Archiv für die Kategorie ‘Richtplätze’

Ergänzende Zensur

Sonntag, 16. Oktober 2011

Jakob Augstein schreibt: ‘Der Satz “Gewalt ist keine Lösung” stand in meinem Artikel nicht drin. Den haben die Kollegen in Hamburg reingeschrieben.’

Jaja, diese redaktionellen Ergänzungen durch den leisetreterischen Kollegen Schlaumeier mit dem breitgesessenen Beamtenmors: “Die Würde des Menschen ist unantastbar, [es sei denn das berechtigte Verfolgungsinteresse des Staates gebiete einen Verstoß].”

Schimmelgeruch

Montag, 05. September 2011

Wenn eine Ideologie auf die abschüssige Bahn geraten ist, dann beginnt die große Zeit der ‘Eigentlichen’. Erstmals lernte ich deren typische Argumentation bei den versprengten K-Gruppen meiner Uni-Zeit kennen. Die verteidigten unverdrossen den Sozialismus, indem sie ihn als nicht von dieser Welt verklärten: Der Sozialismus resp. Kommunismus, sagten sie, hätte doch mit den Kukident-Riegen der Breschnjew und Andropow nichts zu tun, auch nichts mit einem millionenfachen Bauern-Mörder wie Mao Tse Tung, der ‘eigentliche’ und wahre Kommunismus sei ganz etwas anderes, nämlich eine fortdauernde Utopie. Im Grunde sei seine Idee doch von jenen Figuren verraten worden, die sich in der Realität als Kommunisten bezeichnen.

Wenn sie sich ins Himmelreich oder ins Reich der Theorie verflüchtigt, fängt jede Ideologie an, in der Praxis stark nach Schimmel zu riechen. Ähnliches lässt sich heute beim Liberalismus beobachten. Der ‘eigentliche’ Liberalismus hätte doch mit Finanzkapitalismus, mit FDP und Sozialdarwinismus gar nichts zu tun, der ‘eigentliche’ Liberalismus sei ganz etwas anderes und auch nur im ideologischen Himmelreich zu finden – oder ersatzweise in der amerikanischen Tea Party, so missionieren uns bspw. derzeit die Ideologiewächter in Springers ‘Welt’:

“Tatsächlich erliegt Schirrmacher einer in Deutschland relativ weit verbreiteten Fehlannahme, wonach Liberalismus und Wirtschaftsnähe das gleiche seien. Das ist aber nicht der Fall. … Echter Liberalismus muss sich ständig mit etablierten Wirtschaftsinteressen anlegen, um wirklichen Wettbewerb zu ermöglichen. … Man kann die Wucht, mit der die Tea Party die politische Landschaft Amerikas umwälzte eigentlich nur verstehen, wenn man sie als Bewegung begreift, die gegen die Eliten des Landes auf der Moral des Liberalismus besteht, wonach nicht die Steuerzahler für die Fehler der Reichen geradezustehen haben.”

Tscha – eine elitäre Ideologie wird egalitär umgedeutet. Nur dass der real existierende Liberalismus sich in der Praxis so gar nicht mit ‘etablierten Wirtschaftsinteressen anlegen’ mag, wie es die Theorie dieser Himmelshausener fordert. Im Gegenteil – die Tea Party lässt sich mit Fug und Recht sogar als ‘milliardärsbetriebene Veranstaltung’ kennzeichnen. Diese anti-etatistischen L-Grüppchen zeichnen sich heute durch die gleichen weltfernen Radikalisierungstendenzen aus, die wir einst bei den sektiererischen K-Gruppen beobachten konnten. Auch sie wollten lange nicht einsehen, dass ihre große Zeit vorüber ist. Wo Milton Friedman gründlich gescheitert ist, kommt heute eine Sarah Palin mit bunten Patchwork-Argumenten hinterhergeklappert, notdürftig in Sprache gehüllt. Man könnte auch von einem intellektuellem Zerfallszustand des Liberalismus sprechen …

Nachtrag: Hier noch ein erfahrungsgesättigter Bericht aus der Vorhölle des real existierenden Liberalallas – “Gemeinsam hatten sie alle den Wohlstand, der meist ererbt war und die damit verbundenen Privilegien, die nur allzu gerne demonstriert wurden.”

