Life’s a Carousel

Die Sprache mit ihrem starken Magen mag sich vom Wortschatz her verändern. Hie und da wird eine neue sprachliche Pretiose – bspw. ‘Benchmarking’, ‘Leistungsträger’ oder ‘Volatilität’ – dem alten Bluff aufgepfropft, die Tiefenstruktur der Argumentation aber bleibt sich gleich. Oft über Jahrhunderte hinweg. Ein Beispiel:

Am Beginn der Industrialisierung herrschte in England eine beispiellose Armut, der sog. ‘Pauperismus’, verschärft noch durch Missernten, hohe Kornzölle im Interesse der Gentry und die massenhafte Einwanderung von Iren. Angesichts der Überlastung der traditionellen Armenfürsorge setzte die britische Regierung 1832 eine ‘Königliche Kommission’ ein, bestückt mit den Sinns und Rürups der damaligen Zeit. Sie sollten die Ursachen dieses Elends ‘erforschen’.

Diese Kommision kam zu wahrhaft revolutionären Folgerungen, die einer bisher noch immer christlich fundierten ‘Caritas’ geradewegs ins Gesicht schlugen: Die Arbeiter würden deshalb nicht arbeiten, weil die öffentliche Fürsorge ihnen mehr eintrüge als die real existierenden Hungerlöhne auf Englands Farmen und in der Industrie. Die Handlungsempfehlungen lauteten jetzt nicht etwa, dass die Löhne steigen müssten, nein, die ‘Experten’ kamen zu dem Schluss, “dass die Unterstützung gesunder Arbeiter mit öffentlichen Geldern die Wurzel allen Übels” sei. Das englische Parlament beschloss daraufhin im Jahr 1834 das “Poor Law”, um dem faulen Pack Beine zu machen. Die Alternative für einen Armen lautete jetzt, Arbeit auf dem ‘freien Markt’ für ungenügenden Lohn, oder aber Arbeit für ‘Sachleistungen’ in einem Armenhaus bei Wasser und Brot – mit anderen Worten: Sie gingen ins Gefängnis, weil aus der Armut ein Verbrechen wurde. Im Kern ging es diesen Experten darum, “das Los des von den steuerzahlenden Bürgern erhaltenen Paupers weniger begehrenswert zu machen als das des ärmsten für sich sorgenden Arbeiters“. Das Lohnabstandsgebot war geboren.

Das “Poor Law” wirkte dann allerdings anders als gedacht: Es kam zu blutigen Straßenunruhen, die Unterschichten organisierten sich erstmals, und das Gesetz wurde zur Geburtsstunde der Chartisten, einer Bewegung, die mittelfristig mit der Forderung nach einem freien und gleichen Wahlrecht auch die Privilegien der geld- und grundbesitzenden Eliten hinwegfegen sollte.

So gesehen, sind Westerwelle und Consorten heute immerhin schon – oder noch immer – auf dem politischen Bewusstseinsstand von 1832 angelangt. Die sprachlichen Moden wechselten, die Argumente blieben. Ob unsere ‘Liberalen’ allerdings die absehbaren Folgen im Kopf haben, die in England schon einige Jahre später einsetzten, das glaube ich nicht. Man sieht aber, dass vieles, was heutzutage unter dem Etikett ‘Reform’ segelt, blanker Traditionalismus ist, liberaler Traditionalismus sozusagen …

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6 Antworten zu “Life’s a Carousel”

  1. Bredenberg sagt:

    Die Wirtschaftsverfassung von 1832 ähnelt der heutigen Wirtschaftsverfassung (Früh- bzw. Spätkapitalismus). Somit unterscheidet sich der politische Bewusstseinsstand vom heutigen auch nicht wesentlich. Sprachliche und andere Moden täuschen Unterschiede vor, die es nicht wirklich gibt. Westerwelle (und Konsorten und viele mehr) sind auch nur Zeitgenossen ihrer derzeitigen geschichtlichen Phase, die sie allesamt für die höchstentwickelte halten. So mag es sein, dass der Begriff “Lohnabstandsgebot” für modern gehalten wird, obwohl er etwas bezeichnet, das es gibt, seitdem es Arbeitslosigkeit und Arbeit gegen Lohn gibt.

