Artikel mit ‘Cicero’ getagged

Einfach mal was behaupten!

Donnerstag, 16. Februar 2012

Rechtsintellektualität ist bekanntlich eine ‘contradictio in adiecto’, ein Widerspruch in sich. Und so sehen die dazugehörigen Zentralorgane auch aus. Trotzdem versuchen manche Magazine aus Gründen publizistischer Ausgewogenheit mit noch mehr Urinbeschau und Pendelei auch ein steuerbordseitiges Publikum kontinuierlich zu bedienen. Eines dieser verlegerischen Projekte, das aus Gründen des Attention-Phishing dann gern auf Autoren aus dem Umfeld der ‘Achse des Guten’ oder der Schweizer ‘Weltwoche’ zurückgreift, heißt in Deutschland ‘Cicero’.

Regelmäßig muss dort an Bord dann wohl konservativ induzierter Vernunftalarm herrschen. Denn von den üblichen Positionen bis zur Wand ganz rechts ist es nicht weit, wenn man auch sonst ein elitäres Selbstverständnis pflegt und bedient – der ganze Dampfer krängt dann unversehens weit hinüber zur Wasserlinie, was nicht nur das Flanieren, sondern auch das Ablassen der argumentativen Rettungsboote stark gefährdet. Trotzdem – gegen intellektuelle Notfallübungen der Upperclass wäre aus Gründen der allgemeinen Verkehrssicherheit gar nichts einzuwenden, sofern die dort vertretenen Ansichten rational verhandelbar wären. Was sie oft genug aber nicht sind.

So stellt in dieser Woche ein gewisser Beda M. Stadler aus dem Dunstkreis der Blocherschen Köppelschen ‘Weltwoche’ in seinem Sandkasten die Schlachten von gestern nach, indem er sich – nachdem der Zug längst abgefahren ist – für die Atomkraft in die Bresche schlägt: „Wenn Deutschland aussteigt, sind wir alle verloren“, lautet der Titel des Elaborats, dem gleich anfangs ein gewisser Wachtturm- und Kassandraton damit kaum abzusprechen ist.

(weiterlesen…)

Mit einer Unze Denunze …

Donnerstag, 26. Januar 2012

Man könnte jetzt meinen”, “Es scheint so”, “Das wirkt wie”, “Auf den ersten Blick” … im journalistischen Sprachgebrauch gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, Sachverhalte, die einem nicht in den Kram passen, durch einen kleinen ‘Vorreiter’ unterschwellig zu bestreiten, ohne sie ausdrücklich und argumentativ demontieren zu müssen. Der Schreiber stellt den Leser gleich anfangs in die erwünschte Positur zum Sachverhalt.

Dass bspw. die USA ein Gerechtigkeitsproblem haben, wäre faktisch kaum zu bestreiten, ziehen wir uns die harten volkswirtschaftlichen Daten über Einkommensentwicklung, Steuerlast etc. aus der Schublade. Allerdings passt solche Faktizität manchmal nicht zum politischen Programm, wie in diesem Fall beim ‘Cicero’. “Was tun?”, sprach schon Lenin, ein Autor, der in diesem Fall Christoph von Marschall heißt. Unser Schreiber greift zum kurrenten Kleingeld jedes Stilisten, und zieht sich eine altbewährte Denunze aus der Tasche:

“Mitt Romneys Steuererklärung wirkt wie der Beweis, dass Amerika ein Gerechtigkeitsproblem hat.”

Was hat er gesagt? Es ‘wirke’ nur so, hat er gesagt. In Wahrheit zwinkert er dem ideologisch gleich gepolten Leser aus besseren Kreisen Anderes, ja Gegenteiliges behauptend zu. Dabei lautet doch der Satz, formuliere ich ihn objektiv auch nur halbwegs tragfähig: “Mitt Romneys Steuererklärung liefert den Beweis, dass Amerika ein Gerechtigkeitsproblem hat.

Journalistische Perfidie

Montag, 26. Dezember 2011

Selten wohl gab es eine solche journalistische Treibjagd wie diejenige, die derzeit dem Bundespräsidenten dicht auf den Fersen sitzt – die Welle hat sich, glaubt man den Schlagzeilen, noch längst nicht totgelaufen:

“Aus dieser Nummer kommt Wulff nicht mehr raus.”

“Warum den Bundespräsidenten niemand mehr kaufen würde.” Usw., usf.

Das sind nur zwei Headlines von vielen, die derzeit aktuell auf journalismusbetriebenen Online-Repräsentanzen zu finden sind. Einigen Journalisten wird es längst unbehaglich beim allgemeinen Wulff-Bashing, sie werfen dem eigenen Berufsstand schlicht Perfidie vor.

Richtig perfide wird das mediale Aufschäumen allerdings erst dann, wenn im großen Ballyhoo dieser Altmedien ein Journalist zum Weißwäscher wird, sein ‘Haltet den Dieb!’ blökt und es unternimmt, professionelle Fehlleistungen und Überschusshandlungen des eigenen Berufsstandes dem verhassten Internet in die Schuhe zu schieben, den verachteten Bloggern und dem anderen Gesindel. So wie dies der Christoph Seils tut, im ‘Cicero’, dem Fachmagazin für das konservativ gestylte Vorurteil:

“Sieht man von einigen wenigen Grenzübertretungen ab, dann haben sich die traditionellen Medien in der Berichterstattung der letzten Tage über Christian Wulff … im Großen und Ganzen an die journalistischen Regeln … gehalten. Nur im Internet scheinen diese Regeln nicht zu gelten. Dort kursieren über Christian Wulff und seine Freunde, sein Privatvermögen und über sein Privatleben die wildesten Gerüchte und Viertelwahrheiten. Nichts ist bewiesen, manches erstunken und erlogen. Einige anonyme Blogger kennen dabei kein Tabu mehr, für sie scheinen weder die Regeln des Anstands noch das Presserecht zu gelten.”