Erfundene Situationen

Mittwoch, 24. August 2011

Einen Gedanken in ein gut erfundenes anekdotisches Umfeld zu stellen, gehört zu den wirkungsmächtigsten Strategien der Polemik überhaupt. Das alltägliche Leben beglaubigt dann scheinbar die Beweisführung. Henryk M. Broder gehört zu den unbedenklicheren Anwendern dieses Verfahrens – wie auch in diesem Fall:

“Wenn Sie das nächste Mal bei Ihren Nachbarn zu einer Geburtstagsparty eingeladen sind, dann machen Sie – beiläufig, zwischen einem Prosecco und einen Mojito – die Probe aufs Exempel. Sagen Sie einfach, ohne ihre Stimme zu erheben oder zu senken, den Satz: “An allem sind die Juden und die Fußgänger schuld.” In neun von zehn Fällen wird Ihr Gegenüber mit der Frage reagieren: “Wieso die Fußgänger?”

Es mag ja sein, dass der Henryk M.Broder komische Freunde hat, so viel zumindest würde ich ihm zutrauen. Von meinen Freunden aber hätte keiner so reagiert, wie beschrieben, noch nicht einmal einer von zehn: “Was redest du denn für’n Scheiß daher?”, “Woran denn schuld, Alter? War das Klopapier alle?”, “Komm, trink noch drei Mojito, dann geht das Resthirn auch noch flöten!”, “Nix zum Poppen gefunden, alter Mann?” – so oder ähnlich hätten unter meinen Freunden die Reaktionen auf Broders blödsinnige Provokation gelautet.

Mit anderen Worten: Broder greift sich eine erfundene Situation voll erfundener Deutscher aus der Luft. eine Situation, die faktisch weder er noch jemand sonst so je erlebte – weil er aber diese Situation als reales Erlebnis camoufliert, leuchtet sie uns trotzdem ein, weil wir das Anekdotische schon aus Höflichkeit nie hinterfragen. Wir müssten den Erzähler sonst umstandslos als Lügner oder Münchhausen bezeichnen. Es ist der literarische Taschenspielertrick eines geborenen Märchenonkels … und hat der einen solchen anekdotischen Fels erst einmal erfolgreich in den Strom des Diskurses gerollt, kommt fortan auch niemand ohne Beulen an seiner Prämisse vorbei, obwohl an ihr so rein gar nichts stimmt, außer dass sie gut erfunden ist.

Aua!

Freitag, 05. August 2011
FAZ Sähen

Sähmann, deine Heimat ist die Sä-äh ...

Ja – warum nur in Nigeria? Und was macht der Trittin da mit dem Knie, bester Franz? Manche Tippfehler stehen in einem solch verräterischen Umfeld, dass sie uns schon wieder völlig natürlich erscheinen.

Mäandern im Sommerloch

Dienstag, 12. Juli 2011

Manchmal”, schreibt uns der Malte Lehming aus seinem philosophischen Sommerloch, “ist auf Anhieb nicht ganz klar, worauf ein Kommentator hinaus will.” Neu immerhin ist, dass der Kommentator dies auch nicht weiß.

Unter der Überschrift “Venceremos! Es lebe das Vorurteil!” hat er jetzt einen etwas länglichen Besinnungsaufsatz durch die Qualitätskontrolle des ‘Tagesspiegel’ bugsiert, der alle Dinge und Undinge dieser Welt unter den Oberbegriff ‘Vorurteil’ zu fassen sucht, darunter vieles, was Arglose dort nie vermutet hätten. Erwartbar – für alle, die den Malte Lehming kennen – geht es gleich mal mit den “Alt-68ern” los:

“So erreicht der lange Marsch durch die Institutionen, den die 68er antraten, um ihn als Horrortrip durch die Frustrationen zu beenden, demnächst die Altenheime. Die Pflegeexperten stellen sich auf die neue Klientel bereits ein. Im Vergleich zur Kriegsgeneration, sagt der Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), Peter Michell-Auli, würden die 68er „ihr Recht auf Selbstbestimmung und Teilhabe vehementer einfordern“. Das heißt: stadtteilbezogene Unterbringung, eigene Kochgelegenheit, größere Wohnküchen. Venceremos!”

