Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Die Konservativen und Mr. Hyde

Sonntag, 21. August 2011

Kaum dachte der Leser, ein Frühlingshauch von Selbstreflexion durchwehte die konservative Welt, schon trällert uns ein alter Fahrensmann den konservativen Evergreen von der ewigwährenden Unfehlbarkeit, deshalb, weil wahre Konservative immer einen Kompass statt einer Seele in der Brust zu tragen pflegen:

“Konservative wissen, woher sie kommen. Und wohin sie gehen. Sie haben einen Kompass. Deshalb verlieren sie sich auch nicht in den Wanderdünen des Zeitgeists.”

Oha, Peter Hahne – auch bei den Konservativen bleibt also die dürre Wüste ringsum, nur eben das Navi käme hinzu? Berechtigt wären demnach die Klagen der Charles Moore, Konstantin Seibt und Frank Schirrmacher über die große Weg- und Steglosigkeit, und über jene Absenz eines christlichen Master-Plans, der ja nicht darin bestehen kann, plötzlich jene Zocker heilig zu sprechen, die Jesus noch mit Fußtritten zum Tempel hinauskomplimentierte?

Das konservative Denken mag zwar einen Kompass haben, was nützt dies aber, wenn der Magnetpol fehlt? Auch die Konservativen funzeln mit ihren Taschenlämpchen derzeit in einer großen intellektuellen Saharanacht herum – und sie wissen nicht, ob ringsum überhaupt Wanderdünen zu finden sind, oder aber Salzseen, Felsenformationen oder gar das Himmlische Jerusalem. Keine Orientierung nirgends … und auch jene kindlich schlichte Definition, Herr Hahne, dass der Konservative halt eben immer ein wenig retardiert wäre, die hilft da nicht weiter. So etwas wie einen Plan haben derzeit allein die Ultra-Liberalen, von denen die Konservativen sich allzulange vereinnahmen, ja unterwandern ließen …

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Spurensuche

Freitag, 12. August 2011

Mark Duggan, ein schwarzer Familienvater und Bewohner Londons, wurde in einem silbernen Toyota-Van am Donnerstag, dem 4. August 2011 um 18:15 Uhr in der Londoner Ferry Lane, nahe der Tottenham Hale Tube Station, von Polizisten angehalten. Soweit ist hieran nichts Ungewöhnliches, schwarze Bewohner der Stadt werden ungefähr dreißigmal so häufig von der Polizei gestoppt und anschließend durchsucht wie die Weißen. Scotland Yard behauptete später, Duggan habe dann zunächst auf die Polizisten geschossen, woraufhin diese zurückgeschossen hätten. Inzwischen musste der Yard einräumen, dass Duggan keineswegs auf Polizisten geschossen hat.

Diese Tat, die für viele Bewohner einer Hinrichtung glich, stand also am Anfang der ‘Riots’, keineswegs handelte es sich um eine ‘spontanen Ausbruch’ unkontrollierter Gang-Gewalt, sondern klarerweise um eine Folge von Polizeigewalt. Auch ist es, um gleich mit einem zweiten Mythos aufzuräumen, angesichts des Schusswaffengebrauchs wohl keineswegs so, dass Londons Polizei immerzu nur ‘bobby-mäßig’ mit dem Schlagholz bewaffnet durch die Straßen der Hauptstadt patroulliert.

Das Bild der britischen Polizei war zu diesem Zeitpunkt bereits erheblich angekratzt. Seit den Zeiten von ‘The Clash’ ist es für Jugendliche aus Armenvierteln klar, wo ‘der Feind’ zu suchen ist, eine lange Kette von Polizeiübergriffen durchzieht die britische Gesellschaft seit den 80er Jahren. Hinzu kommt die Korruption in vielen Polizeidienststellen, die im Zuge der News-of-the-World-Affäre kürzlich erst aufflog. Dass zudem die britische Polizei nicht ohne Grund ‘rassistisch’ genannt werden darf, ist in England ein offenes Geheimnis, hierzu reicht es, die Zahl der Menschen schwarzer Hautfarbe, die im Polizeigewahrsam ‘versterben’, mit derjenigen anderer ethnischer Gruppen zu vergleichen.

“Es ist Straßenkapitalismus – die Jugendlichen ahmen das nach, was die Banker am anderen Ende des Spektrums tun”, sagt der britische Historiker Clive Bloom. Diese These ist nicht unbegründet, Menschen, vor allem ungebildete Menschen, ahmen immer das nach, was ihnen vorgelebt wird. Und wenn sich ‘die da oben’ schamlos, unmäßig und allemal auf Kosten der Gesellschaft bereichern, warum sollte das ‘denen da unten’ verboten sein? Kurzum – es ist ein chancenloser ‘Klassenkampf’ um knapper werdende Ressourcen, der allerdings nicht auf klassisch marxistischen Bahnen ausgetragen wird. Die Ansichten und die ‘Weltanschauungen’ dieser Armen sind nicht länger ‘organisiert’ und theoretisch durch Parteiprogramme gestützt, die Zerschlagung der ‘Unions’ macht sich hier negativ bemerkbar. Es ist eine eher diffuse Ansicht über die Gesellschaft, die sich in ‘Wir hier’ und ‘Die da’ gliedert. Was aber noch nicht heißt, das diese Sicht angesichts der Vermögensentwicklung falsch ist. Weiterhin spielen eine Fülle von Störfaktoren hinein, die kein klares Bild von ‘reich’ gegen ‘arm’ mehr erlauben: Schwarze gegen ‘Pakis’, grenzarme Muslime, die ihr Eigentum gegen den weißen oder schwarzen ‘Scum’ verteidigen … usw. Diese ‘Rioters’ sind keinesfalls homogen.

