Artikel mit ‘Autorenjournalismus’ getagged

Der Berliner Börsen-Courier

Freitag, 17. Juli 2009

An Tagen, an denen ich kulturpessimistisch gestimmt bin, halte ich unsere Bourgeoisie für intellektuell arg auf den Hund gekommen. Um zu dieser Diagnose zu gelangen, genügt es, den Medienkonsum einer heute doch eher bildungsfernen Bevölkerungsgruppe mit demjenigen ihrer Vorgänger von einst zu vergleichen. Also bspw. die ‘Financial Times Deutschland‘ (FTD), die ‘Wirtschafts-Woche‘ oder das ‘Manager Magazin‘ neben die führende Wirtschaftszeitung des Kaiserreichs und der Weimarer Republik zu halten. Ich rede natürlich vom ‘Berliner Börsen-Courier’ (BBC), der 1868 erstmals erschien, zunächst herausgegeben von dem Bankier George Davidson.

Natürlich enthielt auch dieser Berliner Börsen-Courier zunächst alles das, was den arbeitsenthobenen Spekulanten primär interessiert: Börsenkurse und Hypothekenpreise, hochaktuell dargereicht in einer Morgen- und Abendausgabe. Nebenher aber führte das Blatt an führender Stelle und als Avantgarde im Kaiserreich den Kulturkampf für die Musik Richard Wagners. Später in den 20er Jahren - unter dem genialen Chefredakteur Emil Faktor und herausgegeben von den Brüdern Herrmann - machte sich der BBC um das Brecht’sche Theater verdient.

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Burdadaismus

Donnerstag, 02. Juli 2009

Der Text kommt mir vor, als würde der Junkie fordern, alle Koks-Dealer zu erschlagen, damit er besser an sein Koks kommt. Oder als ob der Werbekunde alle Litfass-Säulen umhauen will, nur weil dort auf sein Trallalafitti hingewiesen wird. Google ist ja nichts als ein Wegweiser, der den Fokus erst auf jenen Focus lenkt, den der Burda in Gefahr wähnt. Was soll also das neidvolle Gegreine? Dankbar sollte er der großen Suchmaschine lieber sein.

Hinzu kommt, dass das, was dem Herrn dort ‘enteignet’ scheint, ihm - fundamental gedacht - gar nicht so sehr eigen ist, sondern allenfalls seinen Autoren. Jedenfalls dann, wenn’s keine Hausjuristen gäbe. Der Verlag ist nur eine leere Hülle, aus der die Schlange jetzt herausgeschlüpft ist. Zoologisch gesehen, wäre es eine echte Sensation, wenn sie in ihre alte Haut zurückfände. Anders ausgedrückt: Tempi passati - das Internet hat irgendwie die Funktion der Verleger verlegt.

So viel ist allerdings wahr - in der neuen Medienwelt bleiben derzeit nur Autoren und Rezipienten funktional. Was ja auch prinzipiell mehr als genug scheint … wenn bloß das liebe Geld nicht wäre. Nur deswegen braucht’s noch Sugar Daddies und Impressarios. Wenn die allerdings immer weniger herausrücken, dann sind sie zunehmend auch egal …

Der Hubert Burda sollte sich stattdessen lieber mal mitsamt Links und Feeds und Blogrolls ins große, weite Netz stürzen, statt dort am Strandpromenadenrand schwimmringartig-portalsmäßig mit dem großen Zeh im Ozean zu plätschern - und sich dabei schon wunder wie ‘online’ vorzukommen …

Hinweis: Weil mich diese zunehmend sachferne Argumentation wirklich ärgert, mit der Deutschlands Verleger auf Dummenfang in den internet-retardierten deutschen Parlamenten gehen, habe ich diesen Text aus meiner ‘Sargnagelschmiede’ etwas aufgebohrt - und dann hier nochmals eingestellt.

Gut auch das … und vor allem natürlich auch das …

Von den Fakten und der Farbe

Montag, 15. Juni 2009

Zwischen dem Berichterstatter und dem Erzähler, zwischen dem Rechercheur und dem Beobachter, aber auch zwischen Journalisten und Journalisten besteht ein himmelweiter Unterschied. Nehmen wir irgendein banales Thema - zum Beispiel einen kleinen Vorstadtzirkus, der just in die Stadt gekommen ist. Der Lokaljournalist würde uns mit den Fakten langweilen: Wie lange dieser Zirkus in der Stadt sei, wann die Vorstellungen anfangen und wann Familientag sei, welche Nummern es gebe, wo die Truppe zuvor gewesen sei, wie viele Pferde, Tiger, Trapezkünstler durch die Arena traben werden, wie der Direktor höchstselbst das Programm kennzeichne, garniert möglichst mit wörtlicher Rede.

