Artikel mit ‘Kritik’ getagged

Berufsbild Opposition

Sonntag, 31. Januar 2010

Was für uns während der Weimarer Republik Tucholsky oder Kisch waren, dass war zu jener Zeit für die Amerikaner H. L. Mencken, der Publizist des Jazz-Zeitalters. Ein Mann, dem nicht nur die erste linguistische Bestandsaufnahme der ‘amerikanischen Sprache’ gelang, sondern der auch als Texter wie als Herausgeber die öffentliche Meinung der Vereinigten Staaten tiefgreifend prägte. In seinen Tagebüchern gibt er - angewidert von der ‘Kapitulation’ der amerikanischen Presse vor Roosevelt’s New Deal und der Kriegszensur - eine Definition der journalistischen Aufgabe, die bis heute Gültigkeit haben könnte, nur leider nicht hat. Eine Zeitung habe den Regierenden, egal von welcher Partei, vor allem Paroli zu bieten und dem ‘common sense’ Gehör zu verschaffen:

“Die Funktion einer Zeitung besteht in einer Demokratie darin, den herrschenden Quacksalbern eine Art Daueropposition zu bieten. Sobald sie versucht, deren Gejohle noch zu übertreffen, büßt sie ihren Charakter ein und macht sich lächerlich. … In Raucherabteilen und Friseurläden hört man vernünftigere Ansichten als in den Leitartikeln einer angeblich abgeklärten, intelligenten und integren Zeitung. Das dürfte sich als schlechte Taktik erweisen.” (H. L. Mencken, Werke 2, S. 215)

Womit wir umstandslos beim heutigen journalistischen Jubelpersertum und bei einer historischen Ursache der derzeitigen ‘Medienkrise’ angelangt wären …

Unschreiben für Anfänger

Samstag, 12. September 2009

Ihr schießt da plötzlich was durch den Kopf, was glücklicherweise nicht aus Blei ist, sondern sich bloß in einen Blogbeitrag verwandelte:

.. noch einmal “memory” (siehe unten), jetzt aber von der anderen Seite, mehr so “.. bloß nicht!”:

Ungebeten drängt sich ihr da inmitten der Strandlust von anderer Seite ein unbekannter Gast auf, der die schönste Erinnerung ‘in’n Tüddel’ bringt:

“Plötzlich beim Lesen stand dieser Satz letzten Samstag in der sonnenflirrenden Luft am vollgepackten Strand des Liepnitzsees und verhedderte sich mit seiner tiefen Melancholie so unpassend in den Sommertag, dass er vorgelesen werden musste”.

Das folgende Binnenzitat schenken wir uns einfach mal, alldieweil die Autorin ihre Philippika lauthals den erstaunten Badegästen dort entgegendonnert. Sie wird diese schon ‘voll gepackt’ haben! Wir aber widmen uns - dieser Text kennt kein Verweilen - stattdessen dem Genre der Buchreisen, dieser preiswerten Tourismus-Alternative für den kleinen Geldbeutel:

Sebald, der in diesem Buch durch Großbritannien reist, referiert hier den englischen Autor Thomas Browne, der dadurch genau das ja gerade nicht wird, was er herbei ruft: vergessen.

Ja, auch für mich sind’s unvergessliche Sätze, vor allem das ‘referiert’, auch wenn’s mich danach eher zum Underberg als zum Biere drängte:

Ziemlich dark und seltsam, aber irgendwie dann doch auch schön - und das Wetter spinnt vielleicht, aber Schnee, nein. Soweit geht das Elend dann doch nicht. Also raus. Let’s have a beer.

Was hat sie gesagt? Wo gibt es Schnee?

Querverwaistes

Dienstag, 18. November 2008

Um eine konservative Heine-Rezeption und um andere Widersprüche, um den Matussek und sein Dampfgeleimtes geht’s in diesem langen Riemen von mir drüben in der ‘medienlese‘.

Und noch’n Gedicht:

Dienstag, 18. November 2008

Ein mächt’ger Mann fühlt sich verkannt:
Beschimpft ihn doch die Bloggerpest
Nur weil er etwas Geld verbrannt
Und nicht von seinen Boni lässt.

Rasch Hilfe fordert unser Scheich:
Sein Kumpel aus politischen Räumen
Schüttelt kräftig an den Phrasenbäumen,
Herunter fällt ein Pogromvergleich.

Der große Mann ist darob froh
Höchst ehrenvoll als Opfer befunden
Klagt er in allen Schwätzer-Runden
Ihm sei wie unter Hitler zu Ultimo.

Niemand redet mehr von Bonusgeldern
Von Fehlern und von Firlefanz
Der große Mann ist wieder ganz
eigner Herr auf wohl bestellten Feldern.

Denkfutter

Samstag, 08. November 2008

Jeder Schriftsteller muß, wenn er klar und glatt schreiben will, sich an die Stelle seiner Leser versetzen, seine eigene Arbeit wie etwas betrachten, das ihm neu ist, das er zum ersten Male liest, an dem er keinen Anteil hat, als ob der Autor es ihm zur Kritik übergeben hätte, und dann sich überzeugen, daß man nicht nur verstanden wird, weil man sich selbst versteht, sondern weil man in der Tat verständlich ist”.

La Bruyère

Das ist doch noch Kritik!

Samstag, 04. Oktober 2008

Hic transit gloria mundi - so also enden die hoffnungsfrohesten Schriftstellerkarrieren in grauer Depression:

Zusammenfassende Bewertung

Grausam-grässlich grauenhaftes Gelaber

Trotzdem - für die Einsicht ins textliche Detail ist dies eine dankenswerte Mühe, der sich Malte Bremer dort unterzieht, oft knietief durchs Grauen watend. Jeder ‘Newbie’ soll ruhig schon mal vorschmecken, wie sich später dieser sprachsadistische Lektor mit seiner Rute anfühlen wird, der ihm dann durch die poetischen Rabatten trampelt. Wenn der angehende Schreiberling dann immer noch … dann ist ihm auch nicht zu helfen:

“Jetzt stellt sich heraus, dass er nicht in den nicht vorhandenen Weg geblickt hat, sondern in die Barriere – oder hätte er eigentlich durch die Scheiben blicken sollen statt hinein? Dort sieht er sie und sieht, dass sie sie ist (schon wieder eine Erkenntnis, das wären schon zwei: Kompliment!). Jetzt sieht er blass einen umgebenden Raum (boah, ey: möcht ich auch mal lernen, blass zu sehen, und gar einen umgebenden Raum: Wo gibt’s denn sowas?), dieser Raum umgibt die beiden Sies – und man fasst es nicht: Die beiden befinden sich auch noch in dem Raum, der sie umgibt!”