So überfuhren in Birmingham zwei Jugendliche und ein Erwachsener drei muslimische Asiaten, die sich – mangels Polizeihilfe – gegen die Plünderer zu einer Bürgerwehr zusammengeschlossen hatten. Bis heute schweigt die Polizei beharrlich zur Herkunft der Täter. Solange dies so ist, könnte es sich ebenso gut um rechtsextremen ‘White Trash’ gehandelt haben, der unter dem Schutz der Riots sich endlich einmal ‘ausleben’ durfte. Kurzum – wenn es sich um organisierte ‘Gangs’ gehandelt haben soll, wie Cameron jetzt ebenso vorschnell wie unbedacht heraustrompetet, dann sind es zumindest ganz viele Gangs, die eher Stoßtrupps gleichen, und nur wenig miteinander zu tun haben.

Ich selbst glaube auch nicht an diese Gang-These: Ich glaube eher an ein verarmtes, chancenloses Prekariat von Einzeltätern, seit Jahren durch die gleichen erbärmlichen Lebensverhältnisse geprägt, das sich im Falle eines Falles mittels neuer Medien blitzschnell zu einer ‘Cloud’ zusammenschließen kann. Duggan’s Tod legitimierte ihr Handeln, zumindest in ihren Augen. Sie praktizierten in der Folge jenes ‘Jeder für sich und Gott gegen alle’, das ihnen die Oberschicht seit Jahrzehnten schon vorlebt. Es handelt sich für mich um das Bild des Volksaufstands in den Zeiten des Neoliberalismus. Dass es allemal besser gewesen wäre, dieser Aufstand hätte sich im Bankenviertel oder in Londons Westend ausgetobt, ist unbestritten … so, wie er verlief, traf er die Falschen.

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Nachtrag: Immer wieder erstaunlich ist die Schizoidität der ‘Welt’, wo neben dem ausgemachtesten Poschardt’schen Blödsinn dann wiederum solche Texte zu finden sind: “Wie soll man von einem Ministerpräsidenten denken, der weiß, dass die Familien dieser Kinder seit drei Generationen arbeitslos sind, und sich doch darüber wundert, dass sich in seinem Land Gewalt Bahn bricht …?”

Textqualität im Netz

Mittwoch, 10. August 2011

Wolf Schneider plus SEO – das ist grob gesagt die Formel, die uns Claus Hesseling auf seinem Blog ‘Onlinejournalismus’ für das bessere Schreiben im Netz anpreist. Da es sich um einen ‘Spickzettel’ im pdf-Format handelt, kann ich hier nur auf diese Fundstelle verlinken, nicht auf die einzelnen Zitate. Im Kern handelt es sich um die Transformation journalistisch ‘bewährter Methoden’ ins Netz hinein. Selbst wenn jetzt alle Netz-Eleven diesen Zettel hinter den Monitor klemmen würden, folgen daraus – wie ich fürchte – keine besseren Texte.

Zunächst einmal ist Hesselings ABC-Schule in sich wiedersprüchlich. So fordert Hesseling gleich anfangs, die “wichtigsten Informationen am Anfang des Textes” und vor allem gleich am “Anfang jeden Absatzes” zu bringen. Um wenig später dann den beliebten “Cliffhanger” zu fordern, damit aber auch eine ‘Verrätselung’ des Textes und einen ‘Informationsstau’, um Neugier und Lust aufs Weiterlesen zu erzeugen. Beides geht nicht zusammen: Entweder volle Aufklärung gleich im ersten Satz – oder aber die Verschiebung der Lösung tiefer in den Text hinein, so wie bei einem guten Kriminalroman. Der Leser steht ratlos davor – das ‘Navi’ sagt ihm: Fahren sie rechts und links …

Zweitens preist uns der Verfasser eine ‘Focussierung’ der Texte an, so wie in Markworts Faktenschleuder, ein Magazin, das bekanntlich dem Erfolg derzeit eher hinterherstratzt. Durch Infokästen und Tabellen sollen lange Texte nach dem “Sushi-Prinzip” aufgebrochen werden, es entstehen jene bunten ‘journalistischen Schlachteplatten’, die angeblich beiden, dem eiligen wie dem genauen Leser, gleichermaßen etwas zu bieten haben – das Resultat ist eine infolegende Narrationssau.

