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Verwandlung durch Wandel

Freitag, 27. November 2009

Mein Freund Udo kam Anfang der 80er Jahre aus Poona zurück, braun gebrannt und mit einem seligen Grinsen auf dem Gesicht. Am auffälligsten war die rote Kleidung, die er trug, die plötzlich allen in der WG rosafarbene Unterwäsche einbrockte, dann, wenn eine seiner Unaussprechlichen in die gemeinsame Wäsche geriet. Stellten wir ihn deswegen zur Rede, mussten wir ihn auf seinen Wunsch hin Swami Bodi Prenh nennen (oder so ähnlich). Er sei nämlich ‚erweckt‘ worden, sagte er, und hätte sich in einen neuen Menschen verwandelt. Tatsächlich – der Junge lachte viel mehr als früher, er war anscheinend immer gut drauf, das ewige Grübeln war verflogen, und auch ich in meiner Neugier begleitete ihn gelegentlich in das Center in der Roonstraße, wo er seine zweite Heimat gefunden hatte, um herauszufinden, was mit seinem Gehirn wieso geschehen sei.

Dort im Center gab es dann Tee und vegetarisches Essen, es wurde heftig meditiert, im Fernsehen liefen ständig irgendwelche ‚Lectures‘ des bärtigen Wunderrabbis, alle lachten wie die Honigkuchenpferde und abends jobbten viele in der Bhagwan-Disco. Probleme gab es einfach nicht, ‚Das ist doch dein Ding!‘ lautete die rituelle Antwort auf alles Negative, begleitet von einem ‚Finde es selbst heraus!‘. Wer Fragen stellte, geriet unweigerlich in eine gefährliche selbstreflexive Zone: „Hast du dir schon mal überlegt, warum du mich das jetzt fragst?“. Auf alle Fragen gab es Fragen …

Für mich unverbesserlichen Heiden bestand die angenehmste Erfahrung in dem Frauenüberschuss unter diesen Mala-Behängten. Verbunden mit einem strikten Verbot, irgendwelche festen Beziehungen einzugehen, außer spirituell zum großen Bhagwan natürlich. Lauter ehemalige Psychologinnen, Lehrerinnen und Sozialwesen suchten dort regelmäßig nach Triebabfuhr, ohne mir auch nur einmal ‚Ich liebe dich‘ ins Ohr zu säuseln. Für einige Monate verwirklichte sich für mich der alte Sponti-Spruch: „Wer zweimal mit derselben pennt …“ – oft genug in einer einzigen Nacht, schließlich hatten alle Schlafräume sechs Betten. Was war ich damals noch fit!

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