  2. Klaus Jarchow sagt:

    Echte Liberale suchen die Ursachen für gesellschaftliche Fehlentwicklungen immer ‘unten’. Seit jeher … und daran sind sie auch zu erkennen. Weniger kenntlich sind sie an den Worten für diesen Sachverhalt, die wechseln je nach Zeitgeist.

  3. Dierk sagt:

    ‘Echte Liberale’ … das halte ich für ein Gerücht. Es ist zwar in letzter Zeit in Mode gekommen, die historischen Verhältnisse mit heutigen Maßstäben zu bewerten. Im Falle des Liberalismus lese ich so immer öfter darüber, dass er nichts mit den Armen und Arbeitern zu tun hatte, dass die großen Revolutionen in England, den USA und sogar Frankreich ja ohnehin eine Sache der Adligen, der Landadligen oder der wohlhabenden Bürger [operativ: wohlhabend] gewesen seien. Es wird dann impliziert, manchmal auch expliziert, das sich eh niemand für die armen Hungernden einsetzt.

    Das ist eine ahistorische, revisionistische Geschichtsschreibung.

    Der echte Liberale, so wie ich ihn verstehe, ist daran interessiert allen Bürgern die Freiheit der Entscheidung zu geben. Dazu gehört eine Infrastruktur, die bsplw. jedem den Zugang zu umfassender Bildung ermöglicht – keine Zensur, kein Index, keine sachfremden Beschränkungen bei Schul- und Universitätsbesuch, keine unnötigen Einschränkungen des Handelns und Wirtschaftens. In einer idealen Welt, brauchte es überhaupt keine Einschränkungen, da alle Menschen lieb und nett sind, jeder seine Talente kennt und diese in der Gesellschaft für gutes Geld einsetzen kann.

    Nun ist auch und gerade Liberalen klar gewesen, dass dieses Ideal nicht existiert. Es muss also Regeln geben, die den Menschen und dem Staat* helfen. Selbst so genannte Liberale blau-gelber Coleur kämen nie auf die Idee, das Berufsverbot für Lohnmörder abzuschaffen oder die Berufsbeschränkungen durch andere Paragrafen des Strafgesetzbuches.

    Mir scheint allerdings, dass ausgerechnet die sich ‘liberal’ nennenden das Fundament des Liberalismus vergessen haben: Sie lernen nicht dazu, sie überprüfen ihre Thesen nicht mehr, sie sind kaum mehr gewillt, zu ändern, was nicht funktioniert.

    Der “Neoliberale” von heute ist ein Fundamentalist, ein Ideologe – das genau Gegenteil dessen, was liberal eigentlich bedeutet. Obwohl die letzten 30 Jahre empirisch belegen, dass der Anarcho-Liberalismus, den er predigt, nicht funktioniert, beharrt er auf seinen Forderungen wie die katholische Kirche auf der Jungfräulichkeit Marias. In der Wirtschaft müssen die Gewinner nur hoch genug sein, damit auch der Wanderarbeiter etwas davon hat [trickle-down; so klar gegenbewiesen, dass es weh tut]. Überhaupt, der angebliche Liberale von heute definiert sich wesentlich nur noch über Wirtschaft, für die Gründer des Liberalismus war Wirtschaften ein notwendiges Übel, um den Menschen Mittel in die Hand zu geben.

    Aus dem Abstraktum Metapher wurde eine personifizierte Gottheit, die über dem Menschen steht. Die Metapher der ‘unsichtbaren Hand’ – ein Begriff der für etwas stand, dass es als eigenständiges Forschungsfeld noch nicht gab [Statistik] – wurde zum Heiligtum; als ob eben jener Gott Markt einen seiner hundert Arme nimmt und die Menschen leitet. Als ob Wirtschaft, Gesellschaft und Handel unterstehen im Anarcho-Liberalismus einer teleologischen Theorie.

    Der Unterschied zwischen den frühen Liberalen und den frühen Anarchisten waren nicht schwarze Mäntel und Bomben. Erstere wussten, dass Regen notwendig sind, letztere meinten, der Mensch sei wie das Bier, edel, hilfreich und gut durch und durch.