Die Abkehr vom Feuilleton empfiehlt uns Hesseling dann beim ‘Headlining’: “Sinnvolle statt witzige oder feuilletonistische Überschriften“, natürlich vollgepackt mit googlefreundlichen ‘Keywords’. Mal abgesehen von dem ewigen Missverständnis des Unterhaltsamen – dass also eine Headline, die ‘witzig’ ist, dies nur sein kann, wenn sie auf Sinn verzichtet – davon abgesehen, wird ein solch strohtrockenes Verfahren den Leser nur gähnen machen. Er denkt, er habe aus der Headline schon alles erfahren und düst weiter zur nächsten Station im Netz.

In die gleiche Kategorie gehört auch der Ratschlag, die Sätze “short & simple” zu halten, weil “niemand sich beschweren wird, wenn etwas zu einfach zu verstehen ist“. Tscha – warum lesen Erwachsene eigentlich keine Kinderbücher? Wir stoßen hier auf die ewige Unterschätzung des Lesers, die es jedem eher Schreibunbegabten erlaubt, seine Defizite auf den Rezipienten zu übertragen, nach dem Motto: “Der Leser will es doch so” (war das nicht ein schöner langer Satz?). Wahr ist förmlich das Gegenteil: Mit dem Hundetrab kurzer Sätze unterfordern wir den Leser und kegeln ihn aus dem Text. Die Regel lautet: Jeder Satz sei so lang wie der Gedanke, den er formuliert. Wirkt der Satz unverständlich, dann arbeite an deinem Stil. Unbequem? Klar ist das unbequem – für den Schreiber nämlich!

Auch der Hinweis, auf Adjektive und Adverbien zu verzichten, ist in dieser Absolutheit Blödsinn. Die dritthäufigste Wortklasse der deutschen Sprache dient dazu, emotionale und sinnliche Qualitäten zu benennen. Wer auf sie verzichtet, amputiert die Realität und seine Möglichkeiten. Das Problem sind ja nicht die Adjektive, sondern die ‘rundgelutschten Adjektive’: der ‘erfolgreiche’ Geschäftsmann, die ‘eingetretene’ Entwicklung, die ‘blutige’ Schlacht usw. Gleichen sie ausgetretenen Stanzenpantoffeln, zeigen uns Adjektive nur, dass hier ein Schreiber zu faul war, selbst etwas zu erleben. Zum Thema habe ich anderswo schon etwas geschrieben. Selbst der Verzicht auf Relativsätze ist nur demjenigen zu empfehlen, der den Umgang mit ihnen nicht beherrscht. Die weite Welt der Texte bevölkern berühmte Relativsatzvirtuosen en masse – man muss es aber können.

Vieles von dem, was Hesseling schreibt, ist wiederum völlig richtig. Der Gebrauch von Zwischenüberschriften kann sinnvoll sein, das Setzen von Hyperlinks ist ein Muss, via Kommentarspalte einen Dialog mit dem Leser zu führen ebenfalls. Publikumsfreundlich ist auch das Schreiben im Aktiv, ohne Fremdwörter und Politiker-Worthülsen.

Wesentliche Dinge fehlen mir wiederum – zum Beispiel der Hinweis auf rhetorische Stilfiguren, die einem Text erst jene Würze geben, die den Leser an unser Buffet lockt. Auch ein Satz zur Rhythmik von Texten hätte dem ‘Spickzettel’ gut getan. Wenn ich oben schrieb “so wie in Markworts Faktenschleuder“, dann doch nicht deshalb, weil ich hier ‘witzig’ sein wollte, sondern vor allem deshalb, weil so auf einen daktylischen Auftakt drei Trochäen folgen. Rhythmischer Wechsel bringt Bewegung in den Text, so erzeugen wir den Eindruck einer Straffheit, die den Leser bindet, hier fängt die Kunst dann an – weil sich der Leser in der Dynamik unseres Textes wiegen darf. Der Rhythmus kann sogar Unsinn plausibel machen – weitgehend sinnfreie Sprichwörter wie “Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen” oder “Das Leben ist kein Ponyhof” gelten doch nur deshalb als ‘wahr’, weil sie rhythmisch gebunden sind.

Eins ist jedenfalls klar: Gerade weil die Konkurrenz der Schreibenden im Netz so unüberschaubar geworden ist, führt nur noch Kunst zum Erfolg, dahergeklappertes Handwerk allein genügt nicht mehr. Und ‘Journalismus plus SEO’ ist auch kein Königsweg. Selbst ohne die große ‘Google-Optimierung’, wie sie SEO-Experten empfehlen, habe ich die Homepages von Kunden mit ihren ‘Kernbegriffen’ schon auf die Titelseiten von Google geführt. SEO wird ‘gehypt’ und überschätzt, der Zügel ist nicht das Pferd …

Mein Freund, der Täter

Montag, 01. August 2011

Gestern hat ein guter Freund von mir seine Frau getötet. Genauere Informationen zum Tathergang gibt es von der Polizei bisher nicht. Seit einigen Monaten litt er unter einer tiefen Depression und wurde deshalb bei einem teilstationären Aufenthalt mit hohen Dosen Antidepressiva behandelt. Mit Substanzen also, die nicht nur hier für Gewaltausbrüche zunehmend verantwortlich gemacht werden. Ich selbst stehe unter Schock, fühle mich innerlich leer und muss die Tat erst einmal verarbeiten. In diesem Blog wird es daher in den nächsten Tagen etwas stiller werden.

