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Auf dem Lumix-Festival

Donnerstag, 17. Juni 2010

Zu meiner Überraschung lud mich Professor Rolf Nobel als Mitdiskutanten nach Hannover ein, wohl deshalb, weil ich für die Zeitschrift ‘freelens’ schon mal über Fotografie im Netz schrieb. Im Rahmen des “Lumix Festivals für jungen Fotojournalismus” soll ich dort heute über das Thema “Multimedia – ein neues Medium verlangt neue Fotografen” mit Michael Hauri (2470media), Fabian Mohr (Die Zeit) und Robert Wenkemann (FAZ) Folgerungen aus dem Medienwandel in möglichst bildhafter Sprache in Szene setzen. Hier vorab schon mal das Thesenpapier, das ich mich zur Vorbereitung ‘gestrickt’ habe, so dass es die Teilnehmer anschließend auch im Netz abrufen können:

Kein Blitz, sondern ein Grundbeben – der ablaufende Medienwandel:

Der Medienwandel schlägt in die existierenden Strukturen nicht so ein, wie der Blitz in einen Baum. Es ist ein Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum hinziehen wird, vielleicht sogar über Generationen. Nachdem Gutenberg im 15. Jahrhundert die Druckerpresse grundlegend verbesserte, hielten nicht am nächsten Tag schon alle Bauern die Bibel in der Hand, um sich künftig selbst über Gottes Wort zu informieren. Trotzdem verlor allmählich eine Kaste – die Priester und Schriftgelehrten – ihr Verfügungsmonopol über die himmlischen Geschäftsangelegenheiten. Hundert Jahre später hatten wir dann die Reformation – die bekanntlich weitgehend aus diesem Medienwandel hin zum gedruckten Laienpriestertum folgte. Ähnlich wie den Klostergelehrten damals ergeht es den Journalisten und Fotojournalisten heute. Kleiner Trost für massenmediale ‚Torwächter‘: Es gibt heute, Jahrhunderte nach Gutenberg, immer noch Katholiken und auch Priester – professionelle ‚Gatekeeper‘ zum medialen Himmelreich. Nur ihre Autorität hat erheblich gelitten. Ihr Monopol ist keines mehr.

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Der Dialog

Donnerstag, 09. April 2009

Ob Bericht von der re:publica oder Literatur – ohne die Wiedergabe dessen, was gesagt wurde, kommen wir beim Schreiben nicht aus. Grundsätzlich haben wir zur Reproduktion des Gesagten zwei Möglichkeiten.

Zunächst die schwierigere Form, die „indirekte Rede“: Um klarzustellen, dass nicht ich, der Schreiber, etwas gesagt habe, sondern derjenige, von dem ich berichte, benutzen wir im Deutschen den Konjunktiv I. Eine Verbform, die allerdings so viele Tücken hat, dass selbst der gemeine Nachrichtensprecher sich auf die Hilfspolizisten „sei“, „habe“ und „solle“ zu beschränken pflegt: „Die Kanzlerin stellte fest, dass die Gespräche in einer sehr freundschaftlichen Atmosphäre verlaufen seien. Man habe festgelegt, dass der Dialog im Frühjahr fortgesetzt werden solle“.

Ins Stottern kämen oft selbst Profis, wenn sie eine Äußerung meinerseits – „Ich esse gerade“ – in die indirekte Rede übersetzen sollten. Korrekt wäre: „Klaus Jarchow sagte, er esse gerade“. Falsch dagegen: „Klaus Jarchow sagte, er isst gerade“. Wohingegen der Satz „Klaus Jarchow sagte, er äße gerade“ nur eine pseudo-gewählte Dämlack-Stanze wäre, die mit dem Irrealis, also dem Konjunktiv II, dem Text einen ganz neuen Sinn unterschiebt: Ich hätte demnach gelogen und bloß behauptet, dass ich äße, obwohl ich in Wirklichkeit doch gar keinen Bissen zu mir nahm. Kurzum – an den Klippen des Konjunktivs geraten die meisten Schreiber in schwere See, obwohl diese grammatischen Formen unverzichtbar sind, wollen wir das Potenzial der Sprache ausschöpfen.

