26. Januar 2012 von Klaus Jarchow
Man könnte jetzt meinen”, “Es scheint so”, “Das wirkt wie”, “Auf den ersten Blick” … im journalistischen Sprachgebrauch gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, Sachverhalte, die einem nicht in den Kram passen, durch einen kleinen ‘Vorreiter’ unterschwellig zu bestreiten, ohne sie ausdrücklich und argumentativ demontieren zu müssen. Der Schreiber stellt den Leser gleich anfangs in die erwünschte Positur zum Sachverhalt.
Dass bspw. die USA ein Gerechtigkeitsproblem haben, wäre faktisch kaum zu bestreiten, ziehen wir uns die harten volkswirtschaftlichen Daten über Einkommensentwicklung, Steuerlast etc. aus der Schublade. Allerdings passt solche Faktizität manchmal nicht zum politischen Programm, wie in diesem Fall beim ‘Cicero’. “Was tun?”, sprach schon Lenin, ein Autor, der in diesem Fall Christoph von Marschall heißt. Unser Schreiber greift zum kurrenten Kleingeld jedes Stilisten, und zieht sich eine altbewährte Denunze aus der Tasche:
“Mitt Romneys Steuererklärung wirkt wie der Beweis, dass Amerika ein Gerechtigkeitsproblem hat.”
Was hat er gesagt? Es ‘wirke’ nur so, hat er gesagt. In Wahrheit zwinkert er dem ideologisch gleich gepolten Leser aus besseren Kreisen Anderes, ja Gegenteiliges behauptend zu. Dabei lautet doch der Satz, formuliere ich ihn objektiv auch nur halbwegs tragfähig: “Mitt Romneys Steuererklärung liefert den Beweis, dass Amerika ein Gerechtigkeitsproblem hat.“
Tags: Christoph von Marschall, Cicero, Denunze, Ideologisierung, Mitt Romney, Relativierung
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25. Januar 2012 von Klaus Jarchow
Vor allem, wenn es sich um ein gelenkiges Verb handelt, muss sich ein neues Wort problemlos allen grammatischen Anforderungen fügen. Viele fremdsprachliche Kandidaten scheitern an dieser umgangssprachlichen Hürde einer flexiblen und zugleich eindeutigen Verwendung (s. ‘geupdatet’ vs. ‘upgedatet’ usw.) – nicht so das schöne neue Tätigkeitswörtchen ‘wulffen’, nur echt mit dem kerndeutschen ‘ff’.
Historische Brauchbarkeit ist zunächst wichtig – das Wort muss im Ohr des heutigen Lesers sinnvoll klingen, auch dann, wenn es auf Ereignisse der Vergangenheit angewandt wird: “Leckt mich im Arsch”, wulffte Götz von Berlichingen den Abgesandten der Obrigkeit entgegen. Für die Schreibpraxis interessant ist zudem die nahezu beliebige Verfügbarkeit des Stammwortes zur Konstruktion zusammengesetzter Verben: ‘entgegenwulffen’, ‘anwulffen’, ‘niederwulffen’ usw.
In der Wissenschaft wiederum kommt es darauf an, dass der sprachliche Neubürger auch zur Bildung akademischen Vokabulars veranlagt ist: “Die Wulffikation des öffentlichen Diskurses trägt zu einem eher konfrontativen Habitus in der Gesellschaft bei“. Paralleles Vokabular, dem die akademische Weihe ebenfalls nicht versagt werden kann, formt sich daran anschließend nahezu problemlos: das Wulffeske, wulffatorische Überkompensation, die notwendige Entwulffung der Welt usw.
Dort, wo Sprache auf den Alltag der Menschen trifft, kommt es hingegen auf die problemlose und schnelle Handhabbarkeit an: “Glaub’ bloß nicht, dass du mit deinem Gewulffe bei mir was erreichst, ej!”, “Du kannst dir hier ‘nen Wolf wulffen – ich mach das nicht!”, “Ob Wulff oder Wuffel – das geht mir am Mors vorbei!“. Wir sehen also, auch den Praxistest beim ‘Sixpack Joe’ besteht das neue Verb problemlos. Kurzum – dieses Wort wird es vermutlich länger geben als den Bundespräsidenten.
