Dumme Sätze im Journalismus

Selbst große Männer reden manchmal blödes Zeug daher. Das gilt auch für den Satz von Hans-Joachim Friedrichs: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Dieser Satz wird auf jeder besseren Journalistenschule den Eleven am ersten Tag schon eingebimst. Wer sich also über den unengagierten ‚Industrieton‘ im ansteigenden Grauwert unserer Zeitungen ärgert, der suche zunächst bei dieser Heiligsprechung der Empathiebefreiten und bei diesem Objektivitätsdogma die Schuld.

Ich kenne buchstäblich keinen großen Journalisten, ob nun Egon Erwin Kisch, ob Carl von Ossietzky, ob Emile Zola, Erich Kästner, Heinrich Heine, Joseph Roth, auch Cristoph Lütgert oder selbst den frühen Hans Habe, wo sich der Schreiber nicht ‚mit einer guten Sache‘ gemein gemacht hätte. Das zählt in historischer Betrachtungsweise geradezu zu den Entstehungsbedingungen späterer Größe im Journalismus.

Nahezu jeder Text von Kurt Tucholsky ist von seinem engagierten Kampf für eine gute Sache, nämlich für den ‚Erhalt der Weimarer Republik‘ geprägt. Und das gegen eine stets übermächtige Heerschar von schlechten Journalisten, die zum Beispiel damals im Dienste des flächendeckenden Hugenberg-Oligopols den Judenhass und den Untergang des demokratischen Staatswesens täglich herbeischrieben. Denn eines wird allzuoft vergessen: Jeder gute Journalist steht regelhaft knietief im Mist seiner Berufskollegen aus Journalismus und Public Relations. Richtig lautet Friedrichs‘ Satz daher so:

„Einen schlechten Journalisten erkennt man daran, dass er sich mit jeder Sache gemein macht, außer mit einer guten.“

Schon fielen mir so allerhand Namen ein …

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12 Antworten zu “Dumme Sätze im Journalismus”

  1. pantoufle sagt:

    Yep! Ich habe den Satz schon diverse Male gehört und nie verstanden – aus eben diesen Gründen. Im Grunde wäre es der Tod eines jeden Journalismus, wenn man sich am Frühstückstisch nicht mehr aufregen, abends im Pub nicht in die Haare kriegen könnte. Es muß ja nicht gleich vollkommen polarisieren, aber eine saubere Gesinnung – für die Menschen: das sollte schon drin sein. Sonst kann ich die Artikel gleich aus dem Automaten ziehen. Oder von einer Nachrichtenagentur.

  2. Ralf Maier sagt:

    Ja, ich habe diesen Satz auch erst kürzlich gelesen. Genauer gesagt, gestern, als ich eine Mail bekam von der Redaktion der Tagesschau, worin mir dieser Satz als Begründung dafür vorgelegt wurde, warum die Tagesschau mit keiner Silbe über den weltweiten March Against Monsanto-Aktionstag berichtet hat, dafür aber um so mehr über Fußballspielchen..

  3. hardy sagt:

    ich verstehe ihn so und aus der zeit heraus: lieber journalist, sei mal nicht so selbstverliebt und denke, daß es schon reicht, dich auf der seite der „guten“ und damit im trockenen zu wähnen.

    es gab zeiten, in denen war mal der nationalsozialismus „das gute“ und alle fühlten sich auf der seite des „fortschritts“, die jungen verspürten so etwas lang vermisstes wie gemeinschaft und zusammengehörigkeit.

    das „gute“ ist halt dummerweise ein klitzekleines bißchen den zeitläuften unterworfen und nichts ist einfach als sich unkritisch auf die seite der „wohlmeinenden“ (ich krieg littell nicht aus dem kopf) zu werfen und im pfuhl der „besseren menschen“ zu suhlen.

    so verstanden hat der satz vielleicht doch ein bißchen was, was man – in zeit und raum verortet – bedenken sollte.

  4. Klaus Jarchow sagt:

    Das ‚Gute‘ unterliegt Veränderungen, klar. Früher dachte ich auch mal: „If you can’t be with the one you love, love the one you’re with“ (CSNY). Heute weiß ich, dass das Stress gibt, auf solche Art ‚Gutes‘ zu genießen.