Ganz anders der subjektive Beobachter: Er sieht die Dinge, die niemandem aufgefallen wären, selbst wenn andere gleichzeitig mit ihm vor Ort gewesen wären. Und er legt ständigen Wert auf das Apercu, auf kleine Menschlichkeiten, auf das Bezeichnende, während jedes Faktum nur unterschwellig und klammheimlich, gewissermaßen als Schmuggelware, in seinen hemmungslos impressionistischen Text einfließen darf:

“Da es um acht Uhr anfangen soll, klatscht man schon dreiviertel acht in die Hände, vor Schaulust und vor Kälte. Der Direktor hat, wie er sagt, eine goldene Taschenuhr, er behauptet auf Grund dessen, es sei erst dreiviertel - “was wollt ihr also?” -, und die Musik spielt einen Marsch zur Beruhigung. Bis Punkt acht Uhr irgendwo im Hintergrund eine Glocke hell hineinfällt in Geigenton und Flügelhorn und der Mann mit dem zahmen Büffel kommt.

Draußen poltert der elektrische Motor, der die Beleuchtung herstellt, und zwei große, rote Bogenlampen schaukeln wie seltsame, übersinnliche Glasfrüchte im Winde. Und Besitzlose stehen und warten auf die Pause, während der man vielleicht doch unbemerkt und kartenlos hineinkommen wird.”

Auch hier erfahren wir - dem ersten Anschein zum Trotz - viele Fakten: Dass es kalt war beispielsweise, dass der Direktor eine Art Rolex hat, dass eine Büffelnummer am Anfang steht, dass eine Wirtschaftskrise herrscht - aber dies sind jene Tatsachen, die ein Ressortchef ‘nicht wichtig’ nennen würde, bevor er uns diesen Text um die Ohren haut. Wer also durfte so gegen das Markwort’sche Gesetz und gegen die dürre dpa-Prosa der Journalistenschulen anschreiben? Nun, es ist natürlich ein Großer des Journalismus. Weshalb er auch ins Museum und in die Vitrine kommt - und gar nicht erst als Beispiel für das Krüppelholz des heutigen Lohnschreibertums herangezogen wird. Hier schreibt der - soweit wir wissen - bestbezahlte Zeitungsschreiber der Weimarer Republik: Es handelt sich um Joseph Roth - in einem Artikel für die Frankfurter Zeitung vom 15. 4. 1923 …


Blogschreiber: Don Alphonso

Freitag, 22. Mai 2009

Als Beispiel für den neuen Stil, der durch das Web 2.0 in die schreibende Zunft Einzug hält, wähle ich einfach mal einen stark kommentierten Beitrag aus den FAZ-Blogs. Don Alphonso stellte ihn am 18. März 2009 dort ein – unter dem Titel „Klassenkampf oder was davon übrig ist“.

In seinen Beiträgen dort – wie auch anderswo - gefällt sich der Don in der Rolle eines vermögenden Sohnes aus der Haute Bourgeoisie, selbst allen materiellen Sorgen enthoben, der trotzdem unentwegt bereit ist, auch gegen den Stachel der Upper Class zu löcken. Folgerichtig beginnt der Artikel mit einem revolutionären Mission Statement, das der arglose Leser nicht ausgerechnet in seiner kreuzkonservativen FAZ zu lesen erwarten durfte:

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Ein zünftiger Abgang

Montag, 27. April 2009

Die Journalistenzunft ist nicht zu beneiden: Ihre Zukunftsaussichten sind - mindestens - ungewiss, die alten Tröster aus den seligen Zeiten Henri Nannens verstauben in obskuren Antiquariaten, die Wertschätzung durch die Verleger schwindet dahin. In der herannahenden Jahrhundertrezession gelten sie schlicht als Kostenfaktoren. Der Journalist droht zum Anachronismus zu werden, zum Heizer auf der E-Lok.

