Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Wer hat die Kokosnuss geklaut?

Montag, 06. Februar 2012

Stefan Niggemeier versucht sich an einer Verteidigung von Wolf Schneiders Internet-Kompetenz, ein Unternehmen, das der Quadratur des Kreises gleichkäme, wenn es Aussicht auf Erfolg besäße. Entsprechend laut schallt ein rezeptives Hallo durch jenen halben Kilometer Kommentarkorridor, der sich prompt nach diesem Wagnis geöffnet hat. In gereizten Wortmeldungen heißt es gleich mehrfach, an den Statements der jeweils anderen Partei könne man doch sehen, wie empfindlich diese zarten Blogger-Seelen gestrickt seien. Bis zum Horizont aber – von Detlef Gürtler über Christian Jakubetz bis hin zu Ulrike Langer, vom Heddesheim-Porthmann bis zu Stefan Niggemeier himself – tummeln sich vor meinen Augen dort nur gestandene Journalisten, die allerdings alle auch ‘online’ zu finden sind. Auf den Punkt gebracht: Hier streiten On-Off-Liner miteinander, ob ein nativer Offliner wie Wolf Schneider, der sich ohne Not aufs Glatteis des Web 2.0 begab, trotz notorischer Anfälle von Größenwahn immer noch Pietät verdient.

Sobald unsere Kombattanten auf andere Diskutanten wie Mimosen wirken, müssen sie sich Bloggerseelchen schimpfen lassen; bringen sie faktengestützte Argumente vor, umschmeicheln sie sich wechselseitig als wahrhafte Journalisten. Was aber der gemeine Nur-Blogger draußen auf der weiten Prärie zur großen Beckmesserei am Journalistenstammtisch sagt, das erfahren wir mal wieder nicht …

Was Text kann

Samstag, 07. Januar 2012

Wie Sie sehen, sehen Sie hier, ganz ohne Text, nur ein ödes Flussbild. Um es sprechen zu machen, benötigen wir Buchstaben. Vom Bild kommt die Form, der Text gibt dem Ganzen erst den Sinn.

Die Texte helfen einem Bild auf die Sprünge, sie verleihen der grafischen Projektionsfläche die gewünschte ‘Story’:

Jenseits des Wehres war das Wasser still und schwarz. Vor allem war es tief, so tief wie seine Sehnsucht zu enden. Sein Puls ging ruhig, er war frei von jeder Angst. Schon stand er auf der anderen Seite des Geländers, der Moment des Sieges war gekommen. Vornüber gebeugt schaute er hinab … ” Prompt hätten wir mit Hilfe des Textes ein wenig Selbstmord-Kitsch erzeugt, angemessen morbide und pubertär, das Bild erhält gewissermaßen einen Endzeit-Charakter.

Mit Hilfe des Textes lässt sich aber auch für lexikalische Nüchternheit sorgen: “Die Wümme ist der 118 km lange, linke bzw. südliche Quellfluss der Lesum, ein Nebenfluss der Weser im nördlichen Niedersachsen. Die Wümme fließt durch Niedersachsen und Bremen und gehört zu den saubersten Flüssen Norddeutschlands.

Etwas Kriminalistisches gefällig? Bitte sehr: “Am linken Ufer, den Vorderreifen im Wasser, fanden sie das rote Kinderfahrrad. Der Stoffhase hockte noch immer auf dem Gepäckträger und lächelte dumm. Eine Blutspur wies den Fahndern den Weg. Hinter der ersten Baumgruppe lag die geschundene Kinderleiche im zertrampelten Gras.

Es ginge aber auch ästhetisch: “Das berühmte ‘Worpsweder Licht’ zog immer wieder Maler in die weite Moorlandschaft zwischen Hamme und Wümme. Das sanftbraune Wasser mit regenbogenfarbenen Eisenflecken dort, wo es brackig in den Gräben stand, das vom Wind silbrig geriffelte Wiesengrün mit den gelblich-kargen Sumpftönen gleich nebenan, der milchige, plötzlich wieder sturmzerrissene Wolkenhimmel …“.