    Ich weiß nicht genau, wann der alberne Sozialdarwinismus [eigentlich ein Lamarckismus] wieder gesellschaftsfähig wurde, aber der heutige Liberalismus, wie er durch die FDP im Moment verkörpert wird, ist eine sehr gefährliche und unheilige Allianz aus Anarchie und eben jener ‘Nur-die-Starken-überleben’-Weltsicht.

    *Nebenbei bemerkt, aus diesen liberalen Erwägungen erwuchs überhaupt erst der Nationalstaat, wie wir ihn immer noch haben.

  4. Klaus Jarchow sagt:

    @ Dierck Langer Text – kurze Anmerkungen: Unabhängig von der Konstruktion eines Liberalismus, denn es so nie gegeben hat, faktisch war die erste liberale Regierung in Europa bekanntlich das Juste-Milieu unter Louis-Philippe von 1831 bis 1848. In jener Zeit entstand das Wort vom ‘Enrichissez-vous’ als neuer Staatsraison – und alle, die Kapital hatten, beteiligten sich brav daran. Dumm nur, dass jenen, die kein Kapital hatten, diese Devise nichts nutzte. So entstand jene berüchtigte Bankiers-Herrschaft, über die Heinrich Heine in den ‘Französischen Zuständen’ so viel zu berichten weiß. 1848 wurde die Regierung dann endlich von den Kleinbürgern und Nichtbesitzenden – vulgo ‘Republikanern’ – hinweggefegt. Dann erst kam es zu Einrichtungen wie einer Gesundheitsfürsorge, einer Schulpflicht, einem Wahlrecht, das weniger an den Besitz gekoppelt war, und ähnlichem, wozu sich die ‘Liberalen’ dem Pöbel gegenüber zuvor außerstande sahen.

    Als Bismarck die Gesundheits-, Renten- und Unfallversicherungen einführte, waren einzig welche Parteien dagegen? Richtig – alle liberalen Parteien von den Nationalliberalen bis zum Freisinn und den Linksliberalen. Alle anderen, die Konservativen, das Zentrum, die Sozialdemokratie usw., nur die waren dafür.

    Dem sozialen Gedanken öffneten sich ‘die Liberalen’ historisch nur zweimal, im nachfolgenden Wilhelminismus, als sie überall politisch mit dem Rücken zur Wand standen, kurz vor der politischen Bedeutungslosigkeit – unter Friedrich Naumann und anderen. Oder in der Zeit der sog. 68er, als sie die Deutungshoheit zu verlieren drohten. Deine ‘wahren Liberalen’ sind also allemal Liberale in der Krise, nolens volens entdecken sie dann den ‘sozialen Gedanken’, sie vergessen ihn aber genau so gern, wenn sie wieder in der Regierung sind. Oder aber, es sind blanke Theoretiker, die sich am Schreibtisch einen Liberalismus comme il faut zusammenbasteln, wo dieser beim Elchtest der Regierungsverantwortung dann stets in die Rumpelkammer wandert.

  5. Dierk sagt:

    Erst einmal eine Entschuldigung für den sehr aufgeregten, langen und dennoch eher oberflächlich bleibenden Text. Ich hatte erst überlegt, ihn bei mir ins Blog zu stellen, fand ihn dann aber als Antwort doch besser hier aufgehoben.

    Klaus, an deiner Analyse ist was dran. Meine ‘wahren Liberalen’ sind Theoretiker, in der Realität setzt sich leider immer wieder der das Retten des eigenen Arsches GEGEN die Anderen durch. Wobei die Anderen üblicherweise die Schwächeren sind. Das ist das, was mich am meisten an der gegenwärtigen FDP ärgert – das mediokre Personal hat sich über das letzte Vierteljahrhundert ein ebenso mediokres wie menschenverachtendes Programm zusammengeschnitzt.

    Bevor das wieder ausartet, und obwohl der Ansatzpunkt im ersten Moment nicht ganz offensichtlich ist, gebe ich nur eine Leseempfehlung ab: Joska Pintschovius, Die Diktatur der Kleinbürger.

  6. Chefarztfrau sagt:

    Ich danke den Herren für ihre hochinteressanten Ausführungen. Da habe ich doch mal wieder was gelernt.