Publizistik aus böser Sicht

Deine ‘Journalistenhasserjournalisten’, das sei doch eine Chimäre, diese Leute hätte es nie in ernstzunehmender Anzahl gegeben, so etwas musste ich mir nach diesem Text am Telefon anhören. Allenfalls krähe mal ein Motzblogger wie Don Alphonso in seinen Blogs gegen die pöse ‘Johurnaille’ herum. Nach meinem eher historischen Hinweis auf Karl Kraus hieß es: “Ach, Karlchen Kraus, das war doch ein Solitär, ein absoluter Einzelfall”. Ist das so? In meinen Augen sieht die Geschichte doch etwas anders aus, nicht nur bei Karl Kraus, der den “Untergang der Welt durch schwarze Magie” beschwor, also durch die Druckerschwärze der Zeitungen.

Eigentlich ging es schon bei der Gründung des Berufsstandes los: Wer jemals H. H. Houbens Kompilationen der Spitzelberichte an Metternich las, der weiß, dass nahezu der gesamte Vormärz-Journalismus bereitwillig der Zensur des ‘Policeystaates’ als Zulieferer diente, Selbst ein Heinrich Heine entblödete sich nicht – initiiert von James Rothschild – eine Pension des französischen Staates für PR-Dienstleistungen “ganz famillionär” einzustreichen, auch wenn er damit nicht Preußen diente, sondern einer konstitutionellen Monarchie. Von Anfang an gab es Käuflichkeit in der Publizistik, wohin man auch blickt, vielleicht mit Ausnahme von Ludwig Börne oder Karl Gutzkow, die als geborene ‘Journalistenhasserjournalisten’ diese biegsamen Gestalten in ihren Briefen dann gehörig glossierten.

Von Schopenhauer, Johannes Scherr und auch Theodor Fontane, der selbst in einer solchen Charaktermühle lange fronte, bei der preußischen Kreuzzeitung nämlich, sind uns ergreifende Schilderungen dessen überliefert, was dem Feld-Wald-und-Wiesen-Journalisten an devoter Gelenkigkeit zu jeder Zeit abverlangt wurde. Anderswo war es übrigens nicht anders, ziehen wir die einschlägigen Texte von Balzac oder Zola heran, oder später auch die Berichte eines Mencken, eines Hunter S. Thompson oder eines David Foster Wallace aus den USA. Selbst im Film, z. B. in Billy Wilder’s ‘Extrablatt’, ist doch nicht der berufsflüchtige Jack Lemmon die entscheidende Figur, sondern die journalistische Entourage aus seelisch gescheiterten Dutzendschreibern, die ihn dort qualmend und saufend umgibt. Kurzum – Journalismus war nie ein schöner Beruf, der Redlichkeit oder Charakterstärke im Übermaß verlangt hätte. Eher im Gegenteil.

Ausreißer gab es allerdings auch immer – nehmen wir nur Kurt Tucholsky. Wer in der Gesamtausgabe das Register im Band XXII mit einschlägigen Begriffen befragt, der findet eine Fülle von Sottisen und Interna über das korrupte Zeitungswesen. Der Weltbühnen-Star kannte das Geschäft, von Ullstein bis zur AIZ hatte er das gesamte Terrain beackert. Auch dort, wo es besonders schmutzig wurde, nämlich in der Provinz, kannte er sich aus. Unser größter Journalist war damit zugleich der größte Journalistenhasserjournalist deutscher Zunge. In gewisser Weise lässt sich auch sagen, dass die ‘Weltbühne’ ein Blog war, bevor es solche gab: wenig Leser, kaum Inserate, manchmal große Wirkung.

Über den kommandierten Journalismus in der braunen Zeit brauchen wir keine Worte zu verlieren. Erstaunlich ist es allenfalls, wie viele bekleckerte Gestalten nach dem Krieg, frisch verkleidet als ‘aufrechte Demokraten’, in allen möglichen Blättern Unterschlupf fanden, eine Geschichte, an die der DJV bis heute keine Historikerkommission heransetzen mag. Das Auswärtige Amt ist da schon weiter als diese Verwalter der berufsständischen Öffentlichkeit in Deutschland. Und über die Zustände, die während des Wirtschaftswunders und danach in deutschen Redaktionen herrschten, geben uns bspw. die Tagebücher eines Fritz J. Raddatz erschöpfend Auskunft – sogar über Rudolf Augsteins dunklere Seiten. Dieser hochgebildete Zeit-Feuilleton-Chef, dem heute nur noch ein Frank Schirrmacher von gleich zu gleich begegnen könnte, der war der geborene ‘Journalistenhasserjournalist’, wie eigentlich alle Großen dieser seltsamen Zunft, während bei den kleineren Lichtern Funktion und Selbstbild oft in nahezu schizophrener Weise auseinanderklaffen.

Der ‘Journalistenhasserjournalist’ ist daher kein Charakter, der einer durch und durch anständigen Publizistik jüngst erst aus dem dunklen Sumpf und aus  den Kloaken des Internet erwuchs, das neue Medium gibt ihm nur den nötigen Freiraum. Wurde der Nestbeschmutzer zuvor einfach aus der Redaktion hinausgebissen, so lässt sich dies im Internet, wo jeder seine eigene Zeitung sein kann, nicht mehr so leicht bewerkstelligen. Diese Unangreifbarkeit ist daher das eigentlich Neue.

Zu den derzeitigen ‘Journalistenhasserjournalisten’ zähle ich übrigens – neben dem bereits erwähnten Don Alphonso – zum Beispiel den Jens Berger, der unserer Mainstream-Publizistik täglich vorführt, ohne dabei in Verschwörungstheorien zu verfallen, wie sich mit ein wenig mehr Recherche ihre gewohnten Themen auch komplett gegen den Strich bürsten ließen. Auch den Christian Jakubetz rechne ich hinzu, den Tom Schimmeck, in der Schweiz zum Beispiel den Fred David, selbst der Michael Spreng schwimmt sich zunehmend biographisch frei … diese und viele mehr sind Journalisten, die zumindest eine leichte bis mittelschwere Aversion gegen den real existierenden Journalismus entwickelt haben, sie sind Realisten und daher ‘Journalistenhasserjournalisten’, also von der besseren Sorte.

Tags: , , , , , , , ,

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.