Zwischen dem Berichterstatter und dem Erzähler, zwischen dem Rechercheur und dem Beobachter, aber auch zwischen Journalisten und Journalisten besteht ein himmelweiter Unterschied. Nehmen wir irgendein banales Thema - zum Beispiel einen kleinen Vorstadtzirkus, der just in die Stadt gekommen ist. Der Lokaljournalist würde uns mit den Fakten langweilen: Wie lange dieser Zirkus in der Stadt sei, wann die Vorstellungen anfangen und wann Familientag sei, welche Nummern es gebe, wo die Truppe zuvor gewesen sei, wie viele Pferde, Tiger, Trapezkünstler durch die Arena traben werden, wie der Direktor höchstselbst das Programm kennzeichne, garniert möglichst mit wörtlicher Rede.
Ganz anders der subjektive Beobachter: Er sieht die Dinge, die niemandem aufgefallen wären, selbst wenn andere gleichzeitig mit ihm vor Ort gewesen wären. Und er legt ständigen Wert auf das Apercu, auf kleine Menschlichkeiten, auf das Bezeichnende, während jedes Faktum nur unterschwellig und klammheimlich, gewissermaßen als Schmuggelware, in seinen hemmungslos impressionistischen Text einfließen darf:
“Da es um acht Uhr anfangen soll, klatscht man schon dreiviertel acht in die Hände, vor Schaulust und vor Kälte. Der Direktor hat, wie er sagt, eine goldene Taschenuhr, er behauptet auf Grund dessen, es sei erst dreiviertel - “was wollt ihr also?” -, und die Musik spielt einen Marsch zur Beruhigung. Bis Punkt acht Uhr irgendwo im Hintergrund eine Glocke hell hineinfällt in Geigenton und Flügelhorn und der Mann mit dem zahmen Büffel kommt.
Draußen poltert der elektrische Motor, der die Beleuchtung herstellt, und zwei große, rote Bogenlampen schaukeln wie seltsame, übersinnliche Glasfrüchte im Winde. Und Besitzlose stehen und warten auf die Pause, während der man vielleicht doch unbemerkt und kartenlos hineinkommen wird.”
Auch hier erfahren wir - dem ersten Anschein zum Trotz - viele Fakten: Dass es kalt war beispielsweise, dass der Direktor eine Art Rolex hat, dass eine Büffelnummer am Anfang steht, dass eine Wirtschaftskrise herrscht - aber dies sind jene Tatsachen, die ein Ressortchef ‘nicht wichtig’ nennen würde, bevor er uns diesen Text um die Ohren haut. Wer also durfte so gegen das Markwort’sche Gesetz und gegen die dürre dpa-Prosa der Journalistenschulen anschreiben? Nun, es ist natürlich ein Großer des Journalismus. Weshalb er auch ins Museum und in die Vitrine kommt - und gar nicht erst als Beispiel für das Krüppelholz des heutigen Lohnschreibertums herangezogen wird. Hier schreibt der - soweit wir wissen - bestbezahlte Zeitungsschreiber der Weimarer Republik: Es handelt sich um Joseph Roth - in einem Artikel für die Frankfurter Zeitung vom 15. 4. 1923 …