Prämissen erfinden

Worauf vertraut der Jan Fleischhauer bloß? Darauf, dass es seine Leser auch nicht besser wissen, als er es zu wissen vorgibt? In dieser Woche widmet er sich dem Thema des überschätzten Charisma bei Angela Merkel, der es bekanntlich ein wenig an rhetorischen Gaben mangelt. Um sich zwecks ihrer Verteidigung zu folgendem, geradezu ahistorischem Statement zu versteigen:

“Leider gehen oratorische Begabung und gutes Handwerk selten Hand in Hand. Willy Brandt konnte mitreißende Ansprachen halten, wofür ihn die intellektuelle Klasse nachhaltig verehrte. Seine innenpolitische Leistung allerdings war eher dürftig, weshalb der Sozialdemokrat das Regierungshandwerk bald lieber seinem vergleichsweise kurz angebundenen, aber dafür entscheidungsfreudigen Finanzminister Helmut Schmidt überließ. Auch Kurt Georg Kiesinger, der als begabtester Redner seiner Generation galt, war ein eher unrühmliches Ende beschieden, wie man sich erinnert.”

Was für ein Bullshit! Die Sozialdemokratie hatte zu jener Zeit das Glück, gleich drei überragende Rhetoriker zu haben: einen Herbert Wehner, der aus einem Malstrom ineinanderverflochtener Nebensätze heraus seine Suada plötzlich in einer Reihe tödlicher Invektiven gipfeln ließ; einen Willi Brandt, der das Humanistische und Allgemein-Menschliche ohne Kitsch und Pathos beschwören konnte; und eben jenen Helmut Schmidt, der als “Schmidt-Schnauze” und gefürchteter Debattenredner dank seines Sarkasmus und seiner tödlichen Ironie mit jedem beliebigen Gegner den Boden des Plenarsaals feudeln konnte. Mitnichten ist es also so, dass auf einen rhetorisch begnadeten Polit-Schwächling – wie es Willi Brandt gewesen sein soll – dann ein rednerisch eher unbegabter Pragmatiker und Polit-Profi wie Helmut Schmidt gefolgt wäre. Auch mit der Mär von der Redekunst eines Kurt-Georg Kiesinger ist es nicht weit her – das alles sind nur Fleischhauers Erzählungen, fern jeder Realität. Denn Partizipialwürstchen und substantivierte Verben kennzeichneten den Kiesinger’schen Schlafwagenstil:

“Aus den dadurch notwendig gewordenen Koalitionsverhandlungen ist die neue Regierung der Großen Koalition hervorgegangen. Die Verhandlungen der Parteien haben zu der wohl bisher gründlichsten Bestandsaufnahme der Möglichkeiten und Notwendigkeiten deutscher Politik vor einer Regierungsbildung geführt.”

Das also ist der Kiesinger’sche O-Ton. Was also bleibt uns von den Fleischhauer’schen Behauptungen der Woche? Steile Thesen ohne Fundament. Weder steht Angela Merkel rhetorisch in einer Reihe mit Helmut Schmidt, noch steht Kurt-Georg Kiesinger auf Augenhöhe mit Willi Brandt. Was Fleischhauer praktiziert, ist schlicht ein Journalismus, der sich wie sein Ahnherr ständig am eigenen Schopf aus dem selbstgequirlten Sumpf zu ziehen trachtet …

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9 Antworten zu “Prämissen erfinden”

  1. Dierk sagt:

    Fleischhauers Unwissen in Sachen deutscher Geschichte ist ja bald legendär. Er behauptet tatsächlich, dass Willy Brandts innenpolitische Arbeit dürftig gewesen sei und er deswegen Schmidt das Amt übergab? Wow. Das ist ja wirklich in jeder Hinsicht Kappes – und lässt die fast unglaubliche außenpolitische Leistung komplett außen vor, vermutlich, weil es bei Merkel und Westerwelle eben gerade um diese geht.

    Soweit ich weiß – und das ist natürlich auch nur aus zweiter und dritter Hand, weil ich gerade geboren war, als die große Koalition antrat -, war Kiesinger weder als brillanter Redner noch als großer Visionär von seiner Partei auserwählt worden, sondern gerade als praktischer Beamtentyp.

