Untauglicher Versuch

06. Mai 2012 von Klaus Jarchow

Springers ‘Welt’ erfreut uns heute auf ihrem Online-Titel mit der folgenden Headline:

“Politiker bangen um das Ende des Sparkurses.”

Auf der einen Seite stünden also ‘die’ Politiker, auf der anderen Seite stünde … ja, wer eigentlich? Die Frage nach den Kursverantwortlichen lässt prompt die heiße Luft aus diesem frisch gebackenen Hefekuchen: “Warum beenden sie ihn denn dann?“. Das Problem ist doch, dass die Mutti und der Schäuble – politisch gesehen – seit Monaten ziemlich ‘allein zu Haus’ sind. Noch nicht einmal die Ökonomen kommen mehr zu Besuch. Diese Wirtschaftswissenschaftler und die anderen Politiker bangen keineswegs, die hoffen – auf einen europäischen Roosevelt.

Korrekt müsste die Headline also lauten: “Bankennahe Politiker bangen um das Ende des Sparkurses.” Statt ‘bankennah’ hätte ich natürlich auch ‘altkatholisch’, ‘liberalfundamentalistisch’, ‘ökonomiefern’, ‘verantwortungslos’, ‘finanzmarkthörig’ oder ein anderes Adjektiv aus der Grabbelkiste flöhen können …

Klare Kante

05. Mai 2012 von Klaus Jarchow

Seit meiner Jugend schon hatte ich für unmissverständliche Headlines ein Faible. An dieser hier gibt es bspw. nichts herumzudeuteln:

“Der Gesundheitsminister lügt.”

Die “sachkenntnisfreien Antworten” sollte die Schreiberin dem Minister aber nicht zum Vorwurf machen. Der Mann ist schließlich von der vergilbten Partei … ohne dies würde man dort nicht das.

Die Welt im Kopf

03. Mai 2012 von Klaus Jarchow

Metaphern haben die Eigenschaft, Vorstellungen evozieren zu können. Ein bildhaftes Wort – und schon wächst die zugehörige ‘Weltanschauung’ in unserem Kopf unwillkürlich heran.

Niemand wird beispielsweise die Journalisten vom Politikteil der FAZ jemals mit Gewerkschaftsfreunden verwechseln. Trotzdem steht in deren Texten diesbezüglich nichts Explizites: “Wir sind Gewerkschaftsfeinde” bspw. oder “Die spinnen wohl!”. Metaphorische Texte arbeiten viel subtiler als ein gewöhnlicher Krakeel-Heinz aus dem Welt-Online-Forum dies je vermöchte.

Beispielsweise schrieb Jasper von Altenbockum in diesem Jahr den FAZ-Kommentar zu den Mai-Kundgebungen deutscher Gewerkschaften, gipfelnd in dem folgenden Satz – und mit der üblichen Gleichsetzung von SPD und DGB:

“Wenn [die SPD] und ihre europäischen Partner deshalb von einem „Wachstumspakt“ in Europa sprechen, meinen sie das steuer- und abgabenfinanzierte Wachstum, nicht das Wachstum, das ermöglicht wird, wenn zum Beispiel das Arbeitsrecht entrümpelt und deshalb die Macht der Gewerkschaften herausgefordert wird.”

Tscha, es ist morgens halb acht FAZ-Zeit, stürmisches Wetter, aber das Feindbild sitzt. Die für das Ideologische zuständige Metapher verbirgt sich hier in dem harmlosen Verb ‘entrümpeln’. Jeder Leser hat sofort einen Dachboden vor Augen, vollgestellt mit abgelegtem Kram aus Vorväterzeiten, er sieht lauter Stolperfallen und fühlt Spinnweben, die ihm übers Gesicht streichen. Wer wollte diesem staubigen Sperrmüll wohl hinterhertrauern?

Mit einem Verb wurde der Leser hier sprachlich gepolt, ein Wörtchen beschwört in seinem Kopf eine Vorstellungswelt. Dies ist die Macht der Metaphern – und die ist sehr viel stärker als die imaginäre ‘Macht der Gewerkschaften’, von der dort wider alle Empirie und Vernunft schwadroniert wird.

