Fremde Lorbeeren

Es ist die beste SPD, die es je gab. Ich rede natürlich von der Union. Mit dem Verzicht auf ihre letzte ‘Kernkompetenz’, die ja so recht nie eine war, räumen die Konservativen jetzt auch die einzige Bastion, die ihnen noch verblieben war, eine immer sanktionsbewehrtere und radikalere Innenpolitik:

“Mit dem Segen von Merkel und Seehofer vollzieht die Union den nächsten radikalen Kurswechsel: CDU und CSU verabschieden sich nach jahrelangem Kampf von der Vorratsdatenspeicherung.”

Gut, der Friedrich steht jetzt zwar blöd da, aber der war eh nie der Hellste, also passt das schon. Sofern diese nicht abreißende Kette von CDU-Abschieden aus alten Selbstgewissheiten uns eines beweist – Homo-Ehe, Mindestlohn, Atomausstieg usw. – dann nur eines: Dass ‘die Linken’ eigentlich immer richtig liegen, und dass der Konservatismus mit der gebotenen Verspätung diese Wendungen irgendwann unter Windungen nachvollziehen wird, selbst wenn sie zunächst nur an den Worthülsen klempnern. Die ‘Linken’ und die ‘Öko-Faschisten’ von den Grünen wären also die eigentlichen gesellschaftspolitischen Schnellmerker – ihr Problem: Sie stehen zu früh auf.

Für ihr Hinterherhinken wird die Union im September jetzt gewählt – für eine im Kern immer linkere Politik, die dabei stets so verspätet kommt, wie bspw. auch der ICE in deutsche Hauptbahnhöfe einläuft. Was mag bloß als nächstes dran sein? Drogenfreigabe? Euro-Bonds? Vermögenssteuer?

Einige altkonservative Dinosaurier löcken zwar noch wider den Stachel, mehr als ein im Kern religiöses Vokabular ist aber auch ihnen nicht geblieben. So mosert der Professor Biedenkopf, längst mehr FDP als CDU, heute im ‘Handelsblatt-Newsletter':

“Die Politik erliegt der Versuchung, ihre Wahlchancen durch Manipulation des Verhältnisses von Leistung und Gegenleistung zu verbessern.”

Dröseln wir uns diesen rhetorischen Galimathias mal auf, dessen Qualität wohl kaum die Anschaulichkeit ist: ‘Die Politik’ – das wäre natürlich Bundeskanzlerin Merkel samt ihrer Entourage. Die anderen können ja nicht gemeint sein, weil diese notorischen Frühaufsteher zurecht ‘bloß Opposition’ sind. Diese Kanzlerin betreibe ferner eine waschechte ‘Manipulation’, also ein Hütchenspiel, nur um an der Macht zu bleiben. Mit anderen Worten: Sie macht doch tatsächlich eine mehrheitsfähige Politik. Mit dem ‘Verhältnis von Leistung und Gegenleistung’ meint Biedenkopf dann vermutlich jene unaufhörlichen Milliardengeschenke an Banken und Großanleger – – – obwohl, hmmmhmmm, vielleicht zielt er ja auch auf all das unnütze ‘Sozialgedöns’ für den vernachlässigenswerten Plebs, also auf jene absolut entbehrlichen ‘Geschenke’, die einem echten Liberalen schon immer deshalb ein Graus waren, weil sie in die falsche Richtung fließen.

Die große ‘Versuchung’, der unsere notgeile Politik dann ‘erliegt’, das wäre schließlich eine durch und durch religiöse Kategorie: Satan, der große ‘Versucher’, naht sich mit sardonischem Lächeln unseren politischen ‘Leistungsträgern’, um durch sein teuflisches Spiel uns alle in die ewige Verdammnis zu führen, weil das verfügbare Geld nun mal zum höheren Ruhm Gottes im sakralen Bereich stets nach oben zu fallen hat. Eine solche Sicht widerspricht zwar den Naturgesetzen, aber konnte unser Herr Jesus nicht auch übers Wasser wandeln? So ähnlich jedenfalls habe ich mir das Gebrabbel des alten Herrn übersetzt – ganz schlau bin ich daraus leider nicht geworden.

Nachtrag: Weil’s in den Kommentaren als bloß ‘rhetorische Wende’ glossiert wurde, es soll wohl doch mehr werden: “Unter dem Eindruck der amerikanischen Internetspionage erwägt die CSU jetzt offenbar eine bemerkenswerte Kehrtwende. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE drängt Parteichef Horst Seehofer (CSU) auf eine Abkehr von der bisherigen Position zur Vorratsdatenspeicherung.”

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8 Antworten zu “Fremde Lorbeeren”

  1. Dierk sagt:

    Wie konnte dir das passieren, ausgerechnet dir? Da macht die Werbeagentur der CDU einen kleinen kosmetischen Vorschlag – nämlich statt von böser ‘Vorratsdatenspeicherung’ lieber von ‘Mindestspeicherfristen’ zu reden – und alle finden’s toll, weil VDS nicht mehr ist?!

    Ehrlich? Das ist doch aus dem Handbuch für Demagogen, Kapitel 1. Und das wurde geschrieben, bevor es Prostitution und Spionage gab.

  2. ralf s sagt:

    ‘Fristgerechte Mindestvorräte’ hätte ich noch besser gefunden. Das klingt nach Notgroschen und Gerechtigkeit steckt ebenfalls drin.

