Archiv für die Kategorie ‘Grundsätze’

Der Fluch der blöden Tat

Donnerstag, 05. Januar 2012

Bundespräsident Wulff: “… von den Sonderinteressen Dritter unbeeinflusst, auf rein sachliche Erwägungen beschränkt, nur so stellen wir in einer Demokratie das Primat der Politik sicher …”
- Unruhe im Publikum, Füßescharren -

Bundespräsident Wulff: “… Transparenz, dies Lebenselixir eines demokratischen Umgangs miteinander, verlangt von uns Offenheit und Wahrhaftigkeit, auch und gerade dann, wenn kritische Sachverhalte thematisiert werden …”
- unüberhörbares Gniggeln in den hinteren Stuhlreihen, einige Zuhörer verlassen eilig den Raum, die Hände vor den Mund gepresst -

Bundespräsident Wulff: “… Demokratie ist auf Vertrauen, nicht auf Geld und Geldmacht gebaut. Wer den Umgang mit Menschen nur deshalb bevorzugt, weil sie Macht und Einfluss besitzen, der ist für verantwortungsvolle Aufgaben in unserem Gemeinwesen schwerlich geeignet …”
- aus dem Publikum kommt jetzt lauthals Lachen, einer ruft in den Saal: “Und du?”. Überall beste Karnevalsstimmung -

Satire trifft Realität

Sonntag, 01. Januar 2012

Nur die Schreiber, die von der ‘Titanic’ und anderen Hochburgen des Qualitätsjournalismus kommen, treffen medienanalytisch noch den Punkt:

“Dass Deutschland, wie ich eben im Online-„Spiegel“ lese, zum Billiglohnland verkomme, in dem nicht nur ostdeutsche Friseurinnen, sondern auch westdeutsche Bäcker mit weniger als acht Stundeneuro auszukommen haben, hat der Print-„Spiegel“, wenn mich nicht alles täuscht, 15 Jahre lang ausdauernd als reformerische Notwendigkeit bekräht; und jetzt haben die Bäcker, Friseure und alle, die von ihren Löhnen nur eben so durch den Monat kommen (und an Rente nix zu erwarten haben), nicht nur den Schaden, sondern auch noch die Spottgeburt einer Presse auszuhalten, die das, was sie selbst angerichtet hat, noch als Skandal verkauft.”

Vergangen, vergessen, vorüber … dieser alte Trost des schnellfertigen Tagesjournalismus funktioniert nicht mehr so zuverlässig wie Anno Dunnemals im Print 1.0. Und solche langen Sätze waren damals auch noch nicht erlaubt …

Kameraden sind verzichtbar

Samstag, 24. Dezember 2011

In einer FAZ-Sprachglosse beklagt der dortige Polit-Rechtsaußen Jasper von Altenbockum die Monopolisierung des Wörtchens ‘Kamerad’ durch Rechtsextreme. Wie unbefangen würden dies Wort doch die Franzosen verwenden, die auf einem sozialistischen Parteitag unbeirrt von ihren “chers camarades” sprächen. Worauf die Glosse hinauswill, wird mir in der Folge nicht recht klar … vielleicht soll ja der deutsche Bundestagspräsident die versammelten Parlamentarier wieder öfter als “Kameraden” begrüßen?

Der unterschiedliche Umgang mit dem Wortbestand in beiden Ländern ist allerdings interessant. Was vor allem daran liegt, dass das Wörtchen ‘Kamerad’ in Frankreich nie in dem Ausmaß dem Militär in die Hände gefallen ist und damit halbwegs zivil blieb. Während es hierzulande durch das Militär erst seine heutige Verlogenheit gewann. Denn im ursprünglichen Wortsinn sind ‘Kameraden’ schlicht nur Leute, die eine Schlafkammer teilen (‘camera’). Das Wort beschreibt also gleiche Lebenslagen und passt somit auch gut zu den französischen Sozialisten mit ihrer ‘Egalité’. Die deutschen Sozialdemokraten mussten hingegen auf gleichen Genuss, auf die ‘Genossenschaft’ ausweichen, um den erwünschten Stallgeruch zu erzielen. Weil nämlich in der Nachfolge der Romantik das Wörtchen seinen militärischen Beiklang schon gewonnen hatte, es war vom Feind okkupiert. Bei uns sind deshalb heute alle Sozen zu Genossen statt zu Kameraden mutiert, die halbwegs Gleiches genießen. Wer also Austern statt Linsensuppe schlürft, kann daher niemals im Wortsinn ein ‘Genosse’ sein … das Cohiba- und Dissidenten-Problem der Schröder, Hombach usw. findet hier seine Lösung.

