So schön war Panama!

Nochmals einige Absätze aus meinem Buch, weil’s so schön mit Stefan Niggemeiers ‘Rant’ von gestern zusammenpasst, mit der großen Lüge vom ‘Qualitätsjournalismus’ und mit noch so mancherlei, was die Mythenschmiede aus diversen PR-Schuppen uns derzeit auftischen möchten:

“… Miriam Meckel ist eine erfolgreiche Karrierefrau mit einer wechselvollen Biographie. Die Lehrerstochter startete als Redakteurin für den WDR, wechselte dann rasch als Moderatorin zu freien Fernsehsendern, um sich danach – ohne selbst Genossin zu sein – für die SPD zu engagieren. Sie wurde Regierungsprecherin unter Wolfgang Clement, also in jener wirtschaftsgenehmen Zone, wo die SPD von der Union kaum noch zu unterscheiden ist. 2005 folgte erwartungsgemäß der Ritterschlag der Wirtschaft: Sie wurde an die ökonomische Hochburg der Schweiz, an die Universität Sankt Gallen, als Professorin für Unternehmenskommunikation berufen. Die Partnerin der PR-Agentur Brunswick gibt dort und als Mitglied der Lobbygruppe ‚Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft‘ (INSM) ihr Wissen an Entscheidungsträger weiter.

Für die FAZ schrieb die Kommunikationsexpertin einen trostreichen Text über den Medienwandel[1]. Er erschien vermutlich deshalb unter dem Titel „In der Grotte der Erinnerung“, weil Miriam Meckel hier die unwiderrufliche Medialvergangenheit ein letztes Mal zu einem Zukunftsmodell verklären durfte. Zunächst aber malt sie uns den Teufel an die Wand:

„In der Medienzukunft gibt es keinen traditionellen Journalismus mehr. Stattdessen berichten Bürger für Bürger, indem sie ihre Lebenserfahrung und die Beobachtungen ihrer Lebenswelt im Netz veröffentlichen. Und wenn nicht eine Stiftung sich bereit erklärt, für Recherche zu bezahlen, dann beruht diese Bürgerberichterstattung auf nichts anderem als der permanenten Reproduktion und Neukombination von vorhandenen Informationen, wie sie im Netz längst üblich ist.“

Es ist der alte Vorwurf der Selbstreferentialität, des bloßen Recyclings von ‚Informationen‘ also, die hier konsequent und fern aller Wissenschaft als ‚Dinge‘ gedacht sind, während der wahre und schöpferische Journalismus doch jederzeit ganz neue Ereignisse aus dem Boden zu stampfen vermag, die dann wiederum in den Plapperbuden des Netzes endlos zerredet werden könnten. Da ich wiederum nicht glauben kann, dass Frau Meckel von neuen Kommunikationstheorien gänzlich unbeleckt ist, muss es sich wohl um eine Form von ‚Dummenfang‘ oder um Public Relations handeln. Und wirklich zeichnet sie das krude Bild einer medialen Hierarchie in der Nachfolge von Popper und Habermas – oben die hochweisen Mandarine, unten der orientierungsbedürftige Pöbel:

„Bislang ist es der Journalismus, der die Menschen mit Neuigkeiten aus der Welt versorgt, sie durch gut recherchierte und erzählte Geschichten interessiert und fasziniert. Das bringt zum Beispiel nicht nur dem Leser einer Tageszeitung oft ein Lesevergnügen, es sorgt auch für die soziale Synchronisation unserer Gesellschaft. Journalisten beobachten die Welt mit der Aufgabe und Zielsetzung, das Ergebnis ihrer Beobachtung professionell aufzubereiten und es als Nachricht, Bericht oder Reportage wieder in die Gesellschaft einzuspeisen. Diese Informationen machen es möglich, uns in einer komplexen Lebenswelt zu orientieren, uns der eigenen Zugehörigkeit zu dieser Welt zu vergewissern, indem wir uns aus einem Informations- und Themenfundus bedienen, der diese Komplexität reduziert und Momente der gesellschaftlichen Verständigung generiert.“

