Beerdigung der Öffentlichkeit

Ich habe mir einfach mal die Mühe gemacht, in meiner Dissertation alle Zitate und Annotationen kapitelweise durchzuzählen. Es sind mehr als 400. Ginge es nach den neuentwickelten Rechtspositionen deutscher Verleger, dann hätte ich damals schon mehr als 400 Mal gegen ihr ominöses ‘Leistungsschutzrecht’ verstoßen, das sie sich jetzt für den weihnachtlichen Gabentisch von der Politik wünschen. Jedenfalls klingt ganz so der ‘Leistungsschutzexperte’ Mathias Schwarz auf den Zeitschriftentagen (noch so’n Beispiel übrigens für die grassierende Expertenepidemie, die längst vom ‘Aasgeier-’ bis zum ‘Zystologieexperten’ reicht):

“Zur Bedrohung werden Rip-Offs für die bestehende Presse insbesondere dann, wenn nur kurze, aber mit hohem professionellen Aufwand erstellte Textausschnitte übernommen werden, für die nach deutschem Recht kein Urheberrechtsschutz besteht.”

Bei den ‘Rip-Offs’ – einem neuentwickelten Kampfbegriff, der ein angeblich kriminelles Tun aus durchsichtigen Gründen ratzfatz ins Wortbild packt – handelt es sich schlicht um unsere guten alten ‘Zitate’. Deren Gebrauch ist im deutschen Zitatrecht längst völlig zureichend geregelt. Dazu zählt zum Beispiel auch jenes Zitat ein paar Zeilen weiter oben, wo ich den Herrn Schwarz ‘im O-Ton’ mit einem Satz zu Wort kommen ließ, um seine mentale Verfasstheit zu illustrieren.

Panik ist ein schlechter Ratgeber: Den Renditewillen deutscher Verlage in allen Ehren, das gesamte Prinzip der bürgerlichen Öffentlichkeit beruht gerade auf solchen ‘Rip-Offs’. Deutschlands Verleger wollen angesichts dahinschmelzender Geschäftsfelder den unerhörten Diskurs einer imaginierten Konkurrenz aus dem Internet abwürgen, indem sie gleich die gesamte Öffentlichkeit erster Klasse beerdigen, nur um ihr teilweise überlebtes Geschäftsmodell künstlich am Leben zu erhalten. Mit einem neuen Leistungsschutzrecht, für das sie gerade heftige Lobby-Arbeit bei Parlamentariern betreiben, deren publizistische Einsicht doch oft derjenigen des Dirk Niebel in Sachen Entwicklungshilfe entspricht.

Zur Illustration: Nahezu unsere gesamte Literatur beruht auf ‘Rip Offs’. Ein Schriftsteller wie Jean Paul war eine unermüdlicher Kompilator, der Zitate aus entlegensten Quellen in seinen Romanen ‘verwurstete’, ohne dass ihm deshalb Originalität oder gar literarischer Weltrang abzusprechen wären. Der leider ziemlich vergessene Carl Julius Weber schob im Demokritos wie eine Planierraupe aus seinen Zettelkästen einschlägige Zitate zusammen, aus denen er aber durch die Art seiner Zusammenstellung etwas ganz Neues und bis heute in deutscher Sprache Unerreichtes schuf. Die ‘Fackel’ des Karl Kraus wimmelt von Zeitungszitaten, seitenlang kommen dort kommentarlos nur Journalisten zu Wort, um sich so selbst zu entlarven. Tucholsky hätte niemals Arnolt Bronnens ‘OS’-Roman für alle Zeiten vernichten können, hätte er nicht umfänglich und in ganzen Absätzen aus diesem Buch zitiert. Kurzum – die Leistungsschutzdebatte wird zu einem Anschlag auf ganz gewöhnliche literarische und journalistische Arbeitsverfahren, die seit Hunderten von Jahren Gültigkeit haben. Wenn nicht vorher diese Pläne in ihrer Absurdität noch wie eine Seifenblase zerplatzen …

Die Einführung eines neuen Leistungsschutzrechtes von Verlegers Gnaden würde den Historikerstreit komplett verhindert haben, weil das neue Recht die wechselseitige Zitierung zu unterbinden trachtet oder nur noch gegen ‘Cash’ ermöglichen will, die Diskussion um Atomkraft, die notwendigerweise mit Zitaten oder ‘Rip Offs’ aus der Industrie arbeiten muss, wäre nicht mehr möglich, aber auch der wissenschaftliche Austausch würde wirksam unterbunden. Das geplante Leistungsschutzrecht ist folglich ein Anschlag auf Wissenschaft, Literatur und Kultur, ausgeführt von Verlegern, obwohl die sich doch so gern als ‘Kulturträger’ umjubeln lassen.

