Heute morgen blätterte ich in einem Band Friedrich Spielhagen (‘Das hast du auch noch nie gelesen’ lautete der Auslösereiz) und ich stolperte gleich über den ersten Satz: “Durch den Wald schlenderte lässig ein schlanker Knabe“. Gut, dieser Text ist derart daneben, das er fast wie eine Parodie auf seine Zeit wirkt – ‘schlendern’ kann man schließlich nur im urbanen Raum, nicht aber in einem Wald, wo alle Naslang Stubben. Äste und Brombeeren das beschwingte Schlendern ausbremsen. Mir aber ging es hier um das Wörtchen ‘lässig’. Denn der Roman ‘Das Sonntagskind’, worin dieser Satz sich findet, der erschien schon 1893. Irgendwann im frühen Wilhelminismus also entstand dieses Modewort ‘lässig’, damals, als erstmals ein junger Lebemann sich über die steife zeremonielle Art des Umgangs in der feinen gutbürgerlichen und adligen Gesellschaft ‘lässig’ hinwegsetzte. Das Wort klang für mich ein wenig nach ‘Oscar Wilde’, nach ‘Joris Carl Huysmans‘ oder generell nach einer Bohème, also nach großstädtischen Literatenzirkeln.
Gleichzeitig aber lebt das Wort in unserem Sprachgebrauch ungebrochen fort: ‘Lässig’ heißen bspw. diese PVC-Wickeltaschen, die umrahmt von den Endlosschleifen einer Belanglos-Musik auf sich aufmerksam machen möchten. Satte 1,2 Mio. Treffer liefert uns Google für dieses Wörtchen ‘lässig’. Sterben also Modewörter am Ende gar nicht wieder aus, wenn ihre Zeit vergangen ist?
Es gibt einige Indizien für diese These. Das Allerweltswörtchen ‘geil’ für jene Lebenslagen, in denen die Menschen einer Generation zuvor vielleicht noch ‘knorke’ riefen, das gibt es nun schon, solange ich denken kann. Das hiphoppende ‘phat’ will auch so recht nicht wieder weichen, ebenso wie dieses ‘krass’ (Komparativ: ‘voll krass’; Superlativ ‘total krass’). Die bequeme Vorstellung also, wonach modische Sprachperlen auch mit der Mode kommen und gehen würden, die hinkt zumindest.
Es gibt allerdings auch Gegenargumente. So klingt ein Adjektiv wie ‘pfiffig’ derartig gestrig und nach miefigster Heinz-Rühmann-Zeit, das höchstens eine Änderungsschneiderei aus Bruchhausen-Vilsen es noch auf ihre Werbetafel setzen würde. Auch ‘schick’ oder ‘chic’ will nicht mehr so recht ziehen, wie überhaupt alles ‘Französische’. Jedenfalls imaginiere ich beim Adjektiv ‘schick’ die Botox-Blondine jenseits der Menopause gleich mit – samt Pelzstola und Perlenkette.
Vermutlich also – das war dann meine Schlussfolgerung, bei der ich mich wieder beruhigte – vermutlich sterben Modewörter zusammen mit jenen Sprechern aus, die sich dabei etwas denken können. Manchmal allerdings erweisen sich ‘Modewörter’ für die folgenden Generationen weiterhin als praktisch. Dann werden sie eben tradiert und am Ende gehen sie sogar in den allgemeinen Wortschatz über. Alle historischen Sprachwissenschaftler mögen mir mein hilfloses Gebrabbel hier verzeihen … oder das Gesagte besserwisserisch ergänzen.