Moderne Mythen
In den Foren von ‘Spiegel’, ‘Tagesspiegel’, ‘Welt’ oder ‘Tagesanzeiger’ würden sich doch nur die minderbemittelten und bildungsfernen Kleinbürger austoben – daran glaubte auch ich lange Zeit. Seit einigen Wochen jedoch begebe ich mich des öfteren in diese Güllegruben hinab, weil mir diese These zunehmend fragwürdig erscheint, weil ich es zudem soziologisch hochinteressant finde, wer oder was sich dort artikuliert. Natürlich sind die Argumente dort krank wie immer, alle Indizien deuten aber darauf hin, dass die Kotze, die dort manchmal meterhoch durch die Gänge schwappt, keineswegs von den Mühseligen und Beladenen der Gesellschaft stammt, von den Zu-kurz-Gekommenen und notorischen Nichtwählern, sondern durchaus auch von Privilegierten, die ihre Pfründen, aus welchen obskuren Gründen auch immer, von ‘Marxisten’, ‘Islamisten’ und generell ‘Multikulti-Ausländerfreunden’ bedroht wähnen. Und das, obwohl Europa nahezu flächendeckend von Rechtsregierungen und rechten Medien dominiert wird. Kurzum: Der Massenmörder von Oslo ist ihres Geistes Kind. Nehmen wir diese Beispiele aus dem zutiefst bourgeoisen und bildungsbürgerlichen Schweizer ‘Tagesanzeiger’, einem Land, wo Blochers SVP immer neue Triumphe feiert:
Die Grammatik sitzt, die Orthographie steht wie eine Eins, die Krokodilstränen fließen – das Dreiwetter-Taft der Ideologie zeigt sich unbeeindruckt: Der Täter hatte demnach nicht mehr selbst die Schusswaffe in die Hand, in Wahrheit wurden die Jugendlichen auf dieser Insel von einer “verfehlten Politik unserer Eliten” hingemetzelt. Eine solche ideologische Verkehrung der Fakten vollzieht sich keineswegs auf dürrem intellektuellen Grund, zu solchen dialektischen Wendungen ist mindestens die Intelligenz eines durchschnittlichen PR-Beraters vonnöten. Mit anderen Worten: Hier spricht sich eine akademische Bildung aus.
Auch die Person des Massenmörders deutet ja nicht auf die beruhigende These eines irrlichternden Einzeltäters hin. Der Mann war hochgebildet, war Führungsfunktionär einer Rechtspartei, las Immanuel Kant und John Stuart Mill, und er war in der Lage, 1.500 Seiten eines mehr oder minder kohärenten Textes auf die Reihe zu bringen. Für mich zählt er zum Lager der (nicht mehr ganz so) ‘neuen Rechten’, die sich überall in Europa formiert, jene Fraktion, die sich in einer Welt voll Teufel wähnt und Carl Schmitt und Ernst Jünger studiert, um dann die ‘Propaganda der Tat’ zu glorifizieren, den umfassenden Schrecken, um eine demokratisch eingelullerte Herde endlich wachzurütteln. Ein Einzeltäter war er nur in dem Sinne, wie auch die Rathenau-Mörder ‘Einzeltäter’ waren, das Einzeltätertum, die ‘Stoßtrupp-Ideologie’, ist in der rechten Szene Teil der Strategie (1). Wer das nicht sehen will, der glaubt wohl noch, dass auch der Nationalsozialismus eine ‘kleinbürgerliche Bewegung’ gewesen sei, obwohl doch der ganze Personalstamm bspw. des Reichssicherheitshauptamtes, der Exekutive des Führerstaates also, aus hochgebildeten jungen Einser-Juristen bestand. Weiter im Text mit der argumentativen Schuldlastumkehr:
Genau – unverhüllte Sehnsucht nach einem Religionskrieg unter klerikal Bekloppten. Und es wäre doch gelacht, wenn wir den Islamisten nicht auch hierfür die Schuld in die Schuhe schieben könnten, und sei es um drei Ecken – auffällig ist mal wieder die gestochene Diktion: Weil die Multi-Kulti-Truppen der marxistischen Volksparteien den Islamisten Tür und Tor öffnen, deswegen ist es zwar (noch) nicht zu rechtfertigen, wohl aber verständlich, wenn ein fundamentalistischer Christ sich dagegen zur Wehr setzt, indem er – Logik adé! – reihenweise Christen abmackelt. Angesichts des überdimensionalen Feindbildes, wie es von SVP, Wilders, PI und anderen tagtäglich zum Dämon aufgeblasen wird, zählen Realität und Empirie nichts mehr. So lebt bspw. der letzte europäische ‘Marxist’ meines Wissens in Minsk und er heißt Lukaschenko.
Es ist in meinen Augen eine weiße Führungskaste, die sich durch Globalisierung, Europäisierung und Migration in ihren Privilegien bedroht sieht … ein akademisch gebildetes Bürgertum, das sich in den Foren ausspricht und seinem Popanz Zucker gibt. Es ist der radikalisierte Mittelstand, der dort randaliert.
(1) “Ein Einzeltäter betreibt quasi einen “führerlosen Widerstand”, wie es im Handbuch der international tätigen, rechtsmilitanten Gruppierung “Blood & Honour” als Strategiepapier aufgeführt wird.”Tags: Bildungsbürgertum, Forum, neue Rechte, radikaler Mittelstand
24. Juli 2011 um 14:53
Großartig. Danke.
24. Juli 2011 um 22:08
Also mal abgesehen von den Vorurteilen in den Medien samt gewollter Desinformation finde ich es schon interessant das eine einzelne Person sehr kurzfristig mal eben ein “passendes” Facebook-Trolli und dann noch 1500 Seiten Pamphlet kurz vor der Tat ins Netz stellt.
Ich hab’s mir NICHT angetan und werde auch nicht der Versuchung erlegen …
Sollte sich in einigen Monaten die “Wahrheit”, sprich objektive Fakten darstellen, dann kann man darüber diskutieren.
Aber der gemeinschaftliche “Griff ins Klo” ALLER beteiligten Medien spricht schon für ein GEWALTIGES Qualitätsdefizit !!!111!!1ELF11!!
m(
24. Juli 2011 um 23:46
Worüber regst du dich auf, wo vermutest du ‘Manipulation’ einer Sachlage? Da ist jemand, der sich zunehmend als ‘Werwolf’ begreift, als ein ‘Man on a Mission’, emotionslos nur seiner Aufgabe gewidmet, und d.h. irgendwie Blut zu sehen, durch ein ‘Fanal’ aufzuschrecken. Jetzt endlich naht sein großer Moment. Schon stellst er ‘zeitgleich’ das ins Netz, was ihn all die Jahre bewegt hat … für mich ist das total logisch, und eben nicht obskur. Aber so beginnen alle Verschwörungstheorien vermutlich …
25. Juli 2011 um 10:58
[...] in sein 1500 Seiten starkes Paranoiawerk zu copypasten, oder zumindest auf irgendeinem trümmligen Mittelstandsmeinungsportal [...]