Journalistische Perfidie

Selten wohl gab es eine solche journalistische Treibjagd wie diejenige, die derzeit dem Bundespräsidenten dicht auf den Fersen sitzt – die Welle hat sich, glaubt man den Schlagzeilen, noch längst nicht totgelaufen:

„Aus dieser Nummer kommt Wulff nicht mehr raus.“

„Warum den Bundespräsidenten niemand mehr kaufen würde.“ Usw., usf.

Das sind nur zwei Headlines von vielen, die derzeit aktuell auf journalismusbetriebenen Online-Repräsentanzen zu finden sind. Einigen Journalisten wird es längst unbehaglich beim allgemeinen Wulff-Bashing, sie werfen dem eigenen Berufsstand schlicht Perfidie vor.

Richtig perfide wird das mediale Aufschäumen allerdings erst dann, wenn im großen Ballyhoo dieser Altmedien ein Journalist zum Weißwäscher wird, sein ‚Haltet den Dieb!‘ blökt und es unternimmt, professionelle Fehlleistungen und Überschusshandlungen des eigenen Berufsstandes dem verhassten Internet in die Schuhe zu schieben, den verachteten Bloggern und dem anderen Gesindel. So wie dies der Christoph Seils tut, im ‚Cicero‘, dem Fachmagazin für das konservativ gestylte Vorurteil:

„Sieht man von einigen wenigen Grenzübertretungen ab, dann haben sich die traditionellen Medien in der Berichterstattung der letzten Tage über Christian Wulff … im Großen und Ganzen an die journalistischen Regeln … gehalten. Nur im Internet scheinen diese Regeln nicht zu gelten. Dort kursieren über Christian Wulff und seine Freunde, sein Privatvermögen und über sein Privatleben die wildesten Gerüchte und Viertelwahrheiten. Nichts ist bewiesen, manches erstunken und erlogen. Einige anonyme Blogger kennen dabei kein Tabu mehr, für sie scheinen weder die Regeln des Anstands noch das Presserecht zu gelten.“

Tscha, wie blind darf sich ein schreibendes Wesen eigentlich stellen? Natürlich geht’s bei der Seilschen Suada ohne jeden Beleg oder eine Verlinkung ab. Fundstellen dürften auch rar gesät sein, denn im Netz ist doch eher der Aufruf zur Besonnenheit daheim, so wie im Blog von Wolfgang Michal, der dort eine zumindest bedenkenswerte These aufstellt:

„Nicht die Blogger und Twitterer haben sich den Leitmedien angepasst, sondern die Leitmedien den Bloggern und Twitterern. Herausgefordert durch deren kräftige (oft populistische) Sprache, greifen nun auch etablierte Medien immer häufiger zu drastischen Begriffen und Vergleichen, fordern eilends Rücktritte und rigorose Konsequenzen, und zelebrieren die unfreiwilligen Abgänge aus dem öffentlichen Leben als reinigende Buß- und Sühneopfer fürs Volk.“

Als Kette von Folge und Wirkung gesehen halte ich diese These zwar ebenfalls für tendenziös, denn es ist die Kommerzialisierung der Altmedien, wo die Betriebswirtschaftslehre längst die Artikel diktiert, was diese Radikalisierung und Boulevardisierung bewirkt. Zumindest aber schlägt Wolfgang Michal nicht den präsidialen Sack, wo er den journalistischen Esel meint. Das große Medienspektakel ‚Die Meute jagt den Wulff‘, das findet derzeit vor allem im Print statt – dort, wo man auf Auflage schielt und die Umsätze mehr als seine Sätze zu achten hat.

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2 Antworten zu “Journalistische Perfidie”

  1. Sanníe sagt:

    Vielleicht hast Dus nicht mitbekommen, weil Du Dich in Deiner Blase bewegst. Es gibt eine ganze Reihe von Blogs und anderen Seiten, auf denen behauptet wird, Bettina Wulff habe früher bei einem Escort-Service gearbeitet. Dort kann man auch Fotos einer blonden Frau sehen, die recht offensichtlich nicht Bettina Wulff ist. Wenn sie es wäre, müßte man auch nicht von Escort sondern Prostitution sprechen. Und nein, ich würde das auch nicht verlinken, es ist auch so leicht zu finden.

  2. Klaus Jarchow sagt:

    Naja, der Christoph Seils bezieht sich ja ausdrücklich auf den Krischan – und nicht auf die Bettina. Aber selbst, wenn’s wahr wäre, ginge mir auch das am Mors vorbei. Vermutlich muss man als Escort-Servicekraft sogar besonders viele soziale Talente entwickeln, die einem in repräsentativer Führungskraftfunktion später höchst nützlich sind. Und es ist mir auch klar, dass es im uferlosen Internet einige (vor allem) frauenfrequentierte Winkel gibt, die das Äquivalent zu den ‚Grünen Blättern‘ darstellen. Wo also auch die Herz-Schmerz- und Skandal-Geschichten reihenweise schlicht erfunden werden. Der Niggemeier spießt so etwas gelegentlich auf … diese Klatsch-und-Tratsch-Nischen aber mit ‚das Internet‘ gleichzusetzen ist genauso blödsinnig wie die ‚grünen Blätter‘ als ‚die Presse‘ zu bezeichnen.

    Apropos und nach kursorischem Gurgeln – vom WAZ-Westen bis zum WDR wurde diese Geschichte, wenn auch mit Fragezeichen, offenbar auch ‚journalistischerseits‘ gern aufgegriffen …