Rants mit höchstem Segen
Samstag, 11. Februar 2012Papst zu sein, das brachte auch schon mal mehr Spaß …
Papst zu sein, das brachte auch schon mal mehr Spaß …
Mit Verlaub, aber mich erinnert’s nun mal eher an präpositionalen Flitzkack als an überlebensfähiges Deutsch …
Wer die Stellen in den Auslandsressorts so entschlossen abbaut wie der internationale Qualitätsjournalismus, darf sich über die Folgen nicht wundern. Ähnliches oder nahezu Gleichlautendes lasen wir vor einigen Tagen allüberall auf dem herabtaumelnden Laub unseres Blätterwaldes:
“Gaddafi-Anhänger erobern kurzfristig ihre Hochburg Bani Walid zurück.”
“Libya militias prepare to retake Bani Walid from Gaddafi loyalists.”
Und so geht’s über Hunderte von Fundstellen weiter, einer schreibt’s vom andern ab – nach dem bewährten Motto: Was in drei journalistischen Angeboten steht, das muss einfach wahr sein. Das Problem solch überaus gängiger Falschmeldungen ist, dass sie wie die Quecke im Garten danach nahezu unausrottbar sind. Vor allem dann, wenn sie publizistisch attraktiv scheinen und ins Weltbild passen. Allerdings wäre eine Rückkehr des Krieges nach Libyen höchst quotenträchtig, wenn’s so etwas denn gäbe.
Faktisch aber sind die Medien auf Propaganda der N24-Brigaden hereingefallen, die Bani Walid so besetzt hatten wie einst die Russen Berlin – nämlich als ‘offene Stadt’. Faktisch ereignete sich wyatt-earp-mäßig daraufhin eine Vertreibung selbstherrlicher Banditen und Marodeure durch die Einwohnerschaft: “Vor Ort fanden Journalisten … nämlich lediglich die auch vom NTC genutzte rot-schwarz-grüne Flagge und ein paar alte Pro-Gaddafi-Graffiti, die wahrscheinlich noch aus dem letzten Sommer stammen. Stattdessen teilten Bewohner Reportern mit, die Gaddafi-Familie könne ihnen gestohlen bleiben und militärische Ambitionen hätten sie außerhalb ihrer Stadt keine.” Wo aber bliebe dann der auflagenträchtige ‘Bürgerkrieg’, wenn’s nur um Schießereien am Corral Nine ging?
Selten wohl gab es eine solche journalistische Treibjagd wie diejenige, die derzeit dem Bundespräsidenten dicht auf den Fersen sitzt – die Welle hat sich, glaubt man den Schlagzeilen, noch längst nicht totgelaufen:
“Aus dieser Nummer kommt Wulff nicht mehr raus.”
“Warum den Bundespräsidenten niemand mehr kaufen würde.” Usw., usf.
Das sind nur zwei Headlines von vielen, die derzeit aktuell auf journalismusbetriebenen Online-Repräsentanzen zu finden sind. Einigen Journalisten wird es längst unbehaglich beim allgemeinen Wulff-Bashing, sie werfen dem eigenen Berufsstand schlicht Perfidie vor.
Richtig perfide wird das mediale Aufschäumen allerdings erst dann, wenn im großen Ballyhoo dieser Altmedien ein Journalist zum Weißwäscher wird, sein ‘Haltet den Dieb!’ blökt und es unternimmt, professionelle Fehlleistungen und Überschusshandlungen des eigenen Berufsstandes dem verhassten Internet in die Schuhe zu schieben, den verachteten Bloggern und dem anderen Gesindel. So wie dies der Christoph Seils tut, im ‘Cicero’, dem Fachmagazin für das konservativ gestylte Vorurteil:
Tscha, wie blind darf sich ein schreibendes Wesen eigentlich stellen? Natürlich geht’s bei der Seilschen Suada ohne jeden Beleg oder eine Verlinkung ab. Fundstellen dürften auch rar gesät sein, denn im Netz ist doch eher der Aufruf zur Besonnenheit daheim, so wie im Blog von Wolfgang Michal, der dort eine zumindest bedenkenswerte These aufstellt:
Als Kette von Folge und Wirkung gesehen halte ich diese These zwar ebenfalls für tendenziös, denn es ist die Kommerzialisierung der Altmedien, wo die Betriebswirtschaftslehre längst die Artikel diktiert, was diese Radikalisierung und Boulevardisierung bewirkt. Zumindest aber schlägt Wolfgang Michal nicht den präsidialen Sack, wo er den journalistischen Esel meint. Das große Medienspektakel ‘Die Meute jagt den Wulff’, das findet derzeit vor allem im Print statt – dort, wo man auf Auflage schielt und die Umsätze mehr als seine Sätze zu achten hat.
Jakob Augstein schreibt: ‘Der Satz “Gewalt ist keine Lösung” stand in meinem Artikel nicht drin. Den haben die Kollegen in Hamburg reingeschrieben.’
