Artikel mit ‘Verleger’ getagged

Verleger vs. Verkäufer

Donnerstag, 04. Februar 2010

Das eine funktioniert nicht ohne das andere - deshalb gab es in Zeitungen früher die Redaktion und die Anzeigenabteilung. Die Verkäufer waren für die Garnitur mehr oder minder interessanter Artikel mit bunten Anzeigen zuständig und für die Abonnentenwerbung, die Redaktion hatte den Auftrag, eine möglichst große Öffentlichkeit durch ihre Geschichten zu erzeugen.

Heute stecken die Zeitungen in einem echten Dilemma: Versuchen sie eine möglichst große Reichweite - auch online - zu erzielen, dann müssen sie die Schotten zur Öffentlichkeit weit öffnen. Sonst bleiben sie allein zu Haus. Versuchen sie aber, ihre (angeblich) kostbaren Inhalte vor unverantwortlichen, weil unbezahlten Zugriffen zu schützen, dann panzern sie ihren Dampfer mit hohen ‘Paid-Content-Verhauen’, so wie die Reeder es derzeit vor Somalias Küsten tun. Mit dem Effekt, dass kaum jemand - weder ‘Piraten’ noch zahlende Fahrgäste - zu ihnen an Bord klettert, weil die meiste informationelle Ladung nahezu unverändert ja auch anderswo zu finden ist. Prompt bleibt auch die Werbung aus, die ja auf ‘Masse’ setzt. Die bestehende Wahl lautet also: Pest oder Cholera, kein Geld durch freie Verfügbarkeit, oder kein Geld durch mangelnden Zulauf.

Wir lagen vor Madagaskar, und hatten die Pest an bord ...

Wir lagen vor Madagaskar, und hatten die Pest an Bord ...

Vorangetrieben wird die Entwicklung noch dadurch, dass auf allen Vorstandsbrücken die Verkäufer mit den Gelfrisuren die Verleger mit den Denkertollen längst verdrängt haben. Dabei verspricht - mittelfristig, und soweit ich das sehe - nur der Weg des Verlegers auf dem Meer der Nachrichten noch Erfolg. Der Weg desjenigen also, der mit einem bestimmten politischen oder sozialen Ziel vor Augen eine Nachrichtenquelle seriös betreibt, um gesellschaftlich bestimmte Ziele zu erreichen, indem er einen klaren Kurs fährt.

Die Wahl stellt sich also so dar: Gleich die Ventile öffnen, um das lecke Schiff mittels Paid Content und aus Angst vor den Piraten sofort auf Grund zu setzen, wie es die Verkäufer wollen. Oder doch zu versuchen, die rettende Küste noch zu erreichen, in der Hoffnung, dass bis dahin ein tragfähiger Schlepper namens ‘Bezahlmodell’ aus dem Küstennebel auftauchen könnte.

Zur Zeit regieren allerdings weithin die Selbstversenker … ich würde, vor die Wahl gestellt, mich für die ‘Cholera’ entscheiden, und sei es nur, um Zeit zu gewinnen. Die Mortalität ist bei dieser Krankheit einfach geringer, die Cholera ist besser als die Pest an Bord …

Beerdigung der Öffentlichkeit

Mittwoch, 18. November 2009

Ich habe mir einfach mal die Mühe gemacht, in meiner Dissertation alle Zitate und Annotationen kapitelweise durchzuzählen. Es sind mehr als 400. Ginge es nach den neuentwickelten Rechtspositionen deutscher Verleger, dann hätte ich damals schon mehr als 400 Mal gegen ihr ominöses ‘Leistungsschutzrecht’ verstoßen, das sie sich jetzt für den weihnachtlichen Gabentisch von der Politik wünschen. Jedenfalls klingt ganz so der ‘Leistungsschutzexperte’ Mathias Schwarz auf den Zeitschriftentagen (noch so’n Beispiel übrigens für die grassierende Expertenepidemie, die längst vom ‘Aasgeier-’ bis zum ‘Zystologieexperten’ reicht):

“Zur Bedrohung werden Rip-Offs für die bestehende Presse insbesondere dann, wenn nur kurze, aber mit hohem professionellen Aufwand erstellte Textausschnitte übernommen werden, für die nach deutschem Recht kein Urheberrechtsschutz besteht.”

Bei den ‘Rip-Offs’ - einem neuentwickelten Kampfbegriff, der ein angeblich kriminelles Tun aus durchsichtigen Gründen ratzfatz ins Wortbild packt - handelt es sich schlicht um unsere guten alten ‘Zitate’. Deren Gebrauch ist im deutschen Zitatrecht längst völlig zureichend geregelt. Dazu zählt zum Beispiel auch jenes Zitat ein paar Zeilen weiter oben, wo ich den Herrn Schwarz ‘im O-Ton’ mit einem Satz zu Wort kommen ließ, um seine mentale Verfasstheit zu illustrieren.