Besser ist es trotzdem oft, die direkte und wörtliche Rede zu verwenden. Aber auch da … auch da klappern im Dialogischen dann gern die Stricknadeln des Ewiggleichen.

Auf die Umfrage „Welche stilistische Phrase hassen Sie am meisten?“ antwortete Alfred Döblin: „Er sagte“. Und natürlich zählt diese endlose Reihung von „sagte er“, „antwortete sie“, „sagte wiederum er“, „bemerkte sie“ in jedem schlechteren Roman zum unvermeidlichen Schlummerlied des unbegabten Autors für seinen Leser.

Jedoch auch diese Phrasen lassen sich stutzen wie die Brennesseln am Wegesrand. In den meisten Fällen geben wir einen Dialog ja nicht Wort für Wort wieder, das hielte der ausgebuffteste Leser nicht aus. Wir beschränken uns auf die „Essenz“ des Dialogs, auf die wichtigen und bezeichnenden Äußerungen. Wenn wir die Zuordnung des Textes nun so vornehmen, dass aus dem Inhalt der wörtlichen Rede schon deutlich wird, wer etwas gesagt haben muss, dann müssen wir nicht mehr mit einem ewiggleichen „er/sie sagte“ auf den jeweiligen Sprecher explizit verweisen. Ein solcher Text ähnelt also einem Drehbuch, bei dem man die Namen der Schauspieler ja auch nie zu sehen bekommt – er erzeugt einen Film vor dem inneren Auge.

Ein Meister dieses Verfahrens war Ernest Hemingway. Er kam mit einem Minimum an „sagte er“ und „sagte sie“ durchs literarische Leben. Deshalb zum Abschluss hier ein kurzer Auszug:

Brett sah mich an.
„Es war idiotisch von mir, dass ich weggereist bin“, sagte sie. „Man ist verrückt, wenn man aus Paris weggeht.“
„Hast du dich gut amüsiert?“
„O ja. War interessant, nicht wahnsinnig amüsant.“
„Irgendwen gesehen?“
„Nein, fast niemand. Bin nie ausgegangen.“
„Hast du nicht gebadet?“
„Nein, hab gar nichts gemacht.“
„Klingt wie Wien“, sagte Bill.

Erst in dieser letzten Zeile ist das „sagte“ wieder notwendig, weil der gute „Bill“ sich jetzt als dritte Person in den Dialog des unglücklich veranlagten Paares aus Hemingways ‘lost generation’ einschaltet.

Bei Willi Wichtig unterm Sofa …

Sonntag, 22. März 2009

Ich weiß auch nicht, woher ich’s weiß, dass es sich wohl um ein Willi-Wichtig-Treffen handeln muss, wenn der beworbene Rummel ‘Future of Communication‘ heißt. Es könnte an diesem hölzernen Englisch liegen, das immer mehr nach der Bizziniss-School klingt als nach dem Normalnull des gewöhnlichen Erdenbewohners, oder es ist die Zierpetersilie dieser exquisiten Wortgarnitur … jedenfalls ist der innere Kommentar dann, wenn’s zu unbarmherzig an den Nerven des Lesers zerrt, eine gute Einübung für jede Kritik. Auch dann, wenn dieser Kommentar eigentlich noch nicht druckreif ist. Sei’s drum.

Denn mit gehaltvollem Stoff umzugehen, so, wie er uns allzu oft aus Marketing-Abteilungen, aus Unternehmensberatungen und Trendbüros entgegenschwappt, dazu gehört ein starker Magen. Hier eine mögliche Kombination aus einem solchen Intro-Text und der daraus folgenden abwehrstimulierenden Mentalsekretion, die ich in eckigen Klammern einfügte. Zur Illustration des Vorgangs der ‘allmählichen Gedankenverfertigung’ habe ich diesen verborgenen Vorgang als Paralleltext einfach hier mal offen gelegt, denn beim Lesen treffen immer zwei Personen aufeinander. Daher gibt es auch unausweichlich diesen Dialog, nur meistens achten wir nicht darauf:

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