Und ewig ist es ohne Text das gleiche langweilige Bild. Erst der Text macht die Musik: Ein Bild sagt weniger als 1.000 Worte … und ändert sich der Text dazu, wird’s gleich ein anderes Bild.

Restesaufen

Sonntag, 01. Januar 2012

Mit Ulf Poschardt geht’s diesmal unter dem Motto ‘Hoch die Tassen’ ins neue Jahr:

“Wer will, kann in der Krise nur das Negative, Misslingende sehen, wer nicht anders kann als optimistisch zu sein, erkennt nicht nur, wie süffig der Genuss halb leerer Gläser sein kann, sondern wie gut es am nächsten Tag ist, nur die Hälfte getrunken zu haben.”

Genau – dafür aber alles durcheinander! Der Ulf hat ja auch völlig recht, trotz des Krisengeredes sind im Jahr 2011 wunderbare Dinge geschehen: Guttenbergs Abgang, der Absturz der FDP wie auch der Aufstieg der Piratenpartei. Vermutlich sieht er das genauso …

In eigener Sache:

Montag, 07. November 2011

Auf Grund eines Krankenhausaufenthalts wird’s in diesem Blog eine Zeitlang ruhiger zugehen.

Satire als Ausrede

Samstag, 27. August 2011

Zwar mag die Zahl der Definitionen für Satire so uferlos sein, wie die Zahl der Satiriker. Zugleich aber sollte man schon eine satirische Begabung besitzen, um sich erfolgreich auf dieses Genre hinauszureden. Dieser junge Mann fällt sicherlich nicht unter diese Kategorie. Sich hinterher den Hosenboden mit einer nachgeschobenen satirischen Absicht zu polstern, damit die verdienten Schläge weniger schmerzhaft ausfallen, ist kaum probat. Das Amt ist jedenfalls flöten – und ich frage mich, woher der Parteinachwuchs jeder Couleur immer wieder diese solitären Geistesriesen bezieht.

Kurzum: Ein Bremer (Ex-)JU-Vorsitzender hat schlicht eine ebenso strunzdumme wie missverständliche Parallele ohne Not hergestellt, indem er einen islamophoben Zossen – wiewohl in guter Absicht – solange über die Oxer und Tripel-Barren des guten Geschmacks trieb, bis er plötzlich mitten im tiefsten Braunau auf dem Marktplatz stand. Satirisch daran ist höchstens sein Fall …

Die Konservativen und Mr. Hyde

Sonntag, 21. August 2011

Kaum dachte der Leser, ein Frühlingshauch von Selbstreflexion durchwehte die konservative Welt, schon trällert uns ein alter Fahrensmann den konservativen Evergreen von der ewigwährenden Unfehlbarkeit, deshalb, weil wahre Konservative immer einen Kompass statt einer Seele in der Brust zu tragen pflegen:

“Konservative wissen, woher sie kommen. Und wohin sie gehen. Sie haben einen Kompass. Deshalb verlieren sie sich auch nicht in den Wanderdünen des Zeitgeists.”

Oha, Peter Hahne – auch bei den Konservativen bleibt also die dürre Wüste ringsum, nur eben das Navi käme hinzu? Berechtigt wären demnach die Klagen der Charles Moore, Konstantin Seibt und Frank Schirrmacher über die große Weg- und Steglosigkeit, und über jene Absenz eines christlichen Master-Plans, der ja nicht darin bestehen kann, plötzlich jene Zocker heilig zu sprechen, die Jesus noch mit Fußtritten zum Tempel hinauskomplimentierte?

