Das Bilderbuch der Ökonomen

Gerade die Finanzkrise hat eine frische, wiewohl zumeist wenig einleuchtende Metaphorik produziert. Hier eine kleine filmkritische Übersetzungshilfe vom Stilstand:

Anleger: Jener Menschenschlag, der immer genau dann zum ‚Ableger‘ vom rettenden Ufer wird, wenn irgendwo jemand zu ertrinken droht.

Bankenrettung: Etwas, was als Folge dieser Rettung mit Sicherheit nie eintreten wird. Im Wirtschaftssystem gleichen die Banken den Jungvögeln des Kuckucks, die nach jeder Fütterung durch artfremde Eltern den Schnabel nur noch weiter aufsperren.

Bürokratieabbau: Maßnahme zur Erleichterung dubioser Bankgeschäfte …

Defizitziele: Etwas, das alle fordern, von dem sie zugleich aber wissen, dass es als Folge der vereinbarten (->) Sparpläne gar nicht zu erreichen ist. Die Festlegung von D. dient daher vor allem der Autosuggestion leicht depperter Anleger, es ist eine echte Fata Morgana auf volkswirtschaftlichem Gebiet.

Gnadenfrist: Alle Naslang erhalten die bösen, bösen ‚Schuldenländer‘ eine letzte Gnadenfrist, obwohl’s doch nur um die Rettung der europäischen Bourgeoisie und ihrer Bankaktien geht. Es ist, als würde Robespierre auf dem Schafott zum Sanson sagen: „Ich gebe Ihnen eine letzte Gnadenfrist“.

Griechenlandhilfe: Ein Hokuspokus, verwandt mit dem Stellvertreterdenken im Schamanismus. Es handelt sich um lebensrettende Maßnahmen für andere Patienten, zu welchem Zweck man aber die Amputationen an Griechenland vornimmt – und anderen die blutstillenden Medikamente gibt. So gingen bspw. von der ersten 73-Mrd-Tranche der G. satte 70 Mrd. Euro direkt an europäische Großbanken und Versicherungen.

Immobilienblase: So etwas wie das Ungeheuer von Loch Ness, ein Wesen, von dem bislang kein Foto existiert. Das Bild eines ‚Geldofens‘ zum Geldverheizen würde metaphorisch das Gleiche leisten.

Immobiliensektor: Rotlichtbezirk

Refinanzierungskrise: Anderer Ausdruck für ‚Ich bin doch nicht blöd!‘

Rekordhoch: Kommt dem Journalisten regelhaft immer dann in die Tippfinger, wenn ein Land am Boden liegt.

Schuldenländer: Synonym für ‚alle Staaten dieser Erde‘

Sparpaket: Eine postalische Sendung, in der für den Empfänger nie etwas drin ist, gewissermaßen ein ‚Muster ohne Wert‘ …

Sparpläne: Etwas, das nie im Leben geplant, sondern zumeist hopplahopp unter dem Druck der Umstände übers Knie gebrochen wurde. Ein PR-Ausdruck also …

Staatsschulden: Schwer zu ersetzender Part im Portfolio internationaler Anleger

Südländer: Sündenbockmetapher und Jetztzeit-Synonym für die historischen Ausdrücke ‚perfides Albion‘ oder ‚welsche Tücke‘. PIIGS trifft diese Vorurteile allerdings besser …

Verwerfungen: Für den kleinen Mann die unangenehme Folge solcher Handlungen seiner Bourgeoisie (Steuerhinterziehung, Wucher, Betrug, Spekulation usw.), die ein Journalist auf anderen gesellschaftlichen Gebieten schlicht ‚Verbrechen‘ nennen würde.

Volumen: Rettungspakete seien dreidimensional und hätten immer ein ‚Volumen von …‘. In Wahrheit handelt es sich aber schlicht um Giralgeld – nach der Freigabe tippte ein Angestellter eine Zahl mit vielen Nullen in ein Programm, woraufhin die Banken das, was uns als ‚Spanien-‚ oder ‚Griechenlandhilfe‘ verkauft wird, auf ihre eigenen Konten umbuchten. Dass aber jemals ein ‚Sparpaket‘ ein Volumen, also eine dreidimensionale Räumlichkeit von mehr als Schnapsglasgröße einnahm, das hat kein Irdischer je gesehen …

Zocker an die Leine legen: Eine Metapher zur Publikumsberuhigung. Gehört in die Reihe von ‚Prostitution verbieten‘ oder ‚Atmen einstellen‘ …

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Eine Antwort zu “Das Bilderbuch der Ökonomen”

  1. Das Bilderbuch der Ökonomen — CARTA sagt:

    […] Crosspost vom stilstand Gerade die Finanzkrise hat eine frische, wiewohl zumeist wenig einleuchtende Metaphorik produziert. Hier eine kleine filmkritische Übersetzungshilfe:   Anleger: Jener Menschenschlag, der immer genau dann zum ‘Ableger’ vom rettenden Ufer… […]