  3. pantoufle sagt:

    Seh ich auch so: Die haben das Kind umgetauft und rechnen damit, daß das liebe Volk blöd genug ist, es nicht zu merken. Zu Recht nebenbei.

    Blöder als im Moment kann das Friedrich ohnehin nicht mehr dastehen – außer vielleicht, er würde so unendlich bescheuert sein, jetzt in die USA zwecks Dialog zu fliegen. Das wäre der Selbstdarstellungs-GAU. Aber das mach er bestimmt nicht. Der hat ja fähige Berater, die ihn davor warnen. Bestimmt.

  4. Klaus Jarchow sagt:

    Wie wär’s mit ‘Daten-Notration’ oder ‘Eiserne Reserve’? Dass die organisierten Schnüffels weiterhin weitgehend unkontrolliert das betreiben werden, was sie schon immer betrieben haben, das ist mir schon klar: Möglichst viele Datenhäufchen in möglichst kurzer Zeit auf allen Bürgersteigen zu legen. Dazu muss Hasso auch möglichst viele Daten fressen …

    Das Ereignis hier liegt für mich eher darin, wie die Union in bester populistischer Manier den Wortbestand ihrer festen Überzeugungen als bloßen Beifang über Bord werfen muss, weil sie anders keinen Anklang mehr fände. Auch in der Innenpolitik kommt statt des ‘Polizeitons’ jetzt der ‘Soft-Speak’ auf. Denn die Herde zieht zunehmend zu den Oasen des Bürgerrechts – und die CDU zieht (verbal) hinterher …

    Im übrigen kenne ich noch die innenpolitischen Zeiten von Kanther, Strauß, Carstens und anderen, wo’s von ‘Ratten’, ‘Scheißhausfliegen’ und anderem ‘Geschmeiß’ in der Rhetorik nur so wimmelte. Dass auch die CDU im Laufe der Jahre ‘nach links’ der Entwicklung hinterhergewackelt ist, kann kaum jemand übersehen. Aber gut, ich habe oben noch einen Halbsatz eingeflickt, um das Verfahren vom ‘Wort’ als Vorbereitung zur Tat klarer zu machen.

  5. hardy sagt:

    [..] Dass ‘die Linken’ eigentlich immer richtig liegen,
    [..] und dass der Konservatismus mit der gebotenen
    [..] Verspätung diese Wendungen irgendwann unter
    [..] Windungen nachvollziehen wird,

    oh. ich dachte immer, das wäre die art, wie die welt nun mal funktioniert. “links” hat eine idee, “rechts” versucht sie so lange zu verhindern, wie nur möglich und … naja, am ende fügen sie sich in’s unvermeidliche.

    das bemerken wir nur, weil die merkelsche das diesmal der not gehorchend so radikal und ungeniert macht.

    und … natürlich kommen als nächstes drogenfreigabe und eurobonds. hätte man beides früher gemacht, gäbe es weniger kollateralschäden (junge menschen im gefägnis, arbeitslos, die eu im zerfall ob des “austeritäts-“wahns)

    aber: dein bild von wegen die beste spd stimmt nicht. es gibt kein dunkles, feuchtes loch, in das die cdu kriechen müsste, um sich ganz bei sich selbst fühlen zu können.

  6. vera sagt:

    Noch’n Frühaufsteher: http://breitband.dradio.de/?p=5354 May he rest in peace.

  7. sol1 sagt:

    Und auch der CSU fällt ihre Law-and-Order-Rhetorik auf die Füße. Beate Merk verkündet auf einmal, daß sie keine “eiserne Lady” sei, daß sie das Schicksal von Herrn Mollath “bewegt” und daß sie sich das Urteil gegen ihn nie zu eigen gemacht habe.

    Gabriele Wolff kommentiert:

    “Das war freilich starker Tobak für viele Leute: seit Ende 2011 bis zu diesem Interview hat sie sich zu dem Urteil vom 8.8.2006 niemals neutral verhalten, sondern behauptet, daß Gustl Mollath deshalb in der Psychiatrie sei, weil er Straftaten begangen habe und allgemeingefährlich sei. Wie muß sie sich in dieser Zeit verbogen haben, um die eisern-eisige Lady zu spielen, die sich Urteilsfeststellungen zu eigen macht, während sie doch tatsächlich, im stillen Kämmerlein, emphatisch Mollaths Schicksal bedauerte und händeringend nach Möglichkeiten suchte, dem armen Manne zu helfen. Politik muß ein hartes Geschäft sein, das schwere Opfer und ein gewisses Talent zur Schauspielkunst erfordert.”

    http://gabrielewolff.wordpress.com/2013/07/06/der-fall-mollath-das-endspiel/

  8. Klaus Jarchow sagt:

    Tschaja – diese Law-and-Order-Jungs und -Deerns mit ihren schnellfertigen Ratzfatz-Lösungen, wo sich regelmäßig herausstellt, dass die gar nicht funktionieren, sondern im Handumdrehen zu einem Teil des Problems geworden sind.

    Wenn du irgendetwas nicht bis zum Ende, sondern in Wahlperioden durchdenkst, baust du prompt schnuckelige AKWs und hast später den Ärger mit den ‘Endlagern’, die es schon wieder physikalisch gar nicht geben kann …