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Jenseits des dpa-Stils

Donnerstag, 28. Januar 2010

Mal angenommen, eine große deutsche Zeitung gäbe einem berühmten südamerikanischen Schriftsteller den Auftrag, ihr einen Text über die deutsche Politik zu verfassen. Der Gast, in dessen Heimat die Unterhaltung des Lesers im Vordergrund steht, beginnt sein Elaborat ungefähr so:

“An der Spitze der deutschen Politik steht eine Frau in eng geknöpften Kostümjäckchen von gewagter Farbe, die sich beim Laufen ständig bemühen muss, nicht auf ihre Mundwinkel zu treten. Ihrem Stellvertreter fehlen eigentlich nur Kreissäge und Bambusstöckchen, um als Fred-Astaire-Parodie durchzugehen …”

Als die deutsche Redaktion daraufhin Redigierbedarf anmeldet, reist der Gast empört zurück in sein Heimatland, dorthin, wo man offene und unterhaltsame Worte noch zu schätzen weiß …

Fakten vs. Erzählung

Samstag, 05. September 2009

Auch große Sprachmeister liegen gelegentlich neben der Spur mit ihrem Gespür. So steht bei Helmut Heißenbüttel eine Goethe-Parodie am Anfang seiner Erzählung von ‘D’Alemberts Ende’: “Eduard - so nennen wir einen Rundfunkredakteur im besten Mannesalter - Eduard hatte im D-Zug München-Hamburg …“. Das ist natürlich bis zur Namensgleichheit hin eine Parodie auf diesen berühmten Beginn der ‘Wahlverwandtschaften’:

“Eduard - so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter - Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen”.

Wo aber bei Goethe alles im Ungefähren verbleibt - wir erfahren zum Beispiel nicht, welche Stunde an einem beliebigen Aprilnachmittag denn wohl die schönste sei, wo die Handlung überhaupt spielt etc. - da geht es bei Heißenbüttel viel präziser zu. Und es ist wiederum diese Faktizität, die den Text erzählerisch in meinen Augen schon von der Startlinie weg lahmen lässt:

“Eduard - so nennen wir einen Rundfunkredakteur im besten Mannesalter - Eduard hatte im D-Zug München Hamburg (Ankunft Hauptbahnhof 21.19) die schönsten Stunden eines Julinachmittags (25. 7. 1968) zugebracht und betrachtete mit Vergnügen die Gegend zwischen Lüneburg und Harburg”.

Ankunftszeiten, der Ort, das exakte Datum - Heißenbüttel flutet seinen Text geradezu mit journalistischen Tatsachen. Wir erfahren sogar von einem allwissenden Verfasser, dass sein Held ‘mit Vergnügen’ aus dem Fenster schaut. Zugleich zerbröselt unter dem informationellen Störfeuer all dieser Fakten unsere Teilnahme am Text. Weshalb ist das so?

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Mach mir die Parodie!

Samstag, 16. Mai 2009

Alles Lernen beginnt mit der Nachahmung. Da aber dieses Imitieren eine sehr trockene Tätigkeit sein kann, zieht ein Schreiber – des Amüsemängs wegen - am besten sein Vorbild am Schopf von dessen Manierismen durch den Kakao. Fertig ist die Parodie …

* ‚Dies weiteste Feld auf kleinem Raum, fürwahr ein Lebensspeicher, bewahrend alles Biographische für diesen Moment wie auch für die Ewigkeit, sich um Qualität nie scherend, sondern türmend alles in Ordnern ohne Zahl, so wie es dem Demiurgen an der Tastatur gefällt, meine Festplatte also, sie surrte frühmorgens schon leise vor sich hin, als ich meine hohe Kunst des Ordnens begann’
[Sätze voller Genitive und Partizipien, höchstpersönlich hantelgestemmt von eines Meisters Hirn, gelegentlich schwimmt eine preziöse Antike vorbei, eine Welt, wo jedes Ding so Stücker zwanzig Worte macht - ganz klar, das ist Thomas Mann].

* ‚Vom stillen Weimar kommend schritt ich durch die breiten Gassen der wohlgefügten Handelsstadt. Alles war hier Leben und Treiben, auch in diesem kühlen, wiewohl glasumsäumten Kaufhaus mit dem markanten Zeichen über der Tür, das ich betrat, um endlich einen USB-Stick zu erstehen, so wie ihn Lotte sich wünschte.’
[Ein leichter Hauch von ministerialem Bürokratiestaub umschwebt diese stille Welt, die keinerlei Effekthascherei oder Manierismen kennt, sieht man einmal davon ab, dass ein göttergleicher Weimaraner nie ‚ginge’, sondern immer nur ‚schreitet’ - das kann nur Goethe sein] .

