Archiv für die Kategorie ‘Gedankenkrätze’

Unseren geistig Bourgeoisen

Samstag, 21. April 2012

Mir war danach, mich schamlos am ‘geistigen Eigentum’ anderer Leute zu bereichern, um das Resultat ins Netz zu stellen:

“La propriété, c’est le vol!”
Pierre-Joseph Proudhon

Verzeih mir, Pierre-Joseph …

Mehr Bürokratie wagen!

Freitag, 20. April 2012

Die FDP möchte populistischer – nein, natürlich möchte sie ‘bürgerfreundlicher’ werden. Prompt kollidieren ihre hehren Absichten mit liberalen Grundsätzen, denn das neue bürgerfreundliche Engagement bedeutet zugleich auch mehr Regulierung für die Wirtschaft. Ist nun mal so – kein Unternehmen knabbert von sich aus an der eigenen Rendite, da müssen Regeln, Gesetze, Dokumentationen und Überwachung her:

“Rösler plant Meldepflicht für Tankstellenbetreiber.”

Der ‘Cicero’, die Ratgeberpostille

Dienstag, 17. April 2012

Alle Headlines stammen vom heutigen Online-Auftritt dieses hochglanzvollen Qualitätsmagazins für die geistige Elite unseres Landes – auf mich wirkt’s trotzdem eher wie eine Zuchtanstalt für jene rhetorischen Fragen, die sich das Publikum nie zu stellen gedachte:

Dass ich noch mal Wolf Schneider verteidigen würde, hätte ich auch nicht gedacht. Mit seiner Position aber, dass ein Fragezeichen in keine Überschrift gehöre, hat er in den meisten Fällen recht, vor allem dann, wenn uns bloß Banalitäten aufgebraten werden sollen.

Killer-Kommunikation

Freitag, 13. April 2012

Clever gemacht – wenn nämlich ausgerechnet ein Ulf Poschardt der verbohrten Linken die Katja Kipping als ideale Führungsfigur empfiehlt, dann ist die Katja Kipping für Führungsaufgaben bei dieser Linken im gleichen Moment zu Asche verbrannt. Schon gibt’s eine ‘Hoffnungsträgerin’ weniger – und das ist ja auch gut für ein wohlgefülltes neoliberales Portfolio:

“Die Linke ist eine verknöcherte Lobby-Partei der Verlierer dieser Gesellschaft. … Nur eine mutige Personalentscheidung könnte die Partei noch retten.”

Eine linke Parteivorsitzende von Springers Gnaden hätte die Halbwertszeit eines Schneeballs in der Hölle …

Zu viel Logik verdirbt das Spiel

Donnerstag, 12. April 2012

Die Schweizer unterscheiden bekanntlich zwischen lässlicher “Steuerhinterziehung” und kriminellem “Steuerbetrug”. Vereinfacht gesagt, kommt es zur “Steuerhinterziehung” immer dann, wenn Ausländer ihren Fiskus betrügen, aber ihr hinterzogenes Geld brav bei Schweizer Banken hinterlegen. Zum “Steuerbetrug” kommt es hingegen dann, wenn Eidgenossen den Schweizer Fiskus behumpen. Dieser Vergleich ist natürlich nur ein Scherz …

Trotzdem – ein Schweizer Gericht hat jetzt die Verhandlungen zwischen den USA und der Schweiz erfolgreich torpediert, um das klandestine Geschäftsmodell der Schwarzgeld-Bankster in Bern und Zürich auf dem Weg über die Justiz zu retten, weil die windelweiche Schweizer Politik im Würgegriff internationaler Raubritter schon etwas kurzatmig wurde. Und zwar geschah dies mit folgender Begründung:

“Es könne zwar auf ein betrügerisches Verhalten der Credit-Suisse-Mitarbeiter geschlossen werden. Die Kunden hätten sich aber höchstens der Steuerhinterziehung schuldig gemacht.”