Das konservative Denken mag zwar einen Kompass haben, was nützt dies aber, wenn der Magnetpol fehlt? Auch die Konservativen funzeln mit ihren Taschenlämpchen derzeit in einer großen intellektuellen Saharanacht herum – und sie wissen nicht, ob ringsum überhaupt Wanderdünen zu finden sind, oder aber Salzseen, Felsenformationen oder gar das Himmlische Jerusalem. Keine Orientierung nirgends … und auch jene kindlich schlichte Definition, Herr Hahne, dass der Konservative halt eben immer ein wenig retardiert wäre, die hilft da nicht weiter. So etwas wie einen Plan haben derzeit allein die Ultra-Liberalen, von denen die Konservativen sich allzulange vereinnahmen, ja unterwandern ließen …

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Spurensuche

Freitag, 12. August 2011

Mark Duggan, ein schwarzer Familienvater und Bewohner Londons, wurde in einem silbernen Toyota-Van am Donnerstag, dem 4. August 2011 um 18:15 Uhr in der Londoner Ferry Lane, nahe der Tottenham Hale Tube Station, von Polizisten angehalten. Soweit ist hieran nichts Ungewöhnliches, schwarze Bewohner der Stadt werden ungefähr dreißigmal so häufig von der Polizei gestoppt und anschließend durchsucht wie die Weißen. Scotland Yard behauptete später, Duggan habe dann zunächst auf die Polizisten geschossen, woraufhin diese zurückgeschossen hätten. Inzwischen musste der Yard einräumen, dass Duggan keineswegs auf Polizisten geschossen hat.

Diese Tat, die für viele Bewohner einer Hinrichtung glich, stand also am Anfang der ‘Riots’, keineswegs handelte es sich um eine ‘spontanen Ausbruch’ unkontrollierter Gang-Gewalt, sondern klarerweise um eine Folge von Polizeigewalt. Auch ist es, um gleich mit einem zweiten Mythos aufzuräumen, angesichts des Schusswaffengebrauchs wohl keineswegs so, dass Londons Polizei immerzu nur ‘bobby-mäßig’ mit dem Schlagholz bewaffnet durch die Straßen der Hauptstadt patroulliert.

Das Bild der britischen Polizei war zu diesem Zeitpunkt bereits erheblich angekratzt. Seit den Zeiten von ‘The Clash’ ist es für Jugendliche aus Armenvierteln klar, wo ‘der Feind’ zu suchen ist, eine lange Kette von Polizeiübergriffen durchzieht die britische Gesellschaft seit den 80er Jahren. Hinzu kommt die Korruption in vielen Polizeidienststellen, die im Zuge der News-of-the-World-Affäre kürzlich erst aufflog. Dass zudem die britische Polizei nicht ohne Grund ‘rassistisch’ genannt werden darf, ist in England ein offenes Geheimnis, hierzu reicht es, die Zahl der Menschen schwarzer Hautfarbe, die im Polizeigewahrsam ‘versterben’, mit derjenigen anderer ethnischer Gruppen zu vergleichen.

“Es ist Straßenkapitalismus – die Jugendlichen ahmen das nach, was die Banker am anderen Ende des Spektrums tun”, sagt der britische Historiker Clive Bloom. Diese These ist nicht unbegründet, Menschen, vor allem ungebildete Menschen, ahmen immer das nach, was ihnen vorgelebt wird. Und wenn sich ‘die da oben’ schamlos, unmäßig und allemal auf Kosten der Gesellschaft bereichern, warum sollte das ‘denen da unten’ verboten sein? Kurzum – es ist ein chancenloser ‘Klassenkampf’ um knapper werdende Ressourcen, der allerdings nicht auf klassisch marxistischen Bahnen ausgetragen wird. Die Ansichten und die ‘Weltanschauungen’ dieser Armen sind nicht länger ‘organisiert’ und theoretisch durch Parteiprogramme gestützt, die Zerschlagung der ‘Unions’ macht sich hier negativ bemerkbar. Es ist eine eher diffuse Ansicht über die Gesellschaft, die sich in ‘Wir hier’ und ‘Die da’ gliedert. Was aber noch nicht heißt, das diese Sicht angesichts der Vermögensentwicklung falsch ist. Weiterhin spielen eine Fülle von Störfaktoren hinein, die kein klares Bild von ‘reich’ gegen ‘arm’ mehr erlauben: Schwarze gegen ‘Pakis’, grenzarme Muslime, die ihr Eigentum gegen den weißen oder schwarzen ‘Scum’ verteidigen … usw. Diese ‘Rioters’ sind keinesfalls homogen.

