Archiv für die Kategorie ‘Medienwandel’
Sic!
Mittwoch, 04. Januar 2012Und wenn ihr höchsteigener, journalistischer Online-Auftritt nur noch mit der Klobürste bewaffnet zu betreten ist, dann schreien sie: “Da kann man doch mal sehen – so ist das Netz!”. Dabei ist dieses krakeelende Publikum Fleisch von ihrem Fleische, das auf den Petrischalen gewisser Presseerzeugnisse ungestört wuchern durfte …
Die Ahnungslosen
Donnerstag, 15. Dezember 2011Zeige mir die Bilder, die du gebrauchst, und ich sehe die Welt, in der du lebst. Da wählt sich die Kommission für Jugendmedienschutz also einen neuen Vorsitzenden, Schneiders Siegfried nämlich, der jetzt als Drachentöter gegen den Medienwandel zu Felde ziehen soll:
Wem es gelingt, als erste Amtshandlung einen fundamentalen Medienwandlungsprozess zu einem ‘Abenteuerspielplatz’ umzudeklarieren, der sieht sicherlich auch an der Wall Street nur ‘die lustigen Strolche’ am Werk.
Diesem Schneider sei Folgendes gesagt: Vor seinen toitschen “Schutzmechanismen” wird bspw. ein Unterleibskonzern wie youporn ganz gewisslich erzittern, daraufhin demutsvoll das Kreuz der Moral küssen, und nur noch züchtig bekleidete Maiden ins Netz hinein stellen. Anders und für Schneiderlinge klartextlicher ausgedrückt: Die jugendpolitische Aufgabe besteht künftig nicht länger darin, den Kinderchen die Hände vor die Augen zu schlagen, sobald etwas Pornografisches in ihr Blickfeld kommt, sondern sie schon von Kindheit an einen rationalen Umgang mit einer virtuellen Welt gefüllt auch mit frei verfügbarer Pornografie zu lehren. Die Geschichte von den Blümchen und dem Schmetterling wird da nicht mehr genügen. Auch auf einem solchen Gebiet erzwingt ein fundamentaler Medienwandel einen Wechsel von Paradigmen. Ich weiß, ich weiß, der Herr Pfarrer dort bei Ihnen im niederbayrischen Hintergschissingen hört das nicht gern …
via: netzpolitik.org
Walsroder Cross-Posting
Samstag, 05. November 2011Weil’s mir sonst die Galle hochgetrieben hätte, habe ich diesen Artikel aus meiner ‘Sargnagelschmiede’ hier noch mal verhackstückt, auch deshalb, weil die örtliche Presse ihre Funktion auf Wunsch der Anzeigenabteilung in irgendeiner Grabbelkiste verlegt zu haben scheint:
“In Walsrode, jenem unbekannten Heideort, wo ein unbekannter WK-I-Soldat als Hermann-Löns-Plagiat in jedem Jahr unter seinem Findling devotes Gelalle durch selbstgewisse Lodenträger unbekannter Provenienz ertragen muss, einen Sermon, für dessen dürftigen Inhalt sich ein Germanist im ersten Semester schämen müsste, dort darf ein Geschäftsmann nicht als jener mehr oder minder anonyme Rockerboss gelten, deren Schatzmeister er doch ist. Und deshalb war auch gestern die ‘taz’ in Walsrode komplett ausverkauft, wegen dieses Artikels, während in der ‘Walsroder Zeitung’, wo man mit dem örtlichen Geschäftsleben besonders eng verbandelt ist, nur allgemeines Geschwafel zum Thema stand: Unbekannte hätten aus unbekannten Gründen eine unbekannte Mülltonne angezündet, und wären dem unbekannten Reporter dann unbekannterweise entkommen …
Verlage können alles
Donnerstag, 20. Oktober 2011Naja, fast alles. Außer Internet: ‘Aus für das WAZ-Portal “Der Westen.”‘
Wie das Wie journalistisch wurde
Mittwoch, 19. Oktober 2011Journalismus ist heute ein Nacherzählen aus dritter Hand. Die Fakten sind dem Publikum längst bekannt, dann, wenn der Journalist um die Ecke gewackelt kommt. Wenn der ‘rasende Reporter’ Geschichte ist, kommt es auf die Qualität der Geschichte an, um einen Rest an Relevanz zu bewahren …
Es heißt ja auch ‘Wirtschaftsteil’
Freitag, 14. Oktober 2011Vorwärts geht’s abwärts
Mittwoch, 12. Oktober 2011Auch wenn das eine oder andere gedruckte Medium gern “Fakten, Fakten, Fakten!” propagiert, bin ich mir trotzdem sicher, dass es immer einige Fakten geben wird, die dort nicht zu finden sind. Zum Beispiel die Ergebnisse der neuesten Allensbach-Studie zum Medienwandel: Unter Akademikern, so steht es da, nutzen inzwischen schon zwei Drittel das Internet als wichtigste Nachrichtenquelle, für viele ist es längst zur einzigen Quelle geworden. In der Gesamtbevölkerung hält sich das Fernsehen noch mit Ach und Krach, während gedruckte Medien chartmäßig in den Sturzflug übergegangen sind. Insgesamt hätte sich der große Medienwandel nochmals erheblich beschleunigt. Sü – und jetzt kommst du, beste Frau Unverzichtbarer-Qualitätsjournalismus!
