Knittelvers und Zeitgeschehen
Mittwoch, 01. Februar 2012Wo Realität Kompetenz rektifiziert,
Regiert es sich fortan ganz ungeniert.
Dichter Niebel schrub uns dieses Gedicht voll erlesenster Fremdwörter …
Wo Realität Kompetenz rektifiziert,
Regiert es sich fortan ganz ungeniert.
Dichter Niebel schrub uns dieses Gedicht voll erlesenster Fremdwörter …
Opa Wolf Schneider, der unvermeidlichste aller Print-Dinos, hat sich mit seinen tiefschürfenden Erkenntnissen wieder mal zu Wort gemeldet. Diesmal in einem Handbuch, das sich an angehende Journalisten richten wird. Die erfahren dort u.a. folgendes:
Aha! – Ich will verrecken, wenn ich verstehe, was daran ‘erschröcklich’ sein sollte, ‘Nützlichkeit’ ist schließlich ein dehnbarer Begriff. Aber egal, das Internet bleibt für unsere Cro-Magnon-Menschen im Journalismus nun mal der immerwährende Hort des Bösen:
Diese Erkenntnisse ebenso erkenntnisfördernd wie mephistotelisch mal ‘im Umkehrschluss’ formuliert:
“Der Holzjournalismus vermittelt den Menschen hingegen das Faktum, dass sie eben nicht alles erfahren können. Darüber hinaus wird’s allemal teuer und hässlich. Nur mit Hilfe eines ausgebildeten Steinzeitjournalisten lernen sie zu scheiden, was wahr ist und was falsch, nur mit ihm sehen sie die Interessen hinter der Auswahl, auch müssen sie angesichts der beschränkten Spaltenzahl in einem solchen Altmedium nicht länger vor der Überfülle kapitulieren, und sie können dort angeblich - öhem! - unentwegt und angeregt attraktive Präsentationen mit ganz tollen Bildern und ohne jede Werbung betrachten. Denn die meisten Bürger, unselbständig wie sie sind, haben weder Zeit noch Lust, stundenlang selbst nach der Wahrheit zu suchen, weshalb unser altjournalistisches Angebot ihnen das mühsame Selbstdenken abnimmt.” Oder so ähnlich …
Mein Gott, was für eine Horde zukunftsunfähiger und vernagelter Studienabgänger würde dort denn heranwachsen, hielten die sich an dieses Schneider’sche Lehrbuch? Da bleibt mir nur – in Abwandlung von Richard Dehmel – dieser Merkvers als Empfehlung für angehende Journalisten: “Wenn dein alter Opa spricht – glaub’ ihm nicht, glaub’ ihm nicht!”
Nachtrag: Der Große Gute Wolf hat jetzt auf die Anwürfe der drei kleinen Schweinchen geantwortet – das sind natürlich alles Kommunisten, außer Pappi: “Es gibt eine Clique von Altlinken, die mich [= Wolf Schneider, den Großen] seit Jahrzehnten nicht leiden können, dann gibt es die Durchgefallenen bei der Henri-Nannen-Journalistenschule.”
Man könnte jetzt meinen”, “Es scheint so”, “Das wirkt wie”, “Auf den ersten Blick” … im journalistischen Sprachgebrauch gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, Sachverhalte, die einem nicht in den Kram passen, durch einen kleinen ‘Vorreiter’ unterschwellig zu bestreiten, ohne sie ausdrücklich und argumentativ demontieren zu müssen. Der Schreiber stellt den Leser gleich anfangs in die erwünschte Positur zum Sachverhalt.
Dass bspw. die USA ein Gerechtigkeitsproblem haben, wäre faktisch kaum zu bestreiten, ziehen wir uns die harten volkswirtschaftlichen Daten über Einkommensentwicklung, Steuerlast etc. aus der Schublade. Allerdings passt solche Faktizität manchmal nicht zum politischen Programm, wie in diesem Fall beim ‘Cicero’. “Was tun?”, sprach schon Lenin, ein Autor, der in diesem Fall Christoph von Marschall heißt. Unser Schreiber greift zum kurrenten Kleingeld jedes Stilisten, und zieht sich eine altbewährte Denunze aus der Tasche:
“Mitt Romneys Steuererklärung wirkt wie der Beweis, dass Amerika ein Gerechtigkeitsproblem hat.”