    Allerdings sollten wir Fleischhauer nicht Unrecht tun, seine Albernheiten laufen bei SPON als Kolumne im Sinne des persönlichen Kommentars. Meines Erachtens sollten zwar auch dabei Fakten und Realität nicht zu sehr strapaziert werden, aber eine tiefere und breitere Recherche ist nicht gefragt.

  2. Klaus Jarchow sagt:

    @ Dierk: Ich bezweifle, dass unser Schenkelklopfer es schlicht nicht besser weiß. Dann könnten wir ihn unter ‘Wissensbasis unzureichend’ abhaken und ein ‘Versetzung gefährdet’ konstatieren. Ich glaube aber, der Mann redet ‘contre coeur’, er weiß es eigentlich besser – und behauptet trotzdem solchen Blödsinn. Das allerdings grenzt dann an Demagogie …

  3. Panther sagt:

    Fleischhauer schreibt wie Bild; er lässt gern aus und polarisiert in seinem Links – Rechts Schema. Wo Bild den dumpfen Stammtisch und alle gefühlt zu kurz Gekommenen im Blick hat, die sich gern am Unglück oder den angeblichen Verfehlungen der anderen hochziehen und stabilisieren, da bedient er die Schadenfreude und unaufgearbeiteten Traumata des konservativen Spektrums.Er positioniert sich dauerhaft und profitabel in der gefühlten und von ihm etablierten Marktlücke:’ Jetzt zeigt es jemand den Linken mal endlich’ . Wahrscheinlich ist er heimlich Mitglied in einer schlagenden Verbindung und pilgert jedes Jahr zum Grab vom Preussenkönig, um auf die wahren, wirklichen, deutschen Werte mit einem Gläschen Cola anzustoßen.
    Nur wenn er an einen schlagfertigen Politiker mit Hintergrund gerät, wie vor einigen Monaten an Oskar Lafontaine, dann ist sehr schnell die Luft heraus und er schrumpft argumentativ auf das arme Würstchen Niveau; der Zuhörer geht mit einem Achselzucken zu wichtigen Dingen über.

  4. fellow passenger sagt:

    Ein Troll versucht Aufmerksamkeit zu erlangen, indem er mit unsachlichem und widersinnigem Gepolter provoziert und Diskussionen stört. Das scheint Jan Fleischhauer ja ganz gut von der Hand zu gehen.

  5. Klaus Jarchow sagt:

    @ panther: Er darf gern so ‘rechts’ oder ‘links’ schreiben wie er will, er soll uns nur faktisch keine Grützwurst daherschmaddern. Dass er das permanent tut, dass er bspw. einen Schmidt zum ‘schlechten Redner’ umdrapiert, das regt mich weit mehr auf als seine verirrte und randständige politische Position.

  6. Panther sagt:

    @ Klaus Jarchow: Was erwarten Sie, wenn jemand die Fakten seinen Meinungen anpasst? Das ist ja der Kern seiner Schreibe und damit fährt er kommerziell gut. Viele Aufreger, viel Aufmerksamkeit und so erreicht er eine hohe Beachtungs-Quote. Fellow Passenger hat schon recht, er ist ein Troll. Und Trolle hungern nach Aufmerksamkeit. Die sollten wir ihnen entziehen.

  7. Julius Jux sagt:

    Feuilletroll.
    Gibt viele davon.

  8. Politikfreak sagt:

    Ich habe Schmidt auch als guten Redner in (dunkler) Erinnerung. Fleischhauer ist ein Polemiker vor dem Herrn, und ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll, dass er eine Plattform bekommt, auf der er der Linken genau dies unentwegt vorwerfen kann.

  9. M. Boettcher sagt:

    Fleischhauer ist Baujahr 1962. Von Willy Brandt weiß der gar nichts, – 1966, als Brandt Außenminister wurde, ging F. noch in den Kindergarten, – und bei H. Schmidt dürfte er bewusst gerade noch dessen letzten aktiven Jahre mitbekommen haben. Vermutlich kennt er ihn nur als Elder Statesman, hat ihn aber kaum selbst erlebt oder seine gar sein scharfe, prägnante und auch verletzende Rede je gehört. Kurz, er fabuliert mit dumpfen Sprüchen für die, die wie er keine Ahnung haben.

    M. Boettcher