Führe ich mir journalistische Klagelieder in Zeiten der Medienwende zu Gemüte, dann muss ich über jenes nostalgische Übermaß lächeln, mit dem eine mickrige Gegenwart an einer vorgeblich strahlenden Vergangenheit gemessen wird. Eine ‘Heldenzeit’ des Journalismus wird historisch festlich illuminiert, ein Damals, wo es noch echte Verleger gegeben habe, wirkliche Charakterköpfe mit unbeugsamem Willen und verkümmertem Geschäftssinn, die für einen guten Artikel bereitwillig ihre größten Anzeigenkunden in die Wüste jagten; dazu heldenmütige Schreiber in jeder Redaktion, die den Gewaltigen auf die Füße traten, bis sie bereuten oder sich endlich Schuhe mit Stahlkappen zulegten; und eine interessierte Leserschaft, die zum Frühstück auf blendend recherchierte und gut formulierte Geschichten pochte.
Ach Kinder, was war das schön! Anderen stößt dies realitätsferne Gebarme der Journalistenzunft ebenso sauer auf wie mir:
“Hartnäckig hält sich das Lamento über die Verflachung des Journalismus. Leidenschaftslos, glattgebügelt und austauschbar kämen sie daher, die Beiträge des real existierenden Medienschaffens, beklagen Praktikerinnen und Theoretiker immer wieder wortreich.”
Insbesondere der darbende Lokaljournalismus wird von vielen als rückwärtsgewandte Utopie inszeniert. Bei allen Verdiensten des Kollegen Jakubetz, wo er sein Paradepferd zäumt, dieses Passauer Käsblatt dort, bildet auch bei ihm ‘der Verfall des Lokaljournalismus’ eine helle Folie, vor der er - wiederum zu Recht - das aktuelle Geschehen als dunkles Schattenspiel inszeniert. Die Folie aber ist falsch, nicht der beschriebene Ist-Zustand:
“Statt also sich die Schlaglöcher der Umgehungsstraße genau anzusehen, statt die Menschen zu Wort kommen zu lassen, statt also kurz gesagt: das alltägliche wahre Leben abzubilden, liest, hört und sieht man in den Lokalmedien häufig ebenso Langweiliges wie Irrelevantes: Haushaltspläne werden in epischer Breite seziert (ganz so, als ob irgendein Normalbürger der Unterschied zwischen einem Vermögens- und einem Verwaltungshaushalt interessieren könte), Bürgermeister, Landräte und Abgeordnete dürfen sich nahezu ungehindert ausbreiten und dazwischen immer und immer wieder dröger Termin- und Verlautbarungsjournalismus. Viele Lokalteile schaffen es einfach nicht, irgendetwas halbwegs Sinn- und Gemeinschaftsstiftendes zu produzieren. Stattdessen sind viele nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Partikularinteressen, was sich schnell in einer absurden Spirale nach oben schaukelt: Wenn der Fußballverein 80 Zeilen oder 2 Minuten bekommen hat, muss man das aber auch den Landfrauen zubilligen.”
Genau so ist es. Inhaltlich ist diese Zustandsbeschreibung völlig richtig. Das Problem ist nur: Wann hätte es denn - abgesehen von mehr Redakteuren und höherer Bezahlung - in deutschen Lokalredaktionen jemals die vermissten journalistischen Qualitäten gegeben? Je mehr ich mich einlese, desto zweifelhafter wird mir all diese Nostalgie. Der Journalismus ist in der Krise zu seinem eigenen Mythos geworden. Denn im Grunde war es immer ein Scheiß-Beruf - vor allem in der Provinz.
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