Meinungsschwänke

29. April 2012 von Klaus Jarchow

Nachdem die Piraten sich auf ihrem Parteitag wider Erwarten nicht selbst zerlegen, sondern immer wahlfähiger und – öhem! – ‘seriöser’ erscheinen, stricken unsere konservativen Zeitungen an einer neuen publizistischen Strategie – wie sie nämlich das Piratenvolk bis 2013 ministrabel und zu Merkel’schen Neo-Nibelungen machen könnten:

“Und ganz nebenbei [könnte Bernd Schlömer] für das erste Spitzentreffen mit der Union sorgen.” Anders ausgedrückt – beim ‘Focus’ hören die Orakel wieder mal Buschfunk, das Stethoskop an die Mauern des Kanzleramts gepresst. Und dort drinnen meinen sie, ein sehnsüchtig-rolliges Maunzen zu vernehmen …

“Ahnungslose Piraten sind ideale Koalitionspartner”, schreibt in der ‘Welt’ der Ulf Poschardt, der in der letzten Woche noch kollerkommunizierte, wenn er das Wort ‘Piraten’ nur hörte. Heute gibt er vor, zu glauben, diese Digitalinskijs wären deppert genug für ein neues Schwatzgelb, wobei letzteres – man ist ja kein Unmensch! – dann gern ein wenig mehr ins Orangene changieren dürfte. Und wenn man nur fest genug glaubt und leitblahtikelt …

“Piraten suchen ihren Weg in die analoge Welt,” so sieht Petra Sorge in ihrer verkehrten Vexierwelt beim ‘Cicero’ eine 180°-Halse der Partei voraus, was diese direktemang in Muttis Arme und in den sicheren Hafen analoger Spießbürgerlichkeit führen würde. Wo die Piraten dann auch auf unsere Ick-bün-all-doar-Petra treffen könnten. Motto: Wenn ich die publizistisch-politische Vernunft bin, kommen irgendwann alle bei mir, dem großen Magnetberg, vorbei. Dann gibt’s für alle Butterkuchen …

“Die Luft ist raus bei den Piraten,” wunschvatert dagegen die Financial Times Deutschland, ihre Börsenkurse fest im Blick. Was eher noch der alten Strategie des Niederschreibens entspricht. Na gut, die Wirtschaftsbosse und ihre Lakaien sind immer ein wenig retardierter …

Nur die ‘FAZ’ ist derzeit angenehm schweigsam. So jedenfalls geht’s im leitartikelnden Raum heute zu, wobei es mir schwer fällt, nicht an eine unausgesprochene FDP-Ersatz-Strategie unserer Vorausdenker-Arrieregarde zu glauben …

Disclaimer: Ich bin noch immer kein Piraten-Wähler, ich schaue nur gern Schlagzeilen, wobei ich die vom Vortag im Kopf habe …

Depperte Zerdepperer

28. April 2012 von Klaus Jarchow

Unsere konservativen Journalisten haben in den letzten Jahren so viele Tabus zerbrochen, dass sie heute vor einer Scherbenlandschaft stehen.

Geiler wirkt ein Gegenteiler

27. April 2012 von Klaus Jarchow

Schröders Buch ist mutig und revolutionär.” - – - Wie bitte? – - – Bitte nochmal, sonst glaub’ ich’s nicht: “Schröders Buch ist mutig und revolutionär.”

Jawollja – auf seiner derzeitigen Schwundstufe nennt der deutsche Qualitätsjournalismus aus provokativen Gründen jeden gedruckten Limburger Käse eine duftende Jasmin-Revolution – auch wenn weit und breit keine Argumente existieren und dem armen Leser am Ende nur abgestanden Reaktionäres quer vorm Riechkolben sitzt. Großes Motto: Hauptsache anders!

