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Schreiben und Drogen

Dienstag, 26. Januar 2010

Zunächst einmal muss niemand saufen oder kiffen, um gut schreiben zu können. Es ist schlicht ein Pop-Mythos, dass Drogen ‘kreativ’ machen: Niemand ist durch den Suff zu einem guten Schreiber geworden. Erstaunlich viele Alkoholiker aber flüchten sich irgendwann in die Schriftstellerei. Die Kehrseite ist also richtig.

Verantwortlich für das Märchen vom Zusammenhang guter Texte mit dem exzessiven Boozen sind vor allem eine Reihe amerikanischer Großschriftsteller wie Ernest Hemingway, Sinclair Lewis, Dylan Thomas, John Cheever, F. Scott Fitzgerald, William Faulkner usw. Sie alle soffen wie schwarze Löcher, sie tranken sich aber nicht um Sinn und Verstand. In ihrem Fall entstanden großartige Texte trotz eines massiven Drogenproblems.

Was aber regelhaft folgt, sind bestimmte fiktionale Landschaften, die der Wirkung der Droge entsprechen: Erscheint mir eine Romanwelt als entfremdet, als ausbeuterisch selbst auf der Freundschaftsebene, voller Einsamkeit und bevölkert mit ausschließlich gescheiterten Ehen und verkrachten Biographien, dann vermute ich mit Recht, dass hier wohl ein Alkoholiker am Werk gewesen sein muss. Die eigenen Erfahrungen als Drogenabhängiger werden mir als ‘Weltzustand’ aufgetischt.

Etwas anderes ist es mit den ‘Märchenwelten’. Hier sind zumeist die ‘bewusstseinserweiternden Drogen’ am Werk. Die Affinität der deutschen Romantiker zum Schlafmohn ist ein offenes Geheimnis. Die Folge war eine mittelalterliche Welt voller Zauber, Elfen, Posthörner und edler Ritter. Kurzum: Kiff und Mohn - ick hör’ euch trappsen! Immer wenn mir ein wild im Vergangenen schwelgender Fantasy-Roman in die Hand fällt, dann denke ich mir über den Autor oder die Autorin mein Teil.

Schließlich gibt es noch die Pop-Literatur: Jeder Pups wird von diesen Schreibern als Stilrevolution und als literaturfähig ausgeschrieen: Ihre oft gnadenlos banale Musik, die sie anpreisen; die ach so wichtigen Leute, die sie trafen; das witzig-sarkastische Bonmot, das jemandem entschlüpft sein soll. Allem ‘Fiktionalen’ gehen diese Schreiber aus dem Weg, das große Thema lautet Ich-Ich-Ich, als Sensation verbacken wird alles, was diesen Ego-Pumpen zufällig irgendwo über den Weg lief. Schon sehe ich unverbesserlicher Pessimist diese Olympischen Ringe unter den Nasenlöchern des Schreibers …

Verwandlung durch Wandel

Freitag, 27. November 2009

Mein Freund Udo kam Anfang der 80er Jahre aus Poona zurück, braun gebrannt und mit einem seligen Grinsen auf dem Gesicht. Am auffälligsten war die rote Kleidung, die er trug, die plötzlich allen in der WG rosafarbene Unterwäsche einbrockte, dann, wenn eine seiner Unaussprechlichen in die gemeinsame Wäsche geriet. Stellten wir ihn deswegen zur Rede, mussten wir ihn auf seinen Wunsch hin Swami Bodi Prenh nennen (oder so ähnlich). Er sei nämlich ‚erweckt‘ worden, sagte er, und hätte sich in einen neuen Menschen verwandelt. Tatsächlich - der Junge lachte viel mehr als früher, er war anscheinend immer gut drauf, das ewige Grübeln war verflogen, und auch ich in meiner Neugier begleitete ihn gelegentlich in das Center in der Roonstraße, wo er seine zweite Heimat gefunden hatte, um herauszufinden, was mit seinem Gehirn wieso geschehen sei.

Dort im Center gab es dann Tee und vegetarisches Essen, es wurde heftig meditiert, im Fernsehen liefen ständig irgendwelche ‚Lectures‘ des bärtigen Wunderrabbis, alle lachten wie die Honigkuchenpferde und abends jobbten viele in der Bhagwan-Disco. Probleme gab es einfach nicht, ‚Das ist doch dein Ding!‘ lautete die rituelle Antwort auf alles Negative, begleitet von einem ‚Finde es selbst heraus!‘. Wer Fragen stellte, geriet unweigerlich in eine gefährliche selbstreflexive Zone: „Hast du dir schon mal überlegt, warum du mich das jetzt fragst?“. Auf alle Fragen gab es Fragen …

Für mich unverbesserlichen Heiden bestand die angenehmste Erfahrung in dem Frauenüberschuss unter diesen Mala-Behängten. Verbunden mit einem strikten Verbot, irgendwelche festen Beziehungen einzugehen, außer spirituell zum großen Bhagwan natürlich. Lauter ehemalige Psychologinnen, Lehrerinnen und Sozialwesen suchten dort regelmäßig nach Triebabfuhr, ohne mir auch nur einmal ‚Ich liebe dich‘ ins Ohr zu säuseln. Für einige Monate verwirklichte sich für mich der alte Sponti-Spruch: „Wer zweimal mit derselben pennt …“ - oft genug in einer einzigen Nacht, schließlich hatten alle Schlafräume sechs Betten. Was war ich damals noch fit!

