Wortlügen

14. Juli 2010 von Klaus Jarchow

Auch einzelne Wörter können uns dauerhaft und tiefgreifend desinformieren. Zu ihnen zähle ich bspw. die geläufige Journalistenstanze von der “Machtergreifung” Hitlers. Das Wort setzt ein Bild in Szene, dass nämlich damals ein Mann oder eine Partei aktiv nach der Macht ‘gegriffen’ hätte. Historisch gesehen ist das höherer Blödsinn, eine Worthülse, die vor allem dazu dient, den Blick von den wirklichen Vorgängen abzulenken. Denn in Wahrheit wurden die Nazis von ganz anderen Gruppen ‘installiert’, es handelt sich um eine ‘Machtübergabe’ gesellschaftlicher Eliten an einen politischen Desperado, der als Handpupppe eben jener Eliten dienen sollte. Dass dieser Plan gewaltig in die Hose ging, ist wiederum eine andere Geschichte.

Die NSDAP war zum Jahreswechsel 1932/33 jedenfalls gar nicht handlungsfähig oder zu einer ‘Machtergreifung’ in der Lage. Sie war im ‘inneren Kameradenkrieg’ versunken, zutiefst gespalten in einen ’sozialistischen’ Parteiflügel unter den Gebrüdern Strasser und in eine ‘realpolitische’ Fraktion unter Hitler, Goebbels und Göring. Im November 1932 war sie bei den Wahlen überdies krachend eingebrochen (- 4,3 %), die Parteifinanzen waren mehr als nicht mehr vorhanden, die Bräunlinge waren bei allen Banken bis über beide Ohren verschuldet.

Vorbereitet wurde die Kanzlerschaft Hitlers folglich auch gar nicht in der NSDAP, die Parteispitzen verzweifelten damals an jeder realen Machtperspektive – von einem beherzten ‘Zugreifen’ also keine Spur. Hitlers Kanzlerschaft wurde in Geheimgesprächen – ganz ohne Hitler – zwischen Hugenberg, von Papen und Hindenburg verabredet, unter Einbezug der Reichswehrspitzen. Hitler sollte als populistischer Kanzler einer bürgerlich-konservativen Regierung ‘entzaubert’ und ‘eingebunden’ werden. Seine Kanzlerschaft war daher nichts, was die Nazis aktiv erreicht hätten. Ihnen war vielmehr die Rolle zugedacht, populäre Pappnasen, Trickfiguren und Handlanger abgewirtschafteter gesellschaftlicher Eliten zu werden – im Klartext sollten sie bloß die nützlichen Idioten von industrieller Bourgeoisie, Großgrundbesitz und Militär sein. Fakt ist: Hitler wurde ins Amt ‘gehievt’, weshalb “Machtübergabe” jenes Wort wäre, das dem wirklichen Sachverhalt am nächsten kommt. Geplant war im Kern sogar eine “Ohnmachtsübergabe”, wobei der braune Kanzler sich vor dem Parlament müde hampeln und im Falle eines Falles vom Reichspräsidenten gefeuert werden sollte. So ähnlich sieht es übrigens die seriöse Geschichtsschreibung durch die Bank.

Natürlich wäre andererseits die wahre Geschichte bestimmten gesellschaftlichen Gruppen bis heute denkbar unangenehm. Nur so erklärt sich aus meiner Sicht die fortdauernde Karriere des allzu bequemen Wörtchens “Machtergreifung” – bis tief in die aktuelle Presselandschaft hinein:

“Denn die Machtergreifung Hitlers war der Anfang der Katastrophe …” (Tagesspiegel)
“Die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30.Januar 1933 war für die Juden ein Schicksalsschlag …” (Fürther Nachrichten)
“Nach der Machtergreifung der Nazis wurde er aus seiner Dresdner Bank gedrängt …” (Die Welt)
“Einen ersten Eindruck dessen, was nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten folgen sollte, mussten die jüdischen Geschäftsleute bereits am 1. April 1933 erfahren … (Märkische Allgemeine)
“Wir erleben wie an der eigenen Haut, welche konkreten Konsequenzen die Machtergreifung Hitlers in ganz anderen Ländern hatte …” (MDR)
“Nach der “Machtergreifung” kam er im NS-Terrorapparat unter …” (FAZ)