Publizistik aus böser Sicht
Dienstag, 11. Oktober 2011Deine ‘Journalistenhasserjournalisten’, das sei doch eine Chimäre, diese Leute hätte es nie in ernstzunehmender Anzahl gegeben, so etwas musste ich mir nach diesem Text am Telefon anhören. Allenfalls krähe mal ein Motzblogger wie Don Alphonso in seinen Blogs gegen die pöse ‘Johurnaille’ herum. Nach meinem eher historischen Hinweis auf Karl Kraus hieß es: “Ach, Karlchen Kraus, das war doch ein Solitär, ein absoluter Einzelfall”. Ist das so? In meinen Augen sieht die Geschichte doch etwas anders aus, nicht nur bei Karl Kraus, der den “Untergang der Welt durch schwarze Magie” beschwor, also durch die Druckerschwärze der Zeitungen.
Eigentlich ging es schon bei der Gründung des Berufsstandes los: Wer jemals H. H. Houbens Kompilationen der Spitzelberichte an Metternich las, der weiß, dass nahezu der gesamte Vormärz-Journalismus bereitwillig der Zensur des ‘Policeystaates’ als Zulieferer diente, Selbst ein Heinrich Heine entblödete sich nicht – initiiert von James Rothschild – eine Pension des französischen Staates für PR-Dienstleistungen “ganz famillionär” einzustreichen, auch wenn er damit nicht Preußen diente, sondern einer konstitutionellen Monarchie. Von Anfang an gab es Käuflichkeit in der Publizistik, wohin man auch blickt, vielleicht mit Ausnahme von Ludwig Börne oder Karl Gutzkow, die als geborene ‘Journalistenhasserjournalisten’ diese biegsamen Gestalten in ihren Briefen dann gehörig glossierten.
Von Schopenhauer, Johannes Scherr und auch Theodor Fontane, der selbst in einer solchen Charaktermühle lange fronte, bei der preußischen Kreuzzeitung nämlich, sind uns ergreifende Schilderungen dessen überliefert, was dem Feld-Wald-und-Wiesen-Journalisten an devoter Gelenkigkeit zu jeder Zeit abverlangt wurde. Anderswo war es übrigens nicht anders, ziehen wir die einschlägigen Texte von Balzac oder Zola heran, oder später auch die Berichte eines Mencken, eines Hunter S. Thompson oder eines David Foster Wallace aus den USA. Selbst im Film, z. B. in Billy Wilder’s ‘Extrablatt’, ist doch nicht der berufsflüchtige Jack Lemmon die entscheidende Figur, sondern die journalistische Entourage aus seelisch gescheiterten Dutzendschreibern, die ihn dort qualmend und saufend umgibt. Kurzum – Journalismus war nie ein schöner Beruf, der Redlichkeit oder Charakterstärke im Übermaß verlangt hätte. Eher im Gegenteil.
Ausreißer gab es allerdings auch immer – nehmen wir nur Kurt Tucholsky. Wer in der Gesamtausgabe das Register im Band XXII mit einschlägigen Begriffen befragt, der findet eine Fülle von Sottisen und Interna über das korrupte Zeitungswesen. Der Weltbühnen-Star kannte das Geschäft, von Ullstein bis zur AIZ hatte er das gesamte Terrain beackert. Auch dort, wo es besonders schmutzig wurde, nämlich in der Provinz, kannte er sich aus. Unser größter Journalist war damit zugleich der größte Journalistenhasserjournalist deutscher Zunge. In gewisser Weise lässt sich auch sagen, dass die ‘Weltbühne’ ein Blog war, bevor es solche gab: wenig Leser, kaum Inserate, manchmal große Wirkung.
Wieder ein neues Wort gelernt
Montag, 10. Oktober 2011Auf diesen neuen ‘Wortschatz’ stieß ich in den Kommentarspalten beim Richard Gutjahr. Ich habe jenen neuen Erdenbürger also nicht selbst gezeugt, aber das Wort nahm bei mir sofort den Platz eines Synonyms ein, als Platzhalter für den gemeinen ‘Blogger’, als stellvertretende Kurzerläuterung eines fachsprachlichen Begriffs, der netzfernen Menschen immer noch eher wenig sagt. Zugleich separiert er trennscharf Leute, die bloß bloggen, von den eigentlichen Bloggern …
Der Begriff charakterisiert also treffend jene Leute, die aus guten Gründen dem unilateralen ‘Stone-Age-Journalism’ und seinen gesellschaftsformierenden Keilschriftmethoden ein für allemal Adios gesagt haben. Es weist zugleich darauf hin, dass man nicht zugleich Old School und New School sein kann, selbst dann, wenn man als Journalist “auch schon” manches Mal fürs Netz schreiben musste. Zugleich arbeiten diese freischwebenden Neuen ja nicht minder professionell, eher im Gegenteil, sie haben aber die Zwänge einer alten Berufswelt hinter sich gelassen, sind aber vom gleichen Stamm, Dissidenten sozusagen – ihr Zug gleicht jener sprichwörtlichen Karawane, die das empörte Bellen der Jiffels in der Ferne verklingen lässt:
Disclaimer: Ich arbeite nach wie vor für beide Welten, insofern ziehe ich selbst nicht mit der Karawane mit, für solche Gewaltmärsche bin ich auch zu alt, ich stehe nur mit offenen Augen als Beobachter am Wegesrand.