Artikel mit ‘Politsprache’ getagged

‘Krise’ - gibt es nicht:

Samstag, 06. Februar 2010

Im gehobenen Sprachgebrauch heißt es immer nur ‘Probleme bei der Außendarstellung’ oder ‘missverständliche Kommunikation’. Deshalb wird bei dem Treffen, das einige unverantwortliche Journalisten schon eilfertig die ‘FDP-Krisensitzung’ tauften, stundenlang nur über ein Thema geredet werden, das laut Parteichef thematisch doch gar nicht existiert. Es sei halt eine typische ‘Arbeitssitzung’, auch wenn dort kein Mensch im strengen Wortsinn arbeiten wird - außer den Kellnern vielleicht. Auch Lady Cornelia Helmchen, die intellektuelle Leuchtturmwärterin des Liberalismus in Deutschland, bestätigt mich in meiner Nullsprech-Diagnose:

“Die stellvertretende FDP-Vorsitzende Cornelia Pieper wies allerdings am Freitag Berichte zurück, es handele sich um eine Krisensitzung.”

Kollektivmonolog

Freitag, 05. Februar 2010

Es war zwar der Günther Anders, der das Wort vom ‘Kollektivmonolog‘ prägte, und dies auch noch in einem anderen Zusammenhang. Als Bezeichnung für das, was ein heutiger Leser erblickt, schaut er auf die Verbalsteppe aus Tagesjournalismus und Politröhricht, wo nur nur hie und da noch ein verirrter Tumbleweed frucht- und ziellos durch die endlosen und dürren Zeilen staubgrauen Gemöhres rollt, taugt das Wort aber auch …

Das Frage-Nichtantwort-Spiel

Samstag, 18. Juli 2009

Politiker dürfen fast alles - vor allem nicht auf Fragen antworten, die ihnen gestellt werden. Damit ihr notorisches Nichtantworten auffällt, muss man ein feines Ohr mitbringen. Journalisten lassen, meist aus Resignation, die Wortflüchtigen auf ihren Kabinettsesseln gewähren und nehmen ihnen auch die Unantworten ab. Hier ein Beispiel:

Bekanntlich geht in der Landeshauptstadt Kiel derzeit alles drunter und drüber, dem Land droht wegen der steuergeldverschlingenden HSH-Nordbank sogar der Staatsbankrott, und das macht sich schlecht, wenn zu dem Zeitpunkt, wo das endgültig auffliegen würde, auch noch Wahlen vor der Tür stehen. Auch deshalb, vermuten viele Beobachter, wollte der Ministerpräsident, ein Käpt’n Blaubär von der Waterkant namens Peter Harry Carstensen, unbedingt einen früheren Wahltermin im meerumschlungenen Kabarett an der Förde vom Zaun brechen. Damit er im Windschatten der Bundeskanzlerin zum Sieg segeln kann und erst einmal gar nicht mehr zur Wahl steht, wenn die politische Stinkbombe platzt und die Grausamkeiten beginnen.

Als in dieser Situation der Chef der mitregierenden Opposition im Lande, ein cholerischer SPD-Fliegenträger namens Ralf Stegner, sagte, dass er von den millionenschweren Sonderzahlungen an einen landeseigenen Banker namens Jens Dirk Nonnenmacher - übrigens ein höchst seriöser Mann mit einer absolut vertrauenserweckenden Entenschwanzfrisur - als also Stegner sagte, dass er von den landesväterlichen Geldrausschmeißereien absolut nichts gewusst habe, da schien dem graumelierten Ministerpräsidenten mit dem treuherzigen Augenaufschlag der Zeitpunkt für einen Neuwahl-Coup gekommen.

