Archiv für die Kategorie ‘Gedankenkrätze’

Im Griff der Würgebengel

Dienstag, 07. Februar 2012

An die unwiderstehliche Wirkung der Personificatio glauben unsere Journalisten so fest wie die Kinder an den Weihnachtsmann. Aus dem derzeitigen Isobarengeschehen sibirischen Ursprungs haben sie sich ein Monster geknetet, das ganze Länder wochenlang zu würgen vermag: “Horror-Kälte hat Deutschland weiter im Griff”.

Diese Headline aber ist journalistisch gesehen noch schwach, dem eisigen Griff fehlt das unvermeidliche Adjektiv ‘fest’, das den Leser erst wahrhaft nach Luft schnappen lässt: “Dauerfrost soll Deutschland weiter fest im Griff behalten.”

Selbst das ist zu überbieten – zu einem Vokabular geradezu Godzilla’schen Ausmaßes greift unsere Bild-Zeitung, denn nur die Überbietung rettet den Ruf: “Kälte-Kralle hat uns fest im Griff”. Da wird uns das eisige Monster aus den Tiefen der Tundra leibhaftig vor Augen gestellt, mindestens so wie schrecklich wie Kunos ‘Killerkralle’ in ‘Neues aus Büttenwarder’.

Dieses unaufhörliche Gedüdel und Genöle hat derzeit alle Medien ‘fest im Griff’, obwohl das verehrte Publikum es schon längst nicht mehr hören mag: “Kälte hat Europa weiter fest im Griff”, “Klirrende Kälte hat Schleswig-Holstein im Griff”, “Mallorca im Griff der Kälte”; “Kälte hält Europa im Griff”

Der Leser wundert sich bloß, dass dieser Kaltfront bei ihrem würgerischen Tun nicht die Finger abfrieren, oder ersatzweise gern auch die ‘Krallen’.

Praxistest für Neologismen

Mittwoch, 25. Januar 2012

Vor allem, wenn es sich um ein gelenkiges Verb handelt, muss sich ein neues Wort problemlos allen grammatischen Anforderungen fügen. Viele fremdsprachliche Kandidaten scheitern an dieser umgangssprachlichen Hürde einer flexiblen und zugleich eindeutigen Verwendung (s. ‘geupdatet’ vs. ‘upgedatet’ usw.) – nicht so das schöne neue Tätigkeitswörtchen ‘wulffen’, nur echt mit dem kerndeutschen ‘ff’.

Historische Brauchbarkeit ist zunächst wichtig – das Wort muss im Ohr des heutigen Lesers sinnvoll klingen, auch dann, wenn es auf Ereignisse der Vergangenheit angewandt wird: “Leckt mich im Arsch”, wulffte Götz von Berlichingen den Abgesandten der Obrigkeit entgegen. Für die Schreibpraxis interessant ist zudem die nahezu beliebige Verfügbarkeit des Stammwortes zur Konstruktion zusammengesetzter Verben: ‘entgegenwulffen’, ‘anwulffen’, ‘niederwulffen’ usw.

In der Wissenschaft wiederum kommt es darauf an, dass der sprachliche Neubürger auch zur Bildung akademischen Vokabulars veranlagt ist: “Die Wulffikation des öffentlichen Diskurses trägt zu einem eher konfrontativen Habitus in der Gesellschaft bei“. Paralleles Vokabular, dem die akademische Weihe ebenfalls nicht versagt werden kann, formt sich daran anschließend nahezu problemlos: das Wulffeske, wulffatorische Überkompensation, die notwendige Entwulffung der Welt usw.

Dort, wo Sprache auf den Alltag der Menschen trifft, kommt es hingegen auf die problemlose und schnelle Handhabbarkeit an: “Glaub’ bloß nicht, dass du mit deinem Gewulffe bei mir was erreichst, ej!”, “Du kannst dir hier ‘nen Wolf wulffen – ich mach das nicht!”, “Ob Wulff oder Wuffel – das geht mir am Mors vorbei!“. Wir sehen also, auch den Praxistest beim ‘Sixpack Joe’ besteht das neue Verb problemlos. Kurzum – dieses Wort wird es vermutlich länger geben als den Bundespräsidenten.

Willkommen in der deutschen Sprache!

Nullsätze häkeln

Dienstag, 24. Januar 2012

In seiner eindrucksvollen Rede beleuchtete er viele Aspekte des modernen Lebens, die das wache Interesse eines zutiefst gebannten Publikums fanden.”

“In diesem festlichen Rahmen hatten die Gastgeber ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine gestellt, wo in sinnverwirrender Folge ein Höhepunkt den nächsten jagte.”

“Er bleibt eine Figur der Zeitgeschichte, die durch ihr Handeln und ihre Standhaftigkeit unser aller Erinnerung dauerhaft geprägt hat.”

Und so weiter und so fort, patati und patata, nix Konkretes weiß der Schreiber auch nicht. Er ist und bleibt so dumm wie sein verachtetes Publikum …

Medialer Sprachwandel

Freitag, 20. Januar 2012

Erst sind es höchst ehrenwerte “Hedgefonds-Manager”, nach ihrer Verhaftung verwandeln sie sich in “Top-Spekulanten”. Es sind aber immer noch die gleichen Leute …

Die FDP fremdelt

Montag, 16. Januar 2012

Wenn das so weitergeht, dann kann das … den Sieg bei der Landtagswahl kosten … Egal wo wir mit den Bürgern diskutieren – es geht um Sitte, Anstand und Moral”, sagte Kubicki.

Wir schließen daraus messerscharf: Der organisierte Liberalismus kennt semantische Wiesen und Felder, wo ihm das Gras einfach nicht schmecken will. Und kaum denken einige an “Ethik”, sind wieder tausend liberale Wählerstimmen futsch …

Vergleichsweise

Freitag, 13. Januar 2012

Wer an deregulierte Märkte glaubt, der glaubt auch daran, dass der Straßenverkehr ohne Verkehrszeichen besser funktionieren würde.

Abgangszeugnis, 20??

Mittwoch, 11. Januar 2012

Er hat sich stets bemüht, den gestellten Anforderungen gerecht zu werden.”

Mailbox-Demo in Berlin:

Dienstag, 10. Januar 2012

Wir lassen uns nicht länger beschimpfen!”

To whom it concerns …

Montag, 09. Januar 2012

Wenn Hans Wurst in zu große Schuhe steigt, sieht er aus wie Hansi Würstchen.

Menschenlehre

Dienstag, 03. Januar 2012

Die unbedeutenden Leute erkennt man daran, dass sie sich besonders oft fotografieren lassen. Siehe zum Exempel die ‘Bunte’ …

Disclaimer: Ich saß heute in einem Wartezimmer, in dem nur derartige Trivia über ‘ProMies’ und Schwangerschaften in Adelshäusern auslagen.