Wer Links zu soliden und kritischen Antidepressiva-Studien kennt, möge sie bitte hier posten. Danke.

Moderne Mythen

Sonntag, 24. Juli 2011

In den Foren von ‘Spiegel’, ‘Tagesspiegel’, ‘Welt’ oder ‘Tagesanzeiger’ würden sich doch nur die minderbemittelten und bildungsfernen Kleinbürger austoben – daran glaubte auch ich lange Zeit. Seit einigen Wochen jedoch begebe ich mich des öfteren in diese Güllegruben hinab, weil mir diese These zunehmend fragwürdig erscheint, weil ich es zudem soziologisch hochinteressant finde, wer oder was sich dort artikuliert. Natürlich sind die Argumente dort krank wie immer, alle Indizien deuten aber darauf hin, dass die Kotze, die dort manchmal meterhoch durch die Gänge schwappt, keineswegs von den Mühseligen und Beladenen der Gesellschaft stammt, von den Zu-kurz-Gekommenen und notorischen Nichtwählern, sondern durchaus auch von Privilegierten, die ihre Pfründen, aus welchen obskuren Gründen auch immer, von ‘Marxisten’, ‘Islamisten’ und generell ‘Multikulti-Ausländerfreunden’ bedroht wähnen. Und das, obwohl Europa nahezu flächendeckend von Rechtsregierungen und rechten Medien dominiert wird. Kurzum: Der Massenmörder von Oslo ist ihres Geistes Kind. Nehmen wir diese Beispiele aus dem zutiefst bourgeoisen und bildungsbürgerlichen Schweizer ‘Tagesanzeiger’, einem Land, wo Blochers SVP immer neue Triumphe feiert:

“Es ist unendlich traurig, dass junge Menschen mit ihrem Leben für die verfehlte Politik der heutigen “Eliten” in Europa bezahlen mussten. Solche Exzesse sind aber nur möglich, weil Europa seit Jahrzehnten eine Politik gegen die eigene Bevölkerung macht. Schuld sind nicht diejenigen, die das thematisieren, sondern jene, die diese falsche Politik betreiben! Mein Beileid an die Angehörigen.”

Die Grammatik sitzt, die Orthographie steht wie eine Eins, die Krokodilstränen fließen – das Dreiwetter-Taft der Ideologie zeigt sich unbeeindruckt: Der Täter hatte demnach nicht mehr selbst die Schusswaffe in die Hand, in Wahrheit wurden die Jugendlichen auf dieser Insel von einer “verfehlten Politik unserer Eliten” hingemetzelt. Eine solche ideologische Verkehrung der Fakten vollzieht sich keineswegs auf dürrem intellektuellen Grund, zu solchen dialektischen Wendungen ist mindestens die Intelligenz eines durchschnittlichen PR-Beraters vonnöten. Mit anderen Worten: Hier spricht sich eine akademische Bildung aus.

Auch die Person des Massenmörders deutet ja nicht auf die beruhigende These eines irrlichternden Einzeltäters hin. Der Mann war hochgebildet, war Führungsfunktionär einer Rechtspartei, las Immanuel Kant und John Stuart Mill, und er war in der Lage, 1.500 Seiten eines mehr oder minder kohärenten Textes auf die Reihe zu bringen. Für mich zählt er zum Lager der (nicht mehr ganz so) ‘neuen Rechten’, die sich überall in Europa formiert, jene Fraktion, die sich in einer Welt voll Teufel wähnt und Carl Schmitt und Ernst Jünger studiert, um dann die ‘Propaganda der Tat’ zu glorifizieren, den umfassenden Schrecken, um eine demokratisch eingelullerte Herde endlich wachzurütteln. Ein Einzeltäter war er nur in dem Sinne, wie auch die Rathenau-Mörder ‘Einzeltäter’ waren, das Einzeltätertum, die ‘Stoßtrupp-Ideologie’, ist in der rechten Szene Teil der Strategie (1). Wer das nicht sehen will, der glaubt wohl noch, dass auch der Nationalsozialismus eine ‘kleinbürgerliche Bewegung’ gewesen sei, obwohl doch der ganze Personalstamm bspw. des Reichssicherheitshauptamtes, der Exekutive des Führerstaates also, aus hochgebildeten jungen Einser-Juristen bestand. Weiter im Text mit der argumentativen Schuldlastumkehr:

“Die Tat ist religiös motiviert und nicht politisch. Es passiert vermutlich genau das, was durch die islamische Einwanderung provoziert wird. Fundamentalistische Christen wehren sich gegen die Islamisierung Europas, weil die Politik versagt. Genau das, was niemand will, denn dann haben wir den nächsten Religionskrieg in Europa.”