(more…)

Ach ja, die gute alte Zeit

Donnerstag, 17. September 2009

Führe ich mir journalistische Klagelieder in Zeiten der Medienwende zu Gemüte, dann muss ich über jenes nostalgische Übermaß lächeln, mit dem eine mickrige Gegenwart an einer vorgeblich strahlenden Vergangenheit gemessen wird. Eine ‘Heldenzeit’ des Journalismus wird historisch festlich illuminiert, ein Damals, wo es noch echte Verleger gegeben habe, wirkliche Charakterköpfe mit unbeugsamem Willen und verkümmertem Geschäftssinn, die für einen guten Artikel bereitwillig ihre größten Anzeigenkunden in die Wüste jagten; dazu heldenmütige Schreiber in jeder Redaktion, die den Gewaltigen auf die Füße traten, bis sie bereuten oder sich endlich Schuhe mit Stahlkappen zulegten; und eine interessierte Leserschaft, die zum Frühstück auf blendend recherchierte und gut formulierte Geschichten pochte.

Ach Kinder, was war das schön! Anderen stößt dies realitätsferne Gebarme der Journalistenzunft ebenso sauer auf wie mir:

“Hartnäckig hält sich das Lamento über die Verflachung des Journalismus. Leidenschaftslos, glattgebügelt und austauschbar kämen sie daher, die Beiträge des real existierenden Medienschaffens, beklagen Praktikerinnen und Theoretiker immer wieder wortreich.”

Insbesondere der darbende Lokaljournalismus wird von vielen als rückwärtsgewandte Utopie inszeniert. Bei allen Verdiensten des Kollegen Jakubetz, wo er sein Paradepferd zäumt, dieses Passauer Käsblatt dort, bildet auch bei ihm ‘der Verfall des Lokaljournalismus’ eine helle Folie, vor der er - wiederum zu Recht - das aktuelle Geschehen als dunkles Schattenspiel inszeniert. Die Folie aber ist falsch, nicht der beschriebene Ist-Zustand:

“Statt also sich die Schlaglöcher der Umgehungsstraße genau anzusehen, statt die Menschen zu Wort kommen zu lassen, statt also kurz gesagt: das alltägliche wahre Leben abzubilden, liest, hört und sieht man in den Lokalmedien häufig ebenso Langweiliges wie Irrelevantes: Haushaltspläne werden in epischer Breite seziert (ganz so, als ob irgendein Normalbürger der Unterschied zwischen einem Vermögens- und einem Verwaltungshaushalt interessieren könte), Bürgermeister, Landräte und Abgeordnete dürfen sich nahezu ungehindert ausbreiten und dazwischen immer und immer wieder dröger Termin- und Verlautbarungsjournalismus. Viele Lokalteile schaffen es einfach nicht, irgendetwas halbwegs Sinn- und Gemeinschaftsstiftendes zu produzieren. Stattdessen sind viele nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Partikularinteressen, was sich schnell in einer absurden Spirale nach oben schaukelt: Wenn der Fußballverein 80 Zeilen oder 2 Minuten bekommen hat, muss man das aber auch den Landfrauen zubilligen.”

Genau so ist es. Inhaltlich ist diese Zustandsbeschreibung völlig richtig. Das Problem ist nur: Wann hätte es denn - abgesehen von mehr Redakteuren und höherer Bezahlung - in deutschen Lokalredaktionen jemals die vermissten journalistischen Qualitäten gegeben? Je mehr ich mich einlese, desto zweifelhafter wird mir all diese Nostalgie. Der Journalismus ist in der Krise zu seinem eigenen Mythos geworden. Denn im Grunde war es immer ein Scheiß-Beruf - vor allem in der Provinz.

(more…)

BBC on Future of Journalism

Mittwoch, 15. Juli 2009

Zum gefälligen Gebrauch für die Bürger Bloghausens folgt hier ein Link zu einer Studie der BBC über die Zukunft des Journalismus. Vieles von dem, was von deutschen Verlegern gern als ‘Brainfuck’ einer wildgewordenen Bloggerbande abgetan wird, findet sich jetzt dort in Form einiger steiler Thesen, direkt vom Parnass des Journalismus herab. Das Fin de Siècle ist damit gewissermaßen zur altmedialen Hausprophezeiung geworden, die weiße Frau schleicht den eigenen Enkeln hinterher, weil die das verlegerische Erbe verprasst haben. Wirklich umwerfend ist der Artikel zum Ende des ‘Festungsjournalismus’, der bei uns zumeist ‘Gatekeeper-Journalismus’ oder schlicht auch ‘Welt der Massenmedien’ genannt wird.

Wer dieses vielseitige pdf liest, wird jedenfalls nicht dümmer …

Via: Jakblog

Burdadaismus

Donnerstag, 02. Juli 2009

Der Text kommt mir vor, als würde der Junkie fordern, alle Koks-Dealer zu erschlagen, damit er besser an sein Koks kommt. Oder als ob der Werbekunde alle Litfass-Säulen umhauen will, nur weil dort auf sein Trallalafitti hingewiesen wird. Google ist ja nichts als ein Wegweiser, der den Fokus erst auf jenen Focus lenkt, den der Burda in Gefahr wähnt. Was soll also das neidvolle Gegreine? Dankbar sollte er der großen Suchmaschine lieber sein.

