Sprichwörtlich falsch
Je länger, je mehr gehen mir Sprichwörter und Redensarten auf den Senkel. Nicht deshalb, weil sie so ausgelatscht sind wie ein altes Paar Gummistiefel (und ähnlich duften), sondern vor allem deshalb, weil sie schlicht nicht wahr sind oder bloß höheren Blödsinn verkünden.
So sagte mein Nachbar, ein Bauunternehmer, er müsse jetzt weiter: “Zeit ist Geld!”. Denke ich nur kurz über diese Plattitüde nach, dann folgt das “Häh?” dieser Wortperle unmittelbar auf dem Fuß: ‘Zeit ist Geld’ ist schlicht sinnloses Gebrabbel, ebensogut könnte ich formulieren: Sprache ist Moral, Müll ist Medizin, Frauen sind Frohsinn, Wodka ist Weisheit usw. Wäre nämlich Zeit Geld, dann müsste derjenige, der über viel Zeit verfügt wie bspw. ein Langzeitarbeitsloser, stets besonders viel Bares auf dem Konto haben. Während der Manager mit dem überbordenden Terminkalender am Hungertuch nagt. So aber hat Gott die Welt bekanntlich nicht geschaffen …
“Der Klügere gibt nach”, sagte ein sanftmütig gestimmter Freund von mir gern. Er hasste Konflikte, ließ Unfähigere um des lieben Friedens willen passieren und gab seiner Frau immer recht, nur um seine Ruhe zu haben. Heute ist er geschieden, seine Ex lässt sich längst von einem ‘richtigen Kerl’ durch den Haushalt und die Betten scheuchen, auch aus seiner Firma flog mein Freund als erster raus, der Rest des Intrigantenstadls folgte erst ein Jahr später, und wenn einst Gevatter Tod an seinem Bett steht und sagt ‘Komm!’, dann gibt er als Klügerer vermutlich wieder nach. Lebensuntauglichkeit putzt sich hier als sprichwörtliche Klugheit auf …
“Der Glaube kann Berge versetzen” sagte eine Sozialpädagogin aus meiner Bekanntschaft gern. Rings um sie her starben ihre Freunde und Bekannten wie die Fliegen, sie aber klammerte sich an ihr Placebo-Sprüchlein wie einst die Zeugen Jehovas auf unserem Dorf, die auch alle Jahre wieder aus ihrem Himmelreichssaal auf irgendeinen Hügel zogen, um als wahrhaft Gebenedeite den Weltuntergang zu erwarten. Am nächsten Tag kehrten sie regelmäßig bedröppelt zurück. Kurzum – in der Realität versetzt selbst der Glaube nichts.
Sprichwörter sind in der Regel also nicht wahr – auch den Satz, dass Hunde, die bellen, nicht beißen, könnte ich am Beispiel des Köters zwei Höfe weiter problemlos falsifizieren. Sprichwörter, diese Sinngebungen des Sinnlosen, wirken zumeist deshalb überzeugend, weil sie in rhythmisch gebundener Form uns Trost in jeder Lebenslage zu spenden vermögen, und zwar in maximaler Distanz zum Intellekt und zur Alltagserfahrung. Es handelt sich um Restbestände magischen Denkens …
Tags: Redensarten, Sprichwörter
02. September 2011 um 16:10
“Zeit ist Geld” umschreibt den Sachverhalt der Opportunitätskosten. Wenn ich meine Zeit mit sinnlosen Kommentaren auf einer Webseite wie dieser verschwende statt sie produktiv einzusetzten, dann lasse ich “Geld auf dem Tisch” liegen. Zeit ist knapp und alles was knapp ist hat eine Preis. In diesem Sinne. Carpe Diem! Oder ist das auch ein Kalauer? Sprichwörter sind Lebensweisheiten, die sich oft bestätigt finden. Da beist die Maus keinen Faden ab. Aber mit Speck fängt man Mäuse – Kpchenschaben auch!
02. September 2011 um 16:12
aber ja, Sprichwörter sind wie Annekdoten… nur eben Allgemeingut und keine Räuberpistolen. Das hinterfragt man nicht.
02. September 2011 um 16:12
Anektdote
02. September 2011 um 19:22
Zeit ist knapp? Seit wann? Wie sagt ein anderes Sprichwort: ‘Wenn wir alles so viel hätten wie Zeit …’ Und wie wirkt sich das eigentlich auf Löhne aus, ob jemand 16, 12, 8 oder 6 Stunden am Tag arbeitet? Wer von denen verdient mehr – und warum nicht?
03. September 2011 um 07:17
In Abwandlung, wegen Lebenerfahrung: Und immer, wenn Du denkst es geht nicht mehr, fällt Dir ein Scheinwerfer auf den Kopp …
“Schuster bleib bei deinen Leisten” ist auch so ein Leistungs-/(Aus-)Lebensverhinderungsspruch. Wirklich wahr: Wer den Schaden hat, …
03. September 2011 um 10:10
@ Horst Bartschick: Falsch tradierte Übersetzungen kommen noch hinzu. Das Horazische ‘Carpe Diem’ wird heute zumeist erzprotestantisch mit ‘Nutze den Tag’ übersetzt. Dabei heißt es – einem alten Hedonisten wie Horaz auch sehr viel gemäßer – ‘Pflücke den Tag!’, oder frei ins Deutsche übersetzt: ‘Genieße jeden Tag’ – anstatt ihn mit blödsinniger Arbeit zuzuschütten. Irgendwann steht sowieso der Gevatter mit der Hippe vor der Tür …
03. September 2011 um 22:29
sag ich doch… Zeit ist knapp. “Blödsinnig” ist mir zu unspezifisch.
Vervollständigen wir doch den wertvollen Hinweis auf Horaz:
Diese Lebensregel findet sich in den Oden (I, 11,
des römischen Dichters Horaz (65-8 v. Chr.), wo es heißt: Carpe diem quam minimum credula postero (Greif diesen Tag, nimmer traue dem nächsten). Sie läßt sich auch mit Nutze den Tag! oder Genieße den Augenblick! wiedergeben und wird dementsprechend entweder als Aufforderung zitiert, seine Zeit nicht mit nutzlosen Dingen zu vertun, oder als Rechtfertigung für eine auf Genuß und diesseitige Lebensfreude ausgerichtete Einstellung, die wenig Sinn im ängstlich-vorsorgenden Sparen und Planen für die Zukunft sieht.
(c) Dudenverlag
03. September 2011 um 22:46
übrigens, wenn der gute Freund Sensenmann kommt, dann ist auch Ihre Zeit gekommen und abgelaufen. Dann ist es an der Zeit, die Zeit tot zu schlagen – samt des Gevatters. Denn wer will schon erkennen, dass der letzte Tag bereits rum ist und nicht vor einem liegt?
@ Mike: Da haben Sie jetzt aber Sprichwörtlich alles über einen Leisten geschlagen! Ist nicht jeder seines Glückes Schmied? (es heißt “bleib bei deineM Leisten” und bedeutet, dass man sich nicht um die Dinge scheren soll, von denen man nichts versteht. Passt also.)
@ Dierk. Troll dich.