Genau – unverhüllte Sehnsucht nach einem Religionskrieg unter klerikal Bekloppten. Und es wäre doch gelacht, wenn wir den Islamisten nicht auch hierfür die Schuld in die Schuhe schieben könnten, und sei es um drei Ecken – auffällig ist mal wieder die gestochene Diktion: Weil die Multi-Kulti-Truppen der marxistischen Volksparteien den Islamisten Tür und Tor öffnen, deswegen ist es zwar (noch) nicht zu rechtfertigen, wohl aber verständlich, wenn ein fundamentalistischer Christ sich dagegen zur Wehr setzt, indem er – Logik adé! – reihenweise Christen abmackelt. Angesichts des überdimensionalen Feindbildes, wie es von SVP, Wilders, PI und anderen tagtäglich zum Dämon aufgeblasen wird, zählen Realität und Empirie nichts mehr. So lebt bspw. der letzte europäische ‘Marxist’ meines Wissens in Minsk und er heißt Lukaschenko.

Es ist in meinen Augen eine weiße Führungskaste, die sich durch Globalisierung, Europäisierung und Migration in ihren Privilegien bedroht sieht … ein akademisch gebildetes Bürgertum, das sich in den Foren ausspricht und seinem Popanz Zucker gibt. Es ist der radikalisierte Mittelstand, der dort randaliert.

(1) “Ein Einzeltäter betreibt quasi einen “führerlosen Widerstand”, wie es im Handbuch der international tätigen, rechtsmilitanten Gruppierung “Blood & Honour” als Strategiepapier aufgeführt wird.”

Diskurse beschneiden

Donnerstag, 14. Juli 2011

Arnulf Baring, der in deutschen Talkshows längst Statler und Waldorf in Personalunion verkörpert, beherrscht jenes unauffällige Verfahren besonders gut, von dem hier die Rede sein soll. Ich meine damit nicht seine Unart, alle, die nicht seiner Meinung sind, als ‘Simpel’ auszuschreien, auch nicht seinen altersstarrsinnigen Hang zur überschnappenden Suada, die sich durch moderierende Intervention dann kaum mehr bremsen lässt – ich meine den diskreten Einsatz kleiner verbaler Stoßtrupps, die ebenso unauffällig wie wirksam sind.

Deutschland sei nun mal eine Exportnation“, verkündete Arnulf Baring jüngst bei Anne Will, als es um den Export von 200 Kampfpanzern nach Saudi-Arabien ging. Dieses Hilfswortgeschwader “nun mal” zeigte dem kommenden Diskurs gleich mal seine Grenzen auf, indem es eine argumentative Fragwürdigkeit als Banalität drapierte, als etwas, was doch jedes Kind weiß.

Gerade, weil diese beiden Wörtchen so unscheinbar sind, setzte sich in der Folge auch niemand mehr über die gezogene Linie hinweg. In der Realität aber ist dieses Pseudo-Argument einer behaupteten Faktizität völlig sinnfrei, denn mit dem Hinweis darauf, dass Deutschland “nun mal” Exportnation sei, ließen sich ebenso Menschenhandel, Opiumexport oder Giftgasschiebereien rechtfertigen. Arnulf Baring aber hatte sein Beinchen gehoben, niemand mochte an dem Pfosten mehr riechen – und so überschritt auch kein Diskursteilnehmer mehr die Grenzen des markierten Reviers: Das Betreten der Rasenfläche war verboten.

In die gleiche Kategorie fällt bei Baring der Einsatz des Beiworts “eben”. Das Marktgeschehen sei “eben keine moralische Verstaltung” durften wir von ihm lernen. Prompt waren wiederum erfolgreich alle ethischen Kategorien aus der Diskussion eliminiert, selbst wenn der Todenhöfer noch ein wenig wider den Stachel löckte.

Auch diese sinnfreie Äußerung eines rabiat-konservativen Geschichtsprofessors fällt – schauen wir bloß mal genauer hin – in das Genre interessierten Geschwurbels zu Zwecken der Diskursabwehr. Schon der Blick auf die übliche Praxis großer Unternehmen zeigt, dass die Moral sehr wohl mitten in der Wirtschaft angekommen ist. Millionenausgaben für Programme der ‘Corporate Identity’, des ‘Corporate Behavior’ oder der ‘Corporate Governance’ wären ohne die grundlegende Gewissheit, dass auch die Ethik ein Produktionsfaktor sei, schlicht nur hinausgeschmissenes Geld. Barings selbstgewisses “eben” platzt wiederum wie eine Seifenblase, wenn man es auf Logik und Realitätstauglichkeit prüft.