Ludwig Uhland dichtete im Vorfeld der Befreiungskriege, als die deutschen Spätromantiker überall Geheimbünde und antinapoleonische Freikorps bildeten. Im Jahr 1809 entstand das Lied vom “guten Kameraden”, das den ganzen Kameradschaftskummer in Deutschland auslöste. Es ist eines der wenigen Gedichte, das besser nicht geschrieben worden wäre. Seither jedenfalls wird die Ode vom zufälligen Soldatentod an jedem ‘Heldengedenktag’ an all unseren Kriegerdenkmälern gesungen, umgeben von blinkenden Orden, schmetterndem Blech und zitterndem Parkinson.

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Anders denken

Montag, 08. August 2011

Heute möchte ich einfach mal auf diesen großartigen Artikel von Constantin Seibt hinweisen, der ja keinesfalls ein ‘Linker’ ist, sondern schlicht nur ein großartiger Journalist, wie ich sie mir häufiger auf freier Wildbahn wünschen würde. Sein Artikel liegt übrigens ganz auf der Linie von Cordt Schnibben, der ebenfalls konstatierte, dass das Bürgertum nicht länger konservativ denkt und empfindet, sondern verrostete Überzeugungen auf breiter Front revidiert:

Vorletzte Woche schrieb Moore eine Kolumne, die sein ganzes Leben in Frage stellt. Ihr Titel lautet: «Ich fange an zu denken, dass die Linke vielleicht doch Recht hat».

Auch alte Gewissheiten altern …

Welches Schweinderl darf’s sein?

Samstag, 25. Juni 2011

Verkehrsminister löst wilde Spekulationen aus” – mit dieser Headline macht die ‘Süddeutsche’ derzeit ihr Online-Portal auf. Vorangegangen war ein Bericht in der ‘Berliner-Frankfurter-Zeitung-Rundschau’, wonach der Verkehrsminister Hermann gesagt haben soll, dass die Bahn den Stresstest für Stuttgart 21 “wohl irgendwie bestehen” würde. Der Minister dementierte prompt:

Sein Sprecher sagte sueddeutsche.de, ein entsprechendes Interview der beiden Zeitungen mit dem Minister habe “nicht stattgefunden”, die zitierten Aussagen seien “nie gefallen”. Berichte über einen möglichen Ausgang des Stresstests seien momentan “reine Spekulation”.

Qualitätsjournalistisch liegt der Fall für mich jetzt so: Eine der beiden Seiten schwindelt, welche dies aber ist, das ist für jedermann derzeit noch völlig unentscheidbar; das Ergebnis des Lügendetektors bleibt abzuwarten. Korrekterweise hätte die Headline folglich lauten müssen:

“Verkehrsminister oder Medien lösen wilde Spekulationen aus.”

Von mir aus auch, weil’s stilistisch einfach besser klingt: “Spekulationen um Stresstest”. Einem Journalisten aber kommt es nur selten in den Sinn, dass der Ball auch mal im eigenen Strafraum liegen könnte. Die Folge sind dann solche Eigentore.

Spuren sprachlicher Verwüstung

Samstag, 05. Juni 2010

Sie gehen einfach nicht mehr dicht genug heran, unsere Katastrophenjournalisten. Prompt regiert in ihren Texten überall das Klischee. Jeder Tropensturm hinterlässt dann eine Spur der Verwüstung, die “Leichenberge türmen sich“, und natürlich liegt der übliche “Verwesungsgestank in der Luft“. Garniert wird das Ganze mit einer Zierpetersilie aus Zitaten Verantwortlicher. Mein Gott, wie anschaulich! So nahe brachte mich ja noch niemand ans Geschehen heran …

Um den Ironiemodus wieder abzuschalten – Vergleichbares habe ich bis in die Wortwahl hinein schon tausendmal gehört, es ist ein verbaler Lego-Kasten. Diese Sprache rüttelt bestimmt keinen Leser aus seiner Bierruhe auf. Die Reportage wird hier zur Sofa-Literatur – vorhersagbar wie eine Merkel-Rede. Als hätten diese Reporter beim Anblick der erstbesten Leiche auf dem Bürgersteig die Straßenseite gewechselt, ein duftendes Taschentüchlein vor die Nase gepresst, um ja nicht Auge in Auge mit dem Tod zu geraten. Wie anders klang dies noch bei Hemingway, nach jenem Wirbelsturm, der im Jahr 1935 fast Key West von der Landkarte geblasen hätte:

“Zwei Frauen, nackt, vom Wasser hoch in die Bäume geschleudert, verschwollen und stinkend, ihre Brüste groß wie Ballons. Fliegen zwischen ihren Beinen. Dann stellst du fest, wo du dich befindest, und erkennst sie als die beiden sehr netten Mädchen, die drei Meilen von der Fähre eine Sandwichbude und eine Tankstelle betrieben haben. Wir haben neunundsechzig Leichen an Stellen gefunden, die für niemanden zugänglich gewesen waren. Indian Key ist vollkommen kahlgefegt, kein einziger Grashalm mehr da, und der hochgelegene Mittelpunkt war mit lebenden Muscheln, Krebsen und toten Muränen übersät, die vom Meer dorthin gespült worden waren. Der ganze Meeresgrund ist da rübergegangen. Ich hätte diesen miesen literarischen Bastard, der seinen Hurrikan braucht, nur zu gern dabeigehabt, um ihn mit der Nase ein bißchen da reinzustoßen” (Brief an Maxwell Perkins, 7. Sept. 1935).

Ein solche Beschreibung geht unter die Haut, gerade wegen der furchtbaren Details. Das eben ist der Unterschied zwischen denen, die nah genug herantreten können, und jenen, die mit ihren verzärtelten Gemütern Katastrophen nur aus der Vogelperspektive ertragen, um beim Schreiben dann zu den beruhigenden Dauerlutschern aus Sprachstanzen zu greifen, statt zur Kotztüte. Noch einmal Hemingway:

“Jetzt sagen sie, keine der Leichen soll an Ort und Stelle verbrannt oder begraben werden, sie sollen alle in Arlington begraben werden; das würde bedeuten, etwas zu transportieren, was so verwest und aufgedunsen ist, daß es platzt, wenn man es hochhebt; verfault, eitrig, verwest, ekelhaft, völlig unmöglich einzubalsamieren – man müsste sie sechs, acht Meilen zum Boot transportieren, dann auf dem Boot noch einmal zehn bis zwanzig, ehe sie in Kisten kommen; und das Ganze stinkt buchstäblich zum Kotzen – unterwegs nach Arlington!”

Für Hemingway sind die Opfer des Hurrikans infolge des Verwesungsprozesses bereits völlig entmenschlicht, als ‘etwas’ oder ‘es’ kann er die stinkenden Gebilde nur noch bezeichnen, alles Erbarmen verliert er angesichts der desolaten Lage. Das ist die wahre Rationalität der Katastrophe, solche dichten Beschreibungen gehen unter die Haut! Für den Ökonomen und FDP’ler in uns hält er dann auch noch ein Argument bereit dafür, weshalb diese verrotteten Stücke Fleisch unbedingt über Land verfrachtet werden müssen. Ein Argument, das folgerichtig keinesfalls auf Pietät beruht, sondern auf blankem Geschäftssinn:

“Die meisten Proteste gegen das Verbrennen oder Begraben kamen von den Leichenbestattern aus Miami, die 100 Dollar pro Toten bekommen.”

Solche Reportagen aus Katastrophengebieten würde ich mir wieder mal wünschen, meine Damen und Herren von der schreibenden Zunft!

Wann kapieren sie’s?

Donnerstag, 15. April 2010

Aber Bloggen wurde irgendwie noch nie inhaltlich begriffen, immer nur formal oder wirtschaftlich, und das ist der große Fehler, den alle machen. … Die Überschrift über dem [FAZ]-Dossier fordert, Bloggen solle vor allem bedeuten, Informationen im Internet einzuordnen und zu bewerten. Ich erinnere mich an Zeiten, da wurde Bloggern vorgeworfen, quasiparasitär nur von Informationen aus zweiter Hand zu leben. Wie man’s macht, macht man’s verkehrt. Ich für meinen Teil habe mich ja nie groß mit Einordnen aufgehalten, ich schreib ja lieber selbst. Wer weiß, was daran nun wieder nicht recht sein soll. Als ob man einen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen hat und die Erfüllung verweigert.

Auf den Punkt gebracht. Danke, Andrea …

Postbaudrillardisch?

Samstag, 10. April 2010

Inhaltlich ist gegen diesen Artikel wenig einzuwenden: Die alte Journalismus ließ sich jahrelang von der Politik vereinnahmen, von mir aus ließ er sich auch durch Baudrillardsche ‘Simulacren’ verzaubern, die er uns dann via Massenmedium als Realität vorgaukelte. Diese selbstgewählte Blendung wurde als ‘embedded journalism’ euphemisiert oder in ‘Hintergrundgesprächen’ in Form einer ‘Buddy-Publizistik’ gefällig zelebriert. Letztlich aber zeigt alles dies doch nur, wie tief der Mainstriemel-Journalismus in den letzten 20 Jahren zu einer Karikatur seiner selbst herabgesunken ist.

Jetzt also gibt es ‘wikileaks’ – und der alte Journalismus steht vor den rauchenden Trümmern seiner gepflegten Mythen. Ursprungslegende und getippte Praxis stehen inzwischen in maximaler Distanz zueinander: ” … Das macht die Veröffentlichung des Videos auf Wikileaks zur Schande für die Mainstreammedien: Entweder sie hatten das Video nicht – weil ihnen die Whistleblower nicht mehr trauen -, oder sie hatten es und veröffentlichten es nicht. Beides ist eine journalistische Bankrotterklärung. …

Faktisch heißt dies aber auch, dass wir es hier gar nicht mit einem ‘Post-Poststrukturalismus’ zu tun haben, nichts also ist es mit dem “postbaudrillardisch” in der Überschrift, denn die Geschichte ist gar nicht über die französischen Witzbolde zu neuen, noch fortschrittlicheren Ufern hinweggestiefelt. Um auf Baudrillards berühmtestes Zitat einzugehen: Der Krieg fand immer schon statt – nur nicht in diesen satt und saturiert vor sich hinrülpsenden Massenmedien. Wer sich als Schreiber mit einem solchen ‘Simulacrum’ oder Lügengebilde begnügte, der war immer selber schuld, weiterhin nicht ganz frisch in der Birne – und er hatte zudem seinen Beruf verfehlt.

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Die Ölprinzen

Samstag, 13. Februar 2010

Zum Thema der Intelligenzwerdung gibt es neuerdings besonders ‘einsichtige Einsichten’, die dazu noch den Vorteil haben, dass sie auf (natur)wissenschaftlicher Grundlage stehen. Ich will bei meinen Quellen nicht ins Detail gehen, wen es interessiert, der möge unter Suchbegriffen wie Gerhard Roth, Humberto Maturana, Kognitionswissenschaft, Konstruktivismus oder Metaphernforschung näheres nachschlagen.

Das Bild, das sich inzwischen zeigt, bietet eine Erklärung dafür, weshalb so viele junge Menschen bei formal hoher Qualifikation trotzdem dumm und unflexibel bleiben. In meinem privaten Sprachgebrauch spreche ich bei diesem Typus von ‘den Ölprinzen’, was nicht heißen soll, dass nicht die eine oder andere Prinzessin darunter ist.

Zur Sache – und in gebotener Verkürzung: Der Mensch wird erst durch Reduktion seiner anfänglichen Gehirnkomplexität ‘intelligent’, weniger wird hier gewissermaßen mehr. Zum Zeitpunkt seiner Geburt ist er ein komplett vernetztes System: Jede Gehirnzelle steht mit nahezu jeder anderen in Kontakt. Die große Lehrmeisterin, die Erfahrung, räumt dann ab den ersten Lebensmonaten in diesem Überfluss gewaltig auf: Erhalten bei der nun einsetzenden großen Reduktion bleiben jene ‘Cluster’, die auch gebraucht wurden. Je mehr und je unterschiedlichere Erfahrungen ein Mensch schon früh macht, desto feiner strukturiert bleibt folglich auch sein Gehirn. Die restlichen Verbindungen sterben ab oder treten in den Hintergrund. Daher kommt es darauf an, schon dem Säugling und Kleinkind möglichst viele Anregungen und Kontakte mit der Erfahrungswelt zu bieten, damit es überhaupt die Chance hat, intelligent zu werden. Intelligenz ist also nicht angeboren.

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Mythen des Qualitätsjournalismus

Montag, 18. Januar 2010

Objektive Berichterstattung – das ist das große Ideal aller Journalistenschulen nicht nur in Deutschland. Um diesem Ideal näherzukommen, müssen die Journalisten – wiederum idealerweise – die Regeln des altehrwürdigen Qualitätsjournalismus bimsen. Als da wären:

1. Information und Meinung müssen scharf getrennt sein – jede Meinung des Verfassers wird klar gekennzeichnet und möglichst in einen separaten Text (Leitartikel, Kolumne, Glosse) abgedrängt.

2. Informierende Textsorten sind hingegen wertungsneutral verfasst, sie berichten strikt nur von Fakten und Äußerungen anderer.

3. Es gibt eine neutrale Sprache für die Berichterstattung.

4. Ein Faktum gilt nur dann als bestätigt, wenn es von mindestens zwei Quellen bestätigt wird. Usw.

Mit nahezu allen Erkenntnissen der Hirnforschung (Kognitionswissenschaft) stehen diese bemoosten Ansichten im Widerspruch. Der Reihe nach:

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