So anerkennenswert es ist, dass der Alphakommentator vom ‘Tagesspiegel’ dem Leser gleich mal zeigt, aus welcher Quelle er die eigenen Vorurteile zapft, so stimmt’s im Faktischen kaum. Dass die Laufbahn bspw. eines Ex-Juso-Chefs und Alt-68ers wie Gerhard Schröder einem “Horrortrip” geglichen haben soll, ein Höllenritt, der ihm heute ein gutdotiertes Auskommen bei Gazprom einbrockt, das will mir nicht so recht in den Kopf. Verkrachte Existenzen sind unter veritablen Alt-68ern eher rar. Dass es sie allerdings in ihrem Altersruhesitz unverschämterweise nach einer “eigenen Kochgelegenheit” verlangen wird, das ist schon ein sozialer Skandal: Was erlauben sich Strunz!

Und strunzhaft geht’s weiter. Was der Normalmensch zumeist als ‘Doppelmoral’ bezeichnet, dass nämlich Uranmunition im Irakkrieg schlimmer gewesen sein soll als im Libyenkrieg, das kommt bei Lehming gleichfalls in die große Tüte mit der Aufschrift “Vorurteil”.

Weiter geht’s zur vorurteilsbeladenen Ilse Aigner. Diese schlimme Frau will nämlich das deutsche Brot als Weltkulturerbe schützen lassen. Was ich eher als bizarren ‘PR-Coup’ zu betrachten geneigt bin, denn als Vorurteil, wandert bei unseren Lehmings gleich mit in die Tüte.

Prall bepackt mit seinen begrifflichen Wunderlichkeiten kommt unser Schreiber samt Tüte jetzt bei sich daheim an – bei seiner These nämlich, dass solche Vorurteile (auch wenn bisher keine dabei waren) absolut überlebensnotwendig seien. Und ausgerechnet er zitiert den Max Horkheimer als Kronzeugen, einen dieser berüchtigten “Alt-68er” also. In manchen Köpfen gibt es schon seltsame Allianzen.

Im Folgenden verweist Lehming auf den zugewanderten schwarzen Mann aus Afrika, der doch ‘voller Vorurteile’ die Straßenseite wechselt, wenn er Skinheads mit Baseballschlägern auf sich zukommen sieht. Ich glaube sogar, der gute Mann sollte besser die Beine in die Hand nehmen und rennen, bis die Lunge kracht. Trotzdem sind auch das keine Vorurteile, die dieser Mann hat, es ist die Alltags- und Lebenserfahrung, die seine Reaktion ausgelöst hat. Und ferner – um mit Lehmings Schnurren dann abzuschließen – wer das “Vorurteil” hegt, dass die Züge der Bahn notorisch zu spät kämen, den bringt der Realitäts-Check ebenfalls auf schnellstem Wege zu einem ‘Urteil’, das ihn bestätigt.

Ob Empirie, Selbstverständlichkeit, Doppelmoral, PR-Stunt oder Lebenserfahrung – Malte Lehming kloppt alles in einen großen Eimer und schreibt ‘Vorurteil’ darauf. Und wenn er dann dort im Duftig-Dunklen vor sich hin orakelt, gewinnt er jene Einsichten, die er für uns in Artikelform fasst.

“Ohne Vorurteile keine Erkenntnis”, schreibt unser Meisterdenker als Conclusio. Das mag ja sein, obwohl andere in solchen Fällen wohl lieber von ‘Hypothesen’ oder ‘Ausgangsthesen’ sprechen. Malte Lehming aber führt den Beweis, dass auch mit Vorurteilen keine Erkenntnis möglich sein kann …