Erstaunlich finde ich aber diese diskursive Wirksamkeit kleiner Füllwörter, die ein Wolf Schneider aus irgendwelchen Gründen für völlig entbehrlich hält. Vermutlich, weil rhetorische Verfahren “nun mal” nicht zur Methodik des Journalismus zu zählen seien, sie wären “eben” kein Bestandteil rationaler Informationsvermittlung …

Aktien haben kein Gewissen

Donnerstag, 07. Juli 2011

Über die ‘Zeitungskrise’ ist viel und oft geschrieben worden. Ein erneutes Auswalzen des Themas kann ich mir hier schenken. Dass aber die publizistische (Rest-)Qualität vieler Zeitungen in auffälliger Weise von ihrer Struktur abhängt, das wird erheblich weniger diskutiert. Dort, wo die Herausgeberposition stark geblieben ist, genügt die publizistische Qualität auch heute noch halbwegs den Ansprüchen eines Publikums, das sich nicht für dumm verkaufen lassen will. Als Beispiele nenne ich hier ‘Zeit’, ‘FAZ’ oder auch ‘Spiegel’. Dort aber, wo die Verlage sich in Form einer AG der Logik der Börse unterworfen haben, dort kann man den allseits beliebten ‘Qualitätsjournalismus’ rapide dahinsiechen sehen, so wie einst die TBC-Kranken auf dem Balkon des Grand Hotels zu Sankt Moritz.

Dieser Effekt liegt in der Logik der Strukturen. Natürlich sinken derzeit die gewohnten Werbeeinahmen auf breiter Front: Immobilien-, Auto-, Partner-, Stellenmarkt und viele Märkte mehr gingen unwiderruflich ans Internet verloren. In einer Aktiengesellschaft aber liegt die Entscheidungsmacht über Konsequenzen dann allemal bei einer Gruppe anonymer Investoren, die ausschließlich an wirtschaftlichen Kennzahlen interessiert sind, denen mediale und publizistische Gesichtspunkte Hekuba sind.

Sinkt deren Rendite, dann muss auch in ihren Augen natürlich etwas geschehen. In der Logik solcher Geldnasen darf es sich aber niemals um eine Kürzung ihrer Gewinnerwartungen handeln; ein geschäftsführender Vorstand, der dies verträte, wäre seinen Posten innerhalb von Tagen los. Es gilt, einer gewinnfixierten BWL-Logik zufolge, allemal die ‘Ertragsstruktur’ zu verbessern, zum Beispiel durch Entlassungen, durch ‘Syndication’, durch PR-Dienstleistungen, durch ein allgemeines Schneller, Mehr und Flüchtiger im publizistischen Bereich. In der Folge kommt es zur bekannten ‘Boulevardisierung’, zum rudelhaften Hinterherhecheln, zu Zeitungen ohne Gedächtnis, die heute dies und morgen das verkünden, zu einer redaktionellen Linie, die sich strikt am Auf und Ab der Excel-Charts bemisst.

Kurzum: Ich frage mich, ob Aktienrecht und Qualitätsjournalismus überhaupt vereinbar sind? Ob BWL und Öffentlichkeit Arm in Arm gehen können? Die viel bekakelten ‘Gefahren aus dem Internet’ aber sind – strukturell und mit den Augen des lesenden Publikums betrachtet – für den Journalismus doch eher ‘Gefahren aus dem Aktienrecht’ …

Der Bügelfaltenstil

Mittwoch, 06. Juli 2011

Thomas Mann gehört zu jenen Schriftstellern, die beim Publikum immer mehr Achtung genossen als unter Kollegen. “Buddenbrooks ist ein verdammt gutes Buch. Wäre er ein großer Schriftsteller, wäre es prima“, schrieb Ernest Hemingway an F. Scott Fitzgerald (Briefe, 119). Auch Tucholsky mochte das “sanfte Arschloch” (GA XXI, 297) nicht, sein Stil sei das “erschwitzte Produkt tiefster Sterilität” (GA XIX, 231). Bert Brecht gewann bei jeder Begegnung den Eindruck, “3000 Jahre schauen auf mich herab” (FA, 29, 211). Und das böse Wort vom “Bügelfaltenstil” stammt meines Wissens von Alfred Döblin: “Man schläft dabei ein“, lautet jedenfalls sein Verdikt (Briefe, 217). Was aber macht diesen Stil eigentlich aus?

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?” – so beginnt bspw. der vierbändige Josephs-Roman. Eine Banalität wird hier in raunende Worte gefasst. Denn klar ist doch eins: Schreibe ich über die Französische Revolution, dann ist dieser ‘Brunnen der Vergangenheit’ nun mal ziemlich genau 225 Jahre tief, und tauche ich ein ins alte Ägypten, dann sind es 3000 Jahre und mehr. Aber unergründlich, so wie es diese rhetorische Frage gleich eingangs suggeriert, ist er nun mal nicht, jedenfalls würde dies kein Archäologe je behaupten. Hier hubert also einer nach Bedeutung – die eigentliche Spezialität des schreibenden Kaskadeurs folgt daher jetzt:

