Der Eiertanz

In meiner Sturm-und-Drang-Zeit war die ‚Frankfurter Rundschau‘ die Stimme der Bedächtigen im linksliberalen Lager. Gegen Brokdorf zu demonstrieren, das sei im Prinzip schon in Ordnung, aber müssten einige Hitzköpfe sich immer gleich verweigern, wenn die Polizei befiehlt, die Versammlung termingemäß aufzulösen? So etwas würfe doch ein schädliches Licht auf die Anliegen der Bewegung. Besser wäre es allemal, in einen ‚Diskurs‘ einzutreten, außerdem sei Tränengas nicht gut für die Augen. Die ‚Frankfurter Rundschau‘ sah sich als Stimme der allgemeinen Vernunft, die allemal diejenige der Sozialdemokratie war, sie steckte morgens im Briefkasten jedes besseren Lehrerhaushaltes, und predigte unentwegt vom weichen Wasser, das den härtesten Stein zu schleifen vermöge. Wir anderen dagegen lasen Graswurzelmedien aus der Anti-AKW-Bewegung, schrieben für die taz, die damals gerade entstand, und gaben jedem Widerstand gegen die Atomlobby in Politik und Wirtschaft solange keine Chance, wie der den Gegner nichts kostete.

Heute ist die ‚Frankfurter Rundschau‘ – und damit auch der unverbindlich-linksliberale Kukident-Kritizismus – wirtschaftlich schwer derangiert, ein Prozess, der sich quälend über Jahre hinzog. Es ist nicht nur der Verlust von Stellenanzeigen, von Wohnungs- und Gebrauchtwagenmarkt, auch ideologisch dupliziert sich gewissermaßen das Elend der allgemeinen sozialdemokratischen Desorientierung hier auf publizistischem Gebiet.

Jetzt, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, wenden sich die Herausgeber in einem großen Artikel an das werte Publikum. Stilistisch lässt sich hieran das Dilemma der ‚Frankfurter Rundschau‘ festmachen. Wieder wird in bester linksliberaler Manier besänftigt, beschönigt und gerade gestrickt, bis von einem Scheitern nichts mehr zu lesen ist. Selbstkritik sieht anders aus. Ich versuche deshalb, das große Eiapopeia durch eine Binnenkommentierung dieses Textes deutlich zu machen:

Drastische Verluste des Verlags der Frankfurter Rundschau bei Anzeigengeschäft und Erlösen im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise [ah, ja, der beliebte Popanz der Finanzkrise – ist’s nicht vielmehr eine Medienkrise?] zwingen Gesellschafter, Verlagsgeschäftsführung und Chefredaktion zu Veränderungen in der Produktion der Zeitung. Unser oberstes Ziel [es gibt also noch weitere] ist es, die Rundschau als wichtige publizistische Stimme zu erhalten und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, trotz wirtschaftlicher Zwänge auch weiterhin [wenn ich „trotz“ in Verbindung mit „auch weiterhin“ höre, schließe ich messerscharf auf ein waschechtes Paradox] täglich ein hochwertiges redaktionelles Angebot machen zu können. Dazu haben wir intensiv [Synonym für ‚vergeblich‘] nach Wegen gesucht und glauben [wissen es aber nicht], dass wir die Frankfurter Rundschau im Verbund mit den anderen Zeitungstiteln der Mediengruppe M. DuMont Schauberg in eine Zukunft [‚Zukunft‘ kommt immer gut] führen können, die neben dem hohen publizistischen Anspruch auch wirtschaftliche Stabilität garantiert [eine eierlegende Wollmilchsau zeugt]. … Der Anspruch wird sein, aus einer gemeinsamen Redaktion zwei Zeitungen mit je eigener Gestalt zu produzieren: die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung [nur wo BZ draufsteht ist auch FR drin!]. Es geht um größtmögliche [faktisch geringe] Eigenständigkeit der Titel bei gleichzeitiger Bündelung der Kräfte [publizistischer Volkssturm]. … Korrespondenten der Ressorts Wirtschaft, Sport und Feuilleton werden weiterhin in Frankfurt arbeiten [jene Ressorts also, für die ‚Regionalität‘ eher verzichtbar ist]. Überdies werden ausgewiesene Autoren [also Journalisten in Altersteilzeit], die für thematische Schwerpunkte der Frankfurter Rundschau stehen [wer steht, bewegt sich nicht] und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser [liebe Gemeinde!], vertraut sind, an die Zeitung gebunden und für Sie tätig bleiben. Die Bereiche Digital sowie die Berichterstattung aus der Stadt Frankfurt und der Region sind entscheidend für die Zukunft der Zeitung. Das iPad-Angebot mit der App der Frankfurter Rundschau ist ein voller Erfolg [nanu?]. Der Markt dafür steckt aber in den Kinderschuhen [ach so!], so dass sich hier derzeit noch nicht [‚hier derzeit noch nicht‘, Prinzip Hoffnung in Füllwortgestalt – frei nach Ernst Bloch] die Erlöse erzielen lassen, die der Verlag auf den klassischen Printmärkten eingebüßt hat. … Wir sind aber auch zu der schmerzlichen Erkenntnis [aua!] gelangt, dass die Zukunft der Frankfurter Rundschau nicht ohne den Verlust von Arbeitsplätzen zu sichern ist. In der alten Struktur müssen 88 Arbeitsplätze abgebaut werden. Da mit der Umstrukturierung des Druck- und Verlagshauses aber auch neue Arbeitsplätze entstehen, müssen wir von einem bereinigten Verlust [eine saubere Lösung also] von etwa 44 Stellen ausgehen. Wir wissen um die Härten für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen. Wir werden alles daransetzen, diese Härten zu mildern und sozial abzufedern [‚wissen um‘, ‚alles daransetzen‘ – konkrete, geldwerte Zusagen klingen irgendwie anders]. … Die Entscheidung für diesen Weg, so unumgänglich er ist, ist uns sehr schwergefallen [ein wenig tun wir uns dabei auch selber leid]. Gerade weil wir erleben, mit welchem Einsatz, welcher Professionalität und Leidenschaft [besser: Leidensbereitschaft] die Redaktion für Sie [und nur für Sie!] jeden Tag eine profilierte und vielfältige Zeitung erstellt. An diesem Anspruch halten wir gemeinsam mit der Redaktion fest [auch wenn die Fakten dem zu widersprechen scheinen]. Joachim Frank und Rouven Schellenberger, Chefredakteure, Karlheinz Kroke, Geschäftsführer

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3 Antworten zu “Der Eiertanz”

  1. Glanzlichter 59 « … Kaffee bei mir? sagt:

    […] schrumpft zur Lokalzeitung und streicht fast die Hälfte der Stellen. Der Anfang? Update: Der Eiertanz von Klaus […]

  2. Largos sagt:

    Die ehemalige Stimme der Vernunft zeigt heute nicht gerade ein vernünftiges Verhalten…
    Der Artikel zeigt wie nahe die Zeitung dem Abgrund inzwischen ist.

  3. 10.04.2011: Ende des Frankfurter Bürgertums in der Frankfurter Rundschau sagt:

    […] Jahre, nachdem ich ausgezogen war, ihr Abonnement gekündigt hatten, nach fast 30 Jahren, geht es sehr sehr schlecht, 88 Leute werden entlassen, der seit über 40 Jahren von mir gern gelesene Lokalteil wird jetzt […]