Ironiker auf den Olymp!

Hier ein weiterer Appetithappen aus meinem Buch:

“ … Zahllose Bände zieren die Bibliotheken germanistischer Seminare, in denen es um die ‚romantische Ironie‘ geht, um ‚die Ironie im Spätwerk Thomas Manns‘ usw. Nur im Journalismus war dieses gebräuchlichste Stilmittel der Literatur immer verpönt: „Ironie versteht der Leser nie.“ Niemand hinterfragte diesen ehernen Grundsatz jemals, einer schrieb’s vom andern ab. Warum aber sollte der Zeitungsleser etwas nicht verstehen, was der Bücherleser ohne weiteres goutiert?

Um zunächst mit einem Vorurteil aufzuräumen: Ironie bedeutet nicht, das Gegenteil von dem zu sagen, was der Schreiber meint. Das wäre nur eine besonders plumpe ironische Ausprägungsform, sozusagen ‚Ironie für Doofe‘. Im Kern zielt Ironie darauf, etwas ‚uneigentlich‘ zu sagen.

So kann die ‚romantische Ironie‘ zum Beispiel den Werkstattcharakter aller Literatur deutlich machen, indem mit ihrer Hilfe das Illusionistische der Erzählung gebrochen wird, zum Beispiel dadurch, dass ständig die Reflexionen des Autors in den Text eingeflochten sind, wie bspw. im ‚Phantasus‘ von Ludwig Tieck. Der Leser hat dann keine Chance mehr, unterbrechungsfrei im süßen Dusel der Lektüre zu versinken.

Oder aber, Eichendorffs romantische Prinzen mit ihrem Gefolge reiten – arm, aber glücklich, und turmhohe Menschheitsgedanken trällernd – unter freiem Himmel auf Bergeshöhen unter raunenden Fichten herum; das wahre Leben aber mit seinen Posthornklängen, Philistern und Fleischtöpfen, das spielt sich unten in den geschäftigen Tälern mit ihrem Werktagscharakter ab, dort, wo das Volk die Kunst allenfalls in homöopathischer Dosis zum Nachtisch genießt. So etwas wäre dann eine ‚ironisch gebrochene Landschaft‘.

Die ‚sokratische Ironie‘ wiederum bestünde darin, sich dümmer zu stellen, als man ist: „Soweit ich deinem hohen Gedankenflug überhaupt zu folgen vermochte, bist du doch der Ansicht …“. Um dann den Kontrahenten am Leitseil seiner eigenen Überzeugungen aufs Glatteis und zu besserer Einsicht zu führen. Eine Form der Ironie, die in der Pädagogik weithin als ‚sokratische Methode‘ bekannt ist.

Diese sokratische Methode ist ein Verfahren, die heute durch die dialogische Struktur der Kommentarspalten und über das Internet auf breiter Front ins Textgenre zurückgekehrt ist. Wer dort mitreden will, der darf als Schreiber und Ko-Kommentator diese Form der Ironie gar nicht mehr verachten: Im Gegenteil – er muss sie präzise beherrschen, weil er sonst im neuen Medium notwendigerweise versagt: Ein erfolgreicher ‚Flame-War‘, wo das Publikum schon angeregt nach ‚Popcorn‘ ruft, kann nur gelingen, wenn der Verfasser im Kampf mit dem Troll das tödliche Schwert der Ironie zu führen weiß. Sollte er beginnen, langweilige und bierernste Philisterargumente ins Feld zu führen, gingen ihm – quelle dommage! – seine ‚Follower‘ ratzfatz stiften. Der gute Ruf wäre dahin.

Vor allem die dialogische Struktur der Texte im Internet ist es, welche die Ironie auferstehen lässt. Zugleich deutet ein fortwährender Mangel an Ironie im Journalismus darauf hin, dass die alten Medien in der neuen Zeit nicht angekommen sind. Wie sonst, als mit Hilfe der Ironie, sollte sich ein Schreiber mit einem Menschen auseinander setzen, der nicht auf gleicher Flughöhe mit ihm agiert? In jeder Ironie ist immer ‚etwas Olympisches‘ schon angelegt, sie funktioniert nie ‚von unten nach oben‘. Ihr Gelingen ist nichts als der klare Beweis intellektueller Überlegenheit. Worüber wiederum einzig und allein das Publikum entscheidet. Ja, in Form der ‚Selbstironie‘ angewandt, kann die uneigentliche Redeweise sogar den Beweis dafür führen, dass hier ein Schreiber sich selbst überlegen war. Womit glücklich die höchste Stufe der Ironie erreicht ist …

Wegen des durchweg uneigentlichen Verfahrens vieler Texte und Kommentierungen im Web 2.0 ist die Ironie auf breiter Front in die Texte zurückgekehrt. Das Netz hat zugleich eine Fülle von Indikatoren und ‚Lesehilfen‘ für ironische Sachverhalte entwickelt. Da gibt es die eindeutigen ‚Emoticons‘ [ 😉 ], die ‚Erikative‘ wären zu nennen, also die in ‚Sternchen‘ gefassten Deutungshilfen [ *läster*, *grins* ], und auch der Einsatz von Kapitälchen im Text [ … DAS soll DER gesagt haben? …]. Und auch das ‚Tagging‘ mit Hilfe eines stilisierten HTML-Endbefehls ist gebräuchlich: ‚/ironie‘. Das neue Medium lässt sich – verwenden wir solche Indikatoren – als ein durch und durch ironisches Medium am trennschärfsten von alten journalistischen Textformen unterscheiden.

Souverän angewandte Ironie ist also ein Lebenselement für jeden Text: „Ironie ist das Körnchen Salz, durch welches das Aufgetischte erst genießbar wird“ (Thomas Mann). Und darauf sollten die neuen Schreiber im Netz verzichten, nur weil auf Journalistenschulen verhärmte Lehrer und verknitterte Lehrbücher allen Eleven immer nur das Falsche predigen? Das Ironieverbot ist eines der größten Missverständnisse der deutschen Journalistenausbildung – und heutzutage schlicht ein Witz! Es ist Zeit, den alten Kodex über Bord zu werfen. Im neuen Medium ist er nur noch eine Last. …“

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Eine Antwort zu “Ironiker auf den Olymp!”

  1. Verlag, verlegt, ver… — CARTA sagt:

    […] aus dem Vorwort von Klaus Jarchows Buchprojekt. Wer schon mal reinschnuppern will, kann dies hier oder hier tun. Um nicht missverstanden zu werden – ich trage keine Aversion gegen […]