Die genannten Beispiele stehen für buchstäblich tausende weitere in der Tagespresse. Bewusstere Redakteure setzen immerhin den Begriff in Anführungsstriche oder sie sprechen ohne nähere Begründung von der “sogenannten Machtergreifung”. Die einzig historisch wahre Formulierung, eine “Machtübergabe an Hitler”, kommt hingegen nirgends vor, weil sie damit Hitler vom ‘Subjekt’ in ein ‘Objekt’ verwandeln würden, grammatisch gesehen in ein Akkusativobjekt. So verzerrt ein einziges verlogenes Wort, das Reden in kurrenten Stanzen, permanent die Wahrnehmung der Menschen, insbesondere derjenigen, die nie ein dickleibigeres Geschichtswerk in die Hand nehmen dürften.

Ach Gott, ach Gott!

11. Juli 2010 von Klaus Jarchow

Er nun wieder:

“Ich kann mir gut vorstellen, dass ich Teil des politischen Diskurses bleibe.”

Warum treiben es Politiker nicht unter einem ‘Diskurs’? Kann Roland Koch kein Deutsch? In etwa so:

“Ich bleibe der Unvermeidliche und gebe weiterhin zu allen Themen meinen Senf dazu.”

Über Wissenschaftsjournalismus

09. Juli 2010 von Klaus Jarchow

Im besten Fall begnügen sich die Journalist/innen und Redakteur/innen damit, minimal umgeschriebene Presseerklärungen von Universitäten oder Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Die Originalstudie(n), über die dort berichtet wird, lesen sie selten bis nie, und sie sprechen im Normalfall weder persönlich mit den Wissenschaftler/innen, über deren Ergebnisse sie berichten, noch fragen sie bei unabhängigen Expert/innen nach. Im schlimmsten Fall versuchen sie, eigenständig Vereinfachungen vorzunehmen (was schnell zu Verzerrungen und inhaltlichen Fehlern führt), Hintergrundinformationen hinzuzufügen (die häufig falsch oder irrelevant sind), oder sie sprechen mit zufällig ausgewählten Forscher/innen, die von der Materie keine Ahnung haben (was dazu führen kann, dass unstrittige Ergebnisse als umstritten präsentiert werden). Und im allerschlimmsten Fall schreiben sie einfach eine Pressemeldung ab, die ihrerseits nicht etwa auf einer wissenschaftlichen Studie beruht, sondern auf einem Artikel in der Boulevardpresse.

So viel für heute zur Auffassung der Wissenschaft vom Wissenschaftsjournalismus. Schon seltsam, dass wir darüber nichts in den Zeitungen lesen …

Es traf mal nicht den Falschen!

09. Juli 2010 von Klaus Jarchow

Auch wenn die Begründung für den Büchner-Preis wieder einem mühseligst hochgestemmten Feuilleton-Geschwurbel gleicht, wo der Leser solchen Drecks gleich weiß, dass der Schreiber dieses Instant-Elaborats den Besprochenen nie selbst gelesen, dafür aber tief in den Kasten mit den altbewährten Allzweck-Lego-Steinen gegriffen hat:

Jirgl habe in seinem Romanwerk “von epischer Fülle und sinnlicher Anschaulichkeit ein eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet”.

“Verstörend suggestiv”, “sinnlich anschaulich” – alles Quark. Ein Text von Jirgl gleicht zunächst mal einem widerhakenbewehrten Drahtverhau, er schlägt unseren Lesegewohnheiten frontal ins Gesicht, sinnlich ist dort rein gar nichts. Reinhard Jirgl spielt auf bewundernswerte Weise mit dem Material und mit der Orthographie der deutschen Sprache, aus den bewussten ‘Fehlern’ erblüht eine Welt von ungeahnten Nebenbedeutungen. In seiner Art erinnert Jirgl am ehesten noch an Arno Schmidt. Textprobe:

“Und bleib inmitten dahinkwellender, mit immer Mehrmensch sich vollsaugender Menge 1fach stehn, stell Koffer & Reisetasche ab: – 1 geschniegeltes Bürschchen im Trenchcoat rempelt seinen Koffer gegen mich, das Scheißpennergesox verfluchend, – & hastet mit fliegendem Mantel weiter; ich blicke mich um.” (Abtrünnig, S. 68)

Nutzen der Füllwörter

05. Juli 2010 von Klaus Jarchow

Wolf Schneider ist einer der größten Eiferer gegen jeden Einsatz von Füllwörtern. Nicht ohne Grund: Kehrte doch mit ihrem Einsatz Verpöntes in den ‘objektiven Qualitätsjournalismus’ zurück: die Wertung, der Sarkasmus, die Ironie, manchmal gar der Humor. Betrachten wir zunächst den unnötigen Einsatz von Fürwörtern.

Auf geplante Steuerersenkungen musste Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten” – das wäre ein ganz normaler Schnarchsatz aus jeder provinziellen Redaktionsschmiede in Deutschland. Ein kleines ‘hinweisendes Fürwort’ aber, eine Deixis, und schon zeigt der Finger auf den notorisch Erfolglosen: “Auf geplante Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten“. Eine sarkastische Note ist dadurch in den Text hineingeraten, nur deshalb, weil der Schreiber plötzlich fürwortgestützt mit dem Finger auf den Übeltäter zeigt, ihn sozusagen persönlich in die Verantwortung nimmt. Mit einem weiteren ‘besitzanzeigenden Fürwort’ ließe sich ihm die Niederlage noch fester ans Bein binden: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten“.

Noch schlimmer wäre der Einsatz eines weiteren färbenden Füllworts namens ‘auch’, dass den Vorgang in eine Reihe von vergleichbaren Niederlagen einbände: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig auch verzichten” … die Nachricht über ein Faktum verwandelt sich prompt in den Abschluss einer mitgedachten polemischen Aufzählung. Richtig rund würde dies Verfahren durch ein zusätzliches ‘noch’: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig auch noch verzichten“. Jetzt ist der Gipfel erreicht, den Eisbecher krönt die Kirsche, dieses letzte Ereignis in einer ganzen Kette setzt dem Nichtskönner die Eselsmütze aufs Haupt.

Zwar wurde der Satz durch jedes dieser ‘Füllwörter’ länger, aber er wurde dadurch eben nicht schlechter, allen journalistischen Ratgebern und Stiltröstern zum Trotz. Nur die ganz hartgesottenen FDP-Parteigänger fänden ihn wohl mit jedem Füllwort empörender. Selbst ’schwammigste’ Worthülsen gewinnen in diesem wert(ungs)steigernden Füllwort-Verfahren ihren Sinn, oft sogar geradezu polemische Durchschlagskraft. Nehmen wir folgendes Faktum: “Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzgelben Koalition seit Oktober 2009“. Es genügt hier ein einziges Füllwort, das an die Girlande angehängt wird wie eine Narrenschelle, um die Ironie erblühen zu lassen: “Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzgelben Koalition seit Oktober 2009 irgendwie” …

Mit Verlaub …

26. Juni 2010 von Klaus Jarchow

Hier ein weiteres schönes Beispiel aus der wildwuchernden und nicht abreißenden Reihe gedankenamputierter Metaphorik, im Volksmund auch ‘PR-Sprache’ oder ‘Gesülze’ genannt:

“Gerade “Stuttgart 21″ ist ein emotionales Feuerwerk.”

Mit Verlaub, bei allem Gründerstolz und aller Selbstgewissheit zum Trotz, Herr Architekt: Ein Feuerwerk tief unter dem Stuttgarter Pflaster? Sieht das da denn jemand?

‘Wording’?