“Dies nämlich sogar und vielleicht eben dann, wenn nur und allein das Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede und Frage steht: dies Rätselwesen, das unser eigenes natürlich-lusthaftes und übernatürlich-elendes Dasein in sich schließt und dessen Geheimnis sehr begreiflicherweise das A und O all unseres Redens und Fragens bildet, allem Reden Bedrängtheit und Feuer, allem Fragen seine Inständigkeit verleiht. Da denn nun gerade geschieht es, daß, je tiefer man schürft, je weiter hinab in die Unterwelt des Vergangenen man dringt und tastet, die Anfangsgründe des Menschlichen, seiner Geschichte, seiner Gesittung, sich als gänzlich unerlotbar erweisen und vor unserem Senkblei, zu welcher abenteuerlichen Zeitenlänge wir seine Schnur auch abspulen, immer wieder und weiter ins Bodenlose zurückweichen.”

Äh, Ägypten? – Inhaltlich wäre an dieser Schichttorte aus getürmten Nebensätzlichkeiten so ziemlich alles zu bestreiten. Dass die Geschichte des alten Ägypten für uns unergründlicher sei als diejenige des frühchristlichen Mittelalters beispielsweise. Denn das Licht, das für uns auf eine beliebige Vergangenheit fällt, ist zumeist abhängig davon, ob wir aus jener Zeit Schriftzeugnisse besitzen oder nicht. Insofern bleibt der Papua-Insulaner vor hundertfünfzig Jahren uns genauso rätselhaft wie der Cro-Magnon-Mensch der Champagne. Mit der Zeitachse und der ‘Brunnentiefe’ aber hat das alles nichts zu tun. Und dass die ‘Anfangsgründe des Menschlichen’ bei den Maya oder in der Prähistorie deutlicher zutage getreten seien als heute bei einer rappenden Straßengang aus Hamburg-Mümmelmannsberg, das ließe sich auch mit Fug bezweifeln. Angesichts der zahllosen Menschenopfer damals möchte ich das sogar hoffen. Kurzum – es handelt sich um eine bloß vorgespielte Tiefe, um sprachliches Tandaradei.

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Vorurteil und Netzferne

Freitag, 24. Juni 2011

Wer mit netzfernen Leuten spricht, stößt immer wieder auf die gleichen Vorbehalte, sich ebenfalls ins Getümmel zu stürzen. Hier eine kleine Zusammenfassung, obwohl den meisten Netzbewohnern diese Einwendungen gut bekannt sein dürften.

Typisch ist zunächst der Verweis auf die gefürchtete „Anonymität des Internets“, wovon auch die Politiker ständig barmen. Ein ziemlich heuchlerischer Aufschrei, wenn wir bedenken, dass die gleichen Personen nahezu im gleichen Atemzug dann wieder den „Verlust der Privatsphäre“ im Netz beklagen. Ja – was denn nun? Mal dies, mal das, irgendetwas geht dort wohl logisch nicht zusammen.

Hinter dieser ‚Anonymität‘ verbirgt sich vor allem die Furcht vor den „Pseudos“, vor den angenommenen Namen. Eine Furcht, die vor allem viel Ignoranz zeigt, aber wenig Fachwissen. Erstens bleibt jeder Kommentator trotz eines Pseudos seinem Klarnamen wie mit Sekundenkleber verhaftet. Über die IP-Adresse, über die er sich einloggte, weiß ich notfalls immer, wer er ist – wenn’s mich denn interessiert. Wer wiederum seine virtuelle Kometenspur zu verschleiern sucht, indem er ‘von anderswo’ einschwebt, der gilt hingegen als ‚Troll‘ und er wird umgehend per ‚SpamKarma‘ oder durch ein anderes Tool vor die Tür gesetzt. Selbst die rechten Eiferer, die bspw. bei ‚Welt Online‘ im Forum – also dort bei den ‚Qualitätsmedien‘ in den Kloaken des Internet – unter Namen wie ‚Thilo sein Freund‘, ‚Armes Deutschland‘ oder ‚Oberschollo‘ extremistischen Müll absondern, die vergessen in ihrer Dummheit schlicht, dass sie sich zu diesem Forum über eine E-Mail-Adresse anmelden mussten, die wiederum auf staatsanwaltliches Verlangen vom Verlag ‚klargestellt‘ werden muss.

Andererseits benutze auch ich ein Pseudo – in der ‚Sargnagelschmiede‘ nenne ich mich ‚Chat Atkins‘. Aber nicht, um „anonym“ zu bleiben, sondern aus dem einfachen Grund, damit nicht jeder Kunde beim Googeln schon gleich über den weltanschaulich-politischen Kram fällt, den der Klaus Jarchow mit seinem Hang zum Sarkasmus dort zum Besten gibt. Schaut jemand aber ins Impressum meiner ‚Schmiede‘, dann findet er dort brav alle erforderlichen Angaben, auch den Klarnamen und die Postadresse, sonst wäre ich ein allzu leichtes Opfer für jeden wildgewordenen Abmahnanwalt.