Sobald unsere Schreibkanone glücklich alle gegen sich hat, bölkt sie von einer mutigen Tat, fordert den Orden für Zivilcourage – und bezeichnet sich selbst als “modernen Mann“, deshalb, weil er den längst verblichenen “feministischen Zeitgeist” aus der Krypta zerren und – Arm in Arm mit der schnuckeligen Ministerin – diese Chimäre dank eines steinzeitlichen Frauenbildes über geheiligtem Familienaltar sofort wieder zurück ins Grab jagen durfte. Störung der Totenruhe in Tateinheit mit Hexenglaube also – während der gleiche Mann privat wahrscheinlich über die Missionarsstellung als Beweis “moderner Liebe bloggt. Ich hab’s mir vorsichtshalber gar nicht erst durchgelesen, sonst artet das hier noch aus.

Auf solche Weise jedenfalls haben unsere journalistischen Aufklärwerke auch schon mal den Sarrazin ins Schwindelnde emporgehudelt …

Und hoch das Bein!

26. April 2012 von Klaus Jarchow

Springers Kampfhunde bei ‘Welt Online’ haben ihren Lieblings-Kauknochen losgelassen, um sich in ein brandneues Objekt zu verbeißen: “Die irrlichternden Piraten markieren den Tiefpunkt basisdemokratischer Subkulturen.” Wieso aber markieren die Piraten diesen Tiefpunkt – und nicht siegestrunken und erhobenen Beins unsere knurrenden journalistischen Kampfhunde? – Egal!

Die Grünen jedenfalls müssen nicht länger allein am ideologischen Kältepol im sibirischen Gefangenenlager unserer hirnvernagelten Kulturkrieger hocken – oh, Herr, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder! Die dank Redaktionsstatut verbohrten Textlinge verhaften trotzdem – bildungsferne Studiengänge wie Jura und Ökonomie mal ausgenommen – ‘buchstäblich’  immer nur den eher akademisch gebildeten Teil unserer Gesellschaft und klagen ihn für alle Übel dieser Welt vor ihren verlegerischen Schnellgerichten an. Nun ja, Rollenspieler halt – sehen überall nur Orks! Dass aber das nationale Leitmedium unserer Republik ein Drittel der wahlfähigen Deutschen schlicht für krawallig und doof hält, das soll hier dann doch nicht unregistriert bleiben: “Ihre Wähler sind so destruktiv wie die Partei selbst.” So pauschal würde ich noch nicht einmal über die FDP daherdenken …

Nachtrag: Och, ich sehe gerade, dass der Schreibmeister selbigen Wirrsals gern mal “mit dem Finger auf das böse, böse Internet da draußen” zeigt – und dann sind die gräuslichen Piraten ja nicht mehr weit …

Übersetzer-Bots

25. April 2012 von Klaus Jarchow

Unter den MMORPGs, den Massively Multiplayer Online Role Playing Games, sind inzwischen viele FTP (‘Free to Play’). Die asiatischen Hersteller solcher Spiele holen sich ihr Geld dann nicht aus dem Verkauf der Spiele, also gleich anfangs beim analogen Griff des Kunden ins Regal, sondern der Spieler kauft sich in den virtuellen Einkaufsstraßen des Spieles, den sog. ‘Item Malls’, nach und nach nette Bonus-Artikel für echte Yuan, die ihm im Spiel dann mehr oder minder große Vorteile gegenüber dem ‘Umsonst-Pöbel’ verschaffen. Virtuell geht’s eben auch oft genauso zu wie im richtigen Leben …

Es gibt einige gute Umsonst-MMORPGs – Aion z.B. oder Perfect World – bei den meisten handelt es sich jedoch um so genannte ‘Asian Grinder’, um Spiele also, wo der Avatar, nur um leveln zu dürfen, ganz ohne Sinn und Verstand stundenlang immer die gleichen Monster meuchelt, nur um Lücken im Spielfluss und in der Storyline zu überwinden. Trotzdem gibt es auch für diese Spiele ein Publikum, und die Südkoreaner und Chinesen haben für ihre Billigware längst den deutschen Markt entdeckt. Als technikgläubige Nationen vertrauen sie auf ihren hastig zusammengezimmerten Download-Pages natürlich auf ‘Translation Robots’. Der Sound ist irritierend, es klingt noch immer so wie damals die Gebrauchsanleitungen für die ersten japanischen Videorecorder:

“Innovative neue Konzept, das ist, was gemacht Magic World Online zeichnen sich vor anderen Titeln. Dieses Spiel ist das erste MMORPG zu integrieren In-Game-Video-Chat-System und offiziellen Roboter-System. Sie sind alle für die Ausübung der Gameplay und die Spieler mehr Zeit zu genießen Echtzeit-Gemeinschaft mit ihren Händen befreit von sich wiederholenden Schleifen von Arbeitsplätzen.”

Ah ja – alles klar! Fast schon eine großphilosophisch-sloterdijk’sche Anmut hatte in meinen Augen dann allerdings der folgende Satz:

“Für den Menschen ist’s letztlich das Schicksal, es gibt keine zugrunde liegenden Twists, biegen Sie links ab!”

100 Jahre Titanic

25. April 2012 von Klaus Jarchow

Es gibt keinen Grund zur Sorge – der globale Kapitalismus ist unsinkbar.

Fakt ist, was mein Artikel sagt

24. April 2012 von Klaus Jarchow

Die Einleitung ist noch völlig okay – als erfahrener Leser wundert man sich nur, dass so etwas in der FAZ steht und aus der tiefschwarzen Feder von Jasper von Altenbockum stammt. Ein paar Zeilen später wird’s dann doch schräg. Denn am meisten erhitzt über die angeblich ‘faschismusinfizierte’ Piratenpartei hat sich bekanntlich Michel Friedman, der Ölprinz der CDU, als er Marina Weisband – ausgerechnet dieser empathischen Deern! – vorwarf, die Piraten schützten allesamt “Nazis, Rassisten und Antisemiten“. Noch nach der Sendung kreischte er ihr hinterher: “Die Piraten sollten gar nicht existieren” (lt. Print-’Spiegel’, S. 27). So lauthälsig pöbelte bislang kein Grüner; solche ‘Shitstorm-Allüren’ blieben Unionsleuten vorbehalten; so etwas hat fast schon Broder’sches Format. Im FAZ-Artikel aber heißt es:

“Doch nun ist endlich ein Mittel gegen die Piratenpartei gefunden – der „shitstorm“ der Etablierten: Sie sei im „braunen Sumpf“ unterwegs, jauchzen ihre Gegner … So ist es auch dieses Mal, zumal bei den Grünen, die am meisten mit dem Aufstieg ihres Stiefkinds zu kämpfen haben.”

Vorn wird der Punkt getroffen, im Nachsatz ist der Text fern jeder Realität. Erstens sind die Piraten kein Stiefkind der Grünen, sie sind ‘pizza‘ und nicht ‘öko‘, auch nicht durch irgendeine politisch-bürgerbewegte Schule gegangen, sie sind kein Fleisch von deren Fleische. Auch die Zahlen weisen darauf hin: So kamen bspw. – ausweislich der Wählerwanderung – bei der Saarland-Wahl 7.000 Piratenstimmen von den Lafontaine-Linken, 4.000 Stimmen spendete die Union, 4.000 verlor die FDP und nur jeweils 3.000 Stimmen stammten von Grünen, von der SPD und von Erstwählern. Nur zu einem Achtel also füttern die Grünen derzeit das Piratenreservoir, andere Parteien sind sehr viel stärker involviert.