Frisch aus der Frittenbude

Dienstag, 05. Juli 2011

Wer färbt eigentlich auf wen ab, das Virtuelle auf die Realität – oder ist es umgekehrt? Gestern in Bremen-Walle, verlotterter Kleine-Leute-Bezirk, zwei Kiddies warten am ranzigen Straßenimbiss geduldig auf ihre Pommes rotweiß. Beide tragen Baggie-Jeans, Weste, Stacheldraht-Tattoo am Oberarm. Der mit dem Piraten-Kopftuch sagt: “Geh mir los mit Duke Nukem, ej! Der Typ kloppt doch bloß die gleichen blöden Sprüche wie mein Alter!” Spielekritiken in einem Satz sind großes Kino …

Bildausfall

Mittwoch, 29. Juni 2011

Was man sich – ohne loszuprusten – am Telefon so alles anhören muss:

“So etwas, Herr Jarchow, das ist das doch nur das übliche nebulöse Schwarzweißdenken von irregeleiteten Leuten, die keinen klaren Gedanken mehr fassen können.”

Eben, eben – und im Tunnel sind alle Neger grau …

Die große Missachtung

Mittwoch, 22. Juni 2011

Über Fernsehausstrahlungen zu schreiben, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom reinen journalistischen Handwerkszeug absieht.

Na, wenn das der Niggemeier hört! Da häkeln wir uns doch gleich einmal ein paar Merksätze ähnlichen Kalibers:

Romane zu schreiben, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein imaginativen Handwerkszeug absieht.

Patienten zu operieren, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein chirurgischen Handwerkszeug absieht.

Gottes Wort zu verbreiten, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein theologischen Handwerkszeug absieht.

Ein Volk zu regieren, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein politischen Handwerkszeug absieht.

Ein Hochhaus zu bauen, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein architektonischen Handwerkszeug absieht.

Ein Bild zu malen, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein künstlerischen Handwerkszeug absieht.

Und wie Dieter Petereit daher zu logikolieren, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man mal von einer intellektuellen Basisausstattung absieht. Per Exklusion (‘wenn man mal *vom Entscheidenden* absieht‘) beseitige ich zappzerapp das einzig valide Argument, indem ich es satzlogisch entwerte und randständig mache – und darf dann ungeprügelt die wildesten Sachen behaupten … zum Beispiel so etwas: “Smashing Apps hat 50 Photoshop-Webdesigns samt detaillierter Anleitungen aufgestöbert. Inspiration und Know-How-Gewinn sind garantiert.” Klar, solche garantierten Wortschätze rieseln natürlich nicht jedermann aus der löchrigen Content-Tasche, wie einst dem Missionar die billigen Perlen am Negerstrand. Und der Schreiberling in der Texterhölle dort bei AOL, der hat doch selbst schuld, wenn ihm so etwas Gediegenes nicht gelingt. Mich jedenfalls döcht bis auf weiteres, Marketing und Public Relations seien ein höchst infantiles Tick-Trick-und-Track-Spiel – mit einem hohen zynischen Anteil.

Hirnschmelze?

Mittwoch, 25. Mai 2011

Corium – wie schön, mal wieder ein neues Wort für meine Sammlung! Es klingt nach fachlicher Kompetenz und weißen Laborkitteln, ähnlich wie Aluminium, Deuterium oder Helium. Leider suggeriert es diese klinisch-aseptischen Eigenschaften nur: Corium ist schlicht ein Kunstwort, das – abrakadabra! – aus dem ‘Core’ für den Reaktorkern und einer latinisierenden Endung hervorzaubert wurde, um wissenschaftliche Beherrschbarkeit vorzugaukeln. Jenes Corium, das es jetzt am Reaktorboden zu kühlen gilt, ist nachwievor nichts anderes als eine wilde Mischung aus radioaktiven Isotopen, die sich wie glühende Lava durch die Druckbehälter von Fukushima nagen. Dem gemeinen Volk ist dieses Corium übrigens längst als “Kernschmelze” bekannt … was zugegebenermaßen nicht ganz so nett klingt.

Wenn zwei dasselbe tun …

Montag, 09. Mai 2011

Der Henri-Nannen-Preis hieß früher mal Egon-Erwin-Kisch-Preis. Und jetzt wird der René Pfister als Kisch-Preisträger wegen eben des Verfahrens angegriffen, das der Egon Erwin Kisch in seinen Reportagen gern und oft praktizierte. Schon seltsam …