“Gott strafe Engeland!” …
Mittwoch, 24. Juni 2009… ob ich diesen Slogan Merkspruch dem Verein für deutsche Sprache zur Zweitverwertung empfehlen sollte?
… ob ich diesen Slogan Merkspruch dem Verein für deutsche Sprache zur Zweitverwertung empfehlen sollte?
Jenes harte Hirnholz, das unter dem Namen ‘Aktion Lebendiges Deutsch‘ unhaltbare Sachverhalte in die Welt hinaus zu posaunen pflegt, hat sich im Kampf gegen die Windmühlen des Denglischen ein neues Husarenstück geleistet: Erstmals wollen sie toitscher als deutsch sein - und deshalb deutschen sie ein kerndeutsches Wort noch toitschtümelnder ein, wohl deshalb, weil sie es irrtümlich für einen Anglizismus ohne jeden Ariernachweis gehalten haben. Das Wörtchen ‘Dumpinglohn’ sollen wir nach ihrem Willen künftig durch ‘Hohnlohn’ ersetzen - das jedenfalls ist ihr sprachmusikalisch ebenso wie sprachwissenschaftlich unhaltbares Begehren.
Mit ein wenig schlichtem Gegurgel hat ihnen der Anatol Stefanowitsch jetzt vorgerechnet, dass es sich um ein Wort handelt, das nahezu ausschließlich im Deutschen seine Nische gefunden hat (okay, ein paar Dänen kennen es auch). Der Ausdruck ‘dumm gelaufen’ aber, der entwickelt sich allmählich zu meinem Standard bei der Beurteilung sprachnörglerischer Aktivitäten, dort in jener semantischen Todeszone, wo das ‘lebendige Deutsch’ allmonatlich von einigen älteren Herren exekutiert wird …
“DuMont Schauberg will das Syndication-Modell seiner Zeitungen ausweiten”.
‘Syndication’ — tssss! Das ist das marketingübliche Gesabbel von ‘Vorteilspackungen’, nur weil der Produktmanager den Inhalt mal wieder geschrumpft hat. In solchen Fällen allerdings bin auch ich gegen’s Denglische - besser gesagt: gegen die Tünche einer faktenenthobenen Unternehmenssprecherei …
Ich weiß auch nicht, woher ich’s weiß, dass es sich wohl um ein Willi-Wichtig-Treffen handeln muss, wenn der beworbene Rummel ‘Future of Communication‘ heißt. Es könnte an diesem hölzernen Englisch liegen, das immer mehr nach der Bizziniss-School klingt als nach dem Normalnull des gewöhnlichen Erdenbewohners, oder es ist die Zierpetersilie dieser exquisiten Wortgarnitur … jedenfalls ist der innere Kommentar dann, wenn’s zu unbarmherzig an den Nerven des Lesers zerrt, eine gute Einübung für jede Kritik. Auch dann, wenn dieser Kommentar eigentlich noch nicht druckreif ist. Sei’s drum.
Denn mit gehaltvollem Stoff umzugehen, so, wie er uns allzu oft aus Marketing-Abteilungen, aus Unternehmensberatungen und Trendbüros entgegenschwappt, dazu gehört ein starker Magen. Hier eine mögliche Kombination aus einem solchen Intro-Text und der daraus folgenden abwehrstimulierenden Mentalsekretion, die ich in eckigen Klammern einfügte. Zur Illustration des Vorgangs der ‘allmählichen Gedankenverfertigung’ habe ich diesen verborgenen Vorgang als Paralleltext einfach hier mal offen gelegt, denn beim Lesen treffen immer zwei Personen aufeinander. Daher gibt es auch unausweichlich diesen Dialog, nur meistens achten wir nicht darauf:
“Das schlechteste und albernste Deutsch kommt … von oben. Von sprachlich unterentwickelten TV-Moderatoren, die in die Sender geschwemmt werden. Von Wichtigsprechern aus der Wirtschaft. Von Mimen, die nur Vorgekochtes reden können. Von Promis, die vor keine Schulklasse treten dürften. Und von eben jenen, die genau das Deutsch, das sie nicht beherrschen, ins Grundgesetz packen möchten”.