So überfuhren in Birmingham zwei Jugendliche und ein Erwachsener drei muslimische Asiaten, die sich – mangels Polizeihilfe – gegen die Plünderer zu einer Bürgerwehr zusammengeschlossen hatten. Bis heute schweigt die Polizei beharrlich zur Herkunft der Täter. Solange dies so ist, könnte es sich ebenso gut um rechtsextremen ‘White Trash’ gehandelt haben, der unter dem Schutz der Riots sich endlich einmal ‘ausleben’ durfte. Kurzum – wenn es sich um organisierte ‘Gangs’ gehandelt haben soll, wie Cameron jetzt ebenso vorschnell wie unbedacht heraustrompetet, dann sind es zumindest ganz viele Gangs, die eher Stoßtrupps gleichen, und nur wenig miteinander zu tun haben.

Ich selbst glaube auch nicht an diese Gang-These: Ich glaube eher an ein verarmtes, chancenloses Prekariat von Einzeltätern, seit Jahren durch die gleichen erbärmlichen Lebensverhältnisse geprägt, das sich im Falle eines Falles mittels neuer Medien blitzschnell zu einer ‘Cloud’ zusammenschließen kann. Duggan’s Tod legitimierte ihr Handeln, zumindest in ihren Augen. Sie praktizierten in der Folge jenes ‘Jeder für sich und Gott gegen alle’, das ihnen die Oberschicht seit Jahrzehnten schon vorlebt. Es handelt sich für mich um das Bild des Volksaufstands in den Zeiten des Neoliberalismus. Dass es allemal besser gewesen wäre, dieser Aufstand hätte sich im Bankenviertel oder in Londons Westend ausgetobt, ist unbestritten … so, wie er verlief, traf er die Falschen.

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Nachtrag: Immer wieder erstaunlich ist die Schizoidität der ‘Welt’, wo neben dem ausgemachtesten Poschardt’schen Blödsinn dann wiederum solche Texte zu finden sind: “Wie soll man von einem Ministerpräsidenten denken, der weiß, dass die Familien dieser Kinder seit drei Generationen arbeitslos sind, und sich doch darüber wundert, dass sich in seinem Land Gewalt Bahn bricht …?”

Textqualität im Netz

Mittwoch, 10. August 2011

Wolf Schneider plus SEO – das ist grob gesagt die Formel, die uns Claus Hesseling auf seinem Blog ‘Onlinejournalismus’ für das bessere Schreiben im Netz anpreist. Da es sich um einen ‘Spickzettel’ im pdf-Format handelt, kann ich hier nur auf diese Fundstelle verlinken, nicht auf die einzelnen Zitate. Im Kern handelt es sich um die Transformation journalistisch ‘bewährter Methoden’ ins Netz hinein. Selbst wenn jetzt alle Netz-Eleven diesen Zettel hinter den Monitor klemmen würden, folgen daraus – wie ich fürchte – keine besseren Texte.

Zunächst einmal ist Hesselings ABC-Schule in sich wiedersprüchlich. So fordert Hesseling gleich anfangs, die “wichtigsten Informationen am Anfang des Textes” und vor allem gleich am “Anfang jeden Absatzes” zu bringen. Um wenig später dann den beliebten “Cliffhanger” zu fordern, damit aber auch eine ‘Verrätselung’ des Textes und einen ‘Informationsstau’, um Neugier und Lust aufs Weiterlesen zu erzeugen. Beides geht nicht zusammen: Entweder volle Aufklärung gleich im ersten Satz – oder aber die Verschiebung der Lösung tiefer in den Text hinein, so wie bei einem guten Kriminalroman. Der Leser steht ratlos davor – das ‘Navi’ sagt ihm: Fahren sie rechts und links …

Zweitens preist uns der Verfasser eine ‘Focussierung’ der Texte an, so wie in Markworts Faktenschleuder, ein Magazin, das bekanntlich dem Erfolg derzeit eher hinterherstratzt. Durch Infokästen und Tabellen sollen lange Texte nach dem “Sushi-Prinzip” aufgebrochen werden, es entstehen jene bunten ‘journalistischen Schlachteplatten’, die angeblich beiden, dem eiligen wie dem genauen Leser, gleichermaßen etwas zu bieten haben – das Resultat ist eine infolegende Narrationssau.

