Metaphern haben die Eigenschaft, Vorstellungen evozieren zu können. Ein bildhaftes Wort – und schon wächst die zugehörige ‘Weltanschauung’ in unserem Kopf unwillkürlich heran.
Niemand wird beispielsweise die Journalisten vom Politikteil der FAZ jemals mit Gewerkschaftsfreunden verwechseln. Trotzdem steht in deren Texten diesbezüglich nichts Explizites: “Wir sind Gewerkschaftsfeinde” bspw. oder “Die spinnen wohl!”. Metaphorische Texte arbeiten viel subtiler als ein gewöhnlicher Krakeel-Heinz aus dem Welt-Online-Forum dies je vermöchte.
Beispielsweise schrieb Jasper von Altenbockum in diesem Jahr den FAZ-Kommentar zu den Mai-Kundgebungen deutscher Gewerkschaften, gipfelnd in dem folgenden Satz – und mit der üblichen Gleichsetzung von SPD und DGB:
“Wenn [die SPD] und ihre europäischen Partner deshalb von einem „Wachstumspakt“ in Europa sprechen, meinen sie das steuer- und abgabenfinanzierte Wachstum, nicht das Wachstum, das ermöglicht wird, wenn zum Beispiel das Arbeitsrecht entrümpelt und deshalb die Macht der Gewerkschaften herausgefordert wird.”
Tscha, es ist morgens halb acht FAZ-Zeit, stürmisches Wetter, aber das Feindbild sitzt. Die für das Ideologische zuständige Metapher verbirgt sich hier in dem harmlosen Verb ‘entrümpeln’. Jeder Leser hat sofort einen Dachboden vor Augen, vollgestellt mit abgelegtem Kram aus Vorväterzeiten, er sieht lauter Stolperfallen und fühlt Spinnweben, die ihm übers Gesicht streichen. Wer wollte diesem staubigen Sperrmüll wohl hinterhertrauern?
Mit einem Verb wurde der Leser hier sprachlich gepolt, ein Wörtchen beschwört in seinem Kopf eine Vorstellungswelt. Dies ist die Macht der Metaphern – und die ist sehr viel stärker als die imaginäre ‘Macht der Gewerkschaften’, von der dort wider alle Empirie und Vernunft schwadroniert wird.
Natürlich liegt eine gewisse Komik darin, wenn chronisch Retardierte anderen Leuten vorwerfen, sie seien retardiert. Viel wichtiger aber ist es, zu lernen, hinter die Metaphern zu schauen. Denn Metaphern manipulieren uns intellektuell völlig schmerzlos. Schließlich ist das ‘Gerümpel’, das der Jasper von Altenbockum uns dort nonchalant zwischen die Zeilen kippt, höchst konkret, sobald wir darüber nachzudenken beginnen. Dieses ‘Gerümpel’ meint den Mindestlohn beispielsweise, die Sonn- und Feiertagszuschläge, die Elternzeit, den Kündigungsschutz, die Abfindungen usw., alles das, was Gewerkschaften im Kern ihrer Agenda zu verteidigen pflegen. Mit einer kleinen Metapher wird dies alles umstandslos zu Schrott geschreddert, obwohl solcher Sozialbestand den Arbeitsmarkt überhaupt funktionsfähig hält, wollen wir nicht auf direktem Weg zurück nach Manchester. Die Fundamente der sozialen Marktwirtschaft werden in Jasper von Altenbockums verkehrter Welt auf den Dachboden verlegt und zu Sperrmüll deklariert. Alles geschieht durch ein einziges Wort, das unwillkürlich eine Bildwelt evoziert …
Die Frage bleibt, ob der Jasper von Altenbockum all das bewusst intendierte, als er das kleine Wort ‘entrümpeln’ in die Tastatur klimperte? Das glaube ich wiederum nicht … solche Stanzen haben sich in ihren Wirtshirnen längst eingelebt, sie sind eine Symbiose eingegangen; sie sind zum Hartkäse einer festen ‘Weltanschauung’ fermentiert.