Seit Monaten ist die Umfragelandschaft halbwegs stabil: Die Auguren zeigen uns große Volksparteien, die in tiefen Löchern hocken, die Union irgendwo zwischen 34 und 36 Prozent, die SPD noch einen Stock tiefer zwischen 24 und 26 Prozent. Mal gewinnt die FDP auf Kosten der Union, dann werden lauthals die 17 Prozent des Herrn Westerwelle bekakelt, kurz darauf holt sich die SPD ein Prozent bei den Grünen, dann wird über die Funktionslosigkeit dieser Akademikerpartei leitartikuliert. Und über die Linke lässt sich ja immer ein wenig daherlästern, dass sie nämlich von der Finanzkrise überhaupt nicht profitiere. Kurzum: Das, was uns die Demoskopie liefert, ist eigentlich nie ein journalistisches Thema, es ist bloß ‘bizziniss äs juschäl’. Spannend ist aber, was sie trotzdem daraus machen - hier im Zusammenspiel von Forsa und ‘Spiegel’ …
Erreicht eine Partei wieder ihren alten Wert, den sie vor zwei Monaten schon hatte, dann schreibe ich als auflagenbewusster Journalist: “klettert auf Umfragehoch” …
Ist eine redaktionell nicht genehme Partei mit ihren Umfragewerten stabil, schreibe ich: “profitiert auch weiterhin nicht” und “verharrt” …
Findet die Umfrage gleich zu Anfang eines Jahres statt, dann garniere ich den Sieger mit dem saisongerechten Wörtchen “Jahreshoch” …
Beim ‘Stern’ unter dem merkeltreuen Regime des Herrn Jörges sieht’s übrigens ähnlich aus:
Zunächst einmal vertraue ich auf das kurze Gedächtnis des Publikums. Nachdem ich in all den Wochen zuvor über das Umfragetief der betroffenen Partei gegreint und gebarmt habe, schreibe ich jetzt dreist in die Headline: “Union legt weiter zu“. Wobei dieses ‘weiter’ mindestens eine faustdicke Lüge, wenn nicht sogar ein verbaler Rastelli-Trick ist …
Diese nette Partei, schreibe ich, wäre “auf ihr bestes Ergebnis in diesem Jahr” geklettert - wobei ich verschweige, wie jung doch das Jahr noch ist, und dass sie dies ‘beste Ergebnis’ in diesem Jahr den ganzen Januar über auch schon hatte.
Nee, nee, nee - ich mag das alles nicht mehr hören! Wer will, der darf sich diese Hanussen-Orakelei des interessierten Polit-Journalismus aber gern weiterhin antun …