Diese Zahlen stehen alle brav im Netz herum und warten auf interessierte Journalisten, sie lassen sich ganz einfach recherchieren. Aber die üblichen Verdächtigen sind natürlich leichter zur Hand, auch weil’s ideologisch so gut ins Weltbild passt. Schließlich verträgt eine gefestigte Weltanschauung keine Grautöne …

Reden, Sabbeln, Seibeln

24. April 2012 von Klaus Jarchow

Von einer Welt-Führungskraft hätte ich erwartet, dass ihre Texte besonders sorgfältig redigiert würden. Weit gefehlt! Wo Andrea Seibel hintippt, windet sich die Grammatik, der Satzbau wird zum Labyrinth und der Leser versteht eigentlich nur noch, dass die Frau gar kein Mitleid kennt, weder mit der Sprache, noch mit dem Pöbel:

“Denn mit diesen Geldausschüttungen in Milliardenhöhe, und so versteht sich die Politiker offenbar einzig, als Geldausschütter, kann man keinen Haushalt konsolidieren, keine Schulden abbauen und schon gar nicht jene Stimmung erwecken, die zukunftstaugliche Strategien in einem Land, das den demografischen Ernst seiner Lage noch immer nicht verstanden hat, erst ermöglicht.”

Allenfalls mit dem Buschmesser wäre ein solcher Satz zu redigieren – und aus welcher Kneipe dieser ‘demographische Ernst’ mitsamt seiner lüttjen Lage dort herausgestolpert kam, habe ich auch nicht ganz verstanden. Aber das ist ja gerade Andrea Seibels Stil, das Popanzschwenken im Satzverhau – oder: möglichst viele neoliberal induzierte Reizwörter in eine grammatische Maulsperre zu pferchen. Also ‘Stimmung erwecken’, dafür, dass ‘Konsolidierung’ ‘in Milliardenhöhe’ nur ‘zukunftstauglich’ sein kann, wenn wahrhafte ‘Strategien’ jene ‘Schulden abbauen’, die natürlich ‘harte Einschnitte’ von all jenen verlangen, die sie nicht gemacht haben – aber nü nüch von unseren Happy Few. So brabbelt der innere ideologisch aufgebrezelte Schreibautomat munter vor sich hin, tut dabei so, als besäße er Vernunft, und kriegt dabei nicht ein einziges Bildchen oder eine Metapher heil aufs Papier:

“Als “Friedensangebot” wird dies parteiintern präsentiert und man erkennt im Rauch der Pfeife, die verschiedene wichtigtuerische Interessengruppen nun schon länger rauchen, nur schemenhaft noch das, was Politik eigentlich auszeichnen sollte, nämlich begründete Entscheidung, Augenmaß, Plausibilität, Sparsamkeit.”

‘Verschiedene Interessengruppen’ nuckeln dort alle an einer ‘Pfeife’ – und zwar ‘schon länger’? Und trotz des Rauchverbots in öffentlichen Räumen? Das erzeugt begreiflicherweise in meiner Vorstellung so viel Qualm, dass ich gar nicht mehr weiß, worauf die Andrea Seibel eigentlich mit mir, dem Leser, hinaus will. Ich weiß nur, dass ich das alles auf gar keinen Fall wollen sollen sollte, was die Andrea Seibel dort als angesengtes Selbstzeugnis schwenkt …

Umdenkbares

24. April 2012 von Klaus Jarchow

Um abwechslungshalber auch bei Reichen und Unternehmen zu sparen, genügt es, deren Steuern fühlbar zu erhöhen.

Erläuternde Beigabe: Seit jede Regierung ratzfatz aus dem Amt gejagt wird, die unter dem Diktat ihrer Bourgeoisie versucht, immer nur in der Unter- und Mittelschicht zu ‘sparen’, führt kein anderer Weg mehr zum Sparziel. Allenfalls die Abschaffung der Demokratie. Tscha, dumm gelaufen, wie übrigens der ganze Neoliberalismus. Wo aber Dummheit re-gier-t …

Gute Frage – nächste Frage:

23. April 2012 von Klaus Jarchow

Geht es beim Streit um „geistiges Eigentum“ wirklich um die Interessen der Urheber oder um die Konservierung von Konzernstrukturen aus dem Zeitalter des Fordismus?”