Der bestimmte Artikel

Im gedruckten ‘Spiegel’ wurde das, was Jan Fleischhauer in der letzten Woche schon durch seinen Kanal spülte, erneut herausgefischt, etwas aufgebrezelt und – mit jetzt drei Verfassernamen – dem Publikum aufgewärmt vorgesetzt (S. 20 – 22). “Der Aufstand der Autoren” heißt das recycelte Machwerk – und der bestimmte Artikel in der Headline suggeriert gleich eingangs, dass alle, aber auch alle angeblich dabei gewesen seien – hier die geschlossene intellektuelle Weltmacht, dort die verschwurbelten Piraten.

Der tatsächliche Befund ist, selbst wenn man nur den Artikel heranzieht, eher dürftig: Außer einem ideologisch bereits vielfach gehäuteten Alterspräsidenten namens Hans Magnus Enzensberger muss natürlich der Sven Regener nach seinem Rant wieder an die Front, dazu eine gewisse Julia Franck, die mir bisher noch kein Begriff war, die aber wohl schon einige Preise abgeräumt hat. Sonst ist weit und breit kein Schreiber zu sehen – sehe ich mal von Hybridformaten wie dem rappenden Jan Delay ab.

Obwohl Pessimist, glaube ich auch nicht, dass es um die Kultur in Deutschland inzwischen schon so dürftig bestellt ist, dass sie sich intellektuell allein auf diese paar Hanseln und Greteln stützen muss. Die meisten ‘Kulturträger’ waren also gar nicht an Bord der MS Masterplan, dort in der deutschen Verlags-Marina.

“DIE Autoren”, ein solches Statement stimmt daher hinten und vorne nicht, es ist auch nicht “DIE Geisteswelt”, die sich hier geschlossen gegen die Piraten stellt, und es sind auch nicht “DIE Künstler”, die das Einstampfen des Piratenprogramms fordern. Es ist der suggestive Gebrauch grammatischer Formen durch drei gewiefte Spiegel-Schreiber, die wechselseitig kräftig an den Tatzen nuckelten, um dann zur Geheimwaffe aller Public-Relations-Agenten und Leutbetrüger zu greifen, dem altbewährten bestimmten Artikel nämlich, der Allumfassendes dort suggeriert, wo faktisch nur ein kleiner Teil vom Großen und Ganzen sich hin verirrt hat.

Ich will hier gar nicht entscheiden, ob nun Gegner oder Befürworter dessen, was immer fälschlich als ‘Kostenlos-Kultur’ bei den Buccaneers bezeichnet wird, ob nun diese oder jene richtig oder falsch liegen. Die Attitüde aber, mit dem bestimmten Artikel eine breite Zustimmung dort zu konstruieren, wo gar keine zu finden ist, die darf schon mal glossiert werden. Schon, damit zukünftig weniger Menschen auf diesen Trick-Journalismus hereinfallen.

Auf der gleichen Linie liegt übrigens das Verächtlichmachen des Kulturbegriffs bei den ‘Piraten': “Wer im Intelligenzmilieu kann schon jemanden ernst nehmen, der seine Zeit mit Rollenspielen verbringt und J.R.R. Tolkiens Roman “Herr der Ringe” für die Krone der Literatur hält” (S. 22). Ich wüsste zwar nicht, wer bei den Piraten sich an verantwortlicher Stelle jemals so geäußert hätte, hier schimmert bei einem verbohrten Bewohner Analogistans wohl eher der Fußpilz massiver sozialer Vorurteile durch den löchrigen Socken, aber selbst wenn’s so wäre, erschiene mir ein Rollenspiel doch allemal ein sinnvollerer Zeitvertreib als gewisse traditionelle Vergnügen der Journalistenzunft, wo sich Hauptstadtschreiber mit olympischen Ringen um die Nase im ‘Borchardt’ um Kopf und Kragen sabbeln. Während der nächste ‘Kulturjäger’ uns die Hegemann als literarische Zukunft Deutschlands auszuschreien trachtet.

Nachtrag: Wer sich mit dem Streit ums Urheberrecht im aufgeklärten Raum, also fernab aller Verlegerinteressen, näher befassen möchte, sollte unbedingt diesen grandiosen Artikel aus ‘brand eins’ lesen: Das digitale Urheberrecht steht am Abgrund. Hält man dann die Fakten dagegen, hat man fürs Urteil alles beisammen: Denn die Verleger machen es selbst, dass es den Urheber gar nicht mehr gibt.

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Eine Antwort zu “Der bestimmte Artikel”

  1. vera sagt:

    Die Verallgemeinerung hat beim Handelsblatt auch schon so fein geklappt, nur noch einen Tacken perfider: Zunächst etwa Juli Zeh Vorwürfen ausgesetzt, um erst im Nachklapp mit den Einzelaussagen herauszukommen – und, oh Wunder, Juli Zeh und andere waren keineswegs Befürworter. Wi-der-lich.