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Schemata und Leberreime

Dienstag, 07. Juli 2009

Feste Vorgaben sind eine erstklassige Methode, um den Sprachwitz zu üben. Denn in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister (Goethe: Das Sonett). Man muss gar nicht an Limericks denken oder an die Wirtinnenverse, auch die Leberreime in ihrer Anspruchslosigkeit entstanden einst als geselliges Vergnügen bei Ess- und Trinkgelagen. Eine feste Vorgabe muss mit einem Reim ergänzt werden. In diesem Fall lautet die Vorgabe: “Die Leber stammt von einem Hecht, und nicht von …“. Ausgeführt klingt’s dann so ((C) Klaus J.):

“Die Leber stammt von einem Hecht,
und nicht von einem Igel,
eh dass ich mich an Stacheln pieks’,
bezieh’ ich lieber Prügel”

“Die Leber stammt von einem Hecht,
und nicht von einer Wachtel,
ich küss’ auch gern ‘ne junge Deern,
doch nicht ‘ne alte Schachtel”.

Nähere Infos zum Leberreim gibt es hier und hier und hier. Wer will, soll sich selbst mal daran versuchen: Das Tierreich ist groß, die Übung kinderleicht und sie schult zudem das Rhythmusgefühl …


Die zweite Liga

Dienstag, 30. Juni 2009

Ach ja, Joyce, Proust, Musil, Beckett, Pynchon, Döblin, Brecht, Hemingway - die Stars unter den Schriftstellern kennt jeder. Ich aber stöbere inzwischen gern bei Sternen zweiter Ordnung herum. Bei denen, die heute zumeist vergessen sind. Unverdient vergessen …

Da wäre zum Beispiel ein F.C. Weiskopf wiederzuentdecken. Gewiss, ideologisch ist dieser ehemals erste Diplomat der Tschechoslowakei längst nicht mehr auf der Höhe der heutigen Zeit. Seit den 20iger Jahren schon war er Kommunist - und ebenso vorhersagbar wie die Entwicklung der Gesellschaft waren eben auch seine Romanfiguren. Die Guten werden letztlich immer zu Kommunisten - und die Bösen eben alles andere als das. Seine Protagonisten funktionieren ähnlich wie die Histomat-Automaten. Immerhin aber leben sie, was bei Gotsche, Seghers, Becher usw. nicht immer der Fall ist.

Dieser F.C. Weiskopf war nämlich zugleich ein großer Stilist, der formale Mittel besser als viele, ja fast als alle seiner Berufskollegen beherrschte. Und er war ein heller Beobachter, der uns eine erstaunliche Menge an ‘Zeitkolorit’ überliefert, mehr als unter den Gleichzeitigen bspw. ein Kafka oder ein Hermann Hesse, deren Texte doch meist in einem Irgendwo oder Ungefähr angesiedelt sind.

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Lyrik und Alltag

Freitag, 08. Mai 2009

Ob dieser Wetterfee beim Nachrichtensender NDR Info, der ich eben im Autoradio lauschen durfte, wohl bewusst war, dass sie in klassischen vierhebigen Trochäen sprach? Ich habe da meine Zweifel. Inzwischen glaube ich, sie war nur frisch verliebt. Auch das verzaubert bekanntlich den Sprachklang:

Immer in den Wolkenlücken
bricht dann rasch die Sonne durch. Die
Regenschauer sind ergiebig,
auch Gewitter zeigen sich …

Schreib den Obama

Samstag, 28. Februar 2009

Barack Obama … ein toller Name mit diesen beiden Betonungen direkt auf den Silben des Ba, fast schon daktylisch, ein Hauch von Walzer und Dreivierteltakt durchzieht den klangvollen, dunklen Silbenfall - viermal ein A, mittendrin das runde, tönende O: Barack Obama …

Als Texter bin ich deshalb versucht, sobald ich Sätze mit dem Namen des amerikanischen Präsidenten bilde, im Satzrhythmus daktylisch fortzufahren. Der ‘Beat’, dieser Tanzschritt der Sprache, verlangt das fast schon gebieterisch von mir. Auf eine betonte Silbe folgen dann immer zwei unbetonte: “Barack Obama gelang es fast spielend, den Menschen den Glauben an Kräfte und Stärken zurück zu vermitteln”. Schon geht’s in meinem Satz zu wie an der schönen blauen Donau: “x - - x - - x - - x - - x - - x - -”.

Natürlich darf ich mit der Rhythmisierung der Perioden so nicht ewig fortfahren, sonst beginnen meine Sätze gebetsmühlenartig zu klappern. Aber mal einen Satz - so als prosodische Zwischenmahlzeit - den darf ich mir schon gönnen …

Rhythmus muss

Montag, 17. November 2008

Niemals dürfen wir in der Prosa ein reines Versmaß über längere Strecken – und auch nicht über die Mittelstrecke – sklavisch durchhalten. Die Prosa lebt von der Abwechslung. Um einfach das klassischste aller Beispiele zu zitieren - es ist vom ollen Cato: „Ce-te-rum cen-se-o Car-tha-gi-nem de-len-dam es-se“. Zwei eher statische Anapäste zu Beginn (Dreisilber, die betont beginnen), dann gibt der antike Kriegshetzer die Zügel frei, es erfolgt der Wechsel in den dynamischeren Jambus. Und weil’s so schön war, hat Cäsar diesen Beat am Beginn seines Berichtes über den gallischen Krieg schlicht geklaut: „Om-ni-a Gal-li-a in par-tes tres di-vi-sa est“.

Bleibt die Frage, was wir mit diesem vertrockneten Käse aus Methusalems Zeiten sollen? Nun: „Blog-ger sind Wan-de-rer zwi-schen den Wel-ten, die zwischen alt und neu ver-blüf-fend we-nig Gren-zen zie-hen. Okay, zu Beginn sind’s diesmal gleich vier Anapäste – aber sonst? Mit anderen Worten: Auch wenn grammatisch die Gräben zwischen den alten Sprachen und dem modernen Deutsch tief sind, sprachrhythmisch hat sich seither verdammt wenig verändert. Anders ausgedrückt:

Sätze, die einprägsam sind, müssen ‘Duktus’ haben.