22. Juni 2010 von Klaus Jarchow

Der Leiter des FAZ-Hauptstadtbüros, Günter Bannas, hat sich über die ‘mangelnde Akzeptanz’ im Volk für politische Reformvorhaben höchst elitäre Gedanken gemacht. Er schiebt die Schuld auf ein unpassendes ‘Wording’ der geplanten Einschnitte. Wobei das ‘Wording’ jenen Irrglauben politischer Marketing-Fachleute bezeichnet, die unverdrossen der festen Überzeugung sind, man müsse nur ein perfekt ‘designtes’ Vokabular verwenden, um jede Schweinerei im Volk durchsetzen zu können. Alles Scheitern oder Gelingen in der Politik wäre demnach eine Frage des einheitlichen Wortgebrauchs. Der grundlegende Fehler Angela Merkels sei es beispielsweise, dass sie unvernünftigerweise von einem ‘Sparpaket’ spreche, statt vernünftigerweise von einem ‘Zukunftspaket’, wie es der brave Herr Kauder tut:

“Selbst im sogenannten „Wording“, also der Verbalisierung politischer Ziele, werden Differenzen deutlich, wenn es nicht abgestimmt ist. So bezeichnete unlängst der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Kauder in einem Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ die Verabredungen der Regierungskoalition ausdrücklich als „Zukunftspaket“ – offenbar um dem Ganzen überwölbende Hoffnung zu geben. Frau Merkel benutzte im Gespräch mit dieser Zeitung den Begriff „Sparpaket“. Äußerungen in der Bundesregierung gibt es, Frau Merkel tue sich mit ihrer zur Rationalität neigenden Rhetorik schwer, für die in Aussicht genommenen Projekte zu werben und Sympathien zu wecken. In der Gesundheitspolitik habe die Koalition den Streit um Begriffe schon verloren – weil und solange die CSU, ganz im Widerspruch zur Bundeskanzlerin, diffamierend von einer „Kopfpauschale“ spreche.

Es wäre demnach das Geklingel der Worthülsen, das die Verhältnisse zum Tanzen bringen kann, ein recht platziertes Wort, und die ungerechtesten Vorhaben würden wahr. Dies ist eine idealistische, ja geradezu klippschülermäßige Sicht der Dinge, weil sie den Aspekt der menschlichen Erfahrung völlig außer acht lässt. So weiß bei einer rosarot und positiv dahergesülzten ‘Reform der Unternehmensstruktur’ heute sogar der dümmste Arbeitnehmer – und zwar aus eigener, bitterer Erfahrung -, dass er schon bald massiven Arbeitsplatzabbau und Lohnverschlechterung am eigenen Leib verspüren wird.

Man könnte geradezu eine Gegenthese formulieren: Durch das überhandnehmende ‘Wording’ werden die Ziele, die kommuniziert werden sollen, dem ‘Volk’ immer verdächtiger und fadenscheiniger. Aus Erfahrung haben die Menschen gelernt, dass aus wohlklingenden Wörtern selten etwas folgt, was ihnen auch wohl tut. Diese Wörter sind für sie längst ins Lager der Lüge gewechselt. Deshalb ist ein Wort wie ‘Reform’ heute verbraucht wie ein ausgelutschtes Kaugummi. Die ‘Frames’, die Muster im Gehirn der Menschen, sind inzwischen so gepolt, dass der hageldichte Verbal-Dreck eines weichgespülten Himbeertoni-Gewäsches nur noch Aversion erzeugt und die Alarmglocken schrillen lässt. Dieser einst so probate Sprachgebrauch ist längst ‘durchschaut’.

Man könnte es auch so ausdrücken: Durch die faktischen Resultate des gesellschaftlichen Handelns hat sich das verschleiernde politische Phrasen-Gebimmel, fachgerecht ‘Wording’ genannt, selbst all seiner Wirkungsmöglichkeiten beraubt. Dank der Macht gegenteiliger und realer Erfahrungen: Je schöner es klang, desto hässlicher waren regelhaft die Folgen … und genau deshalb wirken die verführerischsten Schalmeienklänge der Rattenfängerzunft nicht mehr. Das Volk pfeift sich längst einen eigenen Reim darauf.