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Anderen etwas forsagen

Dienstag, 07. April 2009

Seit Monaten ist die Umfragelandschaft halbwegs stabil: Die Auguren zeigen uns große Volksparteien, die in tiefen Löchern hocken, die Union irgendwo zwischen 34 und 36 Prozent, die SPD noch einen Stock tiefer zwischen 24 und 26 Prozent. Mal gewinnt die FDP auf Kosten der Union, dann werden lauthals die 17 Prozent des Herrn Westerwelle bekakelt, kurz darauf holt sich die SPD ein Prozent bei den Grünen, dann wird über die Funktionslosigkeit dieser Akademikerpartei leitartikuliert. Und über die Linke lässt sich ja immer ein wenig daherlästern, dass sie nämlich von der Finanzkrise überhaupt nicht profitiere. Kurzum: Das, was uns die Demoskopie liefert, ist eigentlich nie ein journalistisches Thema, es ist bloß ‘bizziniss äs juschäl’. Spannend ist aber, was sie trotzdem daraus machen - hier im Zusammenspiel von Forsa und ‘Spiegel’

Erreicht eine Partei wieder ihren alten Wert, den sie vor zwei Monaten schon hatte, dann schreibe ich als auflagenbewusster Journalist: “klettert auf Umfragehoch” …

Ist eine redaktionell nicht genehme Partei mit ihren Umfragewerten stabil, schreibe ich: “profitiert auch weiterhin nicht” und “verharrt” …

Findet die Umfrage gleich zu Anfang eines Jahres statt, dann garniere ich den Sieger mit dem saisongerechten Wörtchen “Jahreshoch” …

Beim ‘Stern’ unter dem merkeltreuen Regime des Herrn Jörges sieht’s übrigens ähnlich aus:

Zunächst einmal vertraue ich auf das kurze Gedächtnis des Publikums. Nachdem ich in all den Wochen zuvor über das Umfragetief der betroffenen Partei gegreint und gebarmt habe, schreibe ich jetzt dreist in die Headline: “Union legt weiter zu“. Wobei dieses ‘weiter’ mindestens eine faustdicke Lüge, wenn nicht sogar ein verbaler Rastelli-Trick ist …

Diese nette Partei, schreibe ich, wäre “auf ihr bestes Ergebnis in diesem Jahr” geklettert - wobei ich verschweige, wie jung doch das Jahr noch ist, und dass sie dies ‘beste Ergebnis’ in diesem Jahr den ganzen Januar über auch schon hatte.

Nee, nee, nee - ich mag das alles nicht mehr hören! Wer will, der darf sich diese Hanussen-Orakelei des interessierten Polit-Journalismus aber gern weiterhin antun …

Gut gemeint …

Samstag, 28. März 2009

Es gibt Anliegen, die ich ohne weiteres unterstützen könnte. Inhaltlich, meine ich. Die aber trotzdem sprachlich jedes aktivierende Niveau derart seditativ unterschreiten, dass mir an meiner eigenen Ermüdung ihr Schicksal vorab klar wird. Zu dieser Kategorie zähle ich auch jenen Aufruf, den knapp vierzig Akademiker, vor allem aus Berlin, gestern in der taz veröffentlichten. Darunter viele der üblichen Verdächtigen: Konstantin Wecker, Hannes Wader, Prof. Grottian, Johano Strasser usw. Der Aufruf ist - bezeichnend für seinen steinzeitlichen Charakter - noch nicht einmal im Netz zu finden. Einen Artikel aus Holzhausen fand ich, der sich mit diesem Gallimatthias befasst - und bei Indymedia steht auch noch was. Das nenne ich mediale Breitenwirkung!

Gut gemeint ist nicht gut gemacht“, pflegte mein weiser Opa zu sagen. Schon in der Headline geht es schnurstracks ans Eingemachte: Weil jeder Beteiligte ’sich im Aufruf wiederfinden muss’, bekanntlich Sinn und Zweck aller Aktionsbündnisse, gilt es zunächst einmal, das assortierte Gute vielzeilig zu umschlingen. Nur dass leider jede Headline auf den Marathon-Strecken ihre Griffigkeit und Schlagkraft komplett verliert. Statt schlicht zu sagen “Gerechtigkeit ist machbar!” oder etwas anderes maximal Dreiwörtiges, was sich ein Mensch auch merken könnte, da heißt es im schönsten Bots-Stil:

“Aufstehen zu einem langen Frühjahr der Politisierung und Mobilisierung - für soziale Mindeststandards: Menschen-würdige Grundsicherung, gesetzliche Mindestlöhne, solidarische Arbeitsumverteilung - mit Demonstrationen, Streiks und zivilem Ungehorsam!”.

Viele Worte, wenig drin ...

Viele Worte, wenig drin ...

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