Dieser Text sollte von mir sein - er ist es leider nicht. Reinhard Siemes zog heute in der taz so kongenial vom Leder. Dass der Verfasser beim Wolf Schneider tief im sprachlichen Kaiserreich landen musste, das ist allerdings ein wenig schade. Ansonsten aber hat er in nahezu jedem Punkt völlig recht - vor allem in einem: Das schlechteste Deutsch sprechen selbsternannte Deutschwärter, nämlich Totdeutsch …
…die einfach nicht reden können, aber berufsbedingt trotzdem notdürftig dahersabbeln müssen, die sind für mich das Problem, nicht aber das Denglishe. Das hängt ihnen nur an, wie dem Pavian der rote Mors. Trotzdem ist der rote Mors nicht der Pavian:
Marketing-Geschöpfe quasseln sich um Kopf und Kragen
In dichten Schwärmen kämen die bösen Anglizismen auf uns zugebraust, sie würden unsere toitsche Sprache mit ihrem Gift kontaminieren und uns in ein denglish daherstammelndes Kolonialvolk der Amerikaner verwandeln. Das - auf den Kern reduziert - ist in etwa die Botschaft der Sprachnörgler aus dem Verein für deutsche Sprache.
Wäre es so, müsste sich die These ja leicht überprüfen lassen - zum Beispiel mit Hilfe von Lothar Lemnitzers ‘Wortwarte’, die alle neuen Wörter (Neologismen) getreulich sammelt, so wie sie in Deutschlands Medien zu finden sind. Zuletzt fand der Herr Professor Lemnitzer dort - am 2. Oktober 2008 - 45 Neubürger unserer Sprache, unter ihnen ganze fünf Denglish-Vokabeln und vier Zwitter, also Neukombinationen aus englischen und deutschen Wortbestandteilen.
36 der neuen Vokabeln aber sind gute, sesshafte Germanen, keine dahergelaufenen Angelsachsen oder lassoschwingende Präriebarbaren: vom ‘Apfelgehör’ über das ‘Flüsterauto’ bis zum ‘Zockoholiker’. Der VDS möge sich also zurücklehnen und beruhigen, seine Befürchtungen sind völlig gegenstandslos, sie entspringen blanker Paranoia …
Es gibt schon geniale Adressen Internet: Eine von ihnen ist das Urban Dictionary. Wer dort hineinschaut, wird feststellen, dass das Amerikanische daheim bei Uncle Sam schneller mit Anglizismen geflutet wird, als ein wortwilliger Marketingabsolvent sie sich bei einem ‘Meeting’ jemals notieren könnte. Vor allem aus dem Bereich des ‘Downtown’ amerikanischer Innenstädte stammen die neuen Pferde im Stall - und aus den Jugendkulturen, dort, wo das Pidgin der Sprachen brühwarm entsteht. Ein paar Beispiele für bildkräftige und durchsetzungsfähige Wortprägungen, die den Alltag ins Sprachbild setzen:
Ach, was wünschte ich mir, unsere Stilakrobaten und Sprachnörgler würden sich gegen die zahllosen Manierismen und Gespreiztheiten im industriellen Sprachgebrauch, gegen die unvermeidlichen Fatzkes aus Werbung, Marketing und PR mal so wehren, wie gegen die zugewanderten Anglizismen! Doch hierzulande kämpft der Spießer eben auch auf sprachlichem Gebiet einzig und allein ‘gegen die vielen Ausländer’.
Im Beitrag zuvor hatte ich mich ein wenig lustig gemacht über jene Retro-Sprachler, die in ihrem Kampf gegen das ‘Denglishe’ immer nur auf Vorhandenes und ‘Bewährtes’ zurückgreifen möchten. Dabei produziert die Sprache, auch die deutsche, ständig neue Wörter. Woher kommt also dieser Irrglaube, man dürfe der Flut der Anglizismen nur mit Vorhandenem aus der Zeit Hermann des Cheruskers begegnen? Ich vermute mal, aus einer generell wertkonservativen Grundhaltung heraus, die nibelungentreu den eigenen Wortbestand unter Naturschutz stellen möchte.