Willkommen in der deutschen Sprache!
Tags: Neologismus, Wulffen
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24. Januar 2012 von Klaus Jarchow
In seiner eindrucksvollen Rede beleuchtete er viele Aspekte des modernen Lebens, die das wache Interesse eines zutiefst gebannten Publikums fanden.”
“In diesem festlichen Rahmen hatten die Gastgeber ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine gestellt, wo in sinnverwirrender Folge ein Höhepunkt den nächsten jagte.”
“Er bleibt eine Figur der Zeitgeschichte, die durch ihr Handeln und ihre Standhaftigkeit unser aller Erinnerung dauerhaft geprägt hat.”
Und so weiter und so fort, patati und patata, nix Konkretes weiß der Schreiber auch nicht. Er ist und bleibt so dumm wie sein verachtetes Publikum …
Tags: Abstrakta, Konkreta, Leserverachtung, Mausistil, Nullsatz, Publikum, Schwallen
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22. Januar 2012 von Klaus Jarchow
Kommunikation über sichere Netzwerke ist also ein Muss in einer Zeit, in der die Medien voll sind von Berichten über Viren, Würmer oder Hacker-Angriffen.”
“In einer Zeit, in der die Medien voll sind von Berichten über gegenseitiges Unverständnis, Selbstmordattentate und Schmähreden, diskriminierende Filme oder Karikaturen, tut ein Buch von Not, das sachlich und konstruktiv die andere Seite der Medaille darstellt.”
Ich würde sogar sagen, dass diese grammatischen Schwundformen typisch sind für eine Zeit, wo alle Spalten voll sind von Berichten solcher Menschen, die irgendwie mit Medien rummachen, ohne von der Sprache die geringste Ahnung zu haben.
Tags: Dummdeutsch, Grammatik, Präposition
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21. Januar 2012 von Klaus Jarchow
Um ein Nachdenken über das Offensichtliche zu verhindern, ist oft die rhetorische Frage probat, so wie es hier Malte Lehming unternimmt. Allerdings ist diese Scheinfrage ein zweischneidiges Schwert – sobald ein Hörer anfängt, ernsthaft über das Gefragte nachzudenken, erreicht der gewiefte Rhetoriker oft das Gegenteil dessen, was er beabsichtigte:
“Deutsche Politiker werden regelmäßig bestochen und erwidern das durch Entscheidungen zugunsten der Bestechenden: Dieses Vorurteil wird gehegt und gepflegt und dermaßen oft transportiert, dass es nicht überrascht, warum niemand mehr nach einem Grund dafür fragt. Oder nach einem Beispiel. Überlegen Sie selbst (und ganz spontan): An welchen Fall von Korruption in der deutschen Politik – sagen wir: in den vergangenen zwanzig Jahren – können Sie sich erinnern?”
Kurzum, Malte Lehming, unser Dreisterne-Meinungskoch vom ‘Tagesspiegel’, der vertraut darauf, dass niemand nachzudenken beginnt, fordert er sein tumbes Publikum derart frageweise zum Gehirn-Jogging auf. Dabei ergibt sich von Schäubles Aktentaschen über FDP-initiierte Hotelierssteuern nebst Mövenpick-Spende bis hin zu Guttis Patchwork-Promotion, um auch mal einen Fall geistiger Korruption hier zu nennen, doch mühelos so allerlei, was uns von einer korruptiven Welle in der Politik zu sprechen berechtigte. Nicht ohne Grund sackt Deutschland jährlich auf der Korruptionskala weiter ab, so dass längst auch die konservative FAZ über die zunehmende Korruption lauthals zetert:
“Deutschland hat weiterhin ein ernsthaftes Korruptionsproblem: Im jährlich veröffentlichten Index der Organisation Transparency International rutscht die Bundesrepublik vom 14. auf den 15. Platz ab – vor allem Politiker machten es korrupten Kräften zu leicht.”
