Diskurse beschneiden
Donnerstag, 14. Juli 2011Arnulf Baring, der in deutschen Talkshows längst Statler und Waldorf in Personalunion verkörpert, beherrscht jenes unauffällige Verfahren besonders gut, von dem hier die Rede sein soll. Ich meine damit nicht seine Unart, alle, die nicht seiner Meinung sind, als ‘Simpel’ auszuschreien, auch nicht seinen altersstarrsinnigen Hang zur überschnappenden Suada, die sich durch moderierende Intervention dann kaum mehr bremsen lässt – ich meine den diskreten Einsatz kleiner verbaler Stoßtrupps, die ebenso unauffällig wie wirksam sind.
“Deutschland sei nun mal eine Exportnation“, verkündete Arnulf Baring jüngst bei Anne Will, als es um den Export von 200 Kampfpanzern nach Saudi-Arabien ging. Dieses Hilfswortgeschwader “nun mal” zeigte dem kommenden Diskurs gleich mal seine Grenzen auf, indem es eine argumentative Fragwürdigkeit als Banalität drapierte, als etwas, was doch jedes Kind weiß.
Gerade, weil diese beiden Wörtchen so unscheinbar sind, setzte sich in der Folge auch niemand mehr über die gezogene Linie hinweg. In der Realität aber ist dieses Pseudo-Argument einer behaupteten Faktizität völlig sinnfrei, denn mit dem Hinweis darauf, dass Deutschland “nun mal” Exportnation sei, ließen sich ebenso Menschenhandel, Opiumexport oder Giftgasschiebereien rechtfertigen. Arnulf Baring aber hatte sein Beinchen gehoben, niemand mochte an dem Pfosten mehr riechen – und so überschritt auch kein Diskursteilnehmer mehr die Grenzen des markierten Reviers: Das Betreten der Rasenfläche war verboten.
In die gleiche Kategorie fällt bei Baring der Einsatz des Beiworts “eben”. Das Marktgeschehen sei “eben keine moralische Verstaltung” durften wir von ihm lernen. Prompt waren wiederum erfolgreich alle ethischen Kategorien aus der Diskussion eliminiert, selbst wenn der Todenhöfer noch ein wenig wider den Stachel löckte.
Auch diese sinnfreie Äußerung eines rabiat-konservativen Geschichtsprofessors fällt – schauen wir bloß mal genauer hin – in das Genre interessierten Geschwurbels zu Zwecken der Diskursabwehr. Schon der Blick auf die übliche Praxis großer Unternehmen zeigt, dass die Moral sehr wohl mitten in der Wirtschaft angekommen ist. Millionenausgaben für Programme der ‘Corporate Identity’, des ‘Corporate Behavior’ oder der ‘Corporate Governance’ wären ohne die grundlegende Gewissheit, dass auch die Ethik ein Produktionsfaktor sei, schlicht nur hinausgeschmissenes Geld. Barings selbstgewisses “eben” platzt wiederum wie eine Seifenblase, wenn man es auf Logik und Realitätstauglichkeit prüft.
Erstaunlich finde ich aber diese diskursive Wirksamkeit kleiner Füllwörter, die ein Wolf Schneider aus irgendwelchen Gründen für völlig entbehrlich hält. Vermutlich, weil rhetorische Verfahren “nun mal” nicht zur Methodik des Journalismus zu zählen seien, sie wären “eben” kein Bestandteil rationaler Informationsvermittlung …