Natürlich liegt eine gewisse Komik darin, wenn chronisch Retardierte anderen Leuten vorwerfen, sie seien retardiert. Viel wichtiger aber ist es, zu lernen, hinter die Metaphern zu schauen. Denn Metaphern manipulieren uns intellektuell völlig schmerzlos. Schließlich ist das ‘Gerümpel’, das der Jasper von Altenbockum uns dort nonchalant zwischen die Zeilen kippt, höchst konkret, sobald wir darüber nachzudenken beginnen. Dieses ‘Gerümpel’ meint den Mindestlohn beispielsweise, die Sonn- und Feiertagszuschläge, die Elternzeit, den Kündigungsschutz, die Abfindungen usw., alles das, was Gewerkschaften im Kern ihrer Agenda zu verteidigen pflegen. Mit einer kleinen Metapher wird dies alles umstandslos zu Schrott geschreddert, obwohl solcher Sozialbestand den Arbeitsmarkt überhaupt funktionsfähig hält, wollen wir nicht auf direktem Weg zurück nach Manchester. Die Fundamente der sozialen Marktwirtschaft werden in Jasper von Altenbockums verkehrter Welt auf den Dachboden verlegt und zu Sperrmüll deklariert. Alles geschieht durch ein einziges Wort, das unwillkürlich eine Bildwelt evoziert …

Die Frage bleibt, ob der Jasper von Altenbockum all das bewusst intendierte, als er das kleine Wort ‘entrümpeln’ in die Tastatur klimperte? Das glaube ich wiederum nicht … solche Stanzen haben sich in ihren Wirtshirnen längst eingelebt, sie sind eine Symbiose eingegangen; sie sind zum Hartkäse einer festen ‘Weltanschauung’ fermentiert.

Neidlose Anerkennung!

02. Mai 2012 von Klaus Jarchow

Endlich einmal ein Text, der das Dilemma des Journalismus auf den Punkt bringt – besser: auf 15 Punkte. Diese Bestandsaufnahme ist von Constantin Seibt … mal wieder. In meinen Augen ist der Mann die größte Begabung der deutschsprachigen Publizistik. Bei ihm stimmt einfach alles – das Denken, die Analyse, der Aufbau, die Bilder. Und dieser Text erschien natürlich nicht im Druck, sondern online in seinem Blog. Deshalb, weil der Journalismus auf dem angestammten Hometurf zu einer solch gnadenlosen Bestandsaufnahme und Selbstkritik gar nicht fähig ist. Vor allem stünden jedem Schreiber die oberen Verlagsetagen im Weg:

“Stil ist eines der letzten Tabus und eine der grossen unerschlossenen Ressourcen im Journalismus. Dabei ist der Ton einer Geschichte die Hälfte der Botschaft – und der Ton der Mehrheit aller Zeitungsstorys ist gleich. Und hinterlässt den gleichen monochromen Eindruck – egal, was und worüber der Journalist gerade schreibt.”

Ich frage mich bei einer solch treffenden Analyse bloß, wie viele von unseren Feld-, Wald- und Wiesen-Journalisten übrig blieben, wenn der Stil zum zentralen Attraktor würde? Zehn vom Hundert? Oder noch weniger? Denn Stil ist es doch, was den meisten fehlt … stattdessen regiert ein gnadenloses Verlautbarungs-Plapperlapapp, wodurch alles, was in diesem “neutralen Industrieton” (Seibt) verfasst wird, so anschaulich wirkt wie London im Nebel.

Metaphorisches

02. Mai 2012 von Klaus Jarchow

Gestern unterhielt ich mich mit einem jener seltsamen Vögel, die da meinen, alles Bildliche und Metaphorische innerhalb der Sprache sei nur ‘Redeschmuck’. Damit würde die Sprache nur bunt aufgeputzt wie ein Pfingstochse. Hinter dieser Oberfläche aber wären erst die Filetstücke wahrer Inhaltlichkeit zu finden. Auf sie und deren Nahrhaftigkeit und Gehalt käme alles an, die Bilder aber seien reines Allotria und ‘Ornament’, überkandideltes Hirnflöten von Poeten, gelegentlich recht nett anzuhören, aber für ernsthafte Menschen mit unverspieltem Verstand absolut verzichtbar.

Förmlich das Gegenteil ist wahr: Bilder und Anschauungen formen unsere Gedankenwelt vollständig. Außerhalb der Anschauung gibt es auch keine verständlichen Inhalte. Vom ‘seltsamen Vogel’ über den ‘Redeschmuck’ bis hin zu den ‘Filetstücken’ – alles ist bildhaft, was sprachlich vor Augen geführt werden soll. Die Metapher steht deshalb im Zentrum alles Nachdenkens über Sprache, nicht am Rande des Sprachgeschehens.

Ein schiefes Bild hat immer auch einen schiefen Gedanken zur Folge – male mit deinen Worten ein klares Bild, und du wirst einen klaren Gedanken gehabt haben. Will dein Denken sich nicht zu einem Bild fügen, dann denkst du falsch. Das ist doch naturgemäß und ganz ‘ein-sichtig’ …

Die Bild-Text-Schiene

01. Mai 2012 von Klaus Jarchow

Berlin hat statt der alljährlichen 1.-Mai-Randale ein friedliches Straßenfest erlebt – trotz warmer Nachttemperaturen und reichlich Alkohol. Auch Friede Springers ‘Welt’ kommt nicht umhin, das zu konstatieren:

“In Berlin ist die Walpurgisnacht weitgehend friedlich geblieben. Es gab vereinzelt Stein- und Flaschenwürfe gegen die Polizei. Die zeigt sich optimistisch und spricht von einem guten Zeichen.”

