Archiv für die Kategorie ‘Wortschätze’

Öchsperten - ein altes Problem

Donnerstag, 11. Februar 2010

Wenn daher die Wilden meinen, die Affen reden nicht, um nicht arbeiten zu dürfen, so irren sie sich: denn bei uns reden sie eben deswegen.
(Jean Paul: Bittschrift der deutschen Satiriker. II, 1, 607)

Bücherlisten

Dienstag, 09. Februar 2010

Weil ich hier wieder mal über eine Liste jener Bücher stolperte, die angeblich jedermann gelesen haben sollte, setze ich einfach mal - streng prosaisch - meine eigene Liste dagegen (die Reihenfolge sagt nichts über den Rang aus, wer ein Drittel davon kennt, nähert sich in meinen Augen der Satisfaktionsfähigkeit):

1. Knut Hamsun: Hunger
2. Albert Paris Gütersloh: Sonne und Mond
3. Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen
4. Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre
5. Wilhelm Raabe: Stopfkuchen
6. Gottfried Keller: Der grüne Heinrich
7. Alfred Döblin: Wallenstein
8. Heimito von Doderer: Die Dämonen
9. Jack Kerouac: On the Road
10. Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften
11. Franz Kafka: Das Schloss
12. Hermann Hesse: Narziss und Goldmund
13. Theodor Fontane: Der Stechlin
14. Erich Kästner: Fabian
15. J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe
16. Anton Cechov: Die Steppe
17. Leo Tolstoi: Auferstehung
18. Emile Zola: Der Bauch von Paris
19. Jean Genet: Notre Dame des Fleurs
20. Charles Dickens: Bleakhouse
21: Maxim Gorki: Klim Samgin
22. Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Grey
23. Joris Karl Huysmans: Da unten
24. Sherwood Anderson: Eines Geschichtenerzählers Geschichte
25. Stendhal: Rot und Schwarz
26. Herman Melville: Moby Dick
27. Wassilij Grossman: Leben und Schicksal
28. Jan Graf Potocki: Die Handschrift von Saragossa
27. Miguel Cervantes: Don Quixotte
28. Ernest Hemingway: Inseln im Strom
29. Casanova: Die Geschichte meines Lebens
30. Francois Rabelais: Gargantua und Pantagruel
31. Jean Paul: Siebenkäs
32. Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm
33. Heinrich Albert Oppermann: Hundert Jahre
34. Jeremias Gotthelf: Die Käserei in der Vehfreude
35. Kuno Raeber: Alexius unter der Treppe
36. Upton Sinclair: Der Dschungel
37. Nikolaij Gogol: Die toten Seelen
38. David Foster Wallace: Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich
39. Laurence Sterne: Das Leben des Tristram Shandy
40. Johann Carl Wezel: Hermann und Ulrike
41. Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
42. Johann Gottwerth Müller: Siegfried von Lindenberg
43. Hans Fallada: Wolf unter Wölfen
44. Peter Rühmkorf: Die Jahre, die ihr kennt
45. Ludwig Thoma: Altaich
46. Frank Schulz: Morbus Fonticuli
47. Clemens Brentano: Godwi
48. Heinrich Heine: Lutetia
49: Ilja Ehrenburg: Das bewegte Leben des Lasik Roitschwanz
50. Christian Reuter: Schelmuffskys curiose und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und Land
51. Joseph Conrad: Sieg
52. Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus
53. Luigi Pirandello: Die Aufzeichnungen des Kameramanns Serafino Gubbio
54. Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe
55. F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht
56. Wilhelm Busch: Balduin Bählamm
57: Karl Immermann: Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken
58. Alain René Lesage: Gil Blas
59. Christoph Martin Wieland: Die Abderiten
60. Bertolt Brecht: Der Dreigroschenroman
61. E.T.A. Hoffmann: Klein Zaches genannt Zinnober
62: Erckmann-Chatrian: Ein Soldat von 1813
63: Michel de Montaigne: Essais
64. Pietro Aretino: Hetärengespräche
65. Fjodor Dostojevskij: Die Dämonen
66. Achim von Arnim: Die Kronenwächter
67. Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht
68. Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum
69. Vladimir Nabokov: Durchsichtige Dinge
70. Ödon von Horvath: Jugend ohne Gott
71. Sinclair Lewis: Babbit
72. Edgar Allan Poe: Arthur Gordon Pym
73. Jonathan Franzen: Die Korrekturen
74. Raymond Chandler: Die kleine Schwester
75. Lion Feuchtwanger: Erfolg
76. Heinrich Mann: Der Untertan
77. Joachim Ringelnatz: Als Mariner im Krieg
78. Henry Roth: Ein schwimmender Fels am Ufer des Hudson
79. Ulrich Holbein: Narratorium
80. Arno Schmidt: Leviathan
81. Karl Philipp Moritz: Anton Reiser
82. Samuel Pepys: Die Tagebücher
83. Jonathan Swift: Gullivers Reisen
84. Gustave Flaubert: Salammbo
85. Alvaro Mutis: Die Abenteuer und Irrfahrten des Gaviero Maqroll
86. Daniel Defoe: Moll Flanders
87. Italo Svevo: Zenos Gewissen
88. Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers
89. Wolf von Niebelschütz: Kinder der Finsternis
90: Voltaire: Geschichte Karls XII.
91. Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel
92. Tom Wolfe: Fegefeuer der Eitelkeiten
93. Ambrose Bierce: Des Teufels Wörterbuch
94. Sebastian Brant: Das Narrenschiff
95. Isaak Babel: Budjonnys Reiterarmee
96. Ludwig Börne: Briefe aus Paris
97. John Steinbeck: Früchte des Zorns
98. John Cowper Powys: Glastonbury Romance
99. Gustav Meyrink: Des deutschen Spießers Wunderhorn
100. Gilbert Shelton: Die Freak Brothers

Na also - ging doch! In einer Dreiviertelstunde hatte ich es in die Tastatur gehämmert, ganz ohne Autorendoppelung. Sehr viel ‘klassischer’ als die Vorlage, ich weiß. Was lese ich auch ständig solch alten Scheiß! Ergänzungen willkommen.