Prompt kratzt sich meine Logik mit dem Huf am Kopf und fragt sich, woher Schweizer Richter das nun wieder wissen wollen? Haben sie etwa das heilige Steuergeheimnis gebrochen, um höchstselbst Einblick in die fraglichen Vorgänge zu nehmen? Oder gehen sie ganz selbstverständlich davon aus, dass es sich nur um eine lässliche ‘Steuerhinterziehung’ handeln könne, dort, wo Ausländer am großen Spiel um Bonds und Moneten partizipieren? Dann wäre das alles doch kein Scherz …

Unsere Föjetonnisten!

Montag, 09. April 2012

Jeden Tag ‘ne neue Meinung. Erst verurteilen sie den Grass nahezu einstimmig als ‘Antisemiten’, mal als ‘offenen’, mal als ‘kryptischen’. Und jetzt, wo die Israelis ihn tatsächlich nicht mehr einreisen lassen, beschreiben sie diese Maßnahme als völlig überzogen, ja als “mittelalterlich” einem schrulligen Greis gegenüber. Am Drehbuch derartiger Stunts beteiligt aber waren sie nie nich im Leben …

Publikum im Wandel

Samstag, 07. April 2012

Gleich zu Beginn seiner Erzählung ‘Viel Lärmen um Nichts’ stellt uns Joseph von Eichendorff das Publikum vor. Das wohnt in einem großen Schloss, während der Tross der Kreativen, bestehend aus Sängern, Musikern und Dichtern, an dieser Macht vorbeiziehen muss:

“Wem gehört der prächtige Pallast dort unten?” fragte Prinz Romano, auf dem schlanken Engländer nach seinen Begleitern zurückgewandt, indem sie so eben auf einer Höhe aus dem Walde hervorkamen und auf einmal eine weite reiche Tiefe vor sich erblickten. – “Dem Herrn Publikum!” erwiderte ein schöner Jüngling aus dem Gefolge. – “Wie! Also hier wohnt der wunderliche Kauz? kennst du ihn denn?” rief der Prinz verwundert aus. – “Nur dem Rufe nach”, entgegnete der Jüngling, sichtbar verwirrt und mit flüchtigem Erröten. …

“Göttliche Ironie des Reiselebens!” sagte der Prinz zu seinen Begleitern. “Wer von euch hätte nicht schon sattsam von diesem Publikum gehört, über ihn gelacht und sich geärgert? …”

Eichendorffs Landschaftsschilderungen sind eines der ältesten Prüfungsthemen in der Germanistik – hier mag es genügen, darauf hinzuweisen, dass seine daherzigeunernde Kunst sich nicht ohne Grund ‘auf den Höhen’ und ‘im Freien’ bewegt, während das Schloss des Publikums in der ‘Tiefe’, ‘dort unten’ auf flachbürgerlicher Ebene liegt. Materiell aber bleibt die Rangfolge klar: Dem Publikum gehört das Schloss, die Künstler reiten ihre Zossen und haben ansonsten leere Taschen und ‘frohen Mut’ zu haben.

Diese Passage fiel mir ein, als ich an das Urheberrechtsgebarme der heutigen ‘Kreativen’ dachte, die zu glauben scheinen, sie bekämen auch nur einen Cent mehr, träte morgen das Verlegerschutzabkommen ACTA in Kraft. Jene Leute, die sie dort genussvoll beschimpfen, das ist nämlich der heutige ‘Herr Publikum’. Bei den Jungen längst zu einhundert Prozent, und auch die Älteren sind schon überwiegend im Internet daheim, sehen wir mal von Rainer Brüderle, Hans-Olaf Henkel oder Oma Monsees ab.

Unaufhörlich wären all diese Publikümer dort dann damit beschäftigt, ranzige Tatort-Drehbücher raubzukopieren. Sie alle glichen “Lobbyisten toxischer Kräfte” (Frank A. Meyer), seien in “Lebenslügen gefangene Demagogen” (Tatort-Autoren), “Instant-Satisfaction suchende Wichser” (Volker Schlöndorff) voll “ökonomischer Ahnungslosigkeit” (Hans Magnus Enzensberger), oder gar “Diebe, die sich weigern, ihr nutzloses Dasein sinnvoll zu entwickeln” (Hans-Hermann Tiedje). Entweder muss sich also das Publikum tief ins Rotlichtmilieu hinein gewandelt haben – oder die Ansichten des fahrenden Volkes vom Publikum sind jenem in den Hakle-Bereich verrutscht.