    Inzwischen aber nehmen viele den Herrn Friedrichs zum Freibrief, bedenkenlos ihre Feder für die INSM, den BDI oder EIKE wetzen zu dürfen. Und dass damals all die kleinen Hugenbergs ‚das Gute‘ wollten, als sie gegen die Juden hetzten, glaube ich bis heute nicht. Die wollten ‚Erfolg‘ haben auf der Redaktionstrittleiter …

  5. hardy sagt:

    klaus,

    „triad“ könnte ich jubilieren, bevor ich das erste bein aus dem bett habe. ich tendiere, perönlich, mehr zu „teach your children well“.

    während ich unten verzeweifelt versuch, feuer in diesen vrdmmten grill zu fächeln, fiel mir auf, daß in dem satz ein „vermeintlich“ vor dem „guten“ fehlt.

    ich verstehe deinen text schon so, wie du ihn meinst – und du hast recht as hell … ich wollte nur die intention des autoren in erinnerung rufen.

    daß die volloschies ihn bewusst in mieser absicht mißbrauchen und sich im vermeintlich guten suhlen: 100% d’accord.

    und der rest sowieso.

    ich bin halt immer ein bißchen beglückt, wenn jemand an osietzky, den namen, den das weltgewissen sprach, erinnert und höre die stimmen von willi bleicher oder robert w kempner in meinem kopf, die erzählen, wer er war, der kleine tapfere mann und wie letzterer ihn dazu aufforderte, endlich abzuhauen aus dem land. überhaupt, kempner …

    in „machtergreifung“ hat fischerauer osietzky ein schönes kleines denkmal gesetzt.

    ich schweife schon wieder ab 😉

    zeit die würste auf den grill zu schieben.

  6. hardy sagt:

    ps: es fehlen zu viele „s“ un die „e“’s hüpfen über’s feld. fechelnde atemlosigkeit kombiniert mit vorfreude auf die merguez.

  7. pantoufle sagt:

    Also – Bei den Würstchen wollte ich jetzt nicht mehr stören. Aber: Nicht, daß ich eine Lanze für Schreiberlinge des Nationaljournalismus brechen will – selbst die wären mir aber noch lieber als die dumpfen Mitschreiber.
    Was soll ich zu jemandem sagen, der eine Sache aus voller Überzeugung tat? Lieber einen Ernst Jünger als einen Keyserling (schlechtes Beispiel – ich weiß).
    Allein aus technischen Gründen: Ein guter Journalist sollte seine eigene Handschrift haben. Das ist nicht nur eine Frage der Stilistik, sondern auch einer Überzeugung, die er vertritt. Das macht seinen Wiedererkennungswert aus, das ist es, was er verkauft – einen S. Haffner, einen Karl Kraus. Ich stelle mich einfach mal bockig und behaupte, das muß so sein. Der Satz von Friedrich widerspricht dem.
    @Hardy : Der Wandel des Begriffs des »Guten« in der Gesellschaft ist meines Erachtens recht gering. Nicht erst seit der französischen Revolution gibt es allgemein gültige Regeln, an denen man seinen inneren Kompass ausrichten kann. Unterstellt man die Existenz einer journalistischen Ethik, so beinhaltet die in meinen Augen ein grundsätzliches Hinterfragen der Zusammenhänge – eine gute Grundlage, um sich aus dem »Pfuhl der guten Menschen« herauszuhalten.

  8. hardy sagt:

    pantouffle,

    [..] Nicht erst seit der französischen Revolution
    [..] gibt es allgemein gültige Regeln, an denen
    [..] man seinen inneren Kompass ausrichten kann

    ich versuche es mal so zu erklären:

    du und ich würden uns wahrscheinlich in nullkommanix auf die gültigkeit von regeln, die seit moses im steinbruch war, verbindlich sind und spätestens seit jeezuzkeist um so etwas wie das wesentliche empathische element erweitert, für _uns_ beide (und hoffentlich eine menge anderer) in stein gemeisselt sind.

    unklugerweise hast du dich aber mit „französische revolution“ auf ein terrain gewagt, an dem robbespieere und st. juste, die herrschaft des schreckens, der terreur zur durchsetzung des „guten“, des „gerechten“ und der „vernunft“ lauern.

    ganz ganz ganz schlecht 😉

    die verbindlichkeit ist gerade hier äußerst umstritten. nicht für mich, ich bin ein ausgesprochener fan der beiden, weil mir jeneits der platitüde, daß beide erschreckend herzlose gesellen sein konnten auch die verdienste etwa eines st. juste im krieg gegen das alte in form einmarschierender österreicher und konsorten bewußt ist (neben dem ns system mein zweites leib & magen thema):

    man kann auch ein „guter“ sein, wenn man die beiden nicht mag.