So kann’s kommen:

19. Juni 2010 von Klaus Jarchow

Mein gutes, altes Wörterblog, das ich im Dienste Holtzbrincks bis 2008 führte, existiert zu meinem Erstaunen immer noch. Dort werkelt jetzt ein Matthias Fuhrmann, der sich den Lesern folgendermaßen vorstellt:

“Als Neologist und Wortvirtuose verschrien, habe ich mir die Kunst der deutschen Sprache über Jahre hinweg angeeignet. An wichtiges Anliegen ist die Schönheit unserer Sprache zu vermitteln und kleine, aber alltägliche Fragen zur Rechtschreibung aus der Welt zu schaffen.”

Ein “An-Eigner” also mit viel Weder und Noch, fällt mir altem Beckmesser da doch ein: Denn ein “Neologist” ist weder, wer rosinenpickerisch ausgewählte Fragen der Orthographie unter ewig gleichen Headlines in immergleicher Sprache abnudelt. Noch sollte ich mich einen “Sprachvirtuosen” nennen, wo ich doch gleich im ersten Text alle Fragen “aus der Welt schaffen” möchte, um blitzeschwingend Platz für meine Verdikte aus dem bleigrauen Himmel Konrad Dudens herab zu schaffen. Auch existiert zwischen “klein” und “alltäglich” kein Gegensatz, der mit einem “aber” zu akzentuieren wäre. Sei’s drum …

Das “Verschrien” aber, das könnte hinhauen, wenn’s auch in meinen Augen ruhig ein Buchstabe mehr sein dürfte, neue Rechtschreibung hin oder her. Denn bei der “Kunst der Sprache” wird jeder Satz ein Beweis. Auch der dümmste …

Unter Fotojournalisten

18. Juni 2010 von Klaus Jarchow

Wenn der Fotojournalist das Wort ‘Multimedia’ hört, dann denkt er vor allem an niemals endende Slideshows, um die sich Verleger mit viel Goodwill reißen. Und nachts träumt er von einem iPad mit 30 Zoll Bildschirmdiagonale, um stets genügend Raum für die Kunst zu haben. Dies mein kurzgefasstes Resumée des gestrigen Tages …

Auf dem Lumix-Festival

17. Juni 2010 von Klaus Jarchow

Zu meiner Überraschung lud mich Professor Rolf Nobel als Mitdiskutanten nach Hannover ein, wohl deshalb, weil ich für die Zeitschrift ‘freelens’ schon mal über Fotografie im Netz schrieb. Im Rahmen des “Lumix Festivals für jungen Fotojournalismus” soll ich dort heute über das Thema “Multimedia – ein neues Medium verlangt neue Fotografen” mit Michael Hauri (2470media), Fabian Mohr (Die Zeit) und Robert Wenkemann (FAZ) Folgerungen aus dem Medienwandel in möglichst bildhafter Sprache in Szene setzen. Hier vorab schon mal das Thesenpapier, das ich mich zur Vorbereitung ‘gestrickt’ habe, so dass es die Teilnehmer anschließend auch im Netz abrufen können:

Kein Blitz, sondern ein Grundbeben – der ablaufende Medienwandel:

Der Medienwandel schlägt in die existierenden Strukturen nicht so ein, wie der Blitz in einen Baum. Es ist ein Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum hinziehen wird, vielleicht sogar über Generationen. Nachdem Gutenberg im 15. Jahrhundert die Druckerpresse grundlegend verbesserte, hielten nicht am nächsten Tag schon alle Bauern die Bibel in der Hand, um sich künftig selbst über Gottes Wort zu informieren. Trotzdem verlor allmählich eine Kaste – die Priester und Schriftgelehrten – ihr Verfügungsmonopol über die himmlischen Geschäftsangelegenheiten. Hundert Jahre später hatten wir dann die Reformation – die bekanntlich weitgehend aus diesem Medienwandel hin zum gedruckten Laienpriestertum folgte. Ähnlich wie den Klostergelehrten damals ergeht es den Journalisten und Fotojournalisten heute. Kleiner Trost für massenmediale ‚Torwächter‘: Es gibt heute, Jahrhunderte nach Gutenberg, immer noch Katholiken und auch Priester – professionelle ‚Gatekeeper‘ zum medialen Himmelreich. Nur ihre Autorität hat erheblich gelitten. Ihr Monopol ist keines mehr.

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