Und – nicht wahr, Herr Lehming? – zahlreiche ‘Fälle’ und ‘Vorfälle’ dürfte es dann ja wohl auch gegeben haben. Ihr Herr Wulff hat also eine ganz erlauchte Ahnenreihe. Das angestrengte Gesundbeten, auch mit rhetorischen Stilmitteln, zeichnet zwar neoliberal Gläubige und andere Evangelikale oftmals aus, trotzdem steht dies Verfahren in diametralem Gegensatz zum modernen Qualitätsjournalismus …
Tags: Frageform, Malte Lehming, rhetorische Frage, Tagesspiegel
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20. Januar 2012 von Klaus Jarchow
Erst sind es höchst ehrenwerte “Hedgefonds-Manager”, nach ihrer Verhaftung verwandeln sie sich in “Top-Spekulanten”. Es sind aber immer noch die gleichen Leute …
Tags: Journalismus, Sinngebung
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19. Januar 2012 von Klaus Jarchow
Den Titel des kreativen Metaphernklempners errang in dieser Woche ein Häuptling der niedersächsischen Wegschmelz-Partei, als dort im Landtag über die ‘Causa Wulff’ debattiert wurde. Dort trug ein gewisser Christian Dürr, FDP-Fraktionschef ausweislich der Titelei bei ‘Phönix’, in die dahinplätschernde Debatte höchst windschiefe Bildlichkeit hinein:
“Ihr moralischer Zeigefinger ist ganz großes Kino.”
Jawollja – wenn dem Zuschauer gar kein Bild mehr vor Augen tritt, weiß der am ehesten noch, was vermutlich gemeint wäre. Denn ewiglich versuchen diese oppositionellen Dreckschleudern doch nur, mit gerecktem Langfinger den argumentativen Bodensatz von ihrem trüben Lügengebräu zu schöpfen, um daraus politischen Honig zu saugen, während der doch bloß auf sie selbst zurückfällt! So ähnlich jedenfalls …
Tags: Metapher, Politikersprache
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17. Januar 2012 von Klaus Jarchow
Angesichts der Mordserie der rechtsextremen Zwickauer Zelle hat der Bundestagsabgeordnete Hans-Peter Uhl (CSU) die Bedeutung der Ausländerpolitik betont. «Eine gute und vernünftige Einwanderungspolitik muss zum Ziel haben, dass keine Kampfgruppen am rechten Rand entstehen», sagte der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion am Donnerstagabend bei einer Podiumsdiskussion in der Münchner Jesuiten-Hochschule. Der soziale Frieden dürfe nicht gefährdet werden, warnte Uhl. Es nütze nichts, wenn man die ganze Welt umarme, dabei aber die eigenen Bürger aus den Augen verliere.
Jaja – die Jesuitenhochschule, da gehören solche Auslassungen natürlicherweise hin! Man muss die Logik dieses Uhl, aus dem sicherlich keine politische Nachtigall und kein Einstein mehr wird, nur mal anders wenden: Würden wir gar keine Ausländer und kein Asylantengesocks mehr in unsere schöne und saubere Republik hineinlassen, dann hätten wir auch kein Problem mit den metzelnden Neonazis, die bekanntlich als ‘überforderte Bürger’ direktemang aus dieser Ausländerschwemme heraus ihre Schusswaffen zu erheben pflegen.
Wo die Frau Merkel immer wieder diese schlicht gestrickten Geistesriesen hernimmt, bleibt mir ein Rätsel … auch, wie es uns ein Uhl beispielsweise erklären wollte, dass es nachweislich immer dort die meisten Neonazis gibt, wo die Migranten am dünnsten gesät sind. Dass er also mit einer ‘Begrenzung der Ausländerzahlen’ am effektivsten den ‘sozialen Frieden’ stört, um so besonders viele meuchelnde Neonazis zu zeugen. Was wiederum, das kann auch ein Jesuit nicht bestreiten, fundamental gegen das fünfte Gebot verstoßen würde … es sei denn, man wollte augenzwinkernd folgendermaßen argumentieren: “Wären die von den Neonazi-Terroristen ermordeten Opfer nicht nach Deutschland gekommen, wären sie heute am Leben.” Dann wären sie nämlich selber schuld … das gliche einer erfolgreichen Schuldumkehr auf katholischem Terrain. Oder blankem Jesuitismus: “Uhl dreht die Kausalität herum und signalisiert so indirekt Verständnis für rechtsradikale Straftäter, die sich nicht anders zu helfen wissen, als Menschen, die nicht ihrem Bild vom guten Deutschen entsprechen, einfach totzuschlagen.”