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Suff und Story

Freitag, 03. Juli 2009

Wer schreibt, der säuft - zumindest in einer unübersehbaren Zahl von Fällen. Die Reihe großer Schreiber, die dem Alkohol in leberschädigendem Ausmaß zusprachen, ist so lang, dass es schwer ist, hier noch von Zufall zu sprechen. Die Enthemmung des Schreibhandelns durch den Schnaps, der literarische Zwang zur Selbstentblößung, die ewige Angst vor dem Kreativitätsverlust - dies alles und noch viel mehr spielen in der Literaturproduktion eine überragende Rolle. So dass der Griff zur tröstenden Flasche nahe liegt …

Mir fallen hier aus dem Stand überhaupt nur zwei namhafte deutsche Autoren ein, die ich unbesehen zu den Abstinenzlern zählen würde: Hermann Hesse und Thomas Mann, beides auch eher ein Trockengemüse des Lesevergnügens. Denn natürlich wächst mit dem Promillegrad auch die Neigung zu Sarkasmus, Spott, Ironie und bösartigen Wortspielen, die den Leser dann wiederum höchlichst erfreuen.

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Am Morgen

Montag, 11. Mai 2009

Jean Paul, der sich spätnachmittags oder erst abends zu Papier und Bier in seinen fränkischen Gartenpavillon flüchten konnte, zählt zu den großen Ausnahmen. Ebenso ein Gottfried Benn, der die Stunden der Nachtwache in der Charité mit Hilfe chemischer Stimulantia ins Grellwache transformierte. In den meisten anderen Fällen aber sind die Schreibgewohnheiten der Schriftsteller ein einziges Loblied auf den Morgen. Der Vormittag – das ist jene Tageszeit, wo der Pegasus ungeduldig am Zügel reißt, wo die Musen hellwach über den Bildschirm steppen.

Physiologisch ist dies kein Wunder: Am Morgen ist der Kopf noch frisch und nicht vom Alltag abgelenkt, die Leistungskraft ist auf dem Höhepunkt, der mittäglich gefüllte Magen lähmt noch nicht die Schaffenskraft, typische Vormittagsdrogen wie Tee oder Kaffee tun ein Übriges. Deshalb lief im Hause Thomas Mann am Vormittag alles auf den Zehenspitzen, damit der ‘Großschriftsteller’ in seinem ‘tiefen Brunnen der Geschichte’ nicht gestört würde, zu ‘taufrischen Zeiten’ schrieben Brecht, Fontane, Raabe oder auch ein Ludwig Thoma. Die Reihe der Beispiele ist schier endlos. Schandmäuler wie Thornton Wilder behaupteten sogar, dass der schwunglose journalistische Einheitsbrei vom Redaktionszwang der Abendschreiberei herrühre.

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Hoch die Tassen!

Montag, 10. November 2008

Saufen, Kiffen, Näschen pudern … dass die Schriftstellerei eine drogenverseuchte Veranstaltung ist, davon versuchen uns nur besorgte Deutschlehrer abzulenken, die jeden Zusammenhang von Inspiration und körperfremden Substanzen beschweigen. Die Rede ist dabei nicht nur von den ‚üblichen Verdächtigen’, also von ‘Intellektuellendrogen’ wie Kaffee, Tee oder Tabak.

Unser großer Olympier, der Weimarer Geheimrat, lehnte den Tabak, die häufigste Schriftstellerdroge, vehement ab: Seinen Kumpel Schiller schickte er zum Schmöken immer vor die Haustür, damit der ihm nicht den Musentempel vollstinke. Dafür aber hielt sich Goethe am Wein schadlos, von dem er am Tag zwei Bouteillen vertilgt haben soll, dann, wenn er nicht eine seiner tagelangen Kneiptouren nach Jena unternahm. Denn auch der Fritze Schiller soff gern und viel – und vom fidelen Christoph Martin Wieland sind uns neben Geisteswerken auch opulente Weinbestellungen überliefert. Vieles von dem, was wir über den ‚Beigebrauch’ unserer Dichterfürsten wissen, hat uns übrigens der Society-Löwe Carl August Böttiger in seinem - nach Ansicht von Pädagogen und Nachruhmpflegern - allzu intimen Tagebuch verpetzt.

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