Jaja, diese redaktionellen Ergänzungen durch den leisetreterischen Kollegen Schlaumeier mit dem breitgesessenen Beamtenmors: “Die Würde des Menschen ist unantastbar, [es sei denn das berechtigte Verfolgungsinteresse des Staates gebiete einen Verstoß].”
Wenn eine Ideologie auf die abschüssige Bahn geraten ist, dann beginnt die große Zeit der ‘Eigentlichen’. Erstmals lernte ich deren typische Argumentation bei den versprengten K-Gruppen meiner Uni-Zeit kennen. Die verteidigten unverdrossen den Sozialismus, indem sie ihn als nicht von dieser Welt verklärten: Der Sozialismus resp. Kommunismus, sagten sie, hätte doch mit den Kukident-Riegen der Breschnjew und Andropow nichts zu tun, auch nichts mit einem millionenfachen Bauern-Mörder wie Mao Tse Tung, der ‘eigentliche’ und wahre Kommunismus sei ganz etwas anderes, nämlich eine fortdauernde Utopie. Im Grunde sei seine Idee doch von jenen Figuren verraten worden, die sich in der Realität als Kommunisten bezeichnen.
Wenn sie sich ins Himmelreich oder ins Reich der Theorie verflüchtigt, fängt jede Ideologie an, in der Praxis stark nach Schimmel zu riechen. Ähnliches lässt sich heute beim Liberalismus beobachten. Der ‘eigentliche’ Liberalismus hätte doch mit Finanzkapitalismus, mit FDP und Sozialdarwinismus gar nichts zu tun, der ‘eigentliche’ Liberalismus sei ganz etwas anderes und auch nur im ideologischen Himmelreich zu finden – oder ersatzweise in der amerikanischen Tea Party, so missionieren uns bspw. derzeit die Ideologiewächter in Springers ‘Welt’:
Tscha – eine elitäre Ideologie wird egalitär umgedeutet. Nur dass der real existierende Liberalismus sich in der Praxis so gar nicht mit ‘etablierten Wirtschaftsinteressen anlegen’ mag, wie es die Theorie dieser Himmelshausener fordert. Im Gegenteil – die Tea Party lässt sich mit Fug und Recht sogar als ‘milliardärsbetriebene Veranstaltung’ kennzeichnen. Diese anti-etatistischen L-Grüppchen zeichnen sich heute durch die gleichen weltfernen Radikalisierungstendenzen aus, die wir einst bei den sektiererischen K-Gruppen beobachten konnten. Auch sie wollten lange nicht einsehen, dass ihre große Zeit vorüber ist. Wo Milton Friedman gründlich gescheitert ist, kommt heute eine Sarah Palin mit bunten Patchwork-Argumenten hinterhergeklappert, notdürftig in Sprache gehüllt. Man könnte auch von einem intellektuellem Zerfallszustand des Liberalismus sprechen …
Nachtrag: Hier noch ein erfahrungsgesättigter Bericht aus der Vorhölle des real existierenden Liberalallas – “Gemeinsam hatten sie alle den Wohlstand, der meist ererbt war und die damit verbundenen Privilegien, die nur allzu gerne demonstriert wurden.”
Einen Gedanken in ein gut erfundenes anekdotisches Umfeld zu stellen, gehört zu den wirkungsmächtigsten Strategien der Polemik überhaupt. Das alltägliche Leben beglaubigt dann scheinbar die Beweisführung. Henryk M. Broder gehört zu den unbedenklicheren Anwendern dieses Verfahrens – wie auch in diesem Fall:
Es mag ja sein, dass der Henryk M.Broder komische Freunde hat, so viel zumindest würde ich ihm zutrauen. Von meinen Freunden aber hätte keiner so reagiert, wie beschrieben, noch nicht einmal einer von zehn: “Was redest du denn für’n Scheiß daher?”, “Woran denn schuld, Alter? War das Klopapier alle?”, “Komm, trink noch drei Mojito, dann geht das Resthirn auch noch flöten!”, “Nix zum Poppen gefunden, alter Mann?” – so oder ähnlich hätten unter meinen Freunden die Reaktionen auf Broders blödsinnige Provokation gelautet.
Mit anderen Worten: Broder greift sich eine erfundene Situation voll erfundener Deutscher aus der Luft. eine Situation, die faktisch weder er noch jemand sonst so je erlebte – weil er aber diese Situation als reales Erlebnis camoufliert, leuchtet sie uns trotzdem ein, weil wir das Anekdotische schon aus Höflichkeit nie hinterfragen. Wir müssten den Erzähler sonst umstandslos als Lügner oder Münchhausen bezeichnen. Es ist der literarische Taschenspielertrick eines geborenen Märchenonkels … und hat der einen solchen anekdotischen Fels erst einmal erfolgreich in den Strom des Diskurses gerollt, kommt fortan auch niemand ohne Beulen an seiner Prämisse vorbei, obwohl an ihr so rein gar nichts stimmt, außer dass sie gut erfunden ist.
