon, denn schon! - zu einer wirklich durchgreifenden Vorbeugung BEIDE Faktoren sanktioniert werden müssten. So ist das eben, wenn man wiedergewählt werden möchte … und der nächste Amoklauf ist damit vorprogrammiert. Auch dann, wenn weit und breit kein Killerspiel mehr in Sicht sein sollte.

*Disclaimer*: Ich habe schon ‘Wizardry’, ‘Ultima’, ‘Might & Magic’ und andere ‘Killerspiele’ gespielt, als ein Oettinger noch gar nicht wusste, wie er einen Computer bedient. Ich bin gewissermaßen das Gegenbeispiel dafür, dass das Monstermetzeln und Orkschlachten eben nicht auf geradem Weg zur Amoktat führt. Nimmt man seine ‘Experten’ aber ernst, dann sollten die politischen Entscheider zumindest auch deren Empfehlungen ernst nehmen, und keine populistische Rosinenpickerei betreiben …*

Old Boys - Mixed Answers

Montag, 07. September 2009

Der größte Vizekanzlerkandidat aller Zeiten, Frank-Walter Steinmeier, hat der Carta einen Vorabdruck zu den Positionen zukünftiger SPD-Medienpolitik gegeben. Der aber nach Lage der Dinge wohl nur dann ansatzweise umgesetzt werden könnte, wenn’s erneut zu einer großen Koalition käme. Klar wird mir bei der Lektüre eins - unsere Parteien sind durch die Bank noch gar nicht Anno Internet angekommen. Unverdrossen reduzieren Sie alle Medienvorgänge auf ‘Massenmedien’ und auf ‘Opinion Leader’, unbeirrt gibt es nur eine wahrhaft demokratische Beziehung, diejenige zwischen ‘Politik’ und ‘Massenmedien’. Steinmeier schreibt:

“Um so mehr sollten Politik und Medien gemeinsam diesen öffentlichen Diskurs pflegen. Mit Abstand und Kritik, aber eben auch mit Respekt für einander. Öffentliche Meinung und veröffentlichte Meinung sind nicht zu trennen und Öffentlichkeit, das haben wir spätestens von Jürgen Habermas gelernt, ist eine zentrale Kategorie der aufklärerischen Tradition, die aber eben auch einem tief greifenden Strukturwandel unterworfen ist. Die Massenmedien haben die Rolle eines elektronischen Lagerfeuers übernommen. Im Idealfall sammeln, bündeln und bewerten sie, was eine Gesellschaft bewegt und bewegen müsste, und tun das in der Weise, dass in einer Gesellschaft Meinungsvielfalt und -zugang gewährleistet sind.”

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Fakten vs. Erzählung

Samstag, 05. September 2009

Auch große Sprachmeister liegen gelegentlich neben der Spur mit ihrem Gespür. So steht bei Helmut Heißenbüttel eine Goethe-Parodie am Anfang seiner Erzählung von ‘D’Alemberts Ende’: “Eduard - so nennen wir einen Rundfunkredakteur im besten Mannesalter - Eduard hatte im D-Zug München-Hamburg …“. Das ist natürlich bis zur Namensgleichheit hin eine Parodie auf diesen berühmten Beginn der ‘Wahlverwandtschaften’:

“Eduard - so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter - Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen”.

Wo aber bei Goethe alles im Ungefähren verbleibt - wir erfahren zum Beispiel nicht, welche Stunde an einem beliebigen Aprilnachmittag denn wohl die schönste sei, wo die Handlung überhaupt spielt etc. - da geht es bei Heißenbüttel viel präziser zu. Und es ist wiederum diese Faktizität, die den Text erzählerisch in meinen Augen schon von der Startlinie weg lahmen lässt:

“Eduard - so nennen wir einen Rundfunkredakteur im besten Mannesalter - Eduard hatte im D-Zug München Hamburg (Ankunft Hauptbahnhof 21.19) die schönsten Stunden eines Julinachmittags (25. 7. 1968) zugebracht und betrachtete mit Vergnügen die Gegend zwischen Lüneburg und Harburg”.

Ankunftszeiten, der Ort, das exakte Datum - Heißenbüttel flutet seinen Text geradezu mit journalistischen Tatsachen. Wir erfahren sogar von einem allwissenden Verfasser, dass sein Held ‘mit Vergnügen’ aus dem Fenster schaut. Zugleich zerbröselt unter dem informationellen Störfeuer all dieser Fakten unsere Teilnahme am Text. Weshalb ist das so?

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Noch ‘ne Lokalrunde

Mittwoch, 12. August 2009

Das Hohelied auf den Lokaljournalismus, wie es prototypisch der Kollege Jakubetz dort singt, samt der Anklage gegen die bösen Verleger, die dieses Idyll jetzt geschleift hätten, beides scheint mir doch arg geschichtsvergessen. Journalisten arbeiten seit Wilhelms des Bärtigen Zeiten in kapitalistischen Verwertungsbetrieben, sie produzieren dort Text als Ware, sie sind von Beruf ‘Gebrauchsschriftsteller’, deren Ergüsse nach einer Woche vergessen sind. Sollten sie diese schlichten Wahrheiten verdrängt haben, dann dürfen sie nicht ihren Verlegern die Schuld für diese Amnesie geben. Zitieren wir zum Einstieg einen Mann, dessen medienkritische Texte gerade deswegen ein wenig ins Seitenaus gerieten, weil er von den Medien besonders gern zitiert wird. Dann aber natürlich nicht ausgerechnet mit solchen Themen. Ich rede von Kurt Tucholsky:

“Die Zeitung ist ein Geschäft. Sieht man von Partei-Organen ab, die es auch nicht gerade von sich weisen, wenn aus ihren Zeitungen Überschüsse herausspringen, so haben wir es bei der Zeitung, wie sie heute ist, mit einer rein kapitalistischen Unternehmung zu tun, die in sehr geschickter Weise den Nachrichtendienst und die für den Warenmarkt nötigen Anpreisungen zu verquicken gewußt hat. Daß diese beiden Elemente aufeinander ohne Einfluß bleiben, ist ohne Beispiel. Die politische Tendenz des Verlegers, also des Blattes, ist für ganz bestimmte Schichten von Lesern, also auch von Inserenten bestimmt; die geistigen und wirtschaftlichen Eigenschaften der Leserschaft und der Inserenten beeinflussen selbstverständlich die Redaktion.” [K.T.: GA 5, 81 f]

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