Die Abkehr vom Feuilleton empfiehlt uns Hesseling dann beim ‘Headlining’: “Sinnvolle statt witzige oder feuilletonistische Überschriften“, natürlich vollgepackt mit googlefreundlichen ‘Keywords’. Mal abgesehen von dem ewigen Missverständnis des Unterhaltsamen – dass also eine Headline, die ‘witzig’ ist, dies nur sein kann, wenn sie auf Sinn verzichtet – davon abgesehen, wird ein solch strohtrockenes Verfahren den Leser nur gähnen machen. Er denkt, er habe aus der Headline schon alles erfahren und düst weiter zur nächsten Station im Netz.

In die gleiche Kategorie gehört auch der Ratschlag, die Sätze “short & simple” zu halten, weil “niemand sich beschweren wird, wenn etwas zu einfach zu verstehen ist“. Tscha – warum lesen Erwachsene eigentlich keine Kinderbücher? Wir stoßen hier auf die ewige Unterschätzung des Lesers, die es jedem eher Schreibunbegabten erlaubt, seine Defizite auf den Rezipienten zu übertragen, nach dem Motto: “Der Leser will es doch so” (war das nicht ein schöner langer Satz?). Wahr ist förmlich das Gegenteil: Mit dem Hundetrab kurzer Sätze unterfordern wir den Leser und kegeln ihn aus dem Text. Die Regel lautet: Jeder Satz sei so lang wie der Gedanke, den er formuliert. Wirkt der Satz unverständlich, dann arbeite an deinem Stil. Unbequem? Klar ist das unbequem – für den Schreiber nämlich!

Auch der Hinweis, auf Adjektive und Adverbien zu verzichten, ist in dieser Absolutheit Blödsinn. Die dritthäufigste Wortklasse der deutschen Sprache dient dazu, emotionale und sinnliche Qualitäten zu benennen. Wer auf sie verzichtet, amputiert die Realität und seine Möglichkeiten. Das Problem sind ja nicht die Adjektive, sondern die ‘rundgelutschten Adjektive’: der ‘erfolgreiche’ Geschäftsmann, die ‘eingetretene’ Entwicklung, die ‘blutige’ Schlacht usw. Gleichen sie ausgetretenen Stanzenpantoffeln, zeigen uns Adjektive nur, dass hier ein Schreiber zu faul war, selbst etwas zu erleben. Zum Thema habe ich anderswo schon etwas geschrieben. Selbst der Verzicht auf Relativsätze ist nur demjenigen zu empfehlen, der den Umgang mit ihnen nicht beherrscht. Die weite Welt der Texte bevölkern berühmte Relativsatzvirtuosen en masse – man muss es aber können.

Vieles von dem, was Hesseling schreibt, ist wiederum völlig richtig. Der Gebrauch von Zwischenüberschriften kann sinnvoll sein, das Setzen von Hyperlinks ist ein Muss, via Kommentarspalte einen Dialog mit dem Leser zu führen ebenfalls. Publikumsfreundlich ist auch das Schreiben im Aktiv, ohne Fremdwörter und Politiker-Worthülsen.

Wesentliche Dinge fehlen mir wiederum – zum Beispiel der Hinweis auf rhetorische Stilfiguren, die einem Text erst jene Würze geben, die den Leser an unser Buffet lockt. Auch ein Satz zur Rhythmik von Texten hätte dem ‘Spickzettel’ gut getan. Wenn ich oben schrieb “so wie in Markworts Faktenschleuder“, dann doch nicht deshalb, weil ich hier ‘witzig’ sein wollte, sondern vor allem deshalb, weil so auf einen daktylischen Auftakt drei Trochäen folgen. Rhythmischer Wechsel bringt Bewegung in den Text, so erzeugen wir den Eindruck einer Straffheit, die den Leser bindet, hier fängt die Kunst dann an – weil sich der Leser in der Dynamik unseres Textes wiegen darf. Der Rhythmus kann sogar Unsinn plausibel machen – weitgehend sinnfreie Sprichwörter wie “Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen” oder “Das Leben ist kein Ponyhof” gelten doch nur deshalb als ‘wahr’, weil sie rhythmisch gebunden sind.