Anmerkung: Fefe äußert noch gewisse Zweifel an der Seriosität der Quelle, wobei mir nicht recht klar wird, ob er damit eines der genannten Blogs oder die Katholische Nachrichtenagentur meint. Bei dem Basso ostinato von Uhls kommunikativer Vorgeschichte – (u.a. “Unions-Innenexperte Hans-Peter Uhl hatte sich bis zuletzt gegen einen Bundestagsausschuss zur Aufklärung der Morde gestellt”) – bin ich jedoch geneigt, diese Zitate als ‘authentisch’ einzuordnen, selbst dann, wenn sie natürlich ‘unmöglich’ sind. Warten wir’s ab, der innenpolitische Sprecher einer Regierungsfraktion kommt mit so etwas nicht klammheimlich davon …
Nachtrag: Mit seinem Dementi bestätigt Dr. Uhl jetzt die gefallenen Äußerungen. Er bestreitet nur, dass man aus ihnen ein Schlimmdösbaddeltum herauslesen könne. Andererseits – das sei ihm gesagt – ist der Teufel nun mal ein Logiker, “mutwillige Fehlinterpretationen” unterlaufen ihm nur selten. Auch das sollte er als Jesuit doch wissen …
Tags: Hans-Peter Uhl, Jesuitismus, KNA, Neonazis, Rassismus
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16. Januar 2012 von Klaus Jarchow
Natürlich hast du recht, wenn du die Journalisten durch den Kakao ziehst, die sich jetzt über die ‘Spießbürgerlichkeit’ von Krischan Wulffs Klinkerhäuschen lustig machen:
“Das Stichwort hier ist Piefigkeit, dabei ist die soziodemografische Wahrheit, dass die überwiegende Zahl der Deutschen nicht auf naturgewachsten Altbaudielen in verkehrsberuhigter Innenstadtlage lebt, selbst wenn manche Medien in Deutschland oft so tun (und in zunehmendem Maße auch die Volksvertreter in den Parteien). Die Mehrheit wohnt wie die Wulffs, in einem Reihenhaus in Randlage, mit Buchsbaum und Begonien im Garten und einem halbhohen Zaun, der das Grundstück von Straße und Nachbarn trennt.”
Die meisten Journalisten, die jetzt über Krischan und Bettinas Liebesnest sich ‘nen Ast högen und uns ihre angelesenen geschmacklichen Verdammungsurteile in die Tastatur rattern, die wohnen eben auch nicht wie der Fritz J. Raddatz in Eppendorf an der Isestraße, sondern mit etwas Glück ähnlich wie der Bundespräsident – zumeist aber mit noch weniger ‘Schick’. Zu erklären wäre also, weshalb diese Journalisten ihren eigenen Geschmack niederknüppeln, sobald ihn ein Bundespräsident praktiziert. Ist’s ein überkompensierter Minderwertigkeitskomplex? Heimliche Sehnsucht nach einem repräsentativen Funktionärsadel – statt des allgegenwärtigen Pofallatums?
Jedenfalls – von den mageren Löhnen in Deutschlands Elite-Redaktionen bringt’s kaum jemand zu einer Altbauetage auf dem Prenzlauer Berg. Und die wenigen, die soweit kommen, sind ganz und gar kein Maßstab, allenfalls wirken sie als Fata Morgana für Volontäre. Kurzum, Jan Fleischhauer, deine mediale Geldelite aus toscana-verwöhnten Linksintellektuellen, die dir wieder mal wieder durchs Kleinhirn spukt und deine Restvernunft verwirrt, die ist auch nur so’n reihenhäuslerisches Vorurteil ohne jedes Echtholz-Parkett …
Tags: Jan Fleischhauer, Journalismus, Vorurteil
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