Seriöser Stil

Wenn mein Vater einen Text als ‘unseriös’ einstufte, dann waren die ‘seriösen Quellen’, die er stattdessen einforderte, allemal diejenigen, die seiner Meinung entsprachen. Der Spiegel war also per se unseriös – und die FAZ seriös. Denn die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die konnte er ‘ernst’ nehmen – die ‘linke Kampfpresse’ rund um den Spiegel dagegen nicht. Vom lateinischen Wörtchen ‘seriosus’ für ‘ernst’ leitet sich dieser Begriff ‘Seriosität’ auch ab.

‘Unseriös’ waren meinem Vater aber auch Haustürvertreter, Politiker, Gewerkschaftler und Rechtsanwälte ohne Notarstitel, dazu alle Verträge, die mehr als eine Seite Kleingedrucktes benötigten, amerikanische ‘Negermusik’, italienische Autos, die Katholiken und vieles mehr. Seriosität meinte für ihn immer auch das Bewährte und das Bekannte, die Grenze verlief entlang seiner Vorurteilsstruktur – und gerade diese Bedeutungsebene führt uns näher heran an das Phänomen eines seriösen Stils.

Wenn Kunden von mir einen seriösen Stil bei einem Textauftrag fordern, dann verlangen sie allemal einen solchen Stil, wie er im jeweiligen Genre ‘bräuchlich und üblich’ ist. Für mich sind dies natürlich die einfachsten Textaufträge – was ich den Kunden natürlich nicht sage – ich muss dafür die Welt nicht extra neu erfinden, ich verwende die existierenden Vokabeln und die eingeführten Bilder, und ich werde zum gewissermaßen zum ‘Sprachplagiator’ alles dessen, was sich auf dem Markt tummelt und ‘bewährt’ hat. Seriosität ist für mich das, was am wenigsten intellektuelles Hirnschmalz von mir fordert – man könnte auch sagen: Seriosität ist pure Konvention, jener Stil, ‘der alle Erwartungen befriedigt’, weil er nur Bekanntes bringt. Kurzum: Seriosität ist Konservatismus ‘in disguise’ …

Zugleich ist Seriosität damit der Feind jeder Innovation und jedes Experiments. Wenn also ein Kunde einen ‘seriösen UND innovativen Ansatz’ verlangt, dann bin ich sozusagen ‘in den A… gekniffen’. Regelmäßig bin ich drauf und dran, den Kunden auf eine Ehrenrunde zu schicken, bis er sich für eins von beiden entschieden hat. Meistens siegt bei mir dann doch die Geldgier – und ich habe die Quälerei am Hals, aus der dann ein spitzgedackelter Zwitter resultiert, eine traditionelle Copy mit einer innovativen Headline-Struktur, oder etwas anderes in der Art.

Wichtig in unserem Zusammenhang ist dabei der folgende Merksatz: Wer seriös schreiben will, muss sich strikt auf ausgetrampelten Pfaden bewegen. Die grünen Wiesen ringsum haben ihn nicht zu interessieren. Seriosität hat auch nur wenig mit der Nähe zur Abbildung einer Realität zu tun, wie ich es gestern im ‘Spiegelblog erlebte. Robert Guder, vom Rote-Couch-Blog, schrieb dort in den Kommentaren:

“Eigentlich sollte seriöse Berichterstattung auf sprachliche Tricks verzichten. Denn die können die Bedeutung eines Textes vernebeln”.

Die Aussage ist natürlich in dieser Form nicht haltbar. Seriosität ist keinesfalls mit dem Dogma eines ‘Objektivitätsstils’ im Journalismus gleichzusetzen – oder zumindest nur insofern, als dass dieser dpa-Stil ja nur eine ‘Konvention’ ist, die gerade deshalb, weil sie eine ist, uns nicht mehr aufstößt. Dieser Stil ist aber keinesfalls einer, der auf rhetorische Mittel oder ‘Sprachtricks’ verzichten würde. Im Gegenteil, gerade dieser normative Stil des Alltagsjournalismus ist ein hochartifizielles Gebilde, ähnlich dem Beamtendeutsch, das eine Menge von ‘Sprachtricks’ – von der Abstraktion über die Beglaubigung bis hin zu bekräftigenden Zwillingsformen – regelhaft einsetzen muss, um den gewünschten Anschein von Objektivität erst zu erzeugen. Wie jeder andere Stil, kann nämlich auch dieser Stil in Wirklichkeit keine Realität abbilden – wozu der analysierende Haupttext von T. Engelbrecht dort im Spiegelblog das schönste Anschauungsmaterial bietet. Weil der nämlich dort die reale Faktenferne eines solchen ‘seriösen Textes’ in allen Details aufgedeckt hat.

