Manchmal”, schreibt uns der Malte Lehming aus seinem philosophischen Sommerloch, “ist auf Anhieb nicht ganz klar, worauf ein Kommentator hinaus will.” Neu immerhin ist, dass der Kommentator dies auch nicht weiß.
Unter der Überschrift “Venceremos! Es lebe das Vorurteil!” hat er jetzt einen etwas länglichen Besinnungsaufsatz durch die Qualitätskontrolle des ‘Tagesspiegel’ bugsiert, der alle Dinge und Undinge dieser Welt unter den Oberbegriff ‘Vorurteil’ zu fassen sucht, darunter vieles, was Arglose dort nie vermutet hätten. Erwartbar – für alle, die den Malte Lehming kennen – geht es gleich mal mit den “Alt-68ern” los:
“So erreicht der lange Marsch durch die Institutionen, den die 68er antraten, um ihn als Horrortrip durch die Frustrationen zu beenden, demnächst die Altenheime. Die Pflegeexperten stellen sich auf die neue Klientel bereits ein. Im Vergleich zur Kriegsgeneration, sagt der Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), Peter Michell-Auli, würden die 68er „ihr Recht auf Selbstbestimmung und Teilhabe vehementer einfordern“. Das heißt: stadtteilbezogene Unterbringung, eigene Kochgelegenheit, größere Wohnküchen. Venceremos!”
So anerkennenswert es ist, dass der Alphakommentator vom ‘Tagesspiegel’ dem Leser gleich mal zeigt, aus welcher Quelle er die eigenen Vorurteile zapft, so stimmt’s im Faktischen kaum. Dass die Laufbahn bspw. eines Ex-Juso-Chefs und Alt-68ers wie Gerhard Schröder einem “Horrortrip” geglichen haben soll, ein Höllenritt, der ihm heute ein gutdotiertes Auskommen bei Gazprom einbrockt, das will mir nicht so recht in den Kopf. Verkrachte Existenzen sind unter veritablen Alt-68ern eher rar. Dass es sie allerdings in ihrem Altersruhesitz unverschämterweise nach einer “eigenen Kochgelegenheit” verlangen wird, das ist schon ein sozialer Skandal: Was erlauben sich Strunz!
Und strunzhaft geht’s weiter. Was der Normalmensch zumeist als ‘Doppelmoral’ bezeichnet, dass nämlich Uranmunition im Irakkrieg schlimmer gewesen sein soll als im Libyenkrieg, das kommt bei Lehming gleichfalls in die große Tüte mit der Aufschrift “Vorurteil”.
Weiter geht’s zur vorurteilsbeladenen Ilse Aigner. Diese schlimme Frau will nämlich das deutsche Brot als Weltkulturerbe schützen lassen. Was ich eher als bizarren ‘PR-Coup’ zu betrachten geneigt bin, denn als Vorurteil, wandert bei unseren Lehmings gleich mit in die Tüte.
Prall bepackt mit seinen begrifflichen Wunderlichkeiten kommt unser Schreiber samt Tüte jetzt bei sich daheim an – bei seiner These nämlich, dass solche Vorurteile (auch wenn bisher keine dabei waren) absolut überlebensnotwendig seien. Und ausgerechnet er zitiert den Max Horkheimer als Kronzeugen, einen dieser berüchtigten “Alt-68er” also. In manchen Köpfen gibt es schon seltsame Allianzen.
Im Folgenden verweist Lehming auf den zugewanderten schwarzen Mann aus Afrika, der doch ‘voller Vorurteile’ die Straßenseite wechselt, wenn er Skinheads mit Baseballschlägern auf sich zukommen sieht. Ich glaube sogar, der gute Mann sollte besser die Beine in die Hand nehmen und rennen, bis die Lunge kracht. Trotzdem sind auch das keine Vorurteile, die dieser Mann hat, es ist die Alltags- und Lebenserfahrung, die seine Reaktion ausgelöst hat. Und ferner – um mit Lehmings Schnurren dann abzuschließen – wer das “Vorurteil” hegt, dass die Züge der Bahn notorisch zu spät kämen, den bringt der Realitäts-Check ebenfalls auf schnellstem Wege zu einem ‘Urteil’, das ihn bestätigt.
Ob Empirie, Selbstverständlichkeit, Doppelmoral, PR-Stunt oder Lebenserfahrung – Malte Lehming kloppt alles in einen großen Eimer und schreibt ‘Vorurteil’ darauf. Und wenn er dann dort im Duftig-Dunklen vor sich hin orakelt, gewinnt er jene Einsichten, die er für uns in Artikelform fasst.
“Ohne Vorurteile keine Erkenntnis”, schreibt unser Meisterdenker als Conclusio. Das mag ja sein, obwohl andere in solchen Fällen wohl lieber von ‘Hypothesen’ oder ‘Ausgangsthesen’ sprechen. Malte Lehming aber führt den Beweis, dass auch mit Vorurteilen keine Erkenntnis möglich sein kann …