Was hat er gesagt? Es ‘wirke’ nur so, hat er gesagt. In Wahrheit zwinkert er dem ideologisch gleich gepolten Leser aus besseren Kreisen Anderes, ja Gegenteiliges behauptend zu. Dabei lautet doch der Satz, formuliere ich ihn objektiv auch nur halbwegs tragfähig: “Mitt Romneys Steuererklärung liefert den Beweis, dass Amerika ein Gerechtigkeitsproblem hat.“
Der Bundestagspräsident wäre gut beraten, mit Anstand und Würde den Hut zu nehmen und das Schloss Bellevue zu verlassen”, sagte [der Bundestagsabgeordnete] Wellmann [CDU].” Mal abgesehen davon, dass der ‘Bundestagspräsident’ nicht in diesem Schloss residiert – unser naseweiser Antizipator sollte von Menschen, die schon gebeutelt genug sind, keine Dinge verlangen, die faktisch seit Tagen nicht mehr möglich sind: Der Mann wird das Schloss Bellevue mit einem lebenslangen Ehrensold verlassen, aber unter keinen denkbaren Umständen mit Anstand und Würde. Hüte trägt er auch nicht …
Nur das Berufsbild wandelt sich etwas: “Sexy-Model-Po-und-Pannen-Journalist” …
Bundespräsident Wulff soll seiner Bäckersfrau ebenfalls gedroht haben. Heißt es jedenfalls in jenen Kreisen, die uns täglich aus saurem Teig süße Konditorware zaubern.
Ohne den geringsten Hauch von Ironie, ohne einen Hinweis auf Satire, allerdings auch ohne jeden empirischen Beleg fördert Nina Pauer in der ‘Zeit’ aus dem zutiefst zwischenmenschlichen Bereich Dinge zutage, die den arglosen Leser glatt glauben machen könnten, die selige Hippiezeit wäre kiffend und klampfend zurückgekehrt:
Folgen wir der Autorin, dann zählen Lindner, Guttenberg und andere hohlmantelige Erfolgsgeschosse auch schon wieder zum alten Eisen. Unsere ultrakompatibel gegelten Flutschstengel der jüngsten Vergangenheit, deren idealer Typus noch heute alle Modemagazine ziert, die wären längst zu Veteranentreffen aufgebrochen, um dort alte Kameraden aus dem Neoliberalismus zu treffen.
Im vordersten Schützengraben des Geschlechterkriegs wachen hingegen heute zarte Sensibelchen mit Blumen im Gewehr, die ständig jack-wolfskin-mäßig in die heile Welt der Natur zu flüchten trachten und abends beim Sonnenuntergang unentwegt ihrem Karma die großen Sinnfragen stellen – um so natürlich zur leichten Beute harter Flintenweiber zu werden. Eine andere Möglichkeit bestünde allerdings darin, dass hier eine Autorin individuelle Erfahrungen zum Allgemeingültigen aufgebrezelt hat. Man(n) weiß es einfach nicht …
Mehr als 60.000 Autoren würden sich bei ihnen auf Textaufträge der Kunden stürzen. Das verkündet uns das Marketing-Portal ‘Textbroker’ stolz auf der Titelseite seines Angebots. Der Kunde müsse einfach seinen Textwunsch und die erwartete Güteklasse online stellen – und ‘ratzfatz’ flattere ihm ein professioneller Text ins Haus. Wie hoch aber mag der Lohn jener 60.000 Menschen sein, die als Schreiber diese Zuarbeit leisten?
Da müssen entweder die Einkünfte für Freelancer in Deutschlands Redaktionen erheblich gesunken sein. Oder aber die Zeilen in den Zeitungen wurden erheblich länger. Denn in eine Zeitungszeile passen in der Regel fünf bis sieben Wörter – und zu meiner aktiven Zeit galt schon ein Zeilenhonorar von 50 Cent als “ausbeuterisch”. Für 100 Wörter gäbe es also ungefähr 10 Euro als Freelancer-Minimum. So viel aber verdienen beim ‘Textbroker’ noch nicht einmal die dortigen Alphajournalisten, so es sie gibt.