    weil …

    [..] Der Wandel des Begriffs des »Guten« … recht gering

    leider so nur eine projektion ist: wir als nachgeborene urteilen nur zu gerne über die dummheit der vorfahren, wir wisen bescheid, daß die dumm sind – und sind es doch für unsere nachfahren im erschreckend selben maße. weil wir uns in der sich langsam gen zukunft bewegenden gegenwart befinden, bemerken wir unsere eigene selbstgefälligkeit nur selten und nur wenige, die sich etwas „gutes“ (die guten sitten, die moral …) auf’s panier getackert haben, bemerken etwa, daß das klammern an der differenz zwischen homo- und heteroehe eben nichts „guts“ ist. hält sie das davon ab, sich für die „guten“ zu halten.

    gut, wohl verstanden, ist die fähigkeit, nicht nur seine eigene welt sondern möglichst auch die konträr „andere“ zu verstehen zu suchen und sie mit einer berechtigung zur existenz zu akzeptieren.

    [..] Existenz einer journalistischen Ethik

    dummerweise verstehe ich friedrichs eben so, daß er genau die im auge hatte und habe oben – ich will mich nicht widerholen – auch so argumentiert: es fehlt das „vermeintlich“ im satz.

    die ganzen luschen, die im post 9/11 amerika die flaggen im studio hochzogen hatten – aus ihrer sicht – das „vermeintlich“ gute im auge – und sich gemein machten, statt sich selbst zu hinterfragen.

    sind sie nun „böse“ oder einfach nur abgrundtief dumm gewesen?

    sie hätten wohl besser mal friedrichs berücksichtigt.

    könnten wir uns auf die von klaus ausgegebene kompromisslinie (so habe ich ihn verstanden) einigen, daß der satz von f. von selbstgefälligen arschkriechern nur in diesem sinne mißbraucht wird, um ihre denkfaulheit und rechthaberei zu befriedigen?

    die merguez waren (alldiweil aus luxembourg) übrigens – mit einem freund, der mal trost brauchte, geteilt – köstlich 😉

  9. sol1 sagt:

    “Einen schlechten Journalisten erkennt man daran, dass er sich mit jeder Sache gemein macht, außer mit einer guten.”

    Mir fällt da Beate Lakotta ein, die in der Affäre Gustl Mollath sich mit einem heiligen Eifer der guten Sache verweigert und konsequent die Partei derjenigen ergreift, die dafür verantwortlich sind, daß ein Mensch seit sieben Jahren mit einer fadenscheinigen Begründung in einer psychiatrischen Anstalt einsitzt.

    Erstaunlich, wie in diesem Artikel sämtliches im Laufe des letzten halben Jahres aufgetauchtes Beweismaterial verschwiegen oder heruntergespielt wird, das Mollath ent- und seine Ex-Ehefrau, seinen Richter und seine Gutachter belastet:

    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/gustl-mollath-bleibt-weiteres-jahr-in-psychiatrie-a-905355.html

  10. sol1 sagt:

    Auf den Satz von Friedrichs berufen sich mittlerweile Internettrolle:

    http://forum.spiegel.de/f22/fall-mollath-opposition-nimmt-seehofers-justizministerin-die-zange-93101-15.html

  11. sol1 sagt:

    „ZEIT ONLINE: Wir Journalisten haben gelernt, Distanz zu halten. Uns mit keiner Sache gemein zu machen.

    Greenwald: Das geht nicht. Menschen sind nicht distanziert. Alle
    Journalisten sind Aktivisten. Sie vertreten doch alle Interessen und Einschätzungen. Für mich besteht die entscheidende Frage nicht darin, ob ein Journalist eine Meinung vertritt oder nicht, sondern ob er diese Meinung seinen Lesern ehrlich mitteilt oder vor ihnen versteckt. Entscheidend ist, ob die Fakten, die ein Journalist vermittelt, wahr sind.“

    http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-10/Glenn-Greenwald-Snowden-Interview/komplettansicht

  12. Objektivität – Ende einer Illusion? | VOCER sagt:

    […] von Neutralität und Meinung ein schmaler Grat für Journalisten und Leser. Buchautor und Blogger Klaus Jarchow („Nach dem Journalismus“), ohnehin selten um eine provokante These gegenüber der klassischen […]