Tscha, wie blind darf sich ein schreibendes Wesen eigentlich stellen? Natürlich geht’s bei der Seilschen Suada ohne jeden Beleg oder eine Verlinkung ab. Fundstellen dürften auch rar gesät sein, denn im Netz ist doch eher der Aufruf zur Besonnenheit daheim, so wie im Blog von Wolfgang Michal, der dort eine zumindest bedenkenswerte These aufstellt:

“Nicht die Blogger und Twitterer haben sich den Leitmedien angepasst, sondern die Leitmedien den Bloggern und Twitterern. Herausgefordert durch deren kräftige (oft populistische) Sprache, greifen nun auch etablierte Medien immer häufiger zu drastischen Begriffen und Vergleichen, fordern eilends Rücktritte und rigorose Konsequenzen, und zelebrieren die unfreiwilligen Abgänge aus dem öffentlichen Leben als reinigende Buß- und Sühneopfer fürs Volk.”

Als Kette von Folge und Wirkung gesehen halte ich diese These zwar ebenfalls für tendenziös, denn es ist die Kommerzialisierung der Altmedien, wo die Betriebswirtschaftslehre längst die Artikel diktiert, was diese Radikalisierung und Boulevardisierung bewirkt. Zumindest aber schlägt Wolfgang Michal nicht den präsidialen Sack, wo er den journalistischen Esel meint. Das große Medienspektakel ‘Die Meute jagt den Wulff’, das findet derzeit vor allem im Print statt – dort, wo man auf Auflage schielt und die Umsätze mehr als seine Sätze zu achten hat.

Fightin’ the Obvious

Donnerstag, 08. September 2011

Bestreiten, was niemand je behauptete – das zählen erfolgreiche Populisten zu ihren vielversprechenderen Strategien. Den meisten Menschen ist es bspw. unmittelbar klar, dass die moralisierenden Grünen nicht zu den Egomanen, zu den Soziopathen und zu den Narzissen zu zählen sind, zu jenen also, die sich selbst gern als ‘Liberale’ bezeichnen, weil sie sich auf ihrem Karrierepfad einen Dreck um die Gesellschaft kümmern. Alexander Grau verkündet uns das im Cicero als Sensation:

“Liberale gehen davon aus, dass der Mensch frei ist, autonom und selbstbestimmt. Er hat das Recht, sein Leben gegebenenfalls egoistisch, verantwortungslos und alles andere als nachhaltig zu führen. … Politik darf aus liberaler Sicht nicht den Versuch darstellen, einen Lebensstil durchzusetzen und sei er noch so umweltschonend, tolerant, multikulturell, kinderfreundlich und am Gemeinwohl orientiert.”

Und deswegen, weil Grüne eben nicht so lebten wie die immobilienmakelnde Kokainschwuchtel mit SUV und FDP-Bapper vor der Tür, deswegen seien – tätä! – die Grünen auch nicht ‘liberal’. Dolle These, niemand hätte je gedacht, dass dies der Fall sein könnte. Im ‘Cicero’ aber wird aus einer Null-News ein Zwei-Seiten-Bericht.

Faktisch war es doch seit jeher so: Die Grünen setzten die bürgerliche Elternpädagogik auf nachhaltiger Ebene fort, nur dass es nicht mehr hieß “Hast du dir die Hände gewaschen?”, “Hast du die Hausaufgaben gemacht?”, sondern “Hast du den Müll getrennt?” und “Hast du Fair-Trade-Kaffee gekauft?”. Kurzum – jeder bürgerliche Sprössling fühlte sich schon zu meiner Sturm-und-Drang-Zeit bei den Grünen gleich wieder wie zu Hause.

Gefährlich wäre – Alexander Grau zufolge – dieser zutiefst bürgerliche Lebensstil, wie ihn die Grünen propagieren, deshalb, weil sich unter seiner Ägide die Menschen nicht länger ‘wie die Wildsau’ verhalten dürften. Grau sieht diese Beschränkungen, die nebenbei auch ursächlich für das Strafgesetzbuch und andere Einrichtungen sind, als unzulässige Beschneidung einer grenzenlosen Freiheit durch korporative Regeln. Im Grunde – dies der Kern seiner Argumentation – will er uns den Anarchismus als Liberalismus verkaufen:

“Liberalismus wird vom grünkonservativen Mainstream so lang toleriert, wie er für Bürgerrechte kämpft, gegen Diskriminierung oder gegen den Überwachungsstaat. Schwierig wird es jedoch, wenn Liberale sich konsequenterweise auch für das individuelle Recht einsetzen, nicht nachhaltig zu sein, nicht sozial, nicht verantwortungsvoll oder auch nur nicht emanzipiert.”

Liberalismus wäre demnach das Recht jedes Einwohners, so doof, asozial und verantwortungslos zu sein, wie er will. Und mit dieser zutiefst antibürgerlichen Einstellung wundert sich Grau, dass die FDP abkackt?