Andere wiederum basteln sich mit ihrem Pseudo eine ‚Kunstfigur‘ oder ‚Sockenpuppe‘, ein Kasperle, das einen ganz anderen Charakter besitzen könnte als der Verfasser im Alltag. Zwischen der realen Person und der virtuellen Persönlichkeit findet dann gewissermaßen eine spielerische Aufgabenverteilung statt, ein Rollenspiel.

Ernster liegt der Fall beim „Verlust der Privatsphäre“. Hier bewirkt das Internet tatsächlich einen tiefgreifenden Wandel der Öffentlichkeit. Wer sich vor seiner Vergangenheit schützen will, der darf sich nicht ins Netz begeben. Niemand zwingt ihn. Punkt. Geht er aber dorthin, dann muss er wissen, dass das Netz nichts vergisst, dass auch niemals ein ‚Radiergummi‘ möglich sein wird, von dem so viele unbedarfte Politiker daher schwadronieren. Fehler lassen sich nicht mehr eliminieren, sie lassen sich nur noch integrieren. In die Biographie, in die Unternehmensgeschichte etc. Das Netz hat ein uferloses Gedächtnis. An anderer Stelle formulierte ich das Problem mal so:

„Die Leute werden daher lernen müssen, sich offensiv zu ihrer Biographie zu verhalten, ja, sich überhaupt erst einmal eine Biographie zuzulegen. Und das ist nun mal kein ‘Paint by Numbers’. Alles ‘Reputation Management’ ist dagegen nur ein Notbehelf für Leute mit einem Putzfimmel …“

Um auch mit dem letzten Vorurteil aufzuräumen: Das Internet ist gar kein „flüchtiges Medium“. Anders als im Falle der flüchtigen Zeitung landen Online-Texte nicht am nächsten Tag im Altpapier, sie werden auch nicht nur ein- oder zweimal gesendet, sie sind tage- und monatelang, oft ohne jede zeitliche Begrenzung abrufbar. Umso wichtiger ist eine korrekte, faire und sorgfältige Formulierung und Schreibweise. Das Internet erfordert mehr Sorgfalt bei der Arbeit als die „volatilen Altmedien“. Heute diese und morgen jene Meinung – das erlaubt das Internet also nicht so leicht …

Anreize, setzen!

Donnerstag, 23. Juni 2011

Totgesagte leben länger – so geht es auch dem Behaviorismus, einer Wissenschaftsrichtung, die von der modernen Psychologie, von Situationismus und Konstruktivismus längst aufs Altenteil geschickt wurde, die aber im Marketing und in der Politik noch immer ein allgegenwärtiges Zombie-Dasein führt. Oder auch in eher esoterischen Zauberschlössern, wie z. B. beim Neurolinguistischen Programmieren, der Muckibude fürs Gehirn.

Vereinfacht gesagt, verwendeten die klassischen Behavioristen ein Reiz-Reaktions-Schema, um menschliches und tierisches Verhalten vorherzusagen und zu steuern: Sie setzten Lebewesen einem ‚Stimulus‘ aus, und beobachteten als Antwort oder ‚Response‘ dann deren Verhalten. Das aber, was dazwischen lag, das menschliche Gehirn also, das wischten sie als ‚Black Box‘ beiseite. Unser Gehirn sei ein prinzipiell unerforschliches Gebilde, was zähle, sei ein allein die Reaktion, die auf einen Reiz folge, also das beobachtbare Konsumverhalten, der politische Erfolg, der erwünschte Effekt usw.

Dann trat die „kognitive Wende“ in der Verhaltensforschung ein: Vor allem das Phänomen, das Menschen keineswegs auf jeden Reiz gleichartig reagieren, hatte den Wissenschaftlern die Augen geöffnet. Offenbar trifft jeder Reiz auf einen vorgefertigten Set von höchst individuellen Konstruktionen, Wirklichkeitsannahmen oder Metaphern, die ganz verschiedenartige Reaktionen auf ein- und denselben Reiz bewirken können. Das Gehirn, unser wirklichkeitsproduzierendes und verhaltensdeterminisierendes Organ, rückte wieder ins Zentrum des Forschungsinteresses.

Unter Ökonomen und Politikern hat sich das bis heute nicht so recht herumgesprochen: Taucht irgendwo ein beliebiges strukturelles Problem auf, dann tönt uns in tausend Varianten die vorgebliche Lösung entgegen: Man müsse „einen Anreiz schaffen“ oder „mehr Anreize setzen“ – ob es die fehlende Landarztversorgung ist oder die fehlende Arbeitsmotivation von Hartz-IV-Empfängern. Dem Schlittenhund müsse man nur die passende Wurst vor die Nase hängen, schon wird er in die erwünschte Richtung laufen. Nehmen wir diesen Sprachgebrauch ernst, dann sind die letzten Mohikaner des Behaviorismus folglich auf der ökonomischen und politischen Ebene zu suchen. In Marketing und Werbung hat diese überlebte Wissenschaft sogar heute noch eine ihrer Trutzburgen, mag der Wind der Wissenschaft doch wehen, wie er will.

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