Wie aber illustriert der Redakteuer ‘von Welt’ jetzt dies durch und durch erfreuliche Ergebnis, damit der innere Kompass beim Leser wieder auf den ideologischen Nordpol einschwenken möge? Nun, natürlich so – mit Flammen, Rauch und vermummten Gestalten aus längst vergangenen Jahren. Gepfiffen sei auf Aktualität oder auch bloß Angemessenheit …

 

Die dreifache Negation

30. April 2012 von Klaus Jarchow

Keine Keule ohne Antisemit”, möhrt es uns aus einem Artikel der Jennifer Pyka entgegen, die sich hier schon mal vorhalten lassen musste, dass die eiernde ‘Achse des Guten’ auch von ihr nur selten mit Intelligenz oder Sprachwitz geschmiert wird – und daher stets gar lästerlich daherquietscht. Für die Langsammerker unter uns habe ich den rhetorischen Sündenfall mal explizit aufgedröselt: Keine(1) Keule ohne(2) Anti(3)semit“.

Satzlogisch bietet das Konstrukt jetzt folgende Möglichkeiten der Sinnbewahrung, lösen wir von den drei Negationen jeweils zwei auf – frei nach der alten Prämisse ‘Zweimal Minus ergibt Plus’:

Jede Keule mit Antisemit – das aber ist höherer Blödsinn, weil auch schon ganz harmlose Menschen ohne rassistische Hirndefizite Keulen geschwungen haben sollen. Zum Beispiel bei der rhythmischen Sportgymnastik …

Jede Keule ohne Semit – auch das verletzt die Intelligenz, weil Semiten – so es sie tatsächlich geben sollte – wohl schon mal eine Keule in die Hand genommen haben. Last not least:

Keine Keule mit Semit
– auch nicht besser, siehe Absatz zuvor.

Nicht nur in der Headline hat Frau Jennifer Pyka uns mal wieder einen Text zusammengehäkelt, der absolut keinen Sinn ergibt, wie auch immer man ihn liest …

Piraten jetzt mit Westerwella

30. April 2012 von Klaus Jarchow

So, nun ratet mal, wer Nachfolgerin von Marina Weisband in den Talkshows dieser Republik wird? Richtig geraten: Julia Schramm, die in ihren Artikeln mehr Ichs verwendet als Griechenland Schulden hat. Sie wird diese Auftritte für ihre gnadenlose Selbstvermarktung nutzen. …”

Das ist zugegebenermaßen ein ganz kleines bisschen böse ausgedrückt – aber ich wünschte trotzdem, es wäre von mir. Zugleich ist dies ein Beispiel für jene Textsorten, die nur im Netz so zu lesen sind, weil sich die Printen dafür zu schade sind weil die Zeitungen einen seriöseren Stil bevorzugen …

Ganz genau wie unsere Partei!

29. April 2012 von Klaus Jarchow

Die Bibel ist in ihrem Kern sogar bis zu 5000 Jahre alt und war immer in ihren Aussagen topaktuell.”

Jo, und nu stell di moal vor, du Klogsnacker un CDU-Heinzi, datt dat allens ok örst so fiefhunnert Joar noach Kristi Geburt opschreebn worn wöer, nemmich dat ollens, watt de Onkel Jesus doar doamols föranstaldet hoabn sullt. Und wenn du dat Speel ‘Stille Post’ nu’n beten kennst, denn kannst di joar ook vorstellen, wie woarhoftig dat wol allens weesen wöer, wat doar in de swatten Boock hüt vun ‘Topaktualitätens’ steit …

Maltes Sandkasten

29. April 2012 von Klaus Jarchow

Nun heulen alle auf: Die SPD sieht sich um ein Wahlkampfthema geprellt, die Gewerkschaften um ihre 1.-Mai-Demo, und die FDP steht wieder einmal im Abseits. Allein schon deshalb war der Mindestlohn-Vorstoß der Union ein Erfolg.”

Wer uns solches über “alle” diese elenden Heuler schrub? Nun, das war der Malte Lehming, Chef d’Opinion beim ‘Tagesspiegel’. Vielleicht habe ich’s ja an den Ohren, vielleicht auch nur der Malte – jedenfalls hörte ich weit und breit niemanden ‘aufheulen’. Vielmehr schien Gar-net-erst-ignorieren das Motto der vereinigten Merkel-Gegner, der Vorstoß verpuffte schlicht im politischen Raum. Weshalb hätten sie auch heulen sollen? Weil Merkel in ihr Kielwasser einschwenkt? Aber pssst! – wir wollen nicht weiter stören … der Kleine spielt grad so nett in seiner Traumwelt.