* ‚Diese Abmahnungen enthielten zum Teil Andeutungen über den Zweck meiner Bloggerei. Wovon der Herr Julius Cäsar nichts wissen konnte. Ich schrieb ihm, dass er sich aufs Sachliche beschränken möchte. Was ihn nur zu neuen Angriffen reizte.
[Eine Tonality wie ein Geschäftsbrief, ‚neue Sachlichkeit’ halt, geschrieben wie gesprochen, allerdings ohne Slang, es sei denn dort, wo er die Gangstersprache selbst zu parodieren trachtet, was er nicht kann - richtig geraten, das soll Brecht sein].

* ‚Eine ideale Lesart für mein Blog gibt es nicht. Ich glaube, man kann da einfach so drin rumblättern und über die Welt staunen. Man kann es natürlich aber auch von vorne bis hinten durchlesen, wenn man möchte. Die Texte sind vom Prinzip her eher einlullend, da kriegt man dann die vielen lustigen Einzelschicksale gar nicht mehr mit.
[Viel unfokussiertes Schwabbeldidu-Schwibbeldischwapp – und dann ein großes ‚Patati und Patata’ ... alles ‚vom Prinzip her’ ‚eher einlullend’. Ach so – das ist übrigens gar keine Parodie, sondern ein Original, wo ich einmal ‚Blog’ statt ‚Buch’ zu setzen wagte - es ist der Benjamin von Stuckrad-Barré].

* Der Prinzessin farbloser Kopf bekam einen rosa Hauch: Denn der Don Alphonso wie auch Dogfood erinnerten einander in ihren Blogs mit männlich zurückgedrängter Wehmut an gewisse Dotcom-Tod-Lokale, die sie beide noch kannten, und an die ihnen beiden vertrauten Alkoven gewisser Damen.
[Klar, das ist Heinrich Mann in seiner Renaissance- und Nietzsche-Periode, also etwa 'Die Göttinnen', 'Pippo Spano' etc.].

* Es schlummern orphische Zellen / In den Birnen des Marketing, / Bits und Bytes und Stellen / An denen einst Hirnmasse hing …`
[Seele und Syphilis, Liebe und Lues, Be-Bop und Banales - so etwas parodiert den frühen Benn]

Des Deutschen Internetphobie

Freitag, 08. Mai 2009

In Analogie zu dieser wahrhaft luziden und tiefschürfenden Analyse der Süddeutschen Zeitung stelle ich hier auch mal meine zehn Gründe ins Netz, weshalb die Deutschen so wenig bloggen. Vielleicht werde ich ja auch so berühmt wie dieser Hüftschütze Felix Salmon:

1. Das Internet verbraucht viel Strom. Der Deutsche aber spart gern Strom.

2. Verglichen mit den Amerikanern hat der durchschnittliche Deutsche nicht viel zu sagen. Deshalb irritieren ihn kommunikative Anforderungen im Netz.

3. Erst, wenn Bloggen ein Studiengang geworden ist, wenn Blogger zu Johannes B. Kerner dürfen, dann werden mutige Avantgarde-Germanen geneigt sein, Blogs für relevant zu erachten.

4. Der Deutsche in seinem Hygienewahn vermisst in den Blogs bisher das Toilettenpapier als Desiderat aller Kultur. Wohingegen Zeitungen sogar darauf gedruckt sind - meist dreilagig und mehr.

5. Der Deutsche fährt lieber nach Mallorca als nach Bloghausen.

6. Politiker hören niemandem zu, schon gar nicht Leuten aus der Blogosphäre: Volkes Wille, sagen sie, sei die Stille. Der untertänige Deutsche wiederum hat historisch seinen Regierenden noch nie widersprochen.

7. In der Blogosphäre gibt es kein frisch gezapftes Bier.

8. Der beeindruckbare Deutsche hängt an umständlichen und gravitätischen Titeln wie “Bertelsmann Universal-Lexikon” oder “Zentralstelle zur Erfassung einbeiniger Choleriker ohne Schulabschluss”. Bunten Dingen, die nach Kinderkram klingen, die z.B. einfach nur ‘Google’ heißen, denen misstraut er dagegen zutiefst. “Larry Page’s allumfassendes Zwischennetzfundstellen-Archiv-System”, das wäre ein erster vertrauensbildender Schritt, seiner Internet-Phobie entgegenzuwirken …

9. In der Blogosphäre reden dem durchschnittlichen Deutschen einfach zu viele Frauen mit.

10. Der Deutsche muss unbedingt recht haben. Bloß auch dabei gewesen zu sein, das genügt ihm nicht. Wenn er aber so ist, wie er ist, muss er sich prompt als ‘Troll’ beschimpfen lassen …