Das ist nichts als der altbewährte Mythos vom ‚modernen Qualitätsjournalismus‘, der heute die Rolle der Bibel oder der ‚Sinngebung‘ übernommen haben soll. Der Gegenbeweis zu solchen Schilderungen ist leicht zu führen. Besucht man zum Beispiel ‚rivva‘, eines der großen Aggregatorportale für das deutschsprachige Netz[2], dann bietet sich schlicht und zumeist ein anderes Bild: Der Löwenanteil der Themen wird im und aus dem Netz heraus generiert. Stunden später erst springen Altmedien gelegentlich auf ein solches netzgeneriertes Thema an. Platziert doch einmal ein prädigitales Medium ein Thema auf diesem Portal, dann heißen zumeist die ‚Blogs‘, die dann auf das Thema verlinken, ‚Focus online‘, ‚Welt online‘, ‚Zeit online‘ usw.

Die größte Selbstreferentialität wird also im altmedialen Bereich erzeugt, dort, wo die Journalisten unentwegt nur aufeinander Bezug nehmen, natürlich ohne Links zu setzen, wo das Rudel am ‚Newsdesk‘ ein- und dieselbe Geschichte immer wieder umschreiben darf. Das also wäre dieser ominöse ‚Qualitätsjournalismus‘, von dem Stefan Niggemeier jüngst – und natürlich im Netz – nachwies[3], dass dies im Kern nur ein Kampfbegriff der vereinigten Verlegerschaft ist, um ihr obskures Leistungsschutzrecht politisch durchzusetzen: Es handelt sich um Wortqualm also, um PR-Getöse …

Und exakt dies ist auch die Aufgabe, der Miriam Meckels Text mit hehren Worten dient. Ohne das Wort ‚Leistungsschutzrecht‘ auch nur zu erwähnen, weiß der Kundige sofort, welcher „materielle Gegenwert“ hier derzeit in Rede steht – es ist die aberwitzige ‚Google-Steuer‘, die Deutschlands Verleger der großen Suchmaschine auferlegen möchten, weil diese für ihre Produkte Werbung betreibt:

„Eine Gesellschaft, die ihre soziale Synchronisation durch Journalismus zur Liebhaberei erklärt, darf sich nicht wundern, wenn diese Liebhaberei auch nicht steuerlich abzugsfähig ist. Es reicht daher nicht, fortwährend über neue Geschäftsmodelle im Internet zu philosophieren und Werbeeinbrüche zu beklagen. Der Journalismus muss sein Überleben auch selbst in die Hand nehmen und für sich argumentieren. Er muss seine Kunden überzeugen, dass journalistische Qualität einen sozialen Wert hat, der wiederum eines materiellen Gegenwerts bedarf. Und dafür muss eine Gesellschaft bezahlen.“

Die ‚soziale Synchronisation‘ wäre in Miriam Meckels Augen also gefährdet, jene Habermas’sche Funktion der Massenmedien, eine ‚formierte Gesellschaft‘ zu schaffen, eine Welt, wo ‚die da oben‘ das Wort führen, und ‚die da unten‘ deren Ansichten hingebungsvoll zur Kenntnis nehmen. Man könnte auch sagen: Das politische Ziel des Qualitätsjournalismus wäre es demnach, eine blökende Herde von bloßen Medienkonsumenten zu schaffen, die als brave Mäh-Schafe das repetieren, was der Diskurs ihrer Eliten ihnen vorgibt – ob der nun in der INSM entsteht oder in der vereinigten Verlegerschaft. Die Zeiten ideologischer Überformung von materiellen Interessen sind allerdings vorbei – und sie kehren dank des Medienwandels auch nicht zurück. Auch nicht mit der großen Mythenmetzin Miriam Meckel. Die ‚Öffentlichkeit‘ strukturiert sich künftig mikromedial.


Tags: , , , ,

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.