Eins ist jedenfalls klar: Gerade weil die Konkurrenz der Schreibenden im Netz so unüberschaubar geworden ist, führt nur noch Kunst zum Erfolg, dahergeklappertes Handwerk allein genügt nicht mehr. Und ‘Journalismus plus SEO’ ist auch kein Königsweg. Selbst ohne die große ‘Google-Optimierung’, wie sie SEO-Experten empfehlen, habe ich die Homepages von Kunden mit ihren ‘Kernbegriffen’ schon auf die Titelseiten von Google geführt. SEO wird ‘gehypt’ und überschätzt, der Zügel ist nicht das Pferd …

Mein Freund, der Täter

Montag, 01. August 2011

Gestern hat ein guter Freund von mir seine Frau getötet. Genauere Informationen zum Tathergang gibt es von der Polizei bisher nicht. Seit einigen Monaten litt er unter einer tiefen Depression und wurde deshalb bei einem teilstationären Aufenthalt mit hohen Dosen Antidepressiva behandelt. Mit Substanzen also, die nicht nur hier für Gewaltausbrüche zunehmend verantwortlich gemacht werden. Ich selbst stehe unter Schock, fühle mich innerlich leer und muss die Tat erst einmal verarbeiten. In diesem Blog wird es daher in den nächsten Tagen etwas stiller werden.

Wer Links zu soliden und kritischen Antidepressiva-Studien kennt, möge sie bitte hier posten. Danke.

Moderne Mythen

Sonntag, 24. Juli 2011

In den Foren von ‘Spiegel’, ‘Tagesspiegel’, ‘Welt’ oder ‘Tagesanzeiger’ würden sich doch nur die minderbemittelten und bildungsfernen Kleinbürger austoben – daran glaubte auch ich lange Zeit. Seit einigen Wochen jedoch begebe ich mich des öfteren in diese Güllegruben hinab, weil mir diese These zunehmend fragwürdig erscheint, weil ich es zudem soziologisch hochinteressant finde, wer oder was sich dort artikuliert. Natürlich sind die Argumente dort krank wie immer, alle Indizien deuten aber darauf hin, dass die Kotze, die dort manchmal meterhoch durch die Gänge schwappt, keineswegs von den Mühseligen und Beladenen der Gesellschaft stammt, von den Zu-kurz-Gekommenen und notorischen Nichtwählern, sondern durchaus auch von Privilegierten, die ihre Pfründen, aus welchen obskuren Gründen auch immer, von ‘Marxisten’, ‘Islamisten’ und generell ‘Multikulti-Ausländerfreunden’ bedroht wähnen. Und das, obwohl Europa nahezu flächendeckend von Rechtsregierungen und rechten Medien dominiert wird. Kurzum: Der Massenmörder von Oslo ist ihres Geistes Kind. Nehmen wir diese Beispiele aus dem zutiefst bourgeoisen und bildungsbürgerlichen Schweizer ‘Tagesanzeiger’, einem Land, wo Blochers SVP immer neue Triumphe feiert:

“Es ist unendlich traurig, dass junge Menschen mit ihrem Leben für die verfehlte Politik der heutigen “Eliten” in Europa bezahlen mussten. Solche Exzesse sind aber nur möglich, weil Europa seit Jahrzehnten eine Politik gegen die eigene Bevölkerung macht. Schuld sind nicht diejenigen, die das thematisieren, sondern jene, die diese falsche Politik betreiben! Mein Beileid an die Angehörigen.”