Eichendorffs Text aus dem Jahre 1832 entstand zu einer Zeit, als auch in Deutschland die Raubdruckerei in voller Blüte stand. Trotzdem herrscht ein machtvolles Bild vom landbeherrschenden Publikum vor, der ‘Herr Publikum’ bei Eichendorff ist zwar ein reicher Spießer, aber kein Krimineller, obwohl auch er schon ‘Hehlerware’ gekauft haben dürfte.

Verglichen mit den Romantikern damals sind unsere ‘Kreativen’ in Stil, Duktus und Benehmen ziemlich abgesunken und auch eigentätig vollgestunken. Denn jene Leute, die dort ‘tief unten’ in den Schlössern und Bloghütten des Internet zu finden sind, das wäre nämlich ‘ihr Publikum’ heute – literat, gebildet, selbst schreibend. Mit dessen Austreibung dank verbaler Furzwettbewerbe sind sie gerade hingebungsvoll beschäftigt.

Zu diesem Zweck springen sie ihren Rezipienten mit dem Mors ins Gesicht. Schön blöd! Ich jedenfalls weiß, was ich mit dem nächsten Schlöndorff-Film, der nächsten Element-of-Crime-Scheibe mache: Gar net erst ignorieren …

Soweit es den Flohzirkusdirektor und Auslöser ‘vons Janze’ betrifft, weise ich ersatzweise auf diesen alten taz-Artikel hin …

Alle Achtung, alter Mann!

Mittwoch, 04. April 2012

Wann hat ein schlichtes, nicht übermäßig gelungenes Gedicht – ein Gedicht! – in unserem harthörigen Deutschland zuletzt ein solches Ballyhoo ausgelöst? Unsere Hierophanten und Berufsinterpreten eiern jetzt wie angestochen durchs Föjetong und werfen dem aufgekündigten politischen Konsens Rettungsringe zu – allen voran der Großdenker Malte Lehming: “Ist Günter Grass ein Antisemit? Ja, das ist er.” Süsswoll – das haste jetzt davon! So braun, wie der Sarrazin – ‘weil SPD’ – nie sein durfte, so braun wirst du – ‘weil SPD’ – jetzt angestrichen. Malte locuta, causa finita

Israels Botschafter verstieg sich sogar in jene bräunlichen Regionen, wo der ‘Ritualmordvorwurf’ noch immer aus den ‘Protokollen’ der zaristischen Geheimpolizei duftet. Das war in meinen Augen die bisher dulligste Interpretation des Vorgefallenen, weil sie völlig auf Fakten verzichtet. Denn woher sollte dieser eilfertige diplomatische Westerwellist die Zeit auch nehmen, das Gedicht zu lesen? Hätte er’s getan, wüsste er, dass Grass darin im Kern nur den Besitz von unkontrollierten und unkontrollierbaren Atomwaffen in Israel kritisiert.

Natürlich gibt’s auch Anlässe zur Kritik am Gedicht. So kokettiert Grass doch arg und stark mit dem Vorwurf, dass er nur deshalb solange geschwiegen hätte, weil er Deutscher sei. Zweitens würde Israel – im Falle eines Falles – ja nicht gleich Atomwaffen gen Iran schicken, nach allem, was wir aus den unentwegten Drohungen des Zion-Staates heraushören können. Hier liegt Grass also sachlich-militärisch neben der Spur. Anlass, ihn einen Antisemiten zu schimpfen, gibt es deshalb trotzdem nicht. Da könnten wir Henryk M. Broder schon eher als Islamophoben outen.

Bevor mich jemand um meine Meinung anquakt: Für mich können talmudwälzende Schläfenlöckchenträger genauso leicht irrational handeln wie kismetgläubige Mullahbartträger: Beide Seiten sind antirational, frauenfeindlich, unzurechnungsfähig und in jeder Hinsicht auf dem Weg ins Mittelalter. Zugleich glauben sie, in ihrer Verranntheit wären sie ganz was Besonderes. In der Regierung sitzen sie sowohl bei Benjamin ‘Graut-vor-nix’ Netanjahu wie bei Mahmud ‘Ich bölke, also bin ich’ Ahmehdinedschad.

