Gebrauchte Adjektive
Reiseberichte sind der Jakobsweg des Floskeljägers. Aus den angestaubten Erlebniswelten solcher Schreiber kullern an jeder Leidensstation die längst gelutschten Drops adjektivisch verkuppelter Substantive hervor, die in grauer Vergangenheit ihre güldene Hochzeit feierten. Gepresst vermutlich aus weicher Hirnsubstanz von der unerbittlichen Faust der journalistischen Gewohnheit. Prompt watet der Leser bis zu den Knien durchs Gebrauchtvokabular, ihm ergeht’s schlimmer noch als im tristen Sprachsumpf des Politjournalismus. Hier ein alltägliches Beispiel mit ‘idealen’ Bedingungen für ‘wilde’ Flüsse und ‘tiefe’ Schluchten:
“Asturien, das kleine Paradies im Nordwesten Spaniens ist derzeit in Mode. Zu Recht. Fischereihäfen, elegante Küstenstädtchen und atemberaubende Strände stehen im Kontrast zu den nahen, spektakulären Picos de Europa. In dem als Naturpark ausgewiesenen Gebiet mit seinen schneebedeckten Gipfeln, tiefen Schluchten, Wäldern, grünen Almen finden nicht nur Bären, Wölfe und Adler einen Lebensraum, es überlebten auch alte keltische Mythen und asturische Legenden. Saftige Weiden bieten ideale Bedingungen für Viehwirtschaft und Käseproduktion. Durch tiefe Täler schlängeln sich wilde Flüsse, und verborgene Seen lassen jedes Anglerherz höher schlagen.”
Tags: Adjektive, Floskel, Reisejournalismus
08. Februar 2009 um 18:32
Diese Sammlung lässt einem ja das Blut in den Adern gefrieren … ;-}
11. Februar 2009 um 17:35
Ich denke, es ist ein lebendiger Stereotyp des Literarischen, indem man versucht, den Leser mit Adjektiven zu beschwören.
11. Februar 2009 um 21:18
Oh mächtiger, magischer, muskulöser Mich-Leser – erhöre meine mediokre Mentalgrütze!
So in etwa?
10. August 2011 um 10:10
[...] uns Adjektive nur, dass hier ein Schreiber zu faul war, selbst etwas zu erleben. Zum Thema habe ich anderswo schon etwas geschrieben. Selbst der Verzicht auf Relativsätze ist nur demjenigen zu empfehlen, der den Umgang mit ihnen [...]