Kollektivmonolog

Freitag, 05. Februar 2010

Es war zwar der Günther Anders, der das Wort vom ‘Kollektivmonolog‘ prägte, und dies auch noch in einem anderen Zusammenhang. Als Bezeichnung für das, was ein heutiger Leser erblickt, schaut er auf die Verbalsteppe aus Tagesjournalismus und Politröhricht, wo nur nur hie und da noch ein verirrter Tumbleweed frucht- und ziellos durch die endlosen und dürren Zeilen staubgrauen Gemöhres rollt, taugt das Wort aber auch …

Berufsbild Opposition

Sonntag, 31. Januar 2010

Was für uns während der Weimarer Republik Tucholsky oder Kisch waren, dass war zu jener Zeit für die Amerikaner H. L. Mencken, der Publizist des Jazz-Zeitalters. Ein Mann, dem nicht nur die erste linguistische Bestandsaufnahme der ‘amerikanischen Sprache’ gelang, sondern der auch als Texter wie als Herausgeber die öffentliche Meinung der Vereinigten Staaten tiefgreifend prägte. In seinen Tagebüchern gibt er - angewidert von der ‘Kapitulation’ der amerikanischen Presse vor Roosevelt’s New Deal und der Kriegszensur - eine Definition der journalistischen Aufgabe, die bis heute Gültigkeit haben könnte, nur leider nicht hat. Eine Zeitung habe den Regierenden, egal von welcher Partei, vor allem Paroli zu bieten und dem ‘common sense’ Gehör zu verschaffen:

“Die Funktion einer Zeitung besteht in einer Demokratie darin, den herrschenden Quacksalbern eine Art Daueropposition zu bieten. Sobald sie versucht, deren Gejohle noch zu übertreffen, büßt sie ihren Charakter ein und macht sich lächerlich. … In Raucherabteilen und Friseurläden hört man vernünftigere Ansichten als in den Leitartikeln einer angeblich abgeklärten, intelligenten und integren Zeitung. Das dürfte sich als schlechte Taktik erweisen.” (H. L. Mencken, Werke 2, S. 215)

Womit wir umstandslos beim heutigen journalistischen Jubelpersertum und bei einer historischen Ursache der derzeitigen ‘Medienkrise’ angelangt wären …

Den Sprachpuristen

Sonntag, 17. Januar 2010

Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern aus was für Elementen er bestehe, der geistlose hat gut rein sprechen da er nichts zu sagen hat.”
(Johann Wolfgang von Goethe, MA 11.2, 226)

Denkfutter

Dienstag, 03. November 2009

Botho Strauß über die in Devotion ersterbende Interviewtechnik der zahnlosen Pressezunft - auch als Lenor-Verfahren oder Johannes-B.-Kerner-Stil bekannt: “Sie fragen ihr Fräglein.” In vier Worten ist alles gesagt, besser geht’s kaum.

(Wohnen - Dämmern - Lügen, 38)

Denkfutter

Dienstag, 27. Oktober 2009

Keine Kultur kann auf die Dauer eine soziale Ordnung verkraften, in der drittklassige Geschäftsleute erstrangige Männer aus den Führungsrollen verdrängen.”
Henry Louis Mencken (1880 - 1956) über die neue schwarzgelbe Koalition

Was ist eine Information?

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Das Wesen der journalistischen Nachricht glossierte Kurt Tucholsky im Jahr 1924, als er für die ‘Weltbühne’ ein Buch von Siegfried Bryk besprach (GA VI, 411 ff). Nehmen wir an, sagt Tucholsky, ein Bankier träume eines Nachts ganz intensiv von einer Goldmine. Mit der Geschichte von diesem Traum ginge er am nächsten Tag auf eine Redaktion - und er würde dort ein paar Scheinchen auf den Tisch des Hauses legen.

Dass er Geld gegeben hat, das sei dann ganz und gar keine journalistische Nachricht, sagt Tucholsky. Auch nicht, dass er das alles nur geträumt habe. Aber die Existenz der Goldmine, das sei eine waschechte journalistische Information … das wird gedruckt.

Sagt ein großer Stilist:

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Ich habe schon manches Stilproblem zuerst durch den Kopf, und dann durch Kopf und Adler entschieden.”
Karl Kraus, Fackel 309 - 310, S. 39

Zitate zur Zeit

Dienstag, 22. September 2009

Aber siehst du, eine Bank oder Gesellschaft kann das nicht, weil diese Kreaturen ja keine Luft atmen und sich nicht von Fleisch nähren. Sie atmen Profite, und sie nähren sich von Geldinteressen. Wenn sie das nicht bekommen, sterben sie, wie du stirbst ohne Luft und Fleisch. Es ist eine traurige Sache, aber es ist so. Es ist einfach so. (…) Eine Bank ist nicht wie ein Mensch. Oder einer, der fünfzigtausend Acker besitzt, ist auch nicht wie ein Mensch. Das ist das Ungeheuer (…) Die Bank ist ganz etwas anderes als Menschen. Jeder Mensch in der Bank hasst das, was die Bank tut, und doch tut die Bank es. Die Bank ist mehr, als Menschen sind, das sage ich dir. Sie ist ein Ungeheuer. Menschen haben sie gemacht, aber sie können sie nicht kontrollieren.”
John Steinbeck: Früchte des Zorns, 37 ff