Archiv für die Kategorie ‘Grundsätze’

Welches Schweinderl darf’s sein?

Samstag, 25. Juni 2011

Verkehrsminister löst wilde Spekulationen aus” – mit dieser Headline macht die ‘Süddeutsche’ derzeit ihr Online-Portal auf. Vorangegangen war ein Bericht in der ‘Berliner-Frankfurter-Zeitung-Rundschau’, wonach der Verkehrsminister Hermann gesagt haben soll, dass die Bahn den Stresstest für Stuttgart 21 “wohl irgendwie bestehen” würde. Der Minister dementierte prompt:

Sein Sprecher sagte sueddeutsche.de, ein entsprechendes Interview der beiden Zeitungen mit dem Minister habe “nicht stattgefunden”, die zitierten Aussagen seien “nie gefallen”. Berichte über einen möglichen Ausgang des Stresstests seien momentan “reine Spekulation”.

Qualitätsjournalistisch liegt der Fall für mich jetzt so: Eine der beiden Seiten schwindelt, welche dies aber ist, das ist für jedermann derzeit noch völlig unentscheidbar; das Ergebnis des Lügendetektors bleibt abzuwarten. Korrekterweise hätte die Headline folglich lauten müssen:

“Verkehrsminister oder Medien lösen wilde Spekulationen aus.”

Von mir aus auch, weil’s stilistisch einfach besser klingt: “Spekulationen um Stresstest”. Einem Journalisten aber kommt es nur selten in den Sinn, dass der Ball auch mal im eigenen Strafraum liegen könnte. Die Folge sind dann solche Eigentore.

Spuren sprachlicher Verwüstung

Samstag, 05. Juni 2010

Sie gehen einfach nicht mehr dicht genug heran, unsere Katastrophenjournalisten. Prompt regiert in ihren Texten überall das Klischee. Jeder Tropensturm hinterlässt dann eine Spur der Verwüstung, die “Leichenberge türmen sich“, und natürlich liegt der übliche “Verwesungsgestank in der Luft“. Garniert wird das Ganze mit einer Zierpetersilie aus Zitaten Verantwortlicher. Mein Gott, wie anschaulich! So nahe brachte mich ja noch niemand ans Geschehen heran …

Um den Ironiemodus wieder abzuschalten – Vergleichbares habe ich bis in die Wortwahl hinein schon tausendmal gehört, es ist ein verbaler Lego-Kasten. Diese Sprache rüttelt bestimmt keinen Leser aus seiner Bierruhe auf. Die Reportage wird hier zur Sofa-Literatur – vorhersagbar wie eine Merkel-Rede. Als hätten diese Reporter beim Anblick der erstbesten Leiche auf dem Bürgersteig die Straßenseite gewechselt, ein duftendes Taschentüchlein vor die Nase gepresst, um ja nicht Auge in Auge mit dem Tod zu geraten. Wie anders klang dies noch bei Hemingway, nach jenem Wirbelsturm, der im Jahr 1935 fast Key West von der Landkarte geblasen hätte:

“Zwei Frauen, nackt, vom Wasser hoch in die Bäume geschleudert, verschwollen und stinkend, ihre Brüste groß wie Ballons. Fliegen zwischen ihren Beinen. Dann stellst du fest, wo du dich befindest, und erkennst sie als die beiden sehr netten Mädchen, die drei Meilen von der Fähre eine Sandwichbude und eine Tankstelle betrieben haben. Wir haben neunundsechzig Leichen an Stellen gefunden, die für niemanden zugänglich gewesen waren. Indian Key ist vollkommen kahlgefegt, kein einziger Grashalm mehr da, und der hochgelegene Mittelpunkt war mit lebenden Muscheln, Krebsen und toten Muränen übersät, die vom Meer dorthin gespült worden waren. Der ganze Meeresgrund ist da rübergegangen. Ich hätte diesen miesen literarischen Bastard, der seinen Hurrikan braucht, nur zu gern dabeigehabt, um ihn mit der Nase ein bißchen da reinzustoßen” (Brief an Maxwell Perkins, 7. Sept. 1935).

Ein solche Beschreibung geht unter die Haut, gerade wegen der furchtbaren Details. Das eben ist der Unterschied zwischen denen, die nah genug herantreten können, und jenen, die mit ihren verzärtelten Gemütern Katastrophen nur aus der Vogelperspektive ertragen, um beim Schreiben dann zu den beruhigenden Dauerlutschern aus Sprachstanzen zu greifen, statt zur Kotztüte. Noch einmal Hemingway:

“Jetzt sagen sie, keine der Leichen soll an Ort und Stelle verbrannt oder begraben werden, sie sollen alle in Arlington begraben werden; das würde bedeuten, etwas zu transportieren, was so verwest und aufgedunsen ist, daß es platzt, wenn man es hochhebt; verfault, eitrig, verwest, ekelhaft, völlig unmöglich einzubalsamieren – man müsste sie sechs, acht Meilen zum Boot transportieren, dann auf dem Boot noch einmal zehn bis zwanzig, ehe sie in Kisten kommen; und das Ganze stinkt buchstäblich zum Kotzen – unterwegs nach Arlington!”

Für Hemingway sind die Opfer des Hurrikans infolge des Verwesungsprozesses bereits völlig entmenschlicht, als ‘etwas’ oder ‘es’ kann er die stinkenden Gebilde nur noch bezeichnen, alles Erbarmen verliert er angesichts der desolaten Lage. Das ist die wahre Rationalität der Katastrophe, solche dichten Beschreibungen gehen unter die Haut! Für den Ökonomen und FDP’ler in uns hält er dann auch noch ein Argument bereit dafür, weshalb diese verrotteten Stücke Fleisch unbedingt über Land verfrachtet werden müssen. Ein Argument, das folgerichtig keinesfalls auf Pietät beruht, sondern auf blankem Geschäftssinn:

“Die meisten Proteste gegen das Verbrennen oder Begraben kamen von den Leichenbestattern aus Miami, die 100 Dollar pro Toten bekommen.”

Solche Reportagen aus Katastrophengebieten würde ich mir wieder mal wünschen, meine Damen und Herren von der schreibenden Zunft!

Wann kapieren sie’s?

Donnerstag, 15. April 2010

Aber Bloggen wurde irgendwie noch nie inhaltlich begriffen, immer nur formal oder wirtschaftlich, und das ist der große Fehler, den alle machen. … Die Überschrift über dem [FAZ]-Dossier fordert, Bloggen solle vor allem bedeuten, Informationen im Internet einzuordnen und zu bewerten. Ich erinnere mich an Zeiten, da wurde Bloggern vorgeworfen, quasiparasitär nur von Informationen aus zweiter Hand zu leben. Wie man’s macht, macht man’s verkehrt. Ich für meinen Teil habe mich ja nie groß mit Einordnen aufgehalten, ich schreib ja lieber selbst. Wer weiß, was daran nun wieder nicht recht sein soll. Als ob man einen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen hat und die Erfüllung verweigert.

Auf den Punkt gebracht. Danke, Andrea …

Postbaudrillardisch?

Samstag, 10. April 2010

Inhaltlich ist gegen diesen Artikel wenig einzuwenden: Die alte Journalismus ließ sich jahrelang von der Politik vereinnahmen, von mir aus ließ er sich auch durch Baudrillardsche ‘Simulacren’ verzaubern, die er uns dann via Massenmedium als Realität vorgaukelte. Diese selbstgewählte Blendung wurde als ‘embedded journalism’ euphemisiert oder in ‘Hintergrundgesprächen’ in Form einer ‘Buddy-Publizistik’ gefällig zelebriert. Letztlich aber zeigt alles dies doch nur, wie tief der Mainstriemel-Journalismus in den letzten 20 Jahren zu einer Karikatur seiner selbst herabgesunken ist.

Jetzt also gibt es ‘wikileaks’ – und der alte Journalismus steht vor den rauchenden Trümmern seiner gepflegten Mythen. Ursprungslegende und getippte Praxis stehen inzwischen in maximaler Distanz zueinander: ” … Das macht die Veröffentlichung des Videos auf Wikileaks zur Schande für die Mainstreammedien: Entweder sie hatten das Video nicht – weil ihnen die Whistleblower nicht mehr trauen -, oder sie hatten es und veröffentlichten es nicht. Beides ist eine journalistische Bankrotterklärung. …

Faktisch heißt dies aber auch, dass wir es hier gar nicht mit einem ‘Post-Poststrukturalismus’ zu tun haben, nichts also ist es mit dem “postbaudrillardisch” in der Überschrift, denn die Geschichte ist gar nicht über die französischen Witzbolde zu neuen, noch fortschrittlicheren Ufern hinweggestiefelt. Um auf Baudrillards berühmtestes Zitat einzugehen: Der Krieg fand immer schon statt – nur nicht in diesen satt und saturiert vor sich hinrülpsenden Massenmedien. Wer sich als Schreiber mit einem solchen ‘Simulacrum’ oder Lügengebilde begnügte, der war immer selber schuld, weiterhin nicht ganz frisch in der Birne – und er hatte zudem seinen Beruf verfehlt.

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Die Ölprinzen

Samstag, 13. Februar 2010

Zum Thema der Intelligenzwerdung gibt es neuerdings besonders ‘einsichtige Einsichten’, die dazu noch den Vorteil haben, dass sie auf (natur)wissenschaftlicher Grundlage stehen. Ich will bei meinen Quellen nicht ins Detail gehen, wen es interessiert, der möge unter Suchbegriffen wie Gerhard Roth, Humberto Maturana, Kognitionswissenschaft, Konstruktivismus oder Metaphernforschung näheres nachschlagen.

Das Bild, das sich inzwischen zeigt, bietet eine Erklärung dafür, weshalb so viele junge Menschen bei formal hoher Qualifikation trotzdem dumm und unflexibel bleiben. In meinem privaten Sprachgebrauch spreche ich bei diesem Typus von ‘den Ölprinzen’, was nicht heißen soll, dass nicht die eine oder andere Prinzessin darunter ist.

Zur Sache – und in gebotener Verkürzung: Der Mensch wird erst durch Reduktion seiner anfänglichen Gehirnkomplexität ‘intelligent’, weniger wird hier gewissermaßen mehr. Zum Zeitpunkt seiner Geburt ist er ein komplett vernetztes System: Jede Gehirnzelle steht mit nahezu jeder anderen in Kontakt. Die große Lehrmeisterin, die Erfahrung, räumt dann ab den ersten Lebensmonaten in diesem Überfluss gewaltig auf: Erhalten bei der nun einsetzenden großen Reduktion bleiben jene ‘Cluster’, die auch gebraucht wurden. Je mehr und je unterschiedlichere Erfahrungen ein Mensch schon früh macht, desto feiner strukturiert bleibt folglich auch sein Gehirn. Die restlichen Verbindungen sterben ab oder treten in den Hintergrund. Daher kommt es darauf an, schon dem Säugling und Kleinkind möglichst viele Anregungen und Kontakte mit der Erfahrungswelt zu bieten, damit es überhaupt die Chance hat, intelligent zu werden. Intelligenz ist also nicht angeboren.

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Mythen des Qualitätsjournalismus

Montag, 18. Januar 2010

Objektive Berichterstattung – das ist das große Ideal aller Journalistenschulen nicht nur in Deutschland. Um diesem Ideal näherzukommen, müssen die Journalisten – wiederum idealerweise – die Regeln des altehrwürdigen Qualitätsjournalismus bimsen. Als da wären:

1. Information und Meinung müssen scharf getrennt sein – jede Meinung des Verfassers wird klar gekennzeichnet und möglichst in einen separaten Text (Leitartikel, Kolumne, Glosse) abgedrängt.

2. Informierende Textsorten sind hingegen wertungsneutral verfasst, sie berichten strikt nur von Fakten und Äußerungen anderer.

3. Es gibt eine neutrale Sprache für die Berichterstattung.

4. Ein Faktum gilt nur dann als bestätigt, wenn es von mindestens zwei Quellen bestätigt wird. Usw.

Mit nahezu allen Erkenntnissen der Hirnforschung (Kognitionswissenschaft) stehen diese bemoosten Ansichten im Widerspruch. Der Reihe nach:

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Medienhass

Sonntag, 10. Januar 2010

Klar, das ‘Anzeigenvolumen breche weg‘, das ‘Nutzungsverhalten habe sich dramatisch verändert‘ und die ‘Zielgruppen seien volatiler geworden‘. So oder ähnlich tönt es uns aus allen Studien und Gazetten entgegen, dort, wo sie ihre eigene mediale Situation gut strukturalistisch zu reflektieren versuchen. ‘Mehr Qualitätsjournalismus‘ lauten die empfohlenen Gegenmaßnahmen, ‘mehr Syndication‘, also mehr vom Selben in immer mehr Blättern, um so die Kosten zu senken. ‘Paid-Content-Wälle‘ müssten her … wir alle kennen längst die tief ausgefahrenen Spuren in der großen Mediendebatte. Intelligente Ausnahmen sind dabei selten. Ein entscheidender Faktor kommt überall zu kurz: Der werte Leser.

Zeitungen und andere Altmedien werden längst nicht mehr primär für den Leser geschrieben: Die Interessen der Wirtschaft und die geforderten werblichen Punktlandungen aus den Marketing-Abteilungen, die PR-Absichten einer zuliefernden quasi-journalistischen Materialbeschaffungsindustrie … dies alles zählt sehr viel mehr als ausgerechnet das Interesse jener dummen Ferkel am Trog, die das resultierende mediale Mastfutter tagtäglich dann ausschlabbern sollen, damit die Anzeigenabteilung wiederum behaupten kann, das frische und freche Medium würde von den relevanten Zielgruppen auch gelesen.

Das Resultat eines allzu lange betriebenen Kollektiv-Verfahrens war absehbar, aber kaum jemand redet darüber: Es existiert inzwischen eine großer Medienhass in der Gesellschaft, der demjenigen auf ‘die Parteien’ gleichkommt. Vice versa ist dies verbunden mit jener Verachtung der Leserschaft in allzu vielen Redaktionen, die sich auch stilistisch zunehmend schluderhaft äußert – oder eben gar nicht mehr auszudrücken vermag. Das Publikum würde die herabgefallenen Brocken disparater Weltbilder vom Tisch der Verleger schon fressen.

Genau das eben tut es nicht (mehr).

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Nagelprobe

Freitag, 25. Dezember 2009

Gerade die ‘eingerosteten Metaphern’ sind tückisch. So hat die bei Politikern beliebte Nagelprobe ihren Ursprung in altdeutschen Saufsitten: Ein Trinkgefäß galt nur dann als befriedigend gelehrt, wenn das ausgetrunkene Glas beim Umdrehen nicht mehr Restflüssigkeit herausrinnen ließ, als auf einem daruntergehaltenen Daumennagel Platz fand.

Wenn unser oberster Gewerkschaftsführer jetzt verkündet: “2010 wird zur Nagelprobe für den Sozialstaat”, dann geht er also davon aus, dass der Becher mit den Sozialmilliarden bereits nahezu restlos ausgesoffen sei – von wem auch immer – und dass die anstehenden Verteilungskämpfe sich allenfalls noch um ein paar tröpfelnde Restmilliönchen drehen könnten.

Da ich kaum glaube, dass der Herr Sommer diese illustrativ zwingende Bildwirkung beabsichtigt hat, können wir zu seiner Rechtfertigung einzig und allein den folgenden Schluss ziehen: Das Wortbild von der Nagelprobe ist im allgemeinen Sprachgebrauch bereits derart ausgeschlürft und von jeder Anschaulichkeit entleert, dass eine Nagelprobe ‘aufs Leben im Wort’ auf jedem Babydaumennagel Platz fände. Dafür spricht auch die weitere Auslassung des Herrn, die mit der Sache in keiner anschaulich gearteten Bildwirkung mehr steht: “[2010] wird die Nagelprobe, ob dieser Sozialstaat trägt”. Um im Bild zu bleiben: Ein blauer Daumennagel wäre wohl die mindeste Folge, vor allem dann, wenn dieser schlimme Finger den gesamten Sozialstaat tragen soll.

Kurzum: Das Reden politischer Funktionäre ist abschaulich – und nicht anschaulich. Vielleicht liegt hier das Geheimnis ihrer mangelnden Wirkung …

Wo ist der Leser?

Freitag, 13. November 2009

Die große Printkrise, für deren unschwere Vorhersage ich vor einem Jahr in der Schweizer medienlese noch Prügel ohne Ende bezog, sie ist längst in aller Munde. Man kann kein Medienportal mehr aufschlagen, ohne dass lauthals gebarmt oder wild mit Konzepten zur Überwindung der Misere gewedelt wird. Vor einem Jahr, als die medienlese die Tore schloss, da hingegen klang es aus den Reihen der Printjournalisten noch so:

“Es ist nicht schade. Das Geschäftsmodell hat nicht funktioniert. Dass jetzt die gleichen Leute jetzt allen Ernstes mit Bettelei versuchen, ihren Blog zu erhalten, die gleichen Leute, die voller Hohn über die angeblich anachronistischen Geschäftsmodelle der Zeitungen geschrieben haben, und gar den ganzen Journalismus runterschrieben (Festangestellte!) ist ein netter Witz. Es ist nicht das Internet, es sind die Journalisten, schrieb der Herr Jarchow, die selbst Schuld sind an ihrer Misere. Ressentiments der Zukurzgekommenen.” (Kommentar No. 67)

Da also war die Welt in Holzhausen noch in Ordnung – die Printjournalisten, das waren die Profis, und die Online-Fuzzies waren die Bönhasen, die an jenen Qualitäten doch gar nicht zu klingeln vermochten. Inzwischen ist längst die Stunde der Unternehmensberater gekommen. Im Branchenblatt ‘Horizont’ haben fünf von ihnen Ansätze zur Rettung der Verlage verfasst, im Vorfeld einer Tagung der Zeitungsverleger zum Thema ‘Medienwandel’. Was mir dabei auffällt – die Worte ‘Leser’ oder ‘Schreiber’ oder auch ‘Journalist’ kommen in diesen Texten so gut wie nicht mehr vor. Der Sound klingt vielmehr so:

“Technologiekompetenz ist unerlässlich – man könnte ketzerisch formulieren, dass der Blattmacher des 21. Jahrhunderts ein Software Engineer ist, der es versteht, Content (semi-) automatisch aufzubereiten und diesen sowohl nutzergerecht zu bündeln als auch den User zu inspirieren. Dazu muss man keine Infrastruktur erwerben, sondern sich tendenziell von der vorhandenen Infrastruktur (Druck, Distribution) trennen. (Martin Fabel, Vice President, A.T.Kearney Berlin)

Kurzum, der Leser ist zum ‘User’ oder ‘Benutzer’ mutiert und der Schreiber wird künftig wohl durch ‘semi-automatische Content-Produzenten’ ersetzt, wie immer man sich das vorstellen soll. Deutlicher kann wohl niemand zu verstehen geben, dass er von der Geschichte und Funktion des Journalismus nichts versteht. Der Journalismus hat unverändert die Aufgabe, ‘Öffentlichkeit’ für gesellschaftlich relevante Themen herzustellen, und zwar so, dass der Leser das tut, was wiederum dessen Aufgabe ist: dass er den Text also auch liest oder ‘rezipiert’. Es fehlt aber gerade an “Blattmachern”, die solches auch tun. Werden die Waren, also die Texte, nicht so verfasst, wie eben geschildert, dann fallen sie in den verdienten Orkus – und die Werbung hat folglich ebenfalls nichts davon. Bei diesen Herren aber gewinnt ein Leser den Eindruck, es ginge beim Journalismus darum, ein möglichst optimales Anzeigenumfeld möglichst billig und auf Recycling-Basis zu generieren:

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Diese Arbeit ist nicht jene Arbeit

Dienstag, 06. Oktober 2009

Ein Wort bedeutet keineswegs das, was im aktuellen Lexikon steht. Sondern immer nur genau das, was ein Hirn zu einem gegebenen Zeitpunkt mit diesem Wort verbindet. So verläuft eben Information – sie haust nicht in den Wörtern, sie steckt in den Köpfen.

Nehmen wir als Beispiel das Wörtchen ‘Arbeit’. In meiner Jugend definierte sich kaum ein Mensch über die Arbeit, zumindest nicht unter uns Lehrlingen, Schülern und Studenten. Die Arbeit war ein notwendiges Übel, das uns lebenslang begleiten würde, sie nervte, aber es war nichts, was den Wert eines Menschen unter uns festlegte. Ob jemand Heizungsmonteur, Bauer, Historiker oder Bankkaufmann war, das spielte keine Rolle. Wichtig war, ob jemand ein Freund und guter Kumpel war, oder ein A…loch. So verlief die soziale Skala. Das eigentliche Leben fand nach 18.00 Uhr und am Wochenende statt. Da zeigte sich, aus welchem Holz jemand geschnitzt war. Das Karrieregefasel überließen wir den Eltern …

Heute hingegen umtanzen nicht nur die Parteien das goldene Kalb der regelmäßigen Arbeit, so, als sei sie der eigentliche Lebensinhalt. Auch die Selbstdefinition der arbeitenden Menschen verläuft heute entlang dieser Schiene – alle sind im Sinne unserer Eltern ‘erwachsen’ geworden. Dabei existiert nicht nur die Grenze oder Fundamentaldifferenz, Arbeit zu haben oder arbeitslos zu sein. Es geht längst viel tranchierter zu: Die Art der Arbeit und der Name des Berufes verleihen den Status, die Bezahlung der Arbeit bestimmt den zwischenmenschlichen Rang. Da darf heute ruhig jemand Makler sein, Schönheitschirurg oder GEZ-Eintreiber, Berufe, bei deren Wortklang es uns früher geschüttelt hätte. Die soziale Regel im Neoliberalismus heißt: Hauptsache Cash – egal womit …!

Nach einem goldenen Schlüssel richtet sich im Kindesalter schon die ‘Karriereplanung’ – auch so ein Wort, dass es damals nicht gab: Wir lernten etwas, gingen in die Ausbildung oder auf die Uni, lavierten uns durch, und wo wir später mal landen würden – ja, Herrgott, das Leben ist doch bunt! Vielleicht lande ich später mal als Schmuckverkäufer in Goa. Hauptsache, etwas erleben!

Nun aber meldet ein junger Mensch sich als Teenager bei Karriereportalen an, kein unvorteilhaftes Bild darf in die Community gelangen, die Assessment-Center der Unternehmen kommen zu den Proseminaren mit Arbeitsverträgen in den Hörsaal gestürmt, am Ende der Ausbildung verlassen charakterliche Klonschafe, personifizierte Wirtschaftserwartungen die Prägeanstalt. Und wenn jemand glücklich – sagen wir mal – Banker wurde, dann verbringt er anschließend auch die ‘Blue Hour’ (früher FREIzeit genannt) immer nur unter seinesgleichen. Inzucht, soziales Unwissen und Snobismus prägen folgerichtig eine Generation, deren Lerneffekt in Sachen Lebenstauglichkeit gleich Null ist.

Später dann wundern sie sich, weshalb sie auch auf teuersten Fernreisen nichts wirklich erleben, weshalb jede Lebenserfahrung ihnen zeitlebens fremd bleibt und wieso sie immer öfter in Depression verfallen. Kein Wunder, sie haben das Erleben nie gelernt, sondern immer nur Robotten und Bizziniss. Tscha – und im Alter heißt es dann: “Und das soll jetzt alles gewesen sein?”. Sie können vor Gevatter Hein noch nicht einmal eine Lebensbilanz ziehen, weil sie kein Leben führten, sondern immer nur an Arbeit, Arbeit, Arbeit dachten …

So viel Wandel und auch Macht über uns steckt in dem kleinen Wort ‘Arbeit’ drin – man sieht es ihm gar nicht an.