Das Perfide daran ist, dass nicht nur einige Verlage selbst ungerührt jenes Verfahren praktizieren, dass sie als gewandte Lobbyisten jetzt als ‘Teufel aus dem Internet’ an die Wand malen, Nur weil dieser praktizierte Satanismus nicht länger aus ihrem Verlagshaus kommt, wo ein weitherzig interpretiertes ‘Rip-Off’ zum redaktionellen Brauchtum zählt:

“Tatsächlich verdienen aber alle großen Zeitungen, von der taz über die Süddeutsche bis hin zur FAZ, tagtäglich Geld damit, dass sie fremdes geistiges Eigentum weiterverkaufen, ohne im Einzelfall zu kontrollieren, ob sie über die entsprechenden Rechte verfügen. … Und weil die Zeitungen genau wissen, dass sie das eigentlich nicht dürfen, berichten sie auch nicht darüber.”

Bleibt eine Frage: Warum muss uns die wechselseitige Zitierfähigkeit von Texten im Diskurs erhalten bleiben? Deshalb, weil die bürgerliche Öffentlichkeit durch diese Referenznahmen überhaupt erst jenen Diskursraum ausbilden kann, innerhalb dessen sich dann jeder auf jeden bezieht. Öffentlich ist niemals ein einzelner Text, die Öffentlichkeit ist immer ein ‘Netz’ aus verflochtenen Texten, nur dass früher mit ‘schriftlichen Verlinkungen’ gearbeitet wurde, mit Zitatnachweisen also, wo heute ein schlichter Backlink genügt.

Das geplante Verbot also, ‘Backlinks’ oder ‘Snippets’ zu setzen, ist nichts als der Versuch interessierter Kreise, die Öffentlichkeit erster Klasse zu beerdigen. Die Verleger leisten sich selbst einen Eisbärendienst.

Nachtrag: In Österreich verfolgt man das Thema aufmerksamer als bei uns.

Ein weiterer Beitrag mit dem Fokus auf die neuen ‘fluid-mechanischen’ Gegebenheiten im Netz findet sich jetzt auch beim Jörg Wittkewitz.

Eine lesenswerte Parodie auf die feuchten Verlegerträume jetzt auch bei F!XMBR.


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2 Antworten zu “Beerdigung der Öffentlichkeit”

  1. Dierk sagt:

    Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit
    Walter Kempowski, Echolot

    Wenn es nach Mathias Döpfner ginge, WELT kompakt.

    Möglicherweise meint der M. Schwarz auch gar nicht [klassische] Zitate, sondern die nahezu Komplettkopie von dem, was einige Zeitungen und Magazine online als “Inhalt” verkaufen, durch Blogger, die dann auch nichts weiter dazu schreiben. Kraus, Tucholsky oder Kempowski haben einen recht großen Aufwand getrieben, um einen umfassenden Überblick anhand von Zitaten zu geben, und diesen dann eben durch ihre Auswahl zu kommentieren. So manch einer, der keine Ahnung von Zitierregeln hat, zieht 2/3 eines Artikels in sein Blog und schreibt dann nur noch ‘Unfassbar sowas’ dazu. Auch nicht die feine Englische.

    Wer natürlich seinen ohnehin lächerlichen Content auf 163 Seiten Bild-Klick-Strecke verteilt, so dass nur noch Abbruchsätze zu finden sind, wird schnell mal komplett zitiert. Ich habe ohnehin den Eindruck, Verlage und Verleger – sowie manch fehlgeleiteter Journalist – nehmen sich ein wenig sehr wichtig. Die Zeitung von gestern dient heute nur noch dem Ausschlagen des Vogelkäfigs. Oder dem Einschlagen des Fisches, wodurch der Inhalt endlich wertvoll wird.

  2. Klaus Jarchow sagt:

    Es ging auf dem Treffen wohl vor allem um die ‘Snippets’, um jene kurzzitierenden zweizeiligen Anreißer also, die bei ‘Google News’ nach Eingabe der Suchanfrage einen Vorab-Eindruck davon geben, was einen klickwilligen Leser dort erwartet, bzw. nicht erwartet.

    Ganze Texte in extenso zu zitieren, ist auch nach dem derzeitigen Rechtsstand nicht erlaubt.