Die Grammatik sitzt, die Orthographie steht wie eine Eins, die Krokodilstränen fließen – das Dreiwetter-Taft der Ideologie zeigt sich unbeeindruckt: Der Täter hatte demnach nicht mehr selbst die Schusswaffe in die Hand, in Wahrheit wurden die Jugendlichen auf dieser Insel von einer “verfehlten Politik unserer Eliten” hingemetzelt. Eine solche ideologische Verkehrung der Fakten vollzieht sich keineswegs auf dürrem intellektuellen Grund, zu solchen dialektischen Wendungen ist mindestens die Intelligenz eines durchschnittlichen PR-Beraters vonnöten. Mit anderen Worten: Hier spricht sich eine akademische Bildung aus.

Auch die Person des Massenmörders deutet ja nicht auf die beruhigende These eines irrlichternden Einzeltäters hin. Der Mann war hochgebildet, war Führungsfunktionär einer Rechtspartei, las Immanuel Kant und John Stuart Mill, und er war in der Lage, 1.500 Seiten eines mehr oder minder kohärenten Textes auf die Reihe zu bringen. Für mich zählt er zum Lager der (nicht mehr ganz so) ‘neuen Rechten’, die sich überall in Europa formiert, jene Fraktion, die sich in einer Welt voll Teufel wähnt und Carl Schmitt und Ernst Jünger studiert, um dann die ‘Propaganda der Tat’ zu glorifizieren, den umfassenden Schrecken, um eine demokratisch eingelullerte Herde endlich wachzurütteln. Ein Einzeltäter war er nur in dem Sinne, wie auch die Rathenau-Mörder ‘Einzeltäter’ waren, das Einzeltätertum, die ‘Stoßtrupp-Ideologie’, ist in der rechten Szene Teil der Strategie (1). Wer das nicht sehen will, der glaubt wohl noch, dass auch der Nationalsozialismus eine ‘kleinbürgerliche Bewegung’ gewesen sei, obwohl doch der ganze Personalstamm bspw. des Reichssicherheitshauptamtes, der Exekutive des Führerstaates also, aus hochgebildeten jungen Einser-Juristen bestand. Weiter im Text mit der argumentativen Schuldlastumkehr:

“Die Tat ist religiös motiviert und nicht politisch. Es passiert vermutlich genau das, was durch die islamische Einwanderung provoziert wird. Fundamentalistische Christen wehren sich gegen die Islamisierung Europas, weil die Politik versagt. Genau das, was niemand will, denn dann haben wir den nächsten Religionskrieg in Europa.”

Genau – unverhüllte Sehnsucht nach einem Religionskrieg unter klerikal Bekloppten. Und es wäre doch gelacht, wenn wir den Islamisten nicht auch hierfür die Schuld in die Schuhe schieben könnten, und sei es um drei Ecken – auffällig ist mal wieder die gestochene Diktion: Weil die Multi-Kulti-Truppen der marxistischen Volksparteien den Islamisten Tür und Tor öffnen, deswegen ist es zwar (noch) nicht zu rechtfertigen, wohl aber verständlich, wenn ein fundamentalistischer Christ sich dagegen zur Wehr setzt, indem er – Logik adé! – reihenweise Christen abmackelt. Angesichts des überdimensionalen Feindbildes, wie es von SVP, Wilders, PI und anderen tagtäglich zum Dämon aufgeblasen wird, zählen Realität und Empirie nichts mehr. So lebt bspw. der letzte europäische ‘Marxist’ meines Wissens in Minsk und er heißt Lukaschenko.

Es ist in meinen Augen eine weiße Führungskaste, die sich durch Globalisierung, Europäisierung und Migration in ihren Privilegien bedroht sieht … ein akademisch gebildetes Bürgertum, das sich in den Foren ausspricht und seinem Popanz Zucker gibt. Es ist der radikalisierte Mittelstand, der dort randaliert.

(1) “Ein Einzeltäter betreibt quasi einen “führerlosen Widerstand”, wie es im Handbuch der international tätigen, rechtsmilitanten Gruppierung “Blood & Honour” als Strategiepapier aufgeführt wird.”