Die Erde ist ein Planet, auf dem es Flöhe gibt“, das wäre laut Hermann Hesse ebenfalls eine seriöse und völlig objektive Aussage, die dazu meilenweit von jeder Lüge entfernt ist. Was auch jeder sofort einsieht, der schon einmal Katzenflöhe in der Wohnung hatte. Zugleich ist eine solche Aussage aber schlimmer als die Lüge, weil sie in aller Objektivität ‘das Wesen’ der Dinge verfehlt. In diesem Sinne ist es keine ‘wahre’ Aussage. Genau so verfährt eben auch der seriöse faktenhuberische Objektivitätsstil oft genug: Alles ist faktisch, nichts ist wahr oder richtig. Wer das dann seriös nennen will, soll dies tun …

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2 Antworten zu “Seriöser Stil”

  1. Robert Guder sagt:

    Ein schön zu lesender Text, dem ich im allgemeinen auch zustimmen würde.

    Aber:
    “Die Aussage ist natürlich in dieser Form nicht haltbar. Seriosität ist keinesfalls mit dem Dogma eines ‘Objektivitätsstils’ im Journalismus gleichzusetzen”

    Dummerweise war meine Aussage nicht so klar formuliert, wie ich es dachte, bzw. ist die Bedeutung meines Kommentars, wie ich sie intendierte, in der Kürze ‘verloren’ gegangen. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Aussage in dieser Form nicht haltbar sei. Noch habe ich behauptet, dass nur ‘Objektivitätsstil’ Seriosität verspricht. Wie Sie schön bemerkt haben, kann solch ein Stil auch die ‘Wahrheit’ (oder Sachgehalt, nennen Sie es, wie Sie es wollen) vernebeln.

    Den gesammten Sachverhalt habe ich bereits beim Ursprungsbeitrag, aus welchem mein Kommentar zitiert wurde, gepostet. Deswegen belasse ich es hier, weiter darauf einzugehen.

    “Wie jeder andere Stil, kann nämlich auch dieser Stil in Wirklichkeit keine Realität abbilden”

    Das mag auf den ersten Blick richtig sein, aber im Endeffekt stimmt das nicht ganz. Der Satz steht und fällt mit dem Umgang (bzw. der Bedeutung) der Wörter ‘Realität’ und ‘abbilden’. Denn Sprache kann durchaus die Realität abbilden, bzw. sie bildet definitiv die Realität ab. Sicherlich kann man behaupten, das die Sprache die Realität nicht abbilden kann. Aber dann ist es sinnlos, überhaupt von Abbildern zu sprechen. Denn ein Abbild kann nie das Original so darstellen, wie das Original ‘geschaffen’ ist. (Das kann keine Photographie, kein Film, kein Tonband). Damit kommen wir aber zu dem Umgang des Wortes Abbild, bzw. meinem Umgang mit dem Wort ‘Abbild’. Hier sieht es wiederum anders aus, denn ich sehe in einem Abbild eine verzeerte Darstellung des Urbildes. Dies kann von einer feinen Verzeerung (wo man den Unterschied kaum, oder gar nicht merkt, zBsp ein gutes Photo) bis hin zu einer groben Verzerrung reichen, die einem direkt ins Gesicht springt (wie zum Beispiel ein nach Vorlage gemaltes Bild). Genauso ist die Sprache ein Abbild der Realität. Es mag ein grob verzerrtes Abbild sein, doch bleibt es ein Abbild.

  2. Klaus Jarchow sagt:

    @ Ich bin kein Positivist, eher Anhänger einer ‘Zwei-Welten-Theorie’. Ganz kurz, und daher notwendigerweise falsch gefasst: Wir Menschen leben in zwei ‘Wirklichkeiten’: 1. In einer erfahrbaren, vorsprachlichen Sinneswelt, die wir mit Augen, Ohren, Haut usw. erleben. 2. In einer symbolischen Welt, wo wir mit Sprache, Denken usw. dann das Beschreiben und Deuten dieser Erlebnisse vornehmen, alles das, was dann Sozialität, Regeln oder ‘Gesellschaft’ erzeugt.

    Von der Art der Beschreibungen hängt wiederum ab, in welcher Gesellschaft wir leben. Die ‘neoliberale Auslegung’ hat bspw. gerade mächtig abgewirtschaftet, sie gilt deshalb nicht länger als ‘objektiv’, jede Ausgabe der Financial Times vor zwei Jahren wäre eine ‘Lachnummer’. Damals lachte aber niemand. Die neue, kommende Beschreibung üben derzeit alle Schreiber noch ein. Wenn das neue Deutungsmuster dann etabliert ist, wird es wieder ‘objektiv’ oder ‘seriös’ heißen. (Denk-)Strukturen, die dafür verantwortlich sind, heißen Paradigmen. Alles aber, was wahr und falsch heißt, das ist nicht in den Dingen, es ist im Kopf und zwischen den Köpfen …