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Life’s a Carousel

Montag, 08. März 2010

Die Sprache mit ihrem starken Magen mag sich vom Wortschatz her verändern. Hie und da wird eine neue sprachliche Pretiose – bspw. ‘Benchmarking’, ‘Leistungsträger’ oder ‘Volatilität’ – dem alten Bluff aufgepfropft, die Tiefenstruktur der Argumentation aber bleibt sich gleich. Oft über Jahrhunderte hinweg. Ein Beispiel:

Am Beginn der Industrialisierung herrschte in England eine beispiellose Armut, der sog. ‘Pauperismus’, verschärft noch durch Missernten, hohe Kornzölle im Interesse der Gentry und die massenhafte Einwanderung von Iren. Angesichts der Überlastung der traditionellen Armenfürsorge setzte die britische Regierung 1832 eine ‘Königliche Kommission’ ein, bestückt mit den Sinns und Rürups der damaligen Zeit. Sie sollten die Ursachen dieses Elends ‘erforschen’.

Diese Kommision kam zu wahrhaft revolutionären Folgerungen, die einer bisher noch immer christlich fundierten ‘Caritas’ geradewegs ins Gesicht schlugen: Die Arbeiter würden deshalb nicht arbeiten, weil die öffentliche Fürsorge ihnen mehr eintrüge als die real existierenden Hungerlöhne auf Englands Farmen und in der Industrie. Die Handlungsempfehlungen lauteten jetzt nicht etwa, dass die Löhne steigen müssten, nein, die ‘Experten’ kamen zu dem Schluss, “dass die Unterstützung gesunder Arbeiter mit öffentlichen Geldern die Wurzel allen Übels” sei. Das englische Parlament beschloss daraufhin im Jahr 1834 das “Poor Law”, um dem faulen Pack Beine zu machen. Die Alternative für einen Armen lautete jetzt, Arbeit auf dem ‘freien Markt’ für ungenügenden Lohn, oder aber Arbeit für ‘Sachleistungen’ in einem Armenhaus bei Wasser und Brot – mit anderen Worten: Sie gingen ins Gefängnis, weil aus der Armut ein Verbrechen wurde. Im Kern ging es diesen Experten darum, “das Los des von den steuerzahlenden Bürgern erhaltenen Paupers weniger begehrenswert zu machen als das des ärmsten für sich sorgenden Arbeiters“. Das Lohnabstandsgebot war geboren.

Das “Poor Law” wirkte dann allerdings anders als gedacht: Es kam zu blutigen Straßenunruhen, die Unterschichten organisierten sich erstmals, und das Gesetz wurde zur Geburtsstunde der Chartisten, einer Bewegung, die mittelfristig mit der Forderung nach einem freien und gleichen Wahlrecht auch die Privilegien der geld- und grundbesitzenden Eliten hinwegfegen sollte.

So gesehen, sind Westerwelle und Consorten heute immerhin schon – oder noch immer – auf dem politischen Bewusstseinsstand von 1832 angelangt. Die sprachlichen Moden wechselten, die Argumente blieben. Ob unsere ‘Liberalen’ allerdings die absehbaren Folgen im Kopf haben, die in England schon einige Jahre später einsetzten, das glaube ich nicht. Man sieht aber, dass vieles, was heutzutage unter dem Etikett ‘Reform’ segelt, blanker Traditionalismus ist, liberaler Traditionalismus sozusagen …