Hinzu kommt, dass das, was dem Herrn dort ‘enteignet’ scheint, ihm - fundamental gedacht - gar nicht so sehr eigen ist, sondern allenfalls seinen Autoren. Jedenfalls dann, wenn’s keine Hausjuristen gäbe. Der Verlag ist nur eine leere Hülle, aus der die Schlange jetzt herausgeschlüpft ist. Zoologisch gesehen, wäre es eine echte Sensation, wenn sie in ihre alte Haut zurückfände. Anders ausgedrückt: Tempi passati - das Internet hat irgendwie die Funktion der Verleger verlegt.

So viel ist allerdings wahr - in der neuen Medienwelt bleiben derzeit nur Autoren und Rezipienten funktional. Was ja auch prinzipiell mehr als genug scheint … wenn bloß das liebe Geld nicht wäre. Nur deswegen braucht’s noch Sugar Daddies und Impressarios. Wenn die allerdings immer weniger herausrücken, dann sind sie zunehmend auch egal …

Der Hubert Burda sollte sich stattdessen lieber mal mitsamt Links und Feeds und Blogrolls ins große, weite Netz stürzen, statt dort am Strandpromenadenrand schwimmringartig-portalsmäßig mit dem großen Zeh im Ozean zu plätschern - und sich dabei schon wunder wie ‘online’ vorzukommen …

Hinweis: Weil mich diese zunehmend sachferne Argumentation wirklich ärgert, mit der Deutschlands Verleger auf Dummenfang in den internet-retardierten deutschen Parlamenten gehen, habe ich diesen Text aus meiner ‘Sargnagelschmiede’ etwas aufgebohrt - und dann hier nochmals eingestellt.

Gut auch das … und vor allem natürlich auch das …

Übers Schreiben im Web 2.0

Sonntag, 08. Februar 2009

Der Kollege Jakubetz hat ja zunächst einmal völlig recht, wenn er sich über Journalisten lustig macht, die einfach ihre gebrauchten Publizistikprodukte im Web 2.0 verklappen möchten - und die dann noch meinen, sie wären wunder wie cool und zeitgemäß:

“Aber warum in einem Blog, das sich Blog nennt und unglaublich viele neue kleine Kreativkunstformen böte, Peter Hahne Kolumnen schreibt, die sich wie Peter-Hahne-Kolumnen lesen, und warum Elmar Theveßen Kommentare schreibt, die sich wie Kommentare lesen, bleibt ein Rätsel.”

Stilistisch gesehen ist jedes Blog ein neues Medium, das als primäre Ausdrucksform einer demokratischen Medienrevolution entstanden ist. Blogs benötigen daher vor allem neue Stilformen statt Bericht, Artikel, Feature oder Interview; sie benötigen eben nicht die Holzhausener Grabbelware aus dem wackeligen Redaktionsregal. Einige grundlegende Regeln:

(more…)

Byebye, Editorial

Freitag, 09. Januar 2009

Im Editorial der großen Magazine steht gar kein Dreibein mehr herum, geschweige denn ein Katheder, um etwa den minderen Pöbel aufzuklären. Noch nicht einmal ein Melkschemel ist all den Chefredakteuren und Verlegern geblieben, von dem herab sie orakeln dürften. Es gibt ja nichts mehr zu melken. Aus ehemaligen Gatekeepern sind Portiers und Grüßonkels geworden. Gegen die wiederum ist Horst Köhler richtungsweisend …

“Ra-, Ra-, Rasputin, lover of the Paper Queen …”

Der tote Rasputin (wikipedia, Public Domain)

Der tote Rasputin (wikipedia, Public Domain)

Das Pfeifen im Wald

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Wie klingt es eigentlich sprachlich, das sprichwörtliche Pfeifen im Wald? Was ja konkret nichts anderes meint, als dass bei einem Sprecher sich oben verbal und unten natural der Dünnpfiff seinen Weg bahnt. Ein solcher Fall von Sich-Selber-Mut-Ansabbeln lässt sich derzeit beim Spreeblick beobachten, wo der Malte Welding eine wahre Philippika gegen private Verleger und ihre fehlenden ‘cojones‘ vom Stapel gelassen hat. Ein Text, mit dem ich - um das gleich klar zu stellen - durchaus sympathisiere. Denn die Privaten, der Schluss drängt sich mir je länger je mehr auf, die können so gut wie gar nichts besser. Eigentlich fehlt nur noch der kleine Junge, der den Kaiser endlich mal nackt nennt …

Nach einem solchen Artikel taucht in den Kommentaren dann auch immer die Das-Glas-ist-halbvoll-Fraktion mit ihren bemühten und zusammengeklempnerten Widersprüchen auf, die im Kern allerdings nur durch nichts begründete Hoffnungen sind. Diese Kommentatoren - ob sie ‘interessiert’ sind, möge jeder selbst entscheiden - die werfen sich mehr oder minder voluntaristisch für die bedrohte offizielle Lesart der jeweiligen Presseerklärungspartei in die Bresche. Sie betreiben das ‘Pfeifen im Wald’. Das klingt dann bspw. so:

(more…)