Von diesen sagenhaften Summen kassiert in der Folge der ‘Textbroker’ als ehrlicher Makler auch noch etwas, denn ein Andreas Wander, der dortige ‘Head of Business Development Deutschland’, arbeitet sicherlich nicht auf philanthropischer Basis. “Sein großes Team an Sprachwissenschaftlern” will ebenfalls bezahlt sein. Wo also das Geld beim Autor eher centweise eintröpfeln dürfte, soll es dennoch Textrastellis geben, die “Textbroker-Aufträge für mehrere Tausend Euro im Monat abwickeln”. Aus jahrzehntelanger Schreiberfahrung sage ich: Das klappt dann wohl nur nach der ‘Methode Guttenberg’ …
Vor allem die BWL-gepolten Kunden aber sind’s zufrieden – über die Entlohnung jener Menschen, die ihnen diesen Text abhaspeln, machen sie sich dabei wenig Gedanken:
Tscha – das wäre noch nicht einmal ein Euro für 100 Wörter. Wer aber ‘als ein Auftrag’ und ‘in nur einem Tag’ in seinen Erfahrungsbericht als Schnäppchenjäger unbesehen hineinschreibt, von dem vermute ich einfach mal, dass er selbst über wenig Texturteilskompetenz verfügt. Anders ausgedrückt: Wo jeder Lektor die Hände über dem Kopf zusammenschlüge, erblickt er dann schon ungeahnte Textqualitäten.
Wie dem auch sei, lustiger sind die vielen Kommentare unter diesem Artikel. Einige vermuten ein Copy & Paste als Quelle der textbrokerischen Kuriosa – wie dieser freund der konsequenten kleinschreibung: “zum großteil automatisiert bzw. basiert auf suchen/ersetzen algorithmen. auch steht in den AGB sinngemäß: wir geben uns mühe, copyrightverstöße auszusortieren.” Das aber ist ein unfairer Verdacht, wie es uns Folgekommentare der Autoren bei Textbroker beweisen: Der eine schreibt, auch wenn er davon nicht leben kann, um sich auf diesem Weg allmählich Professionalität anzutrainieren. Die andere, um Lücken der Langeweile im Hausfrauenalltag zu stopfen. Der dritte mag als Student nicht bei der Post oder sonstwo in Wind und Wetter Pakete stapeln und bessert so sein BaFöG auf – usw., usf.
Eigenartigerweise habe ich keinen Schreiber gefunden, der zu berichten wusste, dass er auf höchster Textbrokerstufe entlohnt worden sei. Vermutlich deshalb befindet sich dort auch dieser eigenartige Bruch der Honorierungssätze zwischen ‘ausgezeichnet’ und ‘professionell’ (s.o.). Was mich als alten Zyniker dann an den Schlittenhund denken lässt – und an die Wurst, die man ihm vor die Nase halten muss …
Im ‘European’ rastet Malte Lehming aus: Die beispiellose ‘Medienkampagne’ gegen unseren Bundespräsidenten lässt ihn moralisch überschäumen, obwohl doch ‘El Presidente’ mit seinem laxen Kreditverhalten und kommunikativen ‘Auslassungen’ hochgemut selbst in jene Grütze ritt, in der er jetzt zu versinken droht. Vor allem die Journalisten stehen im Kreuzfeuer Lehming’scher Empörung. Der Meinungschef des ‘Tagespiegel’ nimmt sich seine eigene Kaste geradezu grobianisch zur Brust:
Da mag ja etwas dran sein – auch wenn sich der niedersächsische Aufsteigertypus allzu gern im Glanz und Glamour des Geldes gesonnt hat, um überzeugend die Unschuld vom Lande zu mimen. Wenn aber ein Kommentator, der seit 2005 die Meinungsseite beim Tagesspiegel leitet, im ‘European’ gegen eine journalistische Praxis wütet, obwohl seine Leute beim ‘Tagesspiegel’ höchstselbst einen Teil dieses Rudels bilden, dann riecht für mich die ganze Empörung doch stark nach Rechte-Tasche-linke-Tasche, nach Hochgequirltem und nach Pseudo-Moralismus:
Fehlt eigentlich bloß noch die Rücktrittsforderung vom zweiten Dreibein herab, dort in Malte Lehmings ‘Tagesspiegel’, wo der Herr auf der zweiten Hochzeit tanzt …