Weshalb es aber in einem demokratischen Land wie Israel soweit kommen konnte, und nicht nur in amtlichen Diktaturen wie dem Iran, das sollten die Israelis mal untereinander klären. Und zwar, solange sie darüber noch diskutieren dürfen. Denn das eigentliche Problem für mich sind stets die Knallreligiösen, die wollen immer die Diktatur sans phrase, also in ihrer Sprache einen ‘Gottesstaat’. Für dieses große Ziel nehmen sie gern auch ein feuriges Armageddon in Kauf, weil danach die Party angeblich noch exklusiver weiterginge. Das Problem – so sehe ich das – ist also gar nicht diese oder jene Religion, das Problem sind Leute, die grundlos völlig unbewiesene Dinge glauben und als Beweis ihres Machtanspruchs und ihrer krausen Weltsicht nur schimmlige Dokumente aus der Vorzeit anführen können. Ob sie nun Hindus, Christen, Juden oder Muslime heißen, ist völlig egal … nur sitzen diese Figuren im Iran wie in Israel in der Regierung. Das ängstigt dann nicht nur mich.

Nachtrag: Das Nirgendwo beginnt gleich außerhalb der Presse, das schreibt uns jedenfalls die FTD: “Nirgendwo fanden sich Unterstützer für den alten Dichter. Soso … – so sieht’s jedenfalls in der Wirklichkeit aus, andernorts, wo Journalisten sich nicht für ‘Die Welt’ halten: “In Deutschland kam es gestern zu regelrechten Protestmärschen, bei denen Grass die Unterstützung zugesprochen wurde.”

Alleinstellungsmerkmal

Mittwoch, 04. April 2012

Eine Regierung, die sich selbst die beste Opposition ist, welches andere Land kann seinem Volk schon einen solchen Anblick bieten?

Bild-Ersatz

Sonntag, 01. April 2012

Das verschwundene ‘Bild-Girl von der Seite 1′ ist bei ‘The European’ wieder aufgetaucht, gleichfalls auf der ‘Seite 1′. Ob die Redaktion dort ihre bildbegleitenden Texte auch ausschließlich von Frauen zur Druckreife handstreicheln lässt, bleibt unerforscht. Das Lead zuvor durfte jedenfalls noch ein echter Oh-Männo-Mann häkeln. Er trägt den schönen Namen Lars Mensel, was hiermit für alle Zeiten festgehalten sei.

Statt um ein Bild-Revival könnte es sich natürlich auch um eine Variante des Klaus-Röhl’schen Konkret-Marketings handeln, um jene altbewährte Mischung aus Titten und Weltrevolution, auf deren Vorlage hin ein männlich-linksbürgerliches Publikum in den frühen 70er Jahren dem Klassenfeind stets angeregt ins Gesicht spritzen konnte. Nur dass der ‘European’ heute so revolutionär und links ist, wie eine Chinesin naturblond. Jedenfalls kann jetzt immer ‘die Griechin von der Seite 1′ im ‘European’ von den Problemen ihres Landes berichten, sofern sie nur blank zieht.

Trotzdem, ich kann mir nicht helfen – zumindest bei der Bildunterschrift deutet für mich alles auf frauliche Redaktionskünste hin, lauscht man diesem wohlbekannten Sound. So lasziv haucht kein Mann in die Tasten – und Thessaloniki hat unsere Tessa schließlich auch falsch geschrieben:

Diese Kurven passen unter keinen Rettungsschirm: Kein Wunder, dass die rassige Stephania (18) aus Tessaloniki nichts von den Sparplänen ihrer Regierung hält: “Wir Bürger gaben das letzte Hemd!” Unser Triple-A-Rating ist ihr jedenfalls sicher.

Womöglich aber ist das alles auch nur vorgekaute Ironie an Intellektualtünche, also Journalistenhumor – und ich habe mal wieder rein gar nichts verstanden …