Weil nämlich die Informationen zur Verbreitung immer weniger auf schriftkundige ‘Makler’ angewiesen sind - das Internet arbeitet schließlich weitgehend ohne Zwischeninstanz. Nichts anderes als ‘Vermittler’ aber waren die Journalisten zuletzt, nachdem sie sich selbst alle Autoreneitelkeiten gründlich ausgetrieben haben - sie verwandelten sich letztlich selbst in einen Info-Pizza-Dienst, der sein ‘objektives und genormtes Stilideal’ pflegte, wahlweise mit Pepperoni oder Schinken. Ausgerechnet der Herausgeber eines der stilbildenden Print-Produkte, des Guardian, Alan Rusbridger formuliert den entstandenen Sachverhalt so:

“Wir müssen uns darauf einrichten, künftig Journalismus mit weniger Leuten zu machen, und demütiger werden”. Die alte Vorstellung vom Journalisten als allwissendem, beinahe autoritärem Gate-Keeper, der der Welt mitteilt, was er für sie für wichtig hält, sei in Wirklichkeit längst Geschichte - “auch wenn das noch nicht alle mitbekommen haben. … Wir müssen das einfach in unsere Köpfe kriegen: Da draußen sind tausende Experten, ein wahrer Schatz an Informationen.” Die, wie Rusbridger unumwunden zugibt, auch noch einen anderen Vorteil haben - längst nicht alle werden für ihre Beiträge auch bezahlt. … Die Debatte, ob das traditionelle Zeitungsgeschäft tatsächlich am Ende sei, ist für ihn längst beantwortet: “Da gibt es keinen Gesprächsbedarf mehr. Das alte System ist kaputt - und es ist einfach zu teuer.”

Gut - wenn ich mir die tiefgreifende Verunsicherung des ganzen Berufsstandes anschaue, dann wird mir der blanke Hass und das Triumphgetute, mit dem einige Publizisten das Hinscheiden der Medienlese dort drüben begleiteten, zumindest verständlich. Eines dieser vermaledeiten Online-Produkte, eins von diesen Teufelsdingern, das ihre berufliche Zukunft bedroht, das ging endlich mal selber drauf. Schon verwechselten diese Offliner das mit einem Silberstreif am Horizont. Zwar verständlich - aber leider grundfalsch: Das ist keine Balkenwaage, wo ‘Offline’ steigt, wenn ‘Online’ fällt.

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Schreib oder stirb!

Dienstag, 17. Februar 2009

Vor zehn oder zwanzig Jahren, als Holzhausen noch boomte, da war für den Medienkonsumenten alles viel einfacher: Die eigene Meinung wurde ihm von seinem Leib- und Magenblatt frühmorgens frei Haus geliefert. Er traf im Laufe des Tages auf Mitbürger, die ähnlich konditioniert worden waren. Denn ein ‚Massenmedium‘ ist – nach Habermas - natürlich immer auch eine Veranstaltung, die Konformität und Gleichförmigkeit von Ansichten bewirkt. Das Phänomen heißt unter Soziologen – positiv gewendet – „gesellschaftlicher Konsens“. Geteilte Grundüberzeugungen wiederum schweißen die Parteien zusammen, sie formen unsere Ideologien und deren Vokabular, sie sind der kommunikative Kitt, an dem sich die soziologischen Gruppen erkennen.

Ohne Nutzung von Massenmedien aber fragmentiert sich die Welt: Abertausende von unterschiedlichen Ansichten sind im Netz zu finden, jeder Paranoiker findet sein Echo, Themen werden nicht länger von anderen vorgekaut, der eine schreibt eben gern dies, der andere über das – und wenn einer aus dieser Myriade von Selbstverlegern tausend Leser und Leserinnen am Tag findet, dann ist das für Web-2.0-Verhältnisse schon viel. Die alte Welt der Publizistik zerfällt in Milliarden Teile, wie ein Spiegel, der auf die Fliesen einer neuen medialen Wirklichkeit gekracht ist.

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Übers Schreiben im Web 2.0

Sonntag, 08. Februar 2009

Der Kollege Jakubetz hat ja zunächst einmal völlig recht, wenn er sich über Journalisten lustig macht, die einfach ihre gebrauchten Publizistikprodukte im Web 2.0 verklappen möchten - und die dann noch meinen, sie wären wunder wie cool und zeitgemäß:

“Aber warum in einem Blog, das sich Blog nennt und unglaublich viele neue kleine Kreativkunstformen böte, Peter Hahne Kolumnen schreibt, die sich wie Peter-Hahne-Kolumnen lesen, und warum Elmar Theveßen Kommentare schreibt, die sich wie Kommentare lesen, bleibt ein Rätsel.”

Stilistisch gesehen ist jedes Blog ein neues Medium, das als primäre Ausdrucksform einer demokratischen Medienrevolution entstanden ist. Blogs benötigen daher vor allem neue Stilformen statt Bericht, Artikel, Feature oder Interview; sie benötigen eben nicht die Holzhausener Grabbelware aus dem wackeligen Redaktionsregal. Einige grundlegende Regeln:

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