Manchmal”, schreibt uns der Malte Lehming aus seinem philosophischen Sommerloch, “ist auf Anhieb nicht ganz klar, worauf ein Kommentator hinaus will.” Neu immerhin ist, dass der Kommentator dies auch nicht weiß.
Unter der Überschrift “Venceremos! Es lebe das Vorurteil!” hat er jetzt einen etwas länglichen Besinnungsaufsatz durch die Qualitätskontrolle des ‘Tagesspiegel’ bugsiert, der alle Dinge und Undinge dieser Welt unter den Oberbegriff ‘Vorurteil’ zu fassen sucht, darunter vieles, was Arglose dort nie vermutet hätten. Erwartbar – für alle, die den Malte Lehming kennen – geht es gleich mal mit den “Alt-68ern” los:
So anerkennenswert es ist, dass der Alphakommentator vom ‘Tagesspiegel’ dem Leser gleich mal zeigt, aus welcher Quelle er die eigenen Vorurteile zapft, so stimmt’s im Faktischen kaum. Dass die Laufbahn bspw. eines Ex-Juso-Chefs und Alt-68ers wie Gerhard Schröder einem “Horrortrip” geglichen haben soll, ein Höllenritt, der ihm heute ein gutdotiertes Auskommen bei Gazprom einbrockt, das will mir nicht so recht in den Kopf. Verkrachte Existenzen sind unter veritablen Alt-68ern eher rar. Dass es sie allerdings in ihrem Altersruhesitz unverschämterweise nach einer “eigenen Kochgelegenheit” verlangen wird, das ist schon ein sozialer Skandal: Was erlauben sich Strunz!
Und strunzhaft geht’s weiter. Was der Normalmensch zumeist als ‘Doppelmoral’ bezeichnet, dass nämlich Uranmunition im Irakkrieg schlimmer gewesen sein soll als im Libyenkrieg, das kommt bei Lehming gleichfalls in die große Tüte mit der Aufschrift “Vorurteil”.
Weiter geht’s zur vorurteilsbeladenen Ilse Aigner. Diese schlimme Frau will nämlich das deutsche Brot als Weltkulturerbe schützen lassen. Was ich eher als bizarren ‘PR-Coup’ zu betrachten geneigt bin, denn als Vorurteil, wandert bei unseren Lehmings gleich mit in die Tüte.
Prall bepackt mit seinen begrifflichen Wunderlichkeiten kommt unser Schreiber samt Tüte jetzt bei sich daheim an – bei seiner These nämlich, dass solche Vorurteile (auch wenn bisher keine dabei waren) absolut überlebensnotwendig seien. Und ausgerechnet er zitiert den Max Horkheimer als Kronzeugen, einen dieser berüchtigten “Alt-68er” also. In manchen Köpfen gibt es schon seltsame Allianzen.
Im Folgenden verweist Lehming auf den zugewanderten schwarzen Mann aus Afrika, der doch ‘voller Vorurteile’ die Straßenseite wechselt, wenn er Skinheads mit Baseballschlägern auf sich zukommen sieht. Ich glaube sogar, der gute Mann sollte besser die Beine in die Hand nehmen und rennen, bis die Lunge kracht. Trotzdem sind auch das keine Vorurteile, die dieser Mann hat, es ist die Alltags- und Lebenserfahrung, die seine Reaktion ausgelöst hat. Und ferner – um mit Lehmings Schnurren dann abzuschließen – wer das “Vorurteil” hegt, dass die Züge der Bahn notorisch zu spät kämen, den bringt der Realitäts-Check ebenfalls auf schnellstem Wege zu einem ‘Urteil’, das ihn bestätigt.
Ob Empirie, Selbstverständlichkeit, Doppelmoral, PR-Stunt oder Lebenserfahrung – Malte Lehming kloppt alles in einen großen Eimer und schreibt ‘Vorurteil’ darauf. Und wenn er dann dort im Duftig-Dunklen vor sich hin orakelt, gewinnt er jene Einsichten, die er für uns in Artikelform fasst.
“Ohne Vorurteile keine Erkenntnis”, schreibt unser Meisterdenker als Conclusio. Das mag ja sein, obwohl andere in solchen Fällen wohl lieber von ‘Hypothesen’ oder ‘Ausgangsthesen’ sprechen. Malte Lehming aber führt den Beweis, dass auch mit Vorurteilen keine Erkenntnis möglich sein kann …
Wer färbt eigentlich auf wen ab, das Virtuelle auf die Realität – oder ist es umgekehrt? Gestern in Bremen-Walle, verlotterter Kleine-Leute-Bezirk, zwei Kiddies warten am ranzigen Straßenimbiss geduldig auf ihre Pommes rotweiß. Beide tragen Baggie-Jeans, Weste, Stacheldraht-Tattoo am Oberarm. Der mit dem Piraten-Kopftuch sagt: “Geh mir los mit Duke Nukem, ej! Der Typ kloppt doch bloß die gleichen blöden Sprüche wie mein Alter!” Spielekritiken in einem Satz sind großes Kino …