Ein Wort bedeutet keineswegs das, was im aktuellen Lexikon steht. Sondern immer nur genau das, was ein Hirn zu einem gegebenen Zeitpunkt mit diesem Wort verbindet. So verläuft eben Information – sie haust nicht in den Wörtern, sie steckt in den Köpfen.
Nehmen wir als Beispiel das Wörtchen ‘Arbeit’. In meiner Jugend definierte sich kaum ein Mensch über die Arbeit, zumindest nicht unter uns Lehrlingen, Schülern und Studenten. Die Arbeit war ein notwendiges Übel, das uns lebenslang begleiten würde, sie nervte, aber es war nichts, was den Wert eines Menschen unter uns festlegte. Ob jemand Heizungsmonteur, Bauer, Historiker oder Bankkaufmann war, das spielte keine Rolle. Wichtig war, ob jemand ein Freund und guter Kumpel war, oder ein A…loch. So verlief die soziale Skala. Das eigentliche Leben fand nach 18.00 Uhr und am Wochenende statt. Da zeigte sich, aus welchem Holz jemand geschnitzt war. Das Karrieregefasel überließen wir den Eltern …
Heute hingegen umtanzen nicht nur die Parteien das goldene Kalb der regelmäßigen Arbeit, so, als sei sie der eigentliche Lebensinhalt. Auch die Selbstdefinition der arbeitenden Menschen verläuft heute entlang dieser Schiene – alle sind im Sinne unserer Eltern ‘erwachsen’ geworden. Dabei existiert nicht nur die Grenze oder Fundamentaldifferenz, Arbeit zu haben oder arbeitslos zu sein. Es geht längst viel tranchierter zu: Die Art der Arbeit und der Name des Berufes verleihen den Status, die Bezahlung der Arbeit bestimmt den zwischenmenschlichen Rang. Da darf heute ruhig jemand Makler sein, Schönheitschirurg oder GEZ-Eintreiber, Berufe, bei deren Wortklang es uns früher geschüttelt hätte. Die soziale Regel im Neoliberalismus heißt: Hauptsache Cash – egal womit …!
Nach einem goldenen Schlüssel richtet sich im Kindesalter schon die ‘Karriereplanung’ – auch so ein Wort, dass es damals nicht gab: Wir lernten etwas, gingen in die Ausbildung oder auf die Uni, lavierten uns durch, und wo wir später mal landen würden – ja, Herrgott, das Leben ist doch bunt! Vielleicht lande ich später mal als Schmuckverkäufer in Goa. Hauptsache, etwas erleben!
Nun aber meldet ein junger Mensch sich als Teenager bei Karriereportalen an, kein unvorteilhaftes Bild darf in die Community gelangen, die Assessment-Center der Unternehmen kommen zu den Proseminaren mit Arbeitsverträgen in den Hörsaal gestürmt, am Ende der Ausbildung verlassen charakterliche Klonschafe, personifizierte Wirtschaftserwartungen die Prägeanstalt. Und wenn jemand glücklich – sagen wir mal – Banker wurde, dann verbringt er anschließend auch die ‘Blue Hour’ (früher FREIzeit genannt) immer nur unter seinesgleichen. Inzucht, soziales Unwissen und Snobismus prägen folgerichtig eine Generation, deren Lerneffekt in Sachen Lebenstauglichkeit gleich Null ist.
Später dann wundern sie sich, weshalb sie auch auf teuersten Fernreisen nichts wirklich erleben, weshalb jede Lebenserfahrung ihnen zeitlebens fremd bleibt und wieso sie immer öfter in Depression verfallen. Kein Wunder, sie haben das Erleben nie gelernt, sondern immer nur Robotten und Bizziniss. Tscha – und im Alter heißt es dann: “Und das soll jetzt alles gewesen sein?”. Sie können vor Gevatter Hein noch nicht einmal eine Lebensbilanz ziehen, weil sie kein Leben führten, sondern immer nur an Arbeit, Arbeit, Arbeit dachten …
So viel Wandel und auch Macht über uns steckt in dem kleinen